{"id":2904,"date":"2017-12-20T09:34:53","date_gmt":"2017-12-20T07:34:53","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2904"},"modified":"2018-01-19T17:28:49","modified_gmt":"2018-01-19T15:28:49","slug":"paris-sieg-der-bahnhofs-reinigerinnen-nach-45-tagen-streik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2904","title":{"rendered":"Paris: Sieg der Bahnhofs-Reiniger*innen nach 45 Tagen Streik"},"content":{"rendered":"<p><em>Lilly Freytag.<\/em> Die Reiniger*innen der Firma ONET, die im Auftrag des Verkehrsunternehmens SNCF die Bahnh\u00f6fe in Paris putzen, haben einen grandiosen Sieg errungen. Entscheidend war dabei ihre Entschlossenheit und ihr Engagement,<!--more--> ihre Organisation in Versammlungen und die Solidarit\u00e4t. Ein Symbol f\u00fcr prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte weltweit.<\/p>\n<p>Die Reinigungsarbeiter*innen der Pariser Bahnh\u00f6fe haben es geschafft: Nach 45 Tagen Streik erreichten die 84 K\u00e4mpfer*innen \u2013 alle von ihnen Migrant*innen \u2013 am Freitag einen triumphalen Sieg \u00fcber die Bosse des Unternehmens ONET\/H. Reinier. Sie erk\u00e4mpften sich beinahe alle ihre Forderungen, so zum Beispiel das Ende der ultra-flexiblen Schichtpl\u00e4ne, nach denen die Arbeiter*innen erst am Tag selbst erfuhren, wo sie eingesetzt werden sollten. Diese waren auch einer der ausschlaggebenden Gr\u00fcnde f\u00fcr den Arbeitskampf gewesen. Zuerst hatten letzte Woche neun von ihnen vor Gericht gegen die Eisenbahngesellschaft SNCF, die die Reinigungsarbeit an ONET ausgelagert hatte, gewonnen. Ihnen war vorgeworfen worden, illegal R\u00e4umlichkeiten der SNCF besetzt zu haben. Die Strafzahlung von je 500 Euro, zu der die SNCF verurteilt worden war, spendeten die neun Kolleg*innen der Streikkasse. Kurz nach diesem Sieg knickten dann auch die Bosse bei ONET ein.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem setzten die Aktiven den \u00dcbergang aller Besch\u00e4ftigter in den Tarifvertrag des Transportwesens durch, der bessere Bedingungen als den der Reinigung vorsieht. Die Zahlungen f\u00fcr die Mittagspause wurden erh\u00f6ht, ebenso wie weitere Pr\u00e4mien erk\u00e4mpft. F\u00fcr die Zeit des Streiks zahlt das Unternehmen zwei Wochen Gehalt und nimmt alle Sanktionen gegen die Streikenden zur\u00fcck. Und besonders interessant: Die Kolleg*innen setzten sich mit der Forderung nach einem Festvertrag f\u00fcr einen Kollegen durch, der Probleme mit seinem Aufenthaltsstatus hatte \u2013 und nun in Frankreich bleiben kann. Auch die Verl\u00e4ngerung der Mandate der gewerkschaftlichen Delegierten bis zu den n\u00e4chsten Wahlen wurde erreicht.<\/p>\n<p><strong>Selbstorganisiert und geeint<\/strong><\/p>\n<p>Dies schafften die Streikenden, indem sie fest zusammen hielten und sich gegen die Angriffe der Polizei und der Unternehmen ONET und SNCF wehrten. Sie taten dies, obwohl sie verschiedenen Gewerkschaften angeh\u00f6rten, die oft unterschiedliche Positionen vertreten. Und auch, obwohl f\u00fcr sie alle unterschiedliche Bedingungen galten, da bis letzte Woche die Besch\u00e4ftigten nach unterschiedlichen Tarifvertr\u00e4ge bezahlt wurden. Diese Einheit \u2013 und ihre Entschlossenheit \u2013 konnten sie aufrecht erhalten, indem sie jeden Morgen in Streikversammlungen zusammen kamen. Dort trafen sie gemeinsam und demokratisch alle Entscheidungen \u2013 und setzten durch, dass diese dann auch so umgesetzt wurden. Dazu kam, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Belegschaft sich im Kampf befand: 84 der 110 Besch\u00e4ftigten streikten mit.<\/p>\n<p>Besonders der gro\u00dfen Einsatzbereitschaft der Kolleg*innen ist dieser Sieg anzurechnen. Sie errichteten drei Streikposten an strategischen Bahnh\u00f6fen in der Stadt und waren dort rund um die Uhr anwesend, um zu verhindern, dass die Bahnh\u00f6fe von Fremdunternehmen oder Streikbrecher*innen geputzt w\u00fcrden. Gleichzeitig informierten sie dort die Reisenden und warben f\u00fcr Solidarit\u00e4t. Die Streikposten wurden zur Orten, an denen die Kolleg*innen die Vereinzelung \u00fcberwanden \u2013 denn normalerweise putzen die 110 Kolleg*innen in kleinen Gr\u00fcppchen 75 Bahnh\u00f6fe und bekommen einander so nur selten zu Gesicht.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t war wichtig<\/strong><\/p>\n<p>Die Streikposten waren aber auch Orte, an denen sie Unterst\u00fctzung durch andere Sektoren, Reisende und politische Gruppen erfahren konnten, allen voran durch andere Besch\u00e4ftigte der SNCF, die sich f\u00fcr ihre Kolleg*innen in der Reinigung einsetzten.<\/p>\n<p>Besonders bewegend war ein Besuch von Assa Traor\u00e9,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/tausende-protestieren-fuer-adama-traore-ein-opfer-rassistischer-polizeigewalt-in-frankreich\/\"><strong>Schwester von Adama Traor\u00e9<\/strong><\/a>, der letztes Jahr von der Polizei ermordet wurde. Assa hat sich seitdem in eine f\u00fchrende K\u00e4mpferin gegen rassistische Polizeigewalt und Rassismus verwandelt. Ebenso besuchten feministische Gruppen die Streikenden und wurden herzlich empfangen.<\/p>\n<p>Die Reiniger*innen verbanden sich auch mit anderen k\u00e4mpfenden Sektoren, wie den Streikenden der Hotelkette Holiday Inn. Essentiell war ebenfalls die Gr\u00fcndung eines Komitees von Unterst\u00fctzer*innen im Viertel Saint-Denis, vor allem um Solidarit\u00e4t zu organisieren. Das Komitee unterst\u00fctzte die Kolleg*innen am Streikposten, zum Beispiel mit gemeinsamem Essen, organisierte Demonstrationen und Flugblattaktionen, um mehr Druck aufzubauen und den Kampf bekannter zu machen.<\/p>\n<p><strong>Symbol f\u00fcr andere prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dferdem war die Solidarit\u00e4t wichtig, um eine Streikkasse aufzubauen. Am Ende kamen insgesamt 70.000 Euro zusammen. Nur mithilfe dieses Geldes war es m\u00f6glich, in so einem prek\u00e4ren Sektor so lange durchzustreiken \u2013 einige der Streikenden verdienen weniger als 600 Euro monatlich und m\u00fcssen davon auch ihre Familien ern\u00e4hren. Die Beitr\u00e4ge kamen unter anderem von 3.000 Einzelspender*innen.<\/p>\n<p>Dieser spektakul\u00e4re Sieg zeigt, unter welchen Bedingungen es m\u00f6glich ist, selbst in den prek\u00e4rsten Sektoren zu gewinnen. Indem die Streikenden sich nicht spalten lie\u00dfen, sich Tag und Nacht in den Kampf st\u00fcrzten und seine F\u00fchrung selber in die Hand nahmen und indem sie aktiv Solidarit\u00e4t organisierten, verwandelte sich der Kampf der Reiniger*innen von ONET in ein Symbol. Und so ist auch ihr Sieg ein Symbol, an dem viele Besch\u00e4ftigte prek\u00e4rer Sektoren Mut sch\u00f6pfen k\u00f6nnen, gerade in Zeiten neoliberaler Angriffe unter Emmanuel Macron.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/paris-sieg-der-bahnhofs-reinigerinnen-nach-45-tagen-streik\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 20. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lilly Freytag. Die Reiniger*innen der Firma ONET, die im Auftrag des Verkehrsunternehmens SNCF die Bahnh\u00f6fe in Paris putzen, haben einen grandiosen Sieg errungen. 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