{"id":2920,"date":"2017-12-23T09:30:26","date_gmt":"2017-12-23T07:30:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2920"},"modified":"2018-01-19T17:24:54","modified_gmt":"2018-01-19T15:24:54","slug":"feierabend-gehoert-abgeschafft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2920","title":{"rendered":"\u00a0Feierabend? Geh\u00f6rt abgeschafft!"},"content":{"rendered":"<p><em>Jens Renner. <\/em>Eins muss man dem Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung lassen: Seine Mitglieder, die \u00bbf\u00fcnf Wirtschaftsweisen\u00ab (vier M\u00e4nner und eine Frau), haben einen klaren Klassenstandpunkt. Aktuell<!--more--> fordern sie &#8211; offenbar einstimmig, ohne die \u00fcbliche Minderheitsposition Peter Bofingers &#8211; die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages: \u00bbDie Vorstellung, dass man morgens im B\u00fcro den Arbeitsalltag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet\u00ab, sagte der Vorsitzende des Rates, Christoph Schmidt, im Gespr\u00e4ch mit der Welt am Sonntag vom 12. November. Denn danach kommen noch die abendliche Telefonkonferenz und nach der kurzen Nachtruhe der Mailcheck beim Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>Von der Realit\u00e4t \u00fcberholt ist die Vorstellung vom geregelten Feierabend tats\u00e4chlich &#8211; denn schon l\u00e4ngst leisten Arbeiter_innen und Angestellte massenhaft \u00dcberstunden: in Deutschland 1,8 Milliarden allein im Jahr 2015, mehr als die H\u00e4lfte davon unbezahlt. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten Vollzeiterwerbst\u00e4tige im selben Jahr durchschnittlich 41 Stunden pro Woche, elf Prozent von ihnen sogar mehr als 48 Stunden. Die Bundesanstalt f\u00fcr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin veranschlagt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Vollzeitbesch\u00e4ftigten f\u00fcr 2016 sogar auf 43,5 Stunden. <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Aber die Wirtschaftsweisen wollen mehr als nur den Status Quo festschreiben. Die \u00bbimmer digitalere Berufswelt\u00ab (Originalstilbl\u00fcte bei faz.net, 12.11.2017) macht es m\u00f6glich &#8211; und angeblich zwingend: \u00bbFirmen, die in der neuen digitalisierten Welt bestehen wollen, m\u00fcssen agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen k\u00f6nnen\u00ab; sonst sei die \u00bbWettbewerbsf\u00e4higkeit deutscher Firmen\u00ab in Gefahr. Der arbeitende Mensch hat sich diesen h\u00f6heren Interessen zu unterwerfen. Damit entf\u00e4llt auch die partei\u00fcbergreifend beschworene \u00bbVereinbarkeit von Familie und Beruf\u00ab; schlie\u00dflich orientiert sich das \u00bbflexible\u00ab Arbeitszeitmodell nicht an den \u00d6ffnungszeiten der Kitas, sondern an den Interessen des Unternehmens. Aber auch f\u00fcr kinderlose Individuen sind Planungen von Aktivit\u00e4ten jenseits der Arbeit nur unter Vorbehalt m\u00f6glich: Kann sein, dass es sp\u00e4ter wird.<\/p>\n<p><strong>Die Selbstunterwerfung der \u00bbkritischen Geister\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die Kritik der Gewerkschaften an der wirtschaftsweisen Provokation richtet sich vor allem dagegen, dass durch immer mehr Flexibilit\u00e4t zum Wohle des Kapitals unter der Hand die Arbeitszeit verl\u00e4ngert wird. Dieses Problem sieht sogar der Wirtschaftsweise Schmidt: \u00bbEine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes darf nicht bedeuten, dass man heimlich die Arbeitszeit ausweitet. Es sollte lediglich darum gehen, die bestehende Arbeitszeit flexibler \u00fcber den Tag und innerhalb der Woche zu verteilen.\u00ab Dass man hierzu von den Gewerkschaften wenig h\u00f6rt, ist kein Zufall. Denn bei der \u00bbflexiblen\u00ab Verteilung der Arbeitszeit haben sie in Tarifvertr\u00e4gen und Betriebsvereinbarungen schon viel zu lange viel zu viele Ausnahmen zugelassen, die immer mehr zur Regel werden.<\/p>\n<p>Wenn es dagegen keinen Widerstand gibt. Aber von wem soll der kommen, wenn selbst die (dem Anspruch nach) radikale Linke allenfalls ein Stirnrunzeln zustande bringt? Zwar ist das Genre \u00bbKritik am neoliberalen Alltag\u00ab durchaus beliebt, auch in ak &#8211; siehe etwa Sebastian Friedrichs \u00bbLexikon der Leistungsgesellschaft\u00ab (April 2013 bis August 2016) oder Theo Schusters Rezension von Patrick Schreiners Buch \u00fcber \u00bbAchtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus\u00ab. <a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Darin geht es um die Frage, \u00bbwarum sich Menschen den gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen des Neoliberalismus unterwerfen\u00ab. Die gleiche Frage stellt auch Oliver Nachtwey: \u00bbWie kann es kommen, dass so viele, und ja, auch diejenigen, die sich f\u00fcr besonders kritische Geister, NonkonformistInnen, gestandene AntikapitalistInnen oder \u00c4hnliches halten, mitunter so brav, so lapidar den Neoliberalismus in ihre Alltagspraxis mit vollziehen? Und manchmal schlimmer noch: Gerade ihre vermeintlich kritische Haltung gegen\u00fcber der Gesellschaft sie zur Avantgarde der neoliberal entgrenzten Leistungsgesellschaft werden lie\u00df?\u00ab <a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Offensichtlich endet ihre Kritik an den neoliberalen Zw\u00e4ngen, wenn diese als Versprechen von Freiheit, Selbstbestimmung und Coolness verkauft werden. Stilbildend hierf\u00fcr wurde das schon 2006 ver\u00f6ffentlichte Buch \u00bbWir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung\u00ab von Holm Friebe und Sascha Lobo, ein Manifest f\u00fcr neues Unternehmertum nicht nur in der \u00bbKreativwirtschaft\u00ab. Neben wohlwollender bis begeisterter Zustimmung gab es daf\u00fcr auch Kritik, vor allem von links. Die Bloggerin Mercedes Bunz bezeichnete die digitalen Bohemiens als \u00bbunterbezahlte Hilfszwerge der Kulturindustrie\u00ab, w\u00e4hrend Christiane Graf und Thomas Lohmeier bei der in den Feuilletons gefeierten \u00bbneuen Avantgarde der Arbeitsgesellschaft\u00ab eher \u00bblinken Neoliberalismus\u00ab am Werk sahen. (Prager Fr\u00fchling, Mai 2008)<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von Zustimmung oder Kritik hat sich das prek\u00e4re Unternehmertum der digitalen Bohemiens in den vergangenen Jahren weiter verbreitet. Teile dieses Arbeitsmodells wurden sogar von Gro\u00dfunternehmen \u00fcbernommen &#8211; schon immer hat es das Kapital verstanden, alternative und potenziell progressive Ideen f\u00fcr die eigenen Interessen nutzbar zu machen. Nun folgt der neoliberal gewendeten \u00bbFlexibilit\u00e4t\u00ab ein noch weiter gehendes Unternehmensziel: die \u00bbAgilit\u00e4t\u00ab.<\/p>\n<p><strong>\u00bbNeue Freiheitsgrade bei der Leistungserbringung\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Flankiert werden solche regressiven Modernisierungen durch mediales Get\u00f6se und pseudo-wissenschaftliche Rechtfertigungen wie die der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech). In ihrer Studie mit dem Titel \u00bbArbeit in der digitalen Transformation &#8211; Agilit\u00e4t, lebenslanges Lernen und Betriebspartner im Wandel\u00ab <a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> geben die Deutschen Akademiker_innen Empfehlungen f\u00fcr ein zeitgem\u00e4\u00df \u00bbangepasstes\u00ab Arbeitszeitmodell: \u00bbDie heutigen Arbeitszeitregelungen stammen gr\u00f6\u00dftenteils noch aus dem Industriezeitalter (&#8230;)\u00ab Ersetzt werden sollen sie durch \u00bbneue, dem gesellschaftlichen Wandel angepasste Regelungen zu H\u00f6chstarbeitszeit, Mindestpausen, Ruhezeiten sowie Arbeit an Sonn- und Feiertagen\u00ab. Das n\u00fctzt nicht nur dem Unternehmen, sondern auch dem arbeitenden Menschen: \u00bbDenn neue Freiheitsgrade bei der Leistungserbringung von Besch\u00e4ftigten und Unternehmen erm\u00f6glichen vor allem flexibleres, selbstbestimmteres und eigenverantwortlicheres Arbeiten\u00ab, verspricht Acatech: \u00bbPolitische Forderungen nach pauschalen gesetzlichen Regelungen sind dagegen kontraproduktiv.\u00ab<\/p>\n<p>Das ist Klassenkampf von oben. Die Fundamentalist_innen des Kapitals wollen alles: Flexibilit\u00e4t, Kreativit\u00e4t, Agilit\u00e4t &#8211; und das m\u00f6glichst im Rahmen ungesicherter \u00bbmoderner Arbeitsformen\u00ab. (siehe Kasten unten) Die von Patrick Schreiner aufgeworfene Frage, \u00bbwarum Menschen sowas mitmachen\u00ab (Buchtitel), ist damit nicht beantwortet. Warum blo\u00df hatte ich bei den namenlosen \u00bbMenschen\u00ab, die \u00bbsowas mitmachen\u00ab, sofort diverse hochintelligente, politisch bewusste Personen aus meinem Umfeld vor Augen: immer online, immer busy, immer gleichzeitig mit mehreren Dingen besch\u00e4ftigt, immer unter Zeitdruck, auch ohne Chef? Hat der neoliberale Arbeitsstil also auch die selbstverwalteten, (weitgehend) hierarchiefreien Nischen im Low-Budget-Sektor erreicht? Oder ging er &#8211; umgekehrt &#8211; gar von diesem aus? Dass er auch linke Kollektive belastet, ist offensichtlich. Ein anderes Thema? Vielleicht auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Agile Unternehmensf\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Einen neuen Trend in den Betrieben beschreibt Marcus Schwarzbach im aktuellen isw-wirtschaftsinfo: \u00bbagile Unternehmensf\u00fchrung\u00ab. Auf Flexibilit\u00e4t folgt Agilit\u00e4t als \u00fcbergeordnetes Unternehmensziel. Die gewerkschaftsnahe Hans-B\u00f6ckler-Stiftung erkl\u00e4rt, worum es dabei geht: \u00bbBei agilen Unternehmen handelt es sich um Unternehmen, die eine m\u00f6glichst hohe Beweglichkeit anstreben, um schnell auf Ver\u00e4nderungen von Gesellschaft, Technik und Kundennachfrage reagieren zu k\u00f6nnen. Daf\u00fcr gilt die \u00dcberf\u00fchrung von hierarchischen Strukturen in bedarfsorientierte, selbstorganisierte Projekt- und Netzstrukturen als zentrale Voraussetzung.\u00ab Zwar k\u00f6nne die Befreiung vom Prinzip Befehl und Gehorsam kurzfristig \u00bbHoch- und Gl\u00fccksgef\u00fchle\u00ab ausl\u00f6sen, langfristig aber \u00fcberwiegen f\u00fcr die Arbeitenden die Nachteile, schreibt Schwarzbach: Der Druck der Kunden werde auf die Besch\u00e4ftigten \u00fcbertragen. Zur \u00bbagilen Personalf\u00fchrung\u00ab geh\u00f6rt auch die Ausweitung befristeter Arbeitsverh\u00e4ltnisse durch Werkvertr\u00e4ge. So k\u00f6nnen \u00bbTeammitglieder tempor\u00e4r integriert werden\u00ab, freuen sich die Propagandist_innen der Agilit\u00e4t. Arbeit unabh\u00e4ngig von Zeit und Raum &#8211; nach Feierabend und im Urlaub &#8211; wird immer mehr zur Regel, insbesondere in der IT-Dienstleistungsbranche, der \u00bbVorzeigebranche bei agiler Arbeit\u00ab. Aber nicht die Digitalisierung ist das Problem, sondern ihre Anwendung im Interesse des Kapitals. Die von Schwarzbach, Berater f\u00fcr Betriebsr\u00e4te, skizzierten Gegenstrategien bleiben vage: Eine \u00bbklare Antwort aus der Besch\u00e4ftigtensicht\u00ab fehle derzeit.<\/p>\n<p><em>Marcus Schwarzbach: Agil und ausgepresst? Agile Unternehmensf\u00fchrung als Herausforderung f\u00fcr Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4te in der digitalen Arbeitswelt. In isw-wirtschaftsinfo 52, Dezember 2017.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak633\/05.htm\">ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 633 \/ 12.12.2017&#8230;<\/a> vom 23. Dezember 2017<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Svenja Glaser: Unternehmer und \u00bbWirtschaftsweise\u00ab wollen das Arbeitszeitgesetz lockern. Oxi Blog, 12.11.2017<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Patrick Schreiner: Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neoliberalismus, K\u00f6ln 2017. Rezensiert in Aufgebl\u00e4ttert, ak 632.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Vorwort zu Sebastian Friedrich: Lexikon der Leistungsgesellschaft. Wie der Neoliberalismus unseren Alltag pr\u00e4gt. M\u00fcnster 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.acatech.de\">www.acatech.de<\/a>. Zitiert von Marcus Schwarzbach: Agil und Ausgepresst? In isw-wirtschaftsinfo 52, Dezember 2017. Siehe oben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Renner. Eins muss man dem Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung lassen: Seine Mitglieder, die \u00bbf\u00fcnf Wirtschaftsweisen\u00ab (vier M\u00e4nner und eine Frau), haben einen klaren Klassenstandpunkt. 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