{"id":2933,"date":"2017-12-27T18:49:27","date_gmt":"2017-12-27T16:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2933"},"modified":"2017-12-27T18:49:46","modified_gmt":"2017-12-27T16:49:46","slug":"mieterstreik-zuerich-1932-jeder-haeuserblock-eine-sturmzelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2933","title":{"rendered":"Mieterstreik in Z\u00fcrich 1932: Jeder H\u00e4userblock eine Sturmzelle"},"content":{"rendered":"<p><em>tai.<\/em>\u00a0<strong>1932 streikten in Z\u00fcrich die MieterInnen. Seit dem Ersten Weltkrieg hatten sich die Mieten in der Stadt verdoppelt, gleichzeitig erfolgte ein massiver Lohnabbau. ArbeiterInnen lebten in \u00abL\u00f6chern und Baracken\u00bb. Der Z\u00fcrcher Mieterstreik brach aus,<!--more--> angef\u00fchrt von der Kommunistischen Partei.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abEin Mieterkomitee hat sich gebildet, um eine Massenbewegung f\u00fcr die Herabsetzung aller Mieten um 25 Prozent zu organisieren.\u00bb So trat das Mieterkomitee am 5. Januar 1932 zum ersten Mal an die \u00d6ffentlichkeit. Im \u00abK\u00e4mpfer\u00bb, in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei (KP) Z\u00fcrichs, dr\u00fcckte das Komitee den Missmut der Arbeiterschaft \u00fcber die hohen Mieten \u00abin einer Zeit des Lohnabbaus und der sinkenden Baukosten\u00bb aus.\u00a0Es berichtete, dass sich bereits die MieterInnen von mehreren H\u00e4usern an die VermieterInnen gewendet h\u00e4tten, um eine Herabsetzung des Mietzinses um 25 bis 30 Prozent zu verlangen, \u00abandernfalls sie kollektiv in Mieterstreik treten\u00bb w\u00fcrden. In einem Haus w\u00e4re der Mieterstreik schon im Gang. Was bedeutet Mieterstreik? Die MieterInnen \u00abverweigerten die Zahlung des Hauszinses, deponierten den Betrag beim Komitee und verharrten in dieser Haltung so lange, bis die Hausbesitzer einlenkten und mit dem Komitee \u00fcber die Forderungen verhandelten\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Das erste Streikhaus<\/strong><\/p>\n<p>Am Tag darauf wurde die Identit\u00e4t des ersten Hauses in Z\u00fcrich, das in den Mieterstreik getreten war, bekanntgemacht: \u00abIn dem Haus, Quellenstrasse 6, ist ein Mieterstreik ausgebrochen. Die Mieter verlangen eine Herabsetzung der Mietzinse um 25 Prozent und eine Anzahl Instandsetzungen dieser gr\u00fcndlich verlotterten Mietkaserne.\u00bb<\/p>\n<p>Der Besitzer der Immobilie, ein gewisser Herr Bleiberg, wurde im Kampfblatt der KP Z\u00fcrich mit Namen an den Pranger gestellt. Im Artikel wird beschrieben, wie in \u00abdiesen elenden Wohnl\u00f6chern\u00bb der Wind durch die Fugen pfiff und anstelle von Fenstern Papierfetzen h\u00e4ngen w\u00fcrden. Trotz gesundheits- und feuerpolizeilicher Beanstandungen, trotz wiederholter Bitten der MieterInnen, den unertr\u00e4glichen Zustand zu beheben, hatte Herr Bleiberg bisher nichts unternommen. Die Forderungen wurden von Herrn Bleiberg abgelehnt, in der Folge lehnten die MieterInnen ihrerseits die Zahlung des Mietzinses ab und schlossen sich mehrheitlich dem \u00abMieter-Aktionskomitee\u00bb an, wie das Komitee nun genannt wurde. Die MieterInnen deponierten den Zins beim Mieter-Aktionskomitee. Sollte Bleiberg mit K\u00fcndigungen oder Gewaltmassnahmen gegen die MieterInnen vorgehen, w\u00fcrde er \u00abauf den geschlossenen Widerstand der gesamten proletarischen Mieter Z\u00fcrichs stossen\u00bb. Das Mieter-Aktionskomitee mahnte Wohnungssuchende explizit, nicht in die Quellenstrasse 6 einzuziehen.<\/p>\n<p><strong>Die Taktik der SP<\/strong><\/p>\n<p>Auf den 12. Januar hatte Bleiberg eine \u00abfreie Besichtigung\u00bb des Hauses an der Quellenstrasse 6 angek\u00fcndigt f\u00fcr potenzielle NachmieterInnen. Statt den Zahlungsbefehl zur\u00fcckzunehmen, hatte er nun auch gleich drei weitere Zahlungsbefehle und K\u00fcndigungsdrohungen \u00fcberwiesen. \u00abDie Mieter liessen sich aber nicht einsch\u00fcchtern. Sie appellieren an die Hilfe der proletarischen Mieterschaft.\u00bb Im \u00abK\u00e4mpfer\u00bb erschien nun zum ersten Mal auch eine Kritik an der Sozialdemokratie in diesem Zusammenhang. Das \u00abVolksrecht\u00bb, der Tageszeitung der Z\u00fcrcher SP, hatte bisher versucht, den Mieterstreik totzuschweigen. Der Fall bekam aber mittlerweile so viel Aufmerksamkeit, das diese Taktik nicht mehr angewandt werden konnte. Das \u00abBlatt der sozialdemokratischen Hausbesitzer\u00bb stellte den Fall Quellenstrasse 6 nun aber als eine Einzelerscheinung dar und verlor \u00fcber das Mieter-Aktionskomitee kein Wort. Auch gegen den \u00absozialdemokratisch-b\u00fcrgerlichen alten Mieterverein\u00bb wurde im \u00abK\u00e4mpfer\u00bb scharf geschossen. Er w\u00fcrde einer bald 30-j\u00e4hrigen Unt\u00e4tigkeit in Sachen der Herabsetzung der Mieten zur\u00fcckblicken und bez\u00fcglich seines Pr\u00e4sidenten, des SP-Polizeidirektors (!) Wiesendanger, wird die Frage gestellt, ob er seine Gummikn\u00fcppel in Zukunft nicht mehr nur gegen die k\u00e4mpfenden ArbeiterInnen, sondern auch gegen werkt\u00e4tige Mieter-Innen einsetzen wird. Das Mieter-Aktionskomitee warnte \u00abdie Staatsgewalt der z\u00fcrcherischen Hausbesitzer-Demokratie, den Bogen zu \u00fcberspannen\u00bb: Die Stimmung der proletarischen MieterInnen w\u00e4re bitterb\u00f6s. Das zeigte sich darin, dass nun in einem weiteren Haus der Mieterstreik ausgebrochen war: Auch an der Martastrasse 116 weigerten sich die MieterInnen, die Miete zu zahlen.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterhilfe solidarisiert sich<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiterschutzwehr, der Kampfverband der KommunistInnen, beschloss am 10. Januar, der Mieteraktion ihren Schutz zu gew\u00e4hren. Die Z\u00fcrcher Sektion der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH), ein kommunistisches Hilfswerk, verk\u00fcndete sogar, sich dem Aktionskomitee anzuschliessen, und stellte ihm seine B\u00fcros zwecks Sprechstunden zur Verf\u00fcgung. Sie tat dies aus ihrer Grundeinstellung, \u00abjede Klassenbewegung des Proletariates zu f\u00f6rdern, jeweils alles zu tun, um durch diese Aktionen die allgemeine revolution\u00e4re Bewegung zu st\u00e4rken\u00bb. Die Interessenverteidigung der werkt\u00e4tigen MieterInnen geh\u00f6rte auch offiziell zum Aufgabenkreis der sozialpolitischen Bet\u00e4tigung der IAH, wie es zuvor an ihrem Weltkongress 1931 festgelegt worden war. Gerade im Zeitpunkt der \u00abGeneraloffensive des Unternehmertums\u00bb gegen die L\u00f6hne der Arbeiterschaft habe der Kampf um die Herabsetzung der Mietzinse besondere Bedeutung. \u00abAls \u00fcberparteiliche Organisation ist es unsere besondere Aufgabe, bei dieser Bewegung die Einheitsfront von unten aufzubauen\u00bb, liess die IAH verlauten. Das Beispiel der Quellenstrasse, wo sich parteilose, sozialdemokratische und christliche MieterInnen zusammengeschlossen hatten, m\u00fcsste vertausendfacht werden: \u00abJeder H\u00e4userblock muss eine Sturmzelle werden.\u00bb<\/p>\n<p>Die Besichtigung der Quellenstrasse 6 wurde von der MieterInnenbewegung in eine Aktion umgewandelt: Der Massenbesuch mit bis 600 Personen jagte dem Vermieter Bleiberg einen geh\u00f6rigen Schrecken ein. NachmieterInnen hatte er nicht finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Grossen Stadtrat von Z\u00fcrich (heute Gemeinderat) machte der KP-Vertreter Vogt im Auftrag des Mieterkomitees auf den Mieterstreik aufmerksam, er forderte auch, dass die bestreikten Wohnungen im st\u00e4dtischen Wohnungsanzeiger nicht mehr ausgeschrieben werden d\u00fcrfen. Der Rat folgte nat\u00fcrlich nicht. Im zweiten Streikhaus an der Martastrasse konnte rasch ein erster Erfolg verzeichnet werden: Der Hausbesitzer begann mit Instandsetzungen; unter anderem wurde der Waschkessel repariert und neue Badewannen und Gasherde wurden installiert.<\/p>\n<p><strong>Streikf\u00fchrer Itschner<\/strong><\/p>\n<p>Eine erste \u00f6ffentliche \u00abMieterversammlung\u00bb am 16. Januar wurde von \u00fcber 400 Personen besucht. Hans Itschner (1887-1962) trat hier als Referent und Vertreter des Mieter-Aktionskomitees auf. Er war ein Arbeiteraktivist, der schon sehr fr\u00fch zur kommunistischen Bewegung gestossen war. 1931 lebte er zeitweise in der UdSSR und war f\u00fcr die Komintern t\u00e4tig, unter anderem in China und Westeuropa, sprach \u00fcber die Waffe des Mieterstreiks. Tats\u00e4chlich war Itschner, zusammen mit Willi M\u00fcnzenberg, schon in der ersten Z\u00fcrcher k\u00e4mpferischen MieterInnenbewegung aktiv. Itschner berichtete an der Mieterversammlung, wie bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit der \u00abMietergewerkschaft\u00bb eine \u00e4hnliche Bewegung entstanden war und erfolgreiche Mieterstreiks f\u00fchrte, \u00abbis das \u2039Volksrecht\u203a unter dem Druck der sozialdemokratischen Hausbesitzer die Bewegung zu sabotieren begann, so dass sie ohne Organ blieb und zusammenbrechen musste\u00bb.<\/p>\n<p>Die Mieterversammlung dr\u00fcckte ihre Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung der beiden Streikh\u00e4user aus und stimmte der offiziellen Gr\u00fcndung des Mieter-Aktionskomitees zu, \u00abdas sich die gemeinsame Vertretung aller Mieter der Arbeiterklasse und des Mittelstandes zur Aufgabe stellt\u00bb. Die Mietzinse in Z\u00fcrich h\u00e4tten eine unertr\u00e4gliche H\u00f6he erreicht, konstatierte die Versammlung: Sie waren 1932 auf 207 Prozent der Vorkriegszeit gestiegen. Die Wirtschaftskrise w\u00fcrde den MieterInnen aller Schichten schwerste Opfer auferlegen, w\u00e4hrend die HausbesitzerInnen daraus Gewinne z\u00f6gen. In der Resolution wurde die Forderung erhoben, \u00abdass die Mietzinse in Z\u00fcrich ganz allgemein um durchschnittlich 25 Prozent herabgesetzt werden m\u00fcssen\u00bb. Das Mittel dazu sei die Aktion der MieterInnen selbst. Die Versammlung hielt es auch f\u00fcr notwendig, die allgemeine Senkung der Hypothekarzinsen, sowohl f\u00fcr st\u00e4dtische wie f\u00fcr landwirtschaftliche Hypotheken, zum Ziel der Bewegung zu machen. Die \u00dcberlegung dabei war \u2013 im Sinne der Einheitsfront \u2013 den mit Hypotheken belasteten kleinen und mittleren B\u00e4uerInnenstand in den Widerstand einzubeziehen.<\/p>\n<p><strong>Erfolgreicher Streik<\/strong><\/p>\n<p>Ab Mitte Januar begann der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb, fast t\u00e4glich \u00fcber den Mieterstreik zu berichten. Am 21. Januar konnte die kommunistische Tageszeitung titeln: \u00abSieg im Z\u00fcrcher Mieterstreik.\u00bb Der Streik an der Quellenstrasse 6 war erfolgreich beendet worden, nachdem zwischen dem Vermieter Bleiberg und dem Mieter-Aktionskomitee eine Einigung erzielt worden war. Ein sogenannter Miettarifvertrag wurde geschlossen. Der Konflikt war beigelegt. Der Vermieter verpflichtete sich zu umfassenden Reparaturen und einer Mietzinssenkung f\u00fcr s\u00e4mtliche Wohnungen (r\u00fcckwirkend auf den 1. Januar). Es wurde unter anderem erreicht, dass WCs ins Wohnungsinnere verlegt wurden, dass dabei aber auch nach Vollendung der Verbesserungen der Zins nicht erh\u00f6ht w\u00fcrde und w\u00e4hrend der Reparaturen eine Mietzinserm\u00e4ssigung um 40 Prozent eintritt. Das Mieter-Aktionskomitee gestand ein, dass das Ziel der Gesamtbewegung \u2013 die Herabsetzung der Miete um 25 Prozent \u2013 nicht erreicht wurde. An der Quellenstrasse 6 konnten immerhin Herabsetzungen um 10 bis 12 Prozent erreicht werden. Man sei sich dar\u00fcber klar, dass der Kampf \u00abunm\u00f6glich schon den vollen Erfolg haben konnte, der von einer Massenbewegung der Mieter und einem Massenstreik zu erwarten ist\u00bb. Unter den MieterInnen konnten zwei neue Mitglieder f\u00fcr die KP gewonnen werden.<\/p>\n<p><strong>Zeit der SP-Repression<\/strong><\/p>\n<p>Der Mieterstreik fiel in eine Zeit zunehmender Repression gegen KommunistInnen in Z\u00fcrich durch die sozialdemokratisch gef\u00fchrte Polizei. Den H\u00f6hepunkt bildete die Z\u00fcrcher Blutnacht vom 15. Juni, als in der Auseinandersetzung zwischen streikenden HeizungsmonteurInnen und der Polizei ein Arbeiter get\u00f6tet und viele schwer verletzt wurden. Aber bereits am 23. Januar war auf eine Demonstration des Kommunistischen Jugendverbandes scharf geschossen worden. 5000 junge DemonstrantInnen hatten ihre Solidarit\u00e4t mit zwei hungerstreikenden Genossen im Gef\u00e4ngnis ausgedr\u00fcckt, als ohne Warnung ein Kugelregen erfolgte, wodurch f\u00fcnf Arbeiter schwer verletzt wurden. Die \u00abF\u00fchrer der Sozialdemokratie\u00bb haben damit erneut bewiesen, \u00abdass sie wirklich Sozialfaschisten sind\u00bb, schreibt der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb. Der Vorfall zeige klar die Rolle des b\u00fcrgerlichen Staates: \u00abEr ist kein neutrales Gebilde, das \u00fcber dem Volk steht, sondern ist eine Organisation der Kapitalisten zur Niederhaltung der Werkt\u00e4tigen.\u00bb Die sozialdemokratische Zeitung \u00abVolksrecht\u00bb beschimpfte die DemonstrantInnen als polterndes \u00abLumpenproletariat\u00bb. Am 25. Januar fand eine Demonstration mit 10 000 TeilnehmerInnen statt, die gegen die Polizeigewalt protestierten.<\/p>\n<p><strong>Ein Sieg der Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Am 26. Januar konnte der Sieg an der Martastrasse 116 verk\u00fcndet werden. Die Streikenden waren hier allesamt Frauen, die schon vor Monaten eine Liste mit Forderungen an der Vermieter wegen Reparaturen gestellt hatten, durch das Vorbild der Quellenstrasse 6 nun aber auch eine Mietzinssenkung verlangt hatten. Die Frauen nahmen den Kompromiss des Vermieters an und gaben sich mit der restlosen Erf\u00fcllung ihrer urspr\u00fcnglichen Forderungen zufrieden. Die Forderung der Zinsherabsetzung w\u00fcrden sie in einiger Zeit wieder stellen, \u00abwenn die Mieterbewegung einen gr\u00f6sseren Umfang angenommen haben wird\u00bb.<\/p>\n<p>Den proletarischen Frauen kam in dieser Bewegung eine zentrale Rolle zu. Als Hausfrauen w\u00fcrden sie die eigenen N\u00f6te und die der Nachbarinnen bestens kennen, und zwar nicht nur bei der H\u00f6he der Miete, sondern in allen MieterInnenfragen (\u00abWaschk\u00fcche, Aborte, Badgelegenheit, Reparaturen etc.\u00bb). Jede Genossin sollte zur Informantin des Aktionskomitees werden und Eigeninitiative entwickeln. Das Aktionskomitee schw\u00e4rmte: Die Frauen \u00abschrecken vor keinem Pf\u00e4ndungsbeamten und Polizisten zur\u00fcck. Bei Exmissionen sind sie die ersten am Platz, um diese zu verhindern.\u00bb Sp\u00e4ter wurde sogar ein Frauenaktiv im Mieter-Aktionskomitee gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>Februar: Neue Streiks<\/strong><\/p>\n<p>Im Februar sprangen die SozialdemokratInnen auf den Zug auf und stellten ebenfalls die Forderung \u00abHerunter mit den Mietzinsen!\u00bb. Laut KommunistInnen, um den Mieterstreik zu untergraben: \u00abDer Mieterstreik ist aber das einzige Mittel zur Herabsetzung der Mietzinsen.\u00bb Laut SP brauchte es einen Mietzinsabbau, weil man den Lohnabbau nicht verhindern k\u00f6nnte. F\u00fcr die KP hingegen war der Kampf f\u00fcr die Herabsetzung des Mietzinses ein Mittel f\u00fcr den versch\u00e4rften Kampf gegen Lohnabbau und f\u00fcr die Erh\u00f6hung der L\u00f6hne. Die SP versuchte nun zumindest rhetorisch, mit einer breitangelegten Aktion eine Reduktion der Mietzinse zu erreichen. Die Aktionen des KP-nahen Aktionskomitees wurde hingegen schlechtgemacht, StreikbrecherInnen wurden bejubelt.<\/p>\n<p>Am 1. Februar wurde bekanntgegeben, dass nach Beendigung der ersten beiden Mieterstreiks sechs neue begonnen hatten. Ferner st\u00fcnden Dutzende Versammlungen von Mieter-Innen bevor, die \u00fcber die Verweigerung der Mietzahlung diskutieren w\u00fcrden. Schon am Tag darauf wurde die Zahl der H\u00e4user im Mieterstreik mit 16 stark nach oben korrigiert.<\/p>\n<p>In Basel bildete sich ein \u00abKomitee werkt\u00e4tiger Mieter\u00bb. An seiner ersten Versammlung nahmen \u00fcber 2000 Menschen teil. Das Interesse war gross. Mit der Forderung, die Mietzinse um 20 Prozent zu reduzieren, ging das Basler Komitee sp\u00e4ter an die HausbesitzerInnen heran und drohte, ab dem 1. April zu streiken.<\/p>\n<p>Die VermieterInnen sahen der organisierten Aktion der MieterInnen nat\u00fcrlich nicht tatenlos zu: Durch Zahlungsbefehle, Betreibungen und Exmissionen (Zwangsr\u00e4umungen) versuchten sie, ihre Gewinne zu sichern. Aber die MieterInnen h\u00e4tten eine gewaltige Waffe dagegen, schrieb Itschner, mittlerweile der offizielle Sekret\u00e4r des Mieteraktionskomitees: Ihre Solidarit\u00e4t durch den Massenmieterstreik. Durch die Verweigerung der Mietzahlung zu Tausenden w\u00fcrden dem \u00abWucherkapitalismus\u00bb keine Betreibungen und Drohungen mehr helfen. Am 3. Februar liess das Mieter-Aktionskomitee die Parole heraus: Allgemeiner Mieterstreik in ganz Z\u00fcrich auf den 1. M\u00e4rz! Dann w\u00fcrde dem H\u00e4userkapital nichts anderes \u00fcbrig blieben, als mit dem Mieter-Aktionskomitee \u00fcber die Herabsetzung der Mietzinse in der ganzen Stadt zu verhandeln. Beim allgemeinen Mieterstreik k\u00f6nnten sich auch Einzelne beteiligen, \u00abdenn wenn in der ganzen Stadt Tausende streiken, kommt es nicht darauf an, dass jedes Haus nur geschlossen mitstreiken kann\u00bb. Wenn nur schon tausend einzelne Mietparteien streiken w\u00fcrden, w\u00fcrde dies den ganzen Pf\u00e4ndungs-, Rententions-, und Betreibungsapparat \u00fcber den Haufen werfen. Man rief zu Hausversammlungen auf. Es wurden ReferentInnen ausgesandt<\/p>\n<p><strong>Schnelle Erfolge<\/strong><\/p>\n<p>Am 3. Februar waren nun schon 29 H\u00e4user in Z\u00fcrich in den Streik getreten. In einem Haus konnte schon am dritten Streiktag ein Zugest\u00e4ndnis nach eine Zinsherabsetzung um 30 Prozent errungen werden. In einem weiteren wurde die Reduktion des Mietzinses prinzipiell zugestanden.<\/p>\n<p>Ein Haus war w\u00e4hrenddessen vom Streik abgefallen, w\u00e4hrend ein anderes dazugewonnen werden konnte. Das Haus an der Neptunstrasse 14, das als erstes den Streik abbrach, wird als b\u00fcrgerliches Haus mit h\u00f6heren Mieten beschrieben. Die Mietsparteien h\u00e4tten sich spontan zum Streik gemeldet, aber den Zins nicht hinterlegen wollen. Sie meinten, von sich aus Solidarit\u00e4t halten zu k\u00f6nnen: \u00abAls dann der \u00fcbliche Zahlungsbefehl erschien, zahlte eine Mieterin, von panischem Schrecken ergriffen, augenblicklich den Zinsbetrag an den Besitzer, worauf die anderen z\u00f6gernd dem Beispiel folgten.\u00bb Dieses Beispiel veranschaulichte gut, weshalb es n\u00f6tig war, den Mietzins beim Aktionskomitee zu deponieren. Eine Kontrolle \u00fcber die tats\u00e4chliche Durchf\u00fchrung von Mieterstreiks w\u00e4re nur durch die Deponierung m\u00f6glich: \u00abNur wenn jeder Mieter des andern sicher ist, kann ein Erfolg gew\u00e4hrleistet werden.\u00bb<\/p>\n<p>Aus Furcht vor dem Mieter-Aktionskomitee empfahl der Hausbesitzerverband an einer Versammlung Anfang Februar seinen Mitgliedern den Mietzinsabbau. \u00abDie Herren f\u00fcrchten sich vor dem Mieter-Aktionskomitee!\u00bb, hiess es triumphierend im \u00abK\u00e4mpfer\u00bb, \u00absie wollen lieber verhandeln als einen Mieterstreik.\u00bb<\/p>\n<p><strong>\u00abFreiwilliger\u00bb Sinneswandel<\/strong><\/p>\n<p>Am 8. Februar kamen acht neue Streikh\u00e4user hinzu. Ein weiteres Haus stellte den Streik jedoch ein; es scheint Druck von der SP und seiner Zeitung Grund gewesen zu sein. Es waren also 35 H\u00e4user im Streik. Die rasche Ausbreitung des Streiks \u00fcbertraf die Erwartungen des Aktionskomitee deutlich. Die Verhandlungen mit den HausbesitzerInnen harzten hingegen zunehmend. Dem Aktionskomitee wurden nur \u00abungen\u00fcgende Angebote\u00bb gemacht. Dass das Aktionskomitee die Offerten von bescheidenen Zinsreduktionen nicht annahm, geschah auch in der \u00dcberlegung, dass die Ausdehnung des Streiks am 1. M\u00e4rz noch gr\u00f6ssere Erfolge bringen k\u00f6nnten. In den folgenden Tag ging es dann auch vor allem darum, auf den allgemeinen Mieterstreik am 1. M\u00e4rz vorzubereiten. In zunehmenden Masse bekundeten H\u00e4user, im kommenden Monat in Streik zu treten. Auch aus Seebach, das damals noch nicht eingemeindet war, konnten drei Streikbeschl\u00fcsse vermeldet werden.<\/p>\n<p>In zahllosen H\u00e4usern, die nicht streikten, wurden aus Angst pl\u00f6tzlich \u00abfreiwillige\u00bb Herabsetzungen des Zinses oder l\u00e4ngst geforderte Reparaturen durchgef\u00fchrt. Mitte Februar hatte sich die Zahl der streikenden H\u00e4user auf 33 eingependelt, wobei drei H\u00e4user insgesamt abgesprungen waren. Das \u00abVolksrecht\u00bb nahm diese Abg\u00e4nge als Gelegenheit zur Hetze wahr, um zum Streikbruch aufzurufen und die Aktion als Misserfolg abzustempeln. Itschner wurde auch pers\u00f6nlich im SP-Blatt angegriffen; der Mieterstreik wird als eine Art privates \u00abAkti\u00f6nli\u00bb von Itschner dargestellt. Neben dem \u00abVolksrecht\u00bb begann auch die Gewerkschaftszeitung \u00abDer Eisenbahner\u00bb, die Forderung nach einer Mietzinssenkung zu untergraben. Dort wurde argumentiert, dass der Mietzinsabbau das Kapital \u00abinvestitionsscheu\u00bb machen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Der sozialdemokratische Gegenangriff zeigte Wirkung: Eine zweite Mieterversammlung Ende Februar war \u00abbedeutend schw\u00e4cher\u00bb besucht. Streikende begannen zu schwanken unter der Propaganda des \u00abVolksrechts\u00bb und der b\u00fcrgerlichen Medien. Immerhin konnten nun 72 Streikbeschl\u00fcsse f\u00fcr den M\u00e4rz gez\u00e4hlt werden und 33 H\u00e4user befanden sich noch im Streik.<\/p>\n<p><strong>Streikbruch<\/strong><\/p>\n<p>Das Mieter-Aktionskomitee zeigte f\u00fcr MieterInnen von Streikh\u00e4usern, die sich dem Mieterstreik nicht anschlossen, ein gewisses Verst\u00e4ndnis. Die Waffe des Mieterstreiks sei noch zu neuartig und unerprobt. Nicht zu tolerieren, schrieb das Aktionskomitee, seien aber MieterInnen, die sich zuerst unterschriftlich dem Streik anschlossen und dann am Streiktag den Zins bezahlen w\u00fcrden. Solches Verhalten wurde \u00f6ffentlich an den Pranger gestellt. Im Haus M\u00fchlegasse 12 soll sich ein derartiger Fall zugetragen haben. Ein gewisser Sch\u00e4fer schloss sich sogar als Erster im Haus dem Aktionskomitee an und \u00fcberzeugte weitere MieterInnen zum Beitritt. Diese traten dann auch in den Streik. Sch\u00e4fer selber zahlte dann den Zins aber doch durch den Einfluss des Mietervereins und der SP. Das Aktionskomitee rief in der Folge zum Boykott des Gesch\u00e4fts von Sch\u00e4fer auf.<\/p>\n<p>Der \u00absozialdemokratisch-b\u00fcrgerliche\u00bb Mieterverein nahm damals eine Resolution an, die vor dem Mieterstreik warnte und aufrief, individuell Bittschriften an die VermieterInnen zu senden. An der Versammlung des MVs sprach auch B\u00fcrgermeister Kl\u00f6ti, der meinte, die Stadt habe kein Recht, in das Verh\u00e4ltnis von Mieter und Vermieter einzugreifen. Sein Rezept lautete: Vermehrung des Angebots durch F\u00f6rderung des Wohnungsbaus.<\/p>\n<p><strong>M\u00e4rz: Allgemeiner Mieterstreik?<\/strong><\/p>\n<p>Ab M\u00e4rz kam es zu spontanen Streiks, die v\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom Aktionskomitee ausbrachen. Die Zahl der vom Aktionskomitee geleiteten Mieterstreiks belief sich Anfang M\u00e4rz auf 118 Streikh\u00e4user. Es waren 88 H\u00e4user neu dazugekommen. Ausserhalb Z\u00fcrichs, in Seebach, gingen sieben H\u00e4user in den Streik. Laut Itschner beteiligten sich rund 600 MieterInnen am Streik, an einer anderen Stelle wird von \u00abca. 400\u00bb gesprochen.<\/p>\n<p>Am 5. M\u00e4rz konnte \u00fcber den ersten Erfolg des dritten Streikmonats berichtet werden: Im Streikhaus Korrodistrasse 6 wurden vom Besitzer Zinssenkungen von 15 Prozent angeboten. Das Haus an der Neptunstrasse, das bereits im Februar gestreikt hatte, dann aber den Zins wieder zahlte, nahm den Streik im M\u00e4rz wieder auf. Mit Erfolg: Die Mieten wurde alle um 10 Prozent gesenkt.<\/p>\n<p>Das F\u00fcrsorgeamt (heute: Sozialamt) schien im M\u00e4rz dem Mieterstreik nicht abgetan zu sein: Es wurde berichtet, dass in einem Fall das st\u00e4dtische Amt den Mietzins beim Aktionskomitee deponierte und die Herabsetzung um 33 Prozent vom Vermieter forderte.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz nahm die \u00abbreitangelegte Aktion mit ausserparlamentarischen Mitteln\u00bb der SP, um gegen die hohen Mieten zu k\u00e4mpfen, Gestalt an. \u00dcber den Mieterverein wurden die MieterInnen aufgefordert, Bittbriefe an die HausbesitzerInnen zu schreiben. Der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb schrieb: \u00abDank dem Mieterstreik und aus Angst vor dem Mieterstreik sind die Hausbesitzer heute schon vielfach bereit, \u2039freiwillig\u203a etwas nachzulassen.\u00bb Bei Erfolg der Aktion des Mietervereins w\u00fcrde sich dieser also mit falschen Lorbeeren schm\u00fccken, gleichzeitig fuhr er eine Kampagne zur Diskreditierung des Mieterstreiks. Viele MieterInnen nutzen die Situation auch aus, indem sie in ihren Bittbriefen mit dem Mieterstreik drohten. Das Aktionskomitee verurteilte diese Taktik als Ausdruck der \u00absozialen Feigheit\u00bb. Verschiedene MieterInnen, die mit der Bittbrief-Aktion keinen Erfolg hatten, h\u00e4tten aber angek\u00fcndigt, auf den 1. April in den Streik zu treten.<\/p>\n<p><strong>VermieterInnen schlagen zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>Die ver\u00e4rgerten HausbesitzerInnen riefen im M\u00e4rz zu einer \u00abMassenaktion der Hauseigent\u00fcmer gegen das Streikkomitee\u00bb auf. Gegen das Aktionskomitee sollten Strafklagen wegen N\u00f6tigung und Betrug erhoben werden. Der Mieterstreik w\u00e4re \u00abeine Gefahr f\u00fcr den Wert der Liegenschaften\u00bb; den beiden Anf\u00fchrern Itschner und Kappeler ginge es darum, \u00abkommunistische Stadtr\u00e4te\u00bb zu werden.<\/p>\n<p>Am 21. M\u00e4rz berichtete der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb, dass von Hausbesitzerseite und von AgentInnen der Polizei \u00abMan\u00f6ver\u00bb durchgef\u00fchrt w\u00fcrden, um Verwirrung und Misstrauen unter die streikenden MieterInnen zu s\u00e4en. Gemeint war damit das Auftreten verd\u00e4chtiger Personen, die sich ausserhalb der Sprechstunden des Aktionskomitees an Leute, die den Mietzins beim Aktionskomitee deponierten, heranmachten.<\/p>\n<p>Eine andere Taktik der HausbesitzerInnen war, Ausl\u00e4nderInnen mit der Ausweisung zu bedrohen. Gezielt wurden ausl\u00e4ndische ArbeiterInnen bei ihren ArbeitgeberInnen denunziert, um ihre Entlassung zu bewirken, womit sie auch ihr Aufenthaltsrecht verloren.<\/p>\n<p>Ein gewisser Rechtsanwalt Flachsmann, der sich immer wieder als Hetzer gegen den Mieterstreik hervorgetan hatte, wurde vom Aktionskomitee wegen \u00abMassenverleumdnung\u00bb verklagt. Er hatte dem Aktionskomitee den haltlosen Vorwurf gemacht, deponierte Mietzinse nicht wieder zur\u00fcckzuzahlen, und verklagte das Aktionskomitee seinerseits wegen \u00abN\u00f6tigung\u00bb. Die Klage von Flachsmann scheiterte, der Hausbesitzer trug die Kosten.<\/p>\n<p><strong>Exmissionen verhindert<\/strong><\/p>\n<p>Exmissionen (Zwangsr\u00e4umungen), die gerichtlich verf\u00fcgt wurden, nahmen an der Zahl zu. Sie waren nun keine blosse Drohung mehr. Ein \u00abMieter-Alarmruf\u00bb in der KP-Zeitung machte auf die Zwangsr\u00e4umung eines streikenden Mieters im Kreis 6 aufmerksam und rief zur Solidarit\u00e4t durch einen Protest vor dem Haus auf. Die \u00abMietersolidarit\u00e4t\u00bb konnte so diesen Willk\u00fcrakt abwehren. Ebenso konnte an der Limmatstrasse am 24. M\u00e4rz durch solidarische MieterInnen eine Exmission verhindert werden. Doch neue Exmissionen standen bevor. \u00abAusbreitung des Mieterstreiks, Steigerung der Solidarit\u00e4t aller Mieter, Bereitschaft, jederzeit bedr\u00e4ngten Mietergenossen gegen Exmissionen zu Hilfe zu eilen\u00bb wurde zum Gebot der Stunde. In der Fr\u00fche angesetzte Exmissionen wurden durch die Mobilisierung der Arbeitslosen und der streikenden Frauen verhindert.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz berichtete der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb \u00fcber einen Fall, bei dem die Exmittierung nicht verhindert werden konnte. Der Mieter wurde von der Polizei aus der Wohnung geholt. Nachdem es bisher nicht m\u00f6glich war, eine Streikexmission unter Innehaltung der \u00fcblichen Normen durchzuf\u00fchren, wurde nun offen Gewalt angewendet. Nunmehr w\u00e4re der MieterInnenkampf zum politischen Massenkampf geworden, der sich direkt gegen die kapitalistische Staatsgewalt richtete, schrieb das Aktionskomitee. Der Aktionskomitee organisierte daraufhin eine Demonstration.<\/p>\n<p><strong>H\u00f6hepunkt des Mieterstreiks<\/strong><\/p>\n<p>Anfang April vermeldete das Aktionskomitee einen weiteren Sieg: An der Werdgasse 7 wurde der Streik erfolgreich beendet. Der Hauptaktivist im Haus, dem auch die Exmission angedroht worden war, erhielt dabei eine sehr hohe Mietzinsreduktion von 26 Prozent. Aber auch alle anderen Streikenden mussten von nun an bis zu 20 Prozent weniger Miete zahlen. Ein anderer Streik endete nach 11 Wochen erfolgreich.<\/p>\n<p>Der April blieb ruhig, der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb berichtete zu Beginn des Monats weniger h\u00e4ufiger \u00fcber die MieterInnenbewegung. Allerdings war die Rede von nun \u00fcber 140 H\u00e4usern, die streikten, mit insgesamt rund 500 streikenden Mietparteien \u2013 der quantitative H\u00f6hepunkt im Z\u00fcrcher Mieterstreik.<\/p>\n<p>Im April begann offen die Verbindung des Mieterstreiks mit der Wahlkampagne der KP f\u00fcr den Kantonsrat. Es wurde die Forderung nach Mieterr\u00e4ten erhoben, die \u00fcber die H\u00f6he des Mietzinses entscheiden sollten. Als Gradmesser w\u00fcrde die wirtschaftliche Kraft des Mieters dienen. Im neuen Parlament w\u00fcrde, so ihr Versprechen, f\u00fcr die radikale Beseitigung des ganzen Exmissions- und Retentionsrechtes gek\u00e4mpft. Aber: \u00abV\u00f6llig verkehrt w\u00e4re es, zu glauben, dass dieses neue Recht im Parlament selbst entstehen k\u00f6nnte! Es muss geboren werden im Kampf der Massen, in der Aktion der Mieter selbst, im Mieterstreik.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Praktische SP-Politik<\/strong><\/p>\n<p>Die sozialdemokratisch gef\u00fchrte Polizei hatte mittlerweile einige Polizeierlasse gegen den Mieterstreik herausgegeben. Der SP-Polizeiinspektor hatte \u00abmodrige, reaktion\u00e4re, mittelalterliche\u00bb Gesetzesparagraphen herausgesucht, um eine breite Polizeiaktion gegen den Mieterkampf zu er\u00f6ffnen. Die solidarische Hilfe von anderen MieterInnen bei einer drohenden Exmission sollte gesetzlich verhindert werden: Ansammlungen auf den Trottoiren wurden untersagt. Wer Beamte am Vollzug von Exmissionen hinderte, wurde bestraft. Jede Solidarit\u00e4tsausserung wurde mit schweren Bussen belegt.<\/p>\n<p>Die SP gab in ihrem Wahlkampf eine spezielle Wahlzeitung \u00abDer Zinslipicker geht um!\u00bb zur Wohnpolitik heraus. Gemeinsam mit den Hausbesitzer-Innen h\u00e4tte sie aber wirksame Massnahmen gegen die Wohnungsnot, wie zum Beispiel die kommunistische Wohnrechtsinitiative von 1924, bek\u00e4mpft. Die Initiative h\u00e4tte den Staat verpflichtet, so viele Wohnung zu bauen, wie Bedarf besteht. Die praktische Politik der SP strafte ihre \u00abmieterfreundliche\u00bb Wahlzeitung L\u00fcgen, laut KP. Die damalige SP hatte zur Wohnungsnot tats\u00e4chlich nur eine L\u00f6sung anzubieten: Wohnungsbau. Sie ging nicht so weit, direkt Mietzinssenkungen zu fordern.<\/p>\n<p><strong>Mieter, w\u00e4hlt Kommunisten!<\/strong><\/p>\n<p>Die KP Z\u00fcrich konnte bei den Kantonsratswahlen gute Zugewinne verzeichnen. In allen Kreisen, in denen sie antrat, konnte sie mehr Stimmen holen als 1929. Im Kreis 5 wurde sie zur zweitst\u00e4rksten Partei. Neue Mandate konnte sie aber nicht gewinnen. 1932 erhielten die KommunistInnen einen W\u00e4hleranteil von 8,9 Prozent (+1%). Aber auch die SP legte in absoluten Zahlen leicht zu, wobei sie prozentual 0,4 Prozentpunkte verlor, dabei mit einem Anteil von 42,7 Prozent mit Abstand st\u00e4rkste Partei blieb.<\/p>\n<p>Zwei Tage nach den Wahlen wurde die Exmission einer streikenden Mieterin durchgesetzt. Per Polizeigewalt wurde eine \u00e4ltere, alleinstehende Frau aus dem Haus gezwungen. Das SP-Blatt \u00abVolksrecht\u00bb schrieb \u00fcber den Vorfall: \u00abDas Gesetz muss gesch\u00fctzt werden, auch wenn es ein Gesetz der Ungerechtigkeit ist.\u00bb Die Polizei begann nun auch h\u00e4rter gegen Demonstrationen der MieterInnenbewegung vorzugehen. So am 9. Mai, als das Aktionskomitee mit etwa 500 Leuten einen Protest gegen einen Vermieter organisierte, der mit seinen S\u00f6hnen streikende MieterInnen verpr\u00fcgelt hatte. Die Demo wurde illegalisiert und eingekesselt. Noch kam es aber zu einigen Erfolgen. In rund 50 H\u00e4usern waren Zinsreduktionen durchgesetzt worden.<\/p>\n<p>Der Mieterstreik machte im Mai einem anderen Thema Platz, das f\u00fcr die KP zentraler wurde: Der Streik der HeizungsmonteurInnen. Den Z\u00fcrcher HeizungsmonteurInnen war ein Lohnabbau angek\u00fcndigt worden, wogegen sie Widerstand aufnahmen und in den Streik traten. Die \u00abVolksrecht\u00bb-Zeitung und die Gewerkschaftssekret\u00e4rInnen hetzten schon von Beginn an gegen den Streik, er sei von der Kommunistischen Partei beschlossen worden, ein Putsch gar.<\/p>\n<p><strong>Beginn vom Ende<\/strong><\/p>\n<p>Ende Mai wurde zum ersten Mal eingestanden, dass es wohl nicht zum Allgemeinen Mieterstreik kommen w\u00fcrde: \u00abWenn der Mieterstreik nicht zu einer umfassenden Aktion wurde, so aus Furcht, Polizeiterror und in erster Linie, weil die Sozialdemokratische Partei ihren offenen Verrat in unerh\u00f6rter Weise an den untersten Proleten dokumentiert hat.\u00bb Es sei aber unleugbare Tatsache, dass der Mieterstreik \u00abden ganzen Tross vom sozialdemokratischen Mieterverein bis zu den Zinslipickern, Mietzinswucherern, H\u00e4userspekulanten aus dem Dornr\u00f6schenschlaf aufger\u00fcttelt hat und man auf der ganzen Front zum Mietzinsproblem Stellung nehmen musste\u00bb. Von der SP wurden aber nur Resolutionen verfasst \u2013 praktisch wurde rein gar nichts getan.<\/p>\n<p>In dieser Zeit muss es auch zum Zerw\u00fcrfnis zwischen dem Aktionskomitee unter Itschner und der KP gekommen sein. Am 6. Juni erscheint im \u00abK\u00e4mpfer\u00bb ein Bericht \u00fcber eine Mieterversammlung, in dem es heisst, dass Itschner und Kappeler die KP und ihre Funktion\u00e4rInnen verleumden w\u00fcrden. Ein Grund d\u00fcrfte wohl gewesen sein, dass Itschner den Streik mit Mitteln auszudehnen versuchen wollte, die der KP zu weit gingen. Offenbar war der Vorschlag Itschners, die Steigerung des Streiks dadurch zu vollziehen, dass er \u00abzur ausschliesslichen Aktion der Mitglieder der Kommunistischen Partei\u00bb gemacht w\u00fcrde (anscheinend stellte er die Forderung, dass 80 Prozent der KP-Mitglieder in den Streik treten sollten). Die KP schrieb, der Mieterstreik sei Teil der Massenbewegung zur Herstellung der breitesten Einheitsfront, \u00abohne dabei zu vergessen, dass der Kampf in den Betrieben unsere Hauptaufgabe ist\u00bb. Bei Itschner spielte wohl auch eine Rolle, dass er die M\u00f6glichkeiten des Mieterstreiks v\u00f6llig falsch einsch\u00e4tzte. F\u00fcr ihn war im Mieterstreik stets die Verbindung von ArbeiterInnen und Mittelstand zentral, wohl weil hierbei im Gegensatz zum betrieblichen Streik gr\u00f6ssere Volksschichten einbezogen werden k\u00f6nnten. Er vertrat die Ansicht, den Mieterstreik \u00abin zwei Jahren zur sozialen Revolution\u00bb steigern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Parteiausschluss<\/strong><\/p>\n<p>Eine Parteiversammlung wurde einberufen, an der konstatiert wurde, dass Itschner einen offenen Parteidisziplinbruch begangen habe. Es wurde die politische Frage gestellt, welche Rolle der Mieterstreik spielte. Und die KP stellte fest: \u00abDie Hauptfrage ist der Kampf gegen den Lohnabbau.\u00bb Der Mieterstreik w\u00e4re trotzdem richtig und k\u00f6nnte \u00abin gewissen Momenten vor\u00fcbergehend\u00bb zu einer aktuellen Frage der Partei und der revolution\u00e4ren Bewegung werden.<\/p>\n<p>Es handelte sich um einen Konflikt bei der Ausrichtung der Strategie: Itschner wollte in einem allgemeinen Mieterstreik ArbeiterInnen und Mittelstand vereinen hin zu einer sozialen Revolution. Die strategische Ausrichtung der KP bestand hingegen, ebenso kritikw\u00fcrdig, darin, in die Reihen der sozialdemokratischen ArbeiterInnen einzudringen und so die Mehrheit der ArbeiterInnenklasse zu gewinnen. Deshalb die st\u00e4ndigen Angriffe auf die SP-Leitung. Konkreter kritisierte die KP an der F\u00fchrung des Mieterstreik durch Itschner auch, dass die Mieterstreiks vereinzelt gef\u00fchrt wurden und die Polizei die Einzelnen dann auf die Strasse stellen konnte: \u00abEs m\u00fcssen ganze H\u00e4user in den Streik gezogen werden. Es wird dann der Polizei schwerer fallen, mehrere Familien auf die Strasse zu werden.\u00bb<\/p>\n<p>Noch am 10. Juni ver\u00f6ffentlichte die KP Z\u00fcrich eine Resolution, worin sie beschloss, den Mieterstreik (w\u00f6rtlich: den Kampf der werkt\u00e4tigen Mieter) fortzuf\u00fchren, ihn sogar auszudehnen zu seiner Massenbewegung. F\u00fcnf Tage sp\u00e4ter wurden Itschner und Kappeler, der \u00fcberhaupt erst durch den Mieterstreik von der SP in die KP \u00fcbergetreten war, aus der Partei ausgeschlossen. Die Gr\u00fcnde waren: Fraktionelle T\u00e4tigkeit und Verleumdung der Partei. Ihnen wurde auch schlechte F\u00fchrung vorgeworfen: \u00abIn der F\u00fchrung des Mieterstreiks durch Itschner und Kappeler ist eine Gleichg\u00fcltigkeit festzustellen, zufolge derer die streikenden Mieter vielfach hohe Unkosten f\u00fcr Gericht, Polizeibussen usw. bezahlen m\u00fcssen.\u00bb (Itschner erwiderte, diese Kosten seien durch Sabotage des KP-Apparats entstanden.) Es wurde zur \u00abrestlosen Liquidierung der Fraktion Itschner\u00bb aufgerufen.<\/p>\n<p>Am gleichen Tag: Das Blutbad an den streikenden Heizungsmonteuren. Die 400 streikenden Heizungsmonteure waren bereits seit vier Wochen im Ausstand gegen den Lohnabbau gestanden. In ihrem Kampf versuchten die Monteure, eine Streikdemonstration durchzuf\u00fchren. Die Polizei ging brutal mit Gummikn\u00fcppeln, S\u00e4beln und Revolvern auf die DemonstrantInnen los. Das Fazit: 31 Schwerverwundete, ein Toter. Die sogenannte Blutnacht von Z\u00fcrich ging in die Geschichte ein. F\u00fcr die KP hatte es ernsthafte Folgen, ihre Presse wurde teilweise verboten, mehrere f\u00fchrende Genossen wurden ins Gef\u00e4ngnis gesteckt.<\/p>\n<p><strong>V\u00f6llige Niederlage?<\/strong><\/p>\n<p>Ende Juni gab das Aktionskomitee eine eigene Zeitung \u00abDie Aktion\u00bb heraus, weil das bisherige Publikationsmittel, der \u00abK\u00e4mpfer\u00bb, es seit drei Wochen nicht mehr publizieren liess. In der \u00abAktion\u00bb wurde die KP-F\u00fchrung kritisiert, die KP als Ganzes jedoch vor der Sozialdemokratie in Schutz genommen. Hier wurde publik gemacht, dass Anfang Juni noch \u00abgegen hundert\u00bb MieterInnen gestreikt h\u00e4tten. \u00abDer 1. Mai brachte nur noch sporadische neue Streiks, der 1. Juni nur noch einen einzigen und den noch im Streike befindlichen Mietern der Streikwellen von Februar, M\u00e4rz und April drohte die v\u00f6llige Niederlage.\u00bb Dabei handelte es sich laut Itschner nicht um eine Niederlage infolge der \u00dcbermacht des Gegners, sondern durch einen ungen\u00fcgenden Einsatz der Partei und der Klasse f\u00fcr den Streik. Es war eine \u00abkonterrevolution\u00e4re Handlung\u00bb durch das Parteisekretariat.<\/p>\n<p>Am 25. Juni wurde im \u00abK\u00e4mpfer\u00bb nochmals der Fall diskutiert, hier wurde aber ein anderer Aspekt ins Spiel gebracht: Da seit einiger Zeit bekannt war, dass im Mieter-Aktionskomitee Unregelm\u00e4ssigkeiten vorgekommen waren, forderte die Partei den Kassier Kappeler auf, innert zehn Tagen \u00fcber die angelegten Gelder Bericht abzulegen. Kappeler weigerte sich, angeblich im Auftrage Itschners, dieser Forderung nachzukommen. \u00abDie Partei musste deshalb jedes Vertrauen in das Mieter-Aktionskomitee verlieren und die Beziehungen abbrechen und Kappeler sowie Itschner aus der Partei ausschliessen\u00bb, schrieb die KP. Das Aktionskomitee konnte sp\u00e4ter offenbar den streikenden MieterInnen die deponierten Mietzinse nicht mehr zur\u00fcckzahlen.<\/p>\n<p>Dass sich in der Folgezeit keine k\u00e4mpferische MieterInnenbewegung entwickelte, k\u00f6nnte damit in Zusammenhang stehen, dass sich genau ab 1932 die Situation auf dem Wohnungsmarkt zu entsch\u00e4rfen begann. Die Mieten sanken laut dem Statistischen Amt der Stadt Z\u00fcrich bis 1939 um etwa 20 Prozent im Durchschnitt. Erst Ende der 40er Jahre stiegen die Mietzinse wieder signifikant. Im Vergleich zu 1939 d\u00fcrften die Mieten in der Stadt Z\u00fcrich im Jahr 2025 die 1000-Prozent-Marke knacken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.ch\/inland\/jeder-haeuserblock-eine-sturmzelle\/\">vorwaerts.ch&#8230;<\/a> vom 27. Dezember 2017<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>tai.\u00a01932 streikten in Z\u00fcrich die MieterInnen. Seit dem Ersten Weltkrieg hatten sich die Mieten in der Stadt verdoppelt, gleichzeitig erfolgte ein massiver Lohnabbau. ArbeiterInnen lebten in \u00abL\u00f6chern und Baracken\u00bb. 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