{"id":2973,"date":"2018-01-11T15:39:36","date_gmt":"2018-01-11T13:39:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2973"},"modified":"2018-01-11T15:39:36","modified_gmt":"2018-01-11T13:39:36","slug":"oktoberrevolution-und-sozialistische-kindertraeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2973","title":{"rendered":"Oktoberrevolution und sozialistische Kindertr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p><em>Aufbau.<\/em> <strong>Ein besonderes Laboratorium der neuen Gesellschaft nach der Oktoberrevolution stellten Kinderb\u00fccher dar. Zahlreiche K\u00fcnstlerInnen unterschiedlicher Stossrichtungen machten diese in den ersten 15 Jahren zu einem<!--more--> \u00e4sthetischen Erlebnis unbekannten Ausmasses, auf das heute selbst liberale KommentatorInnen staunend zur\u00fcckblicken.<\/strong><\/p>\n<p>Eine neue Gesellschaft braucht einen anderen Menschen. Doch wie erzieht man sozialistische Kinder, wenn die Lehrer noch in der alten Gesellschaft sozialisiert wurden und in weiten Teilen des Landes der Krieg gegen die Konterrevolution tobt? Der sowjetische Kinderbuchautor L. Kormchii meinte, gut ein Jahr nach der Oktoberrevolution, in einem Artikel der Prawda unter dem Titel \u00abDie vergessene Waffe\u00bb, dass Kinderb\u00fccher eine zentrale Rolle spielen m\u00fcssten. So habe man zwar richtigerweise mit Kanonen und Gewehren gegen die Bourgeoisie gek\u00e4mpft, dabei aber die Macht \u00abdes schriftlichen Wortes\u00bb vergessen. Man m\u00fcsse hierf\u00fcr nur einmal auf die Waffen des Gegners blicken. In Kampf der Bourgeoisie gegen den Sozialismus spielten Kinderb\u00fccher beispielsweise \u00abeine wichtige Rolle\u00bb. \u00abAuch diese Waffe m\u00fcssen wir aus den H\u00e4nden des Feindes nehmen\u00bb, schlussfolgert Kormchii daraus.<\/p>\n<p><strong>Erste Versuche nach 1918<\/strong><\/p>\n<p>Diese Worte fanden Widerhall \u2013 nicht zuletzt, weil es in der russischen Kultur schon zuvor verbreitet war, dass angesehene K\u00fcnstlerInnen Kinderb\u00fccher gestalteten oder schrieben. Die der russischen Avantgarde nahestehende Malerin und Buchillustratorin Wera Jermolajewa gr\u00fcndete bereits 1918 das K\u00fcnstlerkollektiv \u00abSegodnja\u00bb (\u00fcbersetzt: \u00abheute\u00bb), das sich explizit auch Kinderb\u00fcchern widmete. Das Kollektiv publizierte vor allem kleine, meist einseitige Bildgeschichten in der Tradition der russischen \u00abLubok\u00bb. Dies sind Illustrationen, wie sie in Russland im 17. und 18. Jahrhundert als Verzierungen popul\u00e4r waren. Ein Beispiel solcher, von Segodnja mit einfachsten Mitteln publizierten Werke, ist Nikolai Lapshin Illustration eines M\u00e4rchens \u00fcber einen sowjetischen Jungen, der eine Hexe besiegt.<\/p>\n<p>Ein anderer, fr\u00fcher Produzent sowjetischer Kinderb\u00fccher war die jiddische \u00abKultur Liga\u00bb. Das zuvor herrschende Verbot zur Publikation jiddischer Werke wurde in der Sowjetunion rasch aufgehoben, was 1918 zu einer intensiven F\u00f6rderung jiddischer Kultur f\u00fchrte. Einer der wohl bekanntesten Figuren der Avantgarde, El Lissitzky, ver\u00f6ffentlichte 1919 in diesem Rahmen eine illustrierte Version des \u00abChad gadja\u00bb. Dieses alte Lied wurde in der Regel am Passahfestes gesungen. Lissitzky verkn\u00fcpfte dessen weit zur\u00fcckreichende Tradition mit der gesellschaftlichen Aktualit\u00e4t, indem er seine Illustrationen mit geometrisch wirkenden Farbfl\u00e4chen und abstrakt werdender Figuren ausstattete, allerdings durchaus behutsam und nicht in der Radikalit\u00e4t seiner anderen Werke.<\/p>\n<p><strong>Rasante Entwicklung ab 1922<\/strong><\/p>\n<p>\u00abSegodnja\u00bb und die \u00abKultur Liga\u00bb legten die Grundbausteine f\u00fcr die vor allem nach 1922 rasant steigende Produktion von Kinderb\u00fcchern. Mit dem Ende des B\u00fcrgerkrieges und der Abwehr der konterrevolution\u00e4ren Invasion stiegen die staatlichen Ressourcen. Nun prallten verschiedene \u00e4sthetische Konzepte aufeinander und lieferten sich einen erbitterten Wettstreit, der vor allem die sowjetischen Kinder gefreut haben wird. W\u00e4hrend die Avantgarde weiterhin versuchte, ihre Ideen umzusetzen, stiessen auch die VertreterInnen eines sozialistischen Realismus hinzu und forderten Kinderb\u00fccher, angemessen an der neuen Realit\u00e4t. \u00abArbeit, Kampf, Technologie, Natur\u00bb, so charakterisierten beispielsweise Galina und Olga Chichagova in einer Illustration 1925 \u00abdie neue Realit\u00e4t der Kindheit\u00bb. Doch anders als man sich dies heute wom\u00f6glich vorstellt, geschah dies im sozialistischen Realismus f\u00fcr Kinder nicht als stumpfes Abbild oder als sowjetisches Heroentum, sondern an manchen Stellen die kommende Autorit\u00e4t unterlaufend. Dies mit einer mit der Avantgarde durchaus vergleichbaren Kreativit\u00e4t, die erst in den 1930er Jahren nach und nach verschwand. Drei Beispiele wollen wir euch im Folgenden vorstellen.<\/p>\n<p><strong>El Lissitzky: Die Geschichte von den zwei Quadraten (1920)<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl in der Avantgarde, bei VertreterInnen des Realismus als auch bei anderen Kunstrichtungen ging es in den sowjetischen Kinderb\u00fcchern durchaus um die moralische Erziehung. Aber um eine solche, die im Sinne einer neuen Gesellschaft \u00e4sthetisch vermittelt und zugleich Teil der Erschaffung einer neuen Welt sein sollte. Radikalisiert wurde dies vor allem in avantgardistischen Werken. Als bestes Beispiel hierzu dient wohl El Lissitzkys \u00absuprematistische Erz\u00e4hlung in sechs Konstruktionen\u00bb. Die nur mit ganz wenigen Worten angedeutete Geschichte handelt von zwei Quadraten, die auf die Erde fliegen, wo sie auf einen schwarzen Sturm treffen, der von den Quadraten zerschlagen wird, bis sich die neue Welt durchsetzt. Offensichtlich orientierte sich Lissitzky dabei an Kasimir Malewitschs suprematistischen Quadraten, die er zu einer Geschichte aus sechs Bildern formte. Dabei mag Lissitzkys kleines Buch von allen Kinderb\u00fcchern als das komplexeste, weil sehr viel kunsttheoretisches Wissen voraussetzendes Werk erscheinen. Allerdings steckten dahinter wertvolle Absichten. Denn auch Kinder und Jugendliche sollten an den laufenden Kunstdebatten teilhaben und was, wenn nicht einfachste geometrische Formen, k\u00f6nnte dies wohl besser vermitteln?<\/p>\n<p><strong>Samuil Marshak: Der Eiskrem-Mann (1925)<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen Realismus und radikaler Avantgarde gibt es zahlreiche Zwischenschritte. Ein Beispiel bieten Samuil Marshaks und Vladimir Lebedevs illustrierte Kurzgeschichten, beispielsweise \u00abder Eiskrem-Mann\u00bb. Das von Marshak geschriebene Gedicht handelt von einem fettleibigen bourgeoisen Mann, der voller Gier so viel Eiskrem isst, dass er zu einem Schneemann wird und den Kindern dadurch eine pr\u00e4chtige Winterlandschaft erbaut. Illustriert wurde das humorvolle Gedicht von Lebedev, der farbenfroh und mit grossen Formen die einfachen Gedichtzeilen zu veranschaulichen versuchte. Illustration und die visuelle Erfahrung nehmen nun im Vergleich zur Avantgarde einiges mehr an Raum ein und \u00fcberfl\u00fcgeln den Text, der merklich zur Seite geschoben wird, am Rande steht und nicht mehr Teil eines Gestaltungsprozesses ist. Mehr und mehr sollte das Konkrete betont werden, anders als in der Avantgarde aber nicht durch die Zerst\u00f6rung der Form, sondern durch eine R\u00fcckkehr zu grossen aber doch erkenntlichen Formen. Trotz Fokus auf die Bilder wurde die produktive Zusammenarbeit von Dichter und Illustrator aber weiter betont, beispielsweise indem beide Namen der Autoren in gleicher Gr\u00f6sse auf dem Titelblatt vermerkt waren.<\/p>\n<p><strong>Aleksei Laptev: Der F\u00fcnfjahresplan (1927)<\/strong><\/p>\n<p>Aleksei Laptevs Buch \u00fcber die geplanten Entwicklungen bis 1932 ist eines jener sowjetischen Kinderb\u00fccher, welche die \u00abneue Realit\u00e4t\u00bb abbilden wollten. Besonders daran sind weniger die durchaus h\u00fcbschen Zeichnungen, denn das Format. Das Buch bestanden nicht nur aus ausklappbaren Seiten \u2013 ganz ge\u00f6ffnet konnte es bis zu zwei Meter lang werden \u2013, es sollte auch von zwei Seiten her gelesen werden. Begann ein Kind von vorne, dann erfuhr es auf Karten in einem \u00dcberblick von den kommenden gesamtsowjetischen Ver\u00e4nderungen, beispielsweise im Bereich Elektrifizierung. Von hinten gelesen begegnet das Buch den Ver\u00e4nderungen in verschiedenen Bereichen, beispielsweise im Bereich Kohle, \u00d6l, Transport oder Kultur. Hier erfuhr man, die Seiten noch zusammengefaltet, erst von den anstehenden \u00c4nderungen. Klappte man die Seiten schliesslich auf, erblickte man die zu erreichenden Ziele in f\u00fcnf Jahren. Man muss nicht jeder sowjetischen Entwicklung kritiklos folgen, doch die sowjetischen Kinderb\u00fccher bieten einen wahrlich faszinierenden Einblick in den neuen M\u00f6glichkeitshorizont, der eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung mit sich bringen kann.<\/p>\n<p>\u00abPlaying Soviet\u00bb bietet eine interaktive Datenbank sowjetischer Kinderb\u00fccher von 1917 bis 1953.\u00a0<a href=\"http:\/\/commons.princeton.edu\/soviet\/\">http:\/\/commons.princeton.edu\/soviet\/<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.aufbau.org\/index.php\/online-zeitung\/2431-sozialistische-kindertraeume\">aufbau.org&#8230;<\/a> vom 11. Januar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufbau. Ein besonderes Laboratorium der neuen Gesellschaft nach der Oktoberrevolution stellten Kinderb\u00fccher dar. 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