{"id":2985,"date":"2018-01-12T11:24:01","date_gmt":"2018-01-12T09:24:01","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2985"},"modified":"2018-01-12T11:24:01","modified_gmt":"2018-01-12T09:24:01","slug":"wo-der-bolivar-in-den-himmel-waechst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2985","title":{"rendered":"Wo der Bol\u00edvar in den Himmel w\u00e4chst"},"content":{"rendered":"<p><em>Toni Keppeler. <\/em><strong>Die kolumbianische Stadt Maicao lebt von der Grenze mit Venezuela. Heute wird dort haupts\u00e4chlich Ware verkauft, die im Nachbarland Venezuela<!--more--> unterschlagen wurde. Wer kauft sie? VenezolanerInnen.<\/strong><\/p>\n<p>La Guajira ist der wilde Nordosten Kolumbiens. Die Provinz, die als Halbinsel in die Karibik ragt, ist von der Natur nicht gesegnet; es ist schw\u00fclheiss, kaum ein H\u00fcgel steht dem st\u00e4ndig wehenden, salzhaltigen Wind vom Meer im Weg. Die Landschaft: irgendwo zwischen trockener Steppe und Halbw\u00fcste. Das wenige Gr\u00fcn reicht gerade f\u00fcr ein paar magere Rinder.<\/p>\n<p>La Guajira lebt von der Grenze mit Venezuela. Zu Geld kommt man hier nur durch Handel, genauer: durch illegalen Handel. Die St\u00e4dte nahe der Grenze sind Hochburgen des Schmuggels. Maicao etwa liegt mit dem Auto nur eine gute Stunde von Maracaibo entfernt, der Millionenstadt auf der anderen Seite der Grenze, Zentrum der venezolanischen Erd\u00f6lindustrie.<\/p>\n<p>Wer in Maicao an einer ordentlichen Tankstelle tankt, ist selbst schuld. Benzin kauft man hier auf der Strasse. Es sind keine f\u00fcnfzehn Kilometer zur Grenze, der Treibstoff kommt von der anderen Seite. Dort ist Benzin trotz der schweren Wirtschaftskrise noch immer hoch subventioniert. Eine Gallone\u00a0\u2013 knapp vier Liter\u00a0\u2013 kostet nicht einmal einen Franken. In Maicao wird ein Kanister mit f\u00fcnf Gallonen Normalbenzin\u00a0\u2013 man nennt diese Beh\u00e4lter hier Pimpina, ihre Verk\u00e4uferInnen Pimpineros\u00a0respektive Pimpineras \u2013 zu 12\u2009000 Pesos (rund 4\u00a0Franken) gehandelt. Eine Pimpina Super kostet 14\u2009000 Pesos (etwa 4.65 Franken). Das sind rund dreissig Prozent dessen, was an einer offiziellen Tankstelle verlangt wird.<\/p>\n<p><strong>Zehn Franken Gewinn am Tag<\/strong><\/p>\n<p>\u00abWenn es gut l\u00e4uft, mache ich an einem Tag 30\u2009000 Pesos\u00bb (das sind knapp zehn Franken), sagt Ana, die ihren Nachnamen verschweigt. Die 32-J\u00e4hrige ist klein gewachsen und tr\u00e4gt eine bunte Sch\u00fcrze \u00fcber T-Shirt und fleckigen Jeans. Mit ihrer Arbeit ern\u00e4hrt sie sich und ihre vier Kinder. Sie steht von sechs Uhr in der Fr\u00fche bis sieben Uhr am Abend an der Strasse, neben ihr ein paar Kanister, in der Hand einen Schlauch. Den Schlauch nimmt sie in den Mund, saugt das Benzin an und l\u00e4sst es dann durch einen Filter in den Tank der Autos ihrer KundInnen laufen. \u00abDer Filter ist wichtig\u00bb, sagt sie. \u00abDie Kunden werden sauer, wenn Dreck in den Tank kommt.\u00bb<\/p>\n<p>Ihre Ware kauft Ana bei einem Zwischenh\u00e4ndler. \u00abIch weiss, dass es aus Venezuela kommt und dass es illegal ist\u00bb, sagt sie. \u00abAber ich weiss nicht, wie es herkommt.\u00bb Kein Zwischenh\u00e4ndler ist zu einem Gespr\u00e4ch bereit. Wer zu viel fragt, dem schl\u00e4gt schnell Aggression entgegen. Nach einer Sch\u00e4tzung des kolumbianischen Wirtschaftsministeriums werden im ganzen Land jedes Jahr mehrere Millionen Gallonen geschmuggeltes Benzin verkauft. Das meiste davon wurde vorher in Venezuela gestohlen.<\/p>\n<p>Maicao ist mit diesem Gesch\u00e4ft gross geworden. Die Stadt wurde erst 1927 gegr\u00fcndet, heute hat sie rund 100\u2009000 EinwohnerInnen. Die Strassen sind breit, der nackte Beton der klobigen mehrst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude im Zentrum hat vom tropisch feuchten Klima grosse schwarze Flecken bekommen. Die Gehsteige reichen nicht mehr aus f\u00fcr die informellen Marktst\u00e4nde, die hier aufgebaut sind. Auf den Strassen staut sich hupend der Verkehr. In Maicao wird l\u00e4ngst nicht mehr nur mit Benzin gehandelt.<\/p>\n<p><strong>\u00abHergestellt in Venezuela\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Seit die Versorgungskrise in Venezuela gr\u00f6sser und gr\u00f6sser geworden ist, kommen t\u00e4glich Tausende \u00fcber die Grenze. Manche, um sich selbst und die Familie mit dem N\u00f6tigsten einzudecken. Viele aber kaufen, so viel sie bekommen k\u00f6nnen, um es auf der anderen Seite mit ordentlichem Preisaufschlag auf den Schwarzmarkt zu werfen. Es gibt so gut wie alles in Maicao: Maismehl f\u00fcr Arepas, das Grundnahrungsmittel Venezuelas schlechthin; Milchpulver, Lebensmittel in Dosen, Ketchup und andere Saucen, Klamotten, Wasch- und Hygieneartikel. Fast alles tr\u00e4gt als Herkunftsbezeichnung \u00abHecho en Venezuela\u00bb\u00a0(hergestellt in Venezuela); und das, obwohl dort angeblich so gut wie nichts mehr produziert wird.<\/p>\n<p>Die Ware, die in Maicao angeboten wird, wurde vorher in Venezuela in staatlichen Lagern unterschlagen und dann \u00fcber einen der rund dreissig illegalen Grenz\u00fcberg\u00e4nge der Provinz nach Kolumbien gebracht. Dort wird sie verkauft und wieder zur\u00fcckgebracht. Die Schleife \u00fcber Kolumbien mag sinnlos erscheinen. Aber die Waren werden auf dem Hin- und R\u00fcckweg f\u00fcnfzig oder gar hundert Mal teurer\u00a0\u2013 ein rundes Gesch\u00e4ft f\u00fcr das organisierte Verbrechen, ein bisschen f\u00e4llt auch f\u00fcr die Verk\u00e4uferInnen ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schmuggelware werden in Kolumbien keine venezolanischen Bolivares akzeptiert, nur kolumbianische Pesos. Die Eink\u00e4uferInnen von jenseits der Grenze m\u00fcssen zuerst eineN der illegalen GeldwechslerInnen aufsuchen. Viele von ihnen sitzen versteckt in Nischen zwischen den H\u00e4usern, vor sich einen Tisch mit hohen Stapeln aus Geldscheinen, daneben einen Taschenrechner. Allein im Zentrum von Maicao gibt es ein paar Dutzend WechslerInnen. In der gut 200 Kilometer weiter im S\u00fcden gelegenen zehnmal so grossen Grenzstadt Cucuta sollen es sogar \u00fcber 3000 sein. An ihren Tischen verf\u00e4llt der Preis des Bol\u00edvar beinahe jede Stunde. Der Kurs, der hier geboten wird, bestimmt den Schwarzmarktpreis in Venezuela und hat die dortige Inflation bis an die Tausendprozentmarke getrieben.<\/p>\n<p><strong>Krieg? Jedenfalls Raffgier<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Venezuelas Pr\u00e4sident Nicol\u00e1s Maduro ist dies Teil eines Wirtschaftskriegs gegen seine Regierung. Ob tats\u00e4chlich politisch motivierte Sabotage hinter dem illegalen Handel steckt, l\u00e4sst sich in Maicao nicht belegen. Ganz sicher aber ist skrupellose Raffgier im Spiel.<\/p>\n<p>Die ersten VenezolanerInnen kommen lange vor dem Morgengrauen am Sim\u00f3n-Bol\u00edvar-Platz an, meist auf Lastwagen mit Gattern auf der Ladefl\u00e4che, die f\u00fcr den Viehtransport gedacht sind. Die illegalen Grenz\u00fcberg\u00e4nge werden von bewaffneten Banden kontrolliert, die Wegegeld verlangen. Auch die Grenzer am offiziellen \u00dcbergang wollen bezahlt werden, wenn sie die mitgef\u00fchrten Waren \u00fcbersehen sollen.<\/p>\n<p>Knapp hundert der VenezolanerInnen, die t\u00e4glich in Maicao ankommen, wollen bleiben und in Kolumbien Arbeit suchen. Nach Sch\u00e4tzungen der Einwanderungsbeh\u00f6rde in Bogot\u00e1 haben sich in den vergangenen beiden Jahren 470\u2009000 Menschen aus dem Nachbarland in Kolumbien niedergelassen. Nur 67\u2009000 von ihnen haben ein Arbeitsvisum. Alle anderen suchen nach einer informellen Arbeit. \u00abSie dr\u00fccken die L\u00f6hne\u00bb, beschwert sich Alvira, die ihren Job in einer B\u00e4ckerei verloren hat und nun ihre drei Kinder als Pimpinera \u00fcber die Runden bringt. \u00abDer staatlich festgesetzte Mindestlohn liegt bei etwas \u00fcber 800\u2009000\u00a0Pesos im Monat\u00bb, sagt sie. \u00abDie Leute aus Venezuela arbeiten auch f\u00fcr 300\u2009000.\u00bb<\/p>\n<p>Trotzdem sind die meisten von ihnen arbeitslos und halten sich im Stadtpark auf, manche schon seit Monaten. Sie betteln, abends bringen bisweilen mitleidige AnwohnerInnen ein bisschen Essen vorbei. Als aber eine Nachbarschaftsinitiative eine Suppenk\u00fcche f\u00fcr die gestrandeten VenezolanerInnen einrichten wollte, wurde sie von der Polizei vertrieben. Zwar werden die illegalen EinwanderInnen nicht abgeschoben. Die Beh\u00f6rden wollen aber auch nicht, dass sie durchgef\u00fcttert werden und bleiben. Sie sollen irgendwann so hoffnungslos sein, dass sie von alleine verschwinden.<\/p>\n<p>Alejandra, die ihren Nachnamen auch nicht nennen mag, wird vorerst bleiben. Sie hat es geschafft. Die grosse, von der Sonne dunkel gebrannte 23-J\u00e4hrige aus Maracaibo steht zusammen mit anderen Pimpineros an der Strasse und verkauft geschmuggeltes Benzin. Von ihrem Gewinn leben ihre Mutter und ihre beiden j\u00fcngeren Geschwister, dr\u00fcben, auf der anderen Seite der Grenze. \u00abDas ist alles andere als ein Paradies hier\u00bb, sagt Alejandra. \u00abDas Essen ist teuer. Und die Miete: In Venezuela bezahlen wir nichts f\u00fcrs Wohnen.\u00bb Aber dort sei es eben seit zwei Jahren noch h\u00e4rter. \u00abMeine Landsleute sind bl\u00f6d\u00bb, sagt sie. \u00abSie kaufen hier teure Waren aus Venezuela ein, verkaufen sie dort noch viel teurer und beschweren sich dann \u00fcber die Preise.\u00bb Sie wenigstens verkaufe das geschmuggelte Benzin an KolumbianerInnen.<\/p>\n<p>Ihr einziges Problem ist die Polizei. \u00abNat\u00fcrlich muss die ab und zu etwas tun\u00bb, sagt die Pimpinera. \u00abWas ich hier mache, ist verboten.\u00bb Gelegentlich gebe es eine Razzia. Und wenn es mal wieder so weit sei, klemme sie zwei Kanister unter die Arme und renne. Wenn sie ein paar Pimpinas zur\u00fccklassen muss, ist der Tagesgewinn verloren. \u00abAbends aber, wenn es dunkel ist, kommen dieselben Polizisten und kaufen ihr Benzin bei mir.\u00bb<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1801\/grenzschmuggel\/wo-der-bolivar-in-den-himmel-waechst\">woz.ch&#8230;<\/a> vom 12. Januar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toni Keppeler. Die kolumbianische Stadt Maicao lebt von der Grenze mit Venezuela. 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