{"id":3065,"date":"2018-01-27T09:59:53","date_gmt":"2018-01-27T07:59:53","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3065"},"modified":"2018-01-27T09:59:53","modified_gmt":"2018-01-27T07:59:53","slug":"ig-metall-bereitet-ausverkauf-des-tarifkampfs-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3065","title":{"rendered":"IG Metall bereitet Ausverkauf des Tarifkampfs vor"},"content":{"rendered":"<p><em>Gustav Kemper.\u00a0<\/em>Seit Anfang des Jahres haben 960.000 Metaller durch befristete Warnstreiks im gesamten Bundesgebiet ihre Bereitschaft bewiesen, die Forderung nach mehr Lohn und k\u00fcrzerer<!--more--> Arbeitszeit in vollem Umfang durchzusetzen. Auf diese Kampfbereitschaft reagiert die IG Metall mit dem Versuch, den Arbeitskampf so schnell wie m\u00f6glich zu beenden.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaft hatte immer wieder versprochen, bei harter Haltung der Arbeitgeber die Streikbewegung auszuweiten und von kurzen Warnstreiks, die keinen Produktionsausfall zur Folge haben, zu 24-st\u00fcndigen Streiks oder sogar fl\u00e4chendeckender Erzwingungsstreiks \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Mittwochabend brach der Chef des Arbeitgeberverbandes S\u00fcdwestmetall, Stefan Wolf, die vierte Verhandlungsrunde in Baden-W\u00fcrttemberg ab, die als richtungsweisend f\u00fcr alle Bezirke galt. Wolf erkl\u00e4rte mit unverhohlener Arroganz: \u201eLeider hat die IG Metall Bedingungen formuliert, die f\u00fcr unsere Betriebe nicht zumutbar sind.\u201c Zwar habe die Gewerkschaft offensichtlich den Willen zum Abschluss gehabt, aber: \u201eF\u00fcr uns war das Preisschild zu hoch, also haben wir entschieden, dass die Fortf\u00fchrung der Gespr\u00e4che nicht zielf\u00fchrend ist.\u201c<\/p>\n<p>Die IG Metall reagierte kleinlaut. IGM-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger warf den Arbeitgebern vor, in vielen F\u00e4llen eine Rolle r\u00fcckw\u00e4rts gemacht zu haben. \u201eWir haben zu allen strittigen Punkten Kompromissangebote vorgelegt und haben alles getan, um nicht in die Phase der Eskalation zu kommen.\u201c In den entscheidenden Arbeitszeitfragen h\u00e4tten die Arbeitgeber jedoch alle bisherigen relevanten Teilergebnisse zur\u00fcckgenommen.<\/p>\n<p>\u00dcber den Verlauf der Verhandlungen und den Umfang ihrer Kompromissangebote machte die IG Metall keine Angaben.<\/p>\n<p>Am Donnerstag tagten die IGM-F\u00fchrungsgremien hinter verschlossenen T\u00fcren. Die Gewerkschaft hatte Stillschweigen verordnet. \u201eDie Stimmungsbilder aus den Tarifkommissionen sollen bis dahin nicht \u00f6ffentlich werden\u201c, berichtete das\u00a0<em>Handelsblatt<\/em>.<\/p>\n<p>Am Freitagmittag entschied dann der IG Metall-Vorstand in Frankfurt, die Tarifverhandlung noch am Abend weiterzuf\u00fchren, um \u201edie entscheidenden Fragen zu Arbeitszeit und Entgelt am Verhandlungstisch zu kl\u00e4ren und dies auf Basis der vorliegenden L\u00f6sungsmodelle\u201c. Bis zum Samstagmittag, so IGM-Chef J\u00f6rg Hofmann, m\u00fcsse ein Kompromiss erzielt werden.<\/p>\n<p>Nach Ansicht der\u00a0<em>Stuttgarter Nachrichten<\/em>, die die Verhandlungen im Pilotbezirk ortsnah verfolgen, handelt es sich dabei um ein abgekartetes Spiel zwischen Gewerkschaft und Unternehmerverband.<\/p>\n<p>\u201eAllein die Tatsache, dass mit dem Kongresszentrum Liederhalle \u2013 wo noch nie Tarifverhandlungen stattgefunden haben \u2013 ein prominenter Veranstaltungsort lange Zeit im Voraus vorsorglich reserviert worden war, deutet auf eine gro\u00dfe Inszenierung hin. Zumal f\u00fcr die Delegationen noch R\u00e4ume in nahen Hotels bereitgestellt wurden\u201c, hie\u00df es Freitagabend in der Online-Ausgabe. \u201eDaraus folgt, dass die IG Metall und letztendlich auch S\u00fcdwestmetall dieses Szenario mit einem Abbruch in B\u00f6blingen, dem Vorstandsbeschluss in Frankfurt und einem neuen Anlauf in Stuttgart seit einiger Zeit im Kalk\u00fcl haben.\u201c<\/p>\n<p>Im Zentrum des Konflikts steht die Forderung der Gewerkschaft, dass Besch\u00e4ftigte ihre Arbeitszeit f\u00fcr die Dauer von bis zu zwei Jahren auf 28 Wochenstunden reduzieren k\u00f6nnen. Bestimmte Gruppen, wie Schichtarbeiter oder Eltern junger Kinder, sollen dabei einen Ausgleich von monatlich 200 Euro f\u00fcr entgangenen Lohn erhalten, was die Arbeitgeber strikt ablehnen. Sie wollen einer m\u00f6glichen Arbeitszeitverk\u00fcrzung nur ohne Lohnausgleich zustimmen und verlangen, dass selbst eine geringf\u00fcgige Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit dadurch kompensiert wird, dass andere Besch\u00e4ftigte l\u00e4nger arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Weigerung der Gewerkschaft, auf die harte Haltung der Unternehmer mit einer Ausweitung und Intensivierung der Streiks zu reagieren, ist der erste Schritt zur Kapitulation. Denn die R\u00fcckkehr an den Verhandlungstisch bedeutet, dass die Gewerkschaft zu weiteren Zugest\u00e4ndnissen bereit ist.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Fakten macht das deutlich.<\/p>\n<p>Bereits die urspr\u00fcnglichen Forderungen der Gewerkschaft waren sehr gem\u00e4\u00dfigt. Neben der Arbeitszeitverk\u00fcrzung verlangte sie eine 6-prozentige Lohnerh\u00f6hung.<\/p>\n<p>In den \u00f6stlichen Bezirken, wo die Wochenarbeitszeit immer noch 38 Stunden betr\u00e4gt, weil die IG Metall 2003 einen Streik f\u00fcr die Gleichstellung mit dem Westen\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2003\/07\/igm-j04.html\"><strong>ausverkauft<\/strong><\/a>\u00a0hat, fordern die Belegschaften die die Einf\u00fchrung der 35-Stundenwoche. Auf das Jahr gerechnet bedeutet der Unterschied einen Monat unbezahlte Mehrarbeit, wobei das Lohnniveau immer noch unter dem Durchschnitt im Westen liegt. Doch diese Forderung ist in den Verhandlungen in B\u00f6blingen gar nicht zur Sprache gebracht worden.<\/p>\n<p>Ebenso wenig wurde \u00fcber die 6-prozentige Lohnerh\u00f6hung gesprochen. Beide Verhandlungspartner gehen davon aus, dass die allgemeine Lohnerh\u00f6hung die Kosten f\u00fcr die Sonderverg\u00fctung einberechnen muss, also entsprechend reduziert wird. Durch eine l\u00e4ngere Laufzeit k\u00f6nnte die Erh\u00f6hung dann weiter verw\u00e4ssert werden, so dass von den sechs Prozent wenig \u00fcbrigbleibt.<\/p>\n<p>Der Arbeitgeberverband S\u00fcdwestmetall lehnt eine Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit ab, wenn nicht gleichzeitig auch die 35-Stunden-Woche nach oben hin ge\u00f6ffnet wird. Diskutiert wird von verschiedenen Unternehmen \u00fcber eine Wochenarbeitszeit von 40 oder 42 Stunden, um das \u201eGesamtvolumen der Arbeitszeit\u201c zu erhalten. Dies w\u00fcrde die 35-Stundenwoche weiter aufweichen.<\/p>\n<p>Schon heute d\u00fcrfen bis zu 18 Prozent der Besch\u00e4ftigten in einem Betrieb 40 Stunden arbeiten. In Unternehmen, wo es eine Vereinbarung zwischen Betriebsrat und Vorstand zur Begrenzung von Leiharbeit gibt, k\u00f6nnen die Betriebe sogar 30 Prozent der Belegschaft l\u00e4nger arbeiten lassen.<\/p>\n<p>Der IG Metall-Vorstand hat den Tarifkampf bisher auf eine Nadelstichtaktik beschr\u00e4nkt, auf kurze Warnstreiks zum Schichtwechsel, die die Produktion nicht beeintr\u00e4chtigen. Parallel dazu hat in Baden-W\u00fcrttemberg eine Expertenkommission, die parit\u00e4tisch aus Vertretern der Gewerkschaft und S\u00fcdwestmetall besetzt ist, seit Anfang Januar L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge ausgearbeitet, die zu einem Kompromiss f\u00fchren sollen. Einzelheiten dazu werden bisher v\u00f6llig geheim gehalten.<\/p>\n<p>Bei zahlreichen Warnstreiks berichteten Arbeiter der WSWS, dass eigentlich ein Generalstreik oder zumindest ein Fl\u00e4chenstreik n\u00f6tig w\u00e4re, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Einige forderten eine europ\u00e4ische Streikbewegung, um den internationalen Konzernen Paroli zu bieten. Leiharbeiter legten Wert auf die Sicherung ihrer Arbeitspl\u00e4tze und den gleichen Lohn wie die Stammbesch\u00e4ftigten bei gleicher Arbeit. Doch die Gewerkschaft sabotiert diese Kampfbereitschaft.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt direkt mit ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine erneute Gro\u00dfen Koalition zusammen. Gewerkschaft und SPD setzen alles daran, die wachsende Radikalisierung in den Betrieben unter Kontrolle zu halten. Obwohl die Konzerne transnational organisiert sind, wird der Arbeitskampf auf regional begrenzte Ministreiks reduziert.<\/p>\n<p>Um den drohenden Ausverkauf durch die Gewerkschaftsf\u00fchrung zu verhindern, m\u00fcssten sich die Lohnabh\u00e4ngigen der Metall- und Elektroindustrie unabh\u00e4ngig von der Gewerkschaft in Aktionskomitees zusammenschlie\u00dfen und Kontakt zu anderen Betrieben aufnehmen, um einen gemeinsamen Kampf zu organisieren. Sie m\u00fcssen eine internationale Strategie f\u00fcr den Klassenkampf entwickeln, um ihre Interessen zu verteidigen. Die Aktionskomitees m\u00fcssen Verbindung zu den Arbeitern in ganz Deutschland, Europa und weltweit aufnehmen, um sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen. [\u2026]<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/01\/27\/igme-j27.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 27. Januar 2018 mit leichten \u00c4nderungen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gustav Kemper.\u00a0Seit Anfang des Jahres haben 960.000 Metaller durch befristete Warnstreiks im gesamten Bundesgebiet ihre Bereitschaft bewiesen, die Forderung nach mehr Lohn und k\u00fcrzerer<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[25,87,39,26,45,42,17],"class_list":["post-3065","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-sozialdemokratie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3065"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3066,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3065\/revisions\/3066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}