{"id":3069,"date":"2018-01-27T10:20:11","date_gmt":"2018-01-27T08:20:11","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3069"},"modified":"2018-01-27T10:20:11","modified_gmt":"2018-01-27T08:20:11","slug":"viel-in-den-haenden-weniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3069","title":{"rendered":"Viel in den H\u00e4nden weniger"},"content":{"rendered":"<p><em>Arno Kleinebeckel.<\/em> Eine Studie zeigt, wie sich der Reichtum in Deutschland \u00fcber 140 Jahre verteilt. Erstmals in Deutschland wird die Einkommensverteilung \u00fcber einen Zeitraum von rund 140 Jahren pr\u00e4sentiert.<!--more--> Das Deutsche Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin hat einen entsprechenden\u00a0<a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.575224.de\/18-3-1.pdf\">Report<\/a>\u00a0vorgelegt.<\/p>\n<p>Der Bericht basiert teilweise auf einem Diskussionspapier der World Wealth and Income Database 2017\/18 (&#8222;Top incomes in Germany, 1871-2013&#8220;), er bildet au\u00dferdem die Grundlage f\u00fcr das Deutschland-Kapitel des\u00a0<a href=\"http:\/\/wir2018.wid.world\/\">World Inequality Report<\/a>\u00a0(WIR) 2018.<\/p>\n<p><strong>Best\u00e4ndige Top-Ten<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis der Untersuchung zeugt von Best\u00e4ndigkeit, zumindest was die oft zitierten oberen Zehntausend betrifft: Die Entwicklung der Spitzeneinkommen in Deutschland zeigt sich w\u00e4hrend des untersuchten Zeitraums \u00fcberraschend stabil. \u00dcber alle politischen und \u00f6konomischen Krisen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinweg hat sich der Einkommensanteil der Top-Ten-Prozent kaum ver\u00e4ndert. Auf Basis von Steuerdaten lag er sowohl 1913 als auch 2013 bei rund 40 Prozent des Volkseinkommens.<\/p>\n<p>Ausgewertet wurden Einkommensteuerdaten, die seit dem 19. Jahrhundert zur Verf\u00fcgung stehen. Die Zahlen belegen unter anderem einen enormen Einkommenszuwachs von Spitzenverdienern w\u00e4hrend des 1. Weltkriegs (bis 1918). Die Situation im 2. Weltkrieg ist weniger gut dokumentierbar: Die Beh\u00f6rden stellten 1938 die Ver\u00f6ffentlichung von Einkommensteuerstatistiken ein und fingen erst 1949 wieder damit an. Die Aufbereitung der Zahlenreihe von gut 140 Jahren bietet offenbar aber auch sonst einige Probleme.<\/p>\n<p>Zum einen werden jeweils unterschiedliche geographische Gebiete von der Zeitreihe abgedeckt. Zweitens, so gibt die Autorin Charlotte Bartels zu denken, waren bis zum Zweiten Weltkrieg nur Spitzenverdiener einkommensteuerpflichtig und somit in den Einkommensteuerstatistiken abgebildet.<\/p>\n<p>Verl\u00e4ssliche Aussagen \u00fcber die Einkommensanteile der unteren 50 Prozent seien daher erst ab der Nachkriegszeit m\u00f6glich. Drittens ben\u00f6tige man bei der Darstellung administrativer Daten eine m\u00f6glichst breite Kenntnis von Reformen w\u00e4hrend des Untersuchungszeitraums; nur so lie\u00dfen sich Daten ggf. korrigieren und im Endeffekt dann \u00fcberhaupt miteinander vergleichen.<\/p>\n<p><strong>Keine &#8222;Stunde Null&#8220; f\u00fcr Spitzenverdiener<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts der gro\u00dfen historischen Spanne und einiger handfester methodischer Probleme ist das Unterfangen doppelt zu w\u00fcrdigen. Und die Ergebnisse sind zum Teil \u00fcberraschend. So gab es f\u00fcr die Spitzenverdiener nach dem Untergang des Nazistaats keine &#8222;Stunde Null&#8220;: Die Nachkriegszeit in Deutschland weist eine hohe Einkommenskonzentration am oberen Rand aus.<\/p>\n<p>Dies widerspricht der gel\u00e4ufigen Annahme, dass die &#8222;Stunde Null&#8220; eine Zeit der relativen Gleichheit, und zwar auch der Einkommen, gewesen sei. Die DIW-Daten zeigen f\u00fcr den obersten Rand der Verteilung\u00a0<a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.575226.de\/18-3-2.pdf\">genau das Gegenteil<\/a>.<\/p>\n<p>Der DIW-Report teilt den Zeitraum von 1871 bis 2013 in f\u00fcnf Perioden ein. Grob gesagt, brachte die Industrialisierung eine klar ansteigende Einkommenskonzentration, gefolgt von explodierenden Spitzeneinkommen im Nationalsozialismus. Der Anteil des obersten Perzentils wuchs von 11 Prozent im Jahr 1933 auf 17 Prozent im Jahr 1938, was der Studie zufolge kaum zur Anti-Kapitalismus-Propaganda der Nationalsozialisten passt.<\/p>\n<p>\u00dcber die &#8222;untere H\u00e4lfte&#8220; nach dem Zweiten Weltkrieg bietet der Report wenig, weil nur ein Teil der Bev\u00f6lkerung einkommenssteuerpflichtig war. Die Einkommenskonzentration am oberen Rand blieb bestehen. Die weniger Privilegierten jedoch b\u00fc\u00dften in der Folge ein.<\/p>\n<p>1960 erhielt die untere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung &#8211; nach einem zun\u00e4chst starken Zuwachs der Einkommensanteile &#8211; mehr als 30 Prozent des Volkseinkommens, 2017 hingegen waren es noch gerade mal 17 Prozent (vor Steuern und staatlichen Transferleistungen). Mit der deutschen Wiedervereinigung ist die Schere definitiv weiter auseinander gegangen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Zunehmende Spreizung&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der Krise nach der Wiedervereinigung und der weltweiten Turbulenzen im Jahr 2009 stieg der Einkommensanteil des obersten Perzentils deutlich. Der Anteil dieser Gruppe wuchs zwischen 1983 und 2013 um gut ein Drittel.<\/p>\n<p>Geringe und mittlere Einkommen sind (\u2026) durch Erh\u00f6hungen der indirekten Steuern belastet worden, insbesondere bei Mehrwertsteuer und Energiesteuern. Vermutlich wird die Einkommenskonzentration in Deutschland sogar noch untersch\u00e4tzt, da Unternehmen zunehmend ihre Gewinne einbehalten und somit in den vergangenen Jahren vom Kreditnehmer zum Kreditgeber gegen\u00fcber den anderen Sektoren der Volkswirtschaft (private Haushalte, Staat, Rest der Welt) geworden sind.<\/p>\n<p>Bartels, Charlotte: Einkommensverteilung in Deutschland von 1871 bis 2013: Erneut steigende Polarisierung seit der Wiedervereinigung<\/p>\n<p>Der Einkommensanteil des obersten Perzentils in Deutschland ist heute \u00e4hnlich hoch wie in Gro\u00dfbritannien. &#8222;Wir wissen&#8220;, so die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.575226.de\/18-3-2.pdf\">Autorin<\/a>, &#8222;dass Unternehmens- und Verm\u00f6genseinkommen denjenigen am oberen Rand der Verteilung zuflie\u00dfen. Daher kann man spekulieren, dass wir eine zunehmende Spreizung zu erwarten haben, wenn wir nicht politisch auf irgendeine Art und Weise dagegen vorgehen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Teilhabe als Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Ein Gro\u00dfteil des Verm\u00f6gens in Deutschland ist in den H\u00e4nden von wenigen Superreichen. So dr\u00fcckt es eines der sogenannten Diskussionspapiere des DIW aus, das ebenfalls gerade erschienen ist. Die 45 reichsten deutschen Haushalte besa\u00dfen demzufolge 2014 so viel wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Die Rede ist von jeweils 214 Milliarden Euro Verm\u00f6gen. Unter ihnen besitzt das reichste 1 Prozent aller Haushalte fast ein Viertel (rund 24 Prozent) Prozent des Gesamtverm\u00f6gens, basierend auf der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.diw.de\/sixcms\/detail.php?id=diw_01.c.575700.de\">Haushalts- und Verbrauchserhebung des Eurosystems<\/a>\u00a0(HFCS).<\/p>\n<p>Allerdings, so wenden Kritiker ein, sind die Befunde auch immer wieder zu hinterfragen. Das gilt vor allem in methodischer Hinsicht. So d\u00fcrfte Verm\u00f6gen in privaten Renten- und Lebensversicherungen \u00fcber die gesamte Bev\u00f6lkerung breit verteilt sein, zudem erfassten die Befragungen zum Beispiel die gesetzlichen Rentenanspr\u00fcche der Arbeitnehmer nicht,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.verlagshaus-jaumann.de\/inhalt.diw-report-viel-vermoegen-in-der-hand-weniger-superreicher.25f59d74-59ad-43b5-a782-84a5ae314dd8.html\">stellte<\/a>\u00a0das K\u00f6lner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fest.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Schere zwischen der oberen und unteren H\u00e4lfte der Einkommen weiter \u00f6ffnet, hei\u00dft das f\u00fcr das untere Drittel der Gesellschaft auch: Sozialer Aufstieg und Teilhabe erweisen sich oftmals als Illusion. Zunehmend trifft es auch Leute aus der Mittelschicht.<\/p>\n<p>Und der Druck nimmt zu: Den Lebensstandard durch Arbeit zu sichern, ist f\u00fcr viele problematisch geworden. Auch wer ein Leben lang gearbeitet hat, ist vor der Armutsfalle nicht sicher. Und die Geldpolitik und explodierende Immobilienpreise versch\u00e4rfen das Problem noch.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Viel-in-den-Haenden-weniger-3952477.html?seite=all\">telepolis&#8230;<\/a> vom 27. Januar 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arno Kleinebeckel. Eine Studie zeigt, wie sich der Reichtum in Deutschland \u00fcber 140 Jahre verteilt. 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