{"id":3084,"date":"2018-02-01T15:31:59","date_gmt":"2018-02-01T13:31:59","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3084"},"modified":"2018-02-19T17:43:13","modified_gmt":"2018-02-19T15:43:13","slug":"die-nzz-in-wohlwollender-naehe-zu-einem-ex-linken-wohlwollenden-hitlerbiograph","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3084","title":{"rendered":"Die NZZ in wohlwollender N\u00e4he zu einem ex-linken wohlwollenden Hitlerbiographen"},"content":{"rendered":"<p><em>Otto K\u00f6hler.<\/em> Der Berichterstatter der\u00a0<em>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/em>\u00a0<em>(NZZ)<\/em>\u00a0steht vor dem Eingang eines gutb\u00fcrgerlichen Hauses am Westberliner Kurf\u00fcrstendamm. Er wei\u00df, wieso es sich lohnt, mit der Neuen Rechten zu reden.<!--more--> Besonders mit dem einen, der hier wohnt: \u00bbEr war gl\u00fchender Maoist, agierte als Publizist, schrieb eine Hitler-Biographie, machte Geld als Unternehmer und verteidigt nun nicht minder vehement den Kapitalismus.\u00ab Die\u00a0<em>Z\u00fcrcher<\/em>\u00a0will es in ihrem Beitrag vom 10. Januar nun wissen: \u00bbWas geht Rainer Zitelmann durch den Kopf?\u00ab<\/p>\n<p>Unten hat der\u00a0<em>NZZ<\/em>-Korrespondent geklingelt. Aber wird er auch nach oben gelangen? \u00bbEin paar Minuten zuvor hatte mich der schmale, aber durchtrainierte und noch jugendlich wirkende 60j\u00e4hrige im Erdgeschoss mit dem etwas wackeligen Fahrstuhl abgeholt. Der Lift hat das Baujahr 1900. Um seine T\u00fcr zu \u00f6ffnen, braucht es einen Schl\u00fcssel. Daher das pers\u00f6nliche Geleit des Immobilienmillion\u00e4rs. In fr\u00fcheren Zeiten w\u00e4re in einem Haus am Berliner Ku\u2019damm daf\u00fcr wohl ein Portier zust\u00e4ndig gewesen. Das Klingelschild tr\u00e4gt einen anderen Namen \u2013 eine Vorsichtsma\u00dfnahme aus einer Zeit, in der Zitelmann ins Visier der militanten Antifa geraten war.\u00ab<\/p>\n<p>Ja, man muss doch miteinander sprechen. Unter dem Zitelmann-Artikel auf der\u00a0<em>NZZ<\/em>-Website ist auf einen anderen verwiesen, von einem Volont\u00e4r Tobias Sedelmaier, dessen Titel beweist, dass er schon ausgelernt hat: \u00bbWieso es sich lohnt, mit der neuen Rechten zu reden \u2013 und wie man es am gewinnbringendsten tut\u00ab.<\/p>\n<p>Diese\u00a0<em>NZZ<\/em>-Gebrauchsanweisung stammt vom 17. Oktober \u2013 gut drei Wochen, nachdem die AfD in den Bundestag einmarschiert war, wo sie jetzt erst einmal, solange die SPD darauf verzichtet, schreim\u00e4chtige F\u00fchrerin der Opposition ist. Ja, die\u00a0<em>NZZ<\/em>\u00a0liefert die \u00bbSchweizer Sicht auf das Weltgeschehen\u00ab: Man darf nicht \u00bbdie neue Rechte wie einen ungezogenen Schulbuben in die Ecke\u00ab stellen. Das Z\u00fcricher Blatt fragt seine neuerdings immer st\u00e4rker umworbenen deutschen Leser: \u00bbHaben Sie die derzeitige politische Diffamierungskultur ebenfalls satt? Finden Sie die Weigerung albern, neben Vertretern einer demokratisch gew\u00e4hlten Partei im Bundestag zu sitzen, so als h\u00e4tten deren Mitglieder die Kr\u00e4tze?\u00ab<\/p>\n<p>Zitelmann hat, soweit bekannt, keine Kr\u00e4tze. \u00bbHitler. Selbstverst\u00e4ndnis eines Revolution\u00e4rs\u00ab, hie\u00df seine Dissertation von 1987, die er angeblich noch als Maoist zu schreiben begann. Sie ist im vergangenen Jahr \u2013 erweitert in f\u00fcnfter Auflage \u2013 wiedererschienen. Diesmal, v\u00f6llig angemessen, im Reinbeker Lau-Verlag, der auch Ernst Nolte verlegt und offen rechtsextreme Literatur wie \u00bb1939 \u2013 Der Krieg, der viele V\u00e4ter hatte\u00ab von Generalmajor Gerd Schultze-Rhonhof, der 1996 aus Protest gegen das \u00bbSoldaten sind M\u00f6rder\u00ab-Urteil \u2013 er fand, sie seien es nicht \u2013 des Bundesverfassungsgerichts aus der Bundeswehr weglief.<\/p>\n<p>Ja, Adolf Hitler, dem man vor 85 Jahren, am 30. Januar 1933, die Macht antrug, war ein Revolution\u00e4r. Und ein Sozialist war er nat\u00fcrlich auch, was sonst? Schlie\u00dflich hatte Franz Josef Strau\u00df verk\u00fcndet, dass \u00bbder Nationalsozialismus\u00ab auch \u00bbeine Variante des Sozialismus\u00ab war. Der CSU-F\u00fchrer 1979: \u00bbSowohl Hitler wie Goebbels waren im Grunde ihres Herzens Marxisten.\u00ab Das hatte Strau\u00df bei seinen historischen Studien auf Luxusyacht \u00bbDiana II\u00ab entdeckt, die ihm Freund Friedrich Karl Flick samt Mannschaft f\u00fcr den Urlaub zur Verf\u00fcgung gestellt hatte. Verk\u00fcndet wurde diese Geschichtsrevision auf dem n\u00e4chstfolgenden CSU-Parteitag und dann wissenschaftlich ausgestaltet von Rainer Zitelmann. Dessen Buch stie\u00df auf ein geteiltes Echo. \u00bbW\u00e4hrend konservative Historiker es als Standardwerk lobten, bem\u00e4ngeln Kritiker bis heute, er habe einen Linken aus Hitler gemacht, um von der Mitverantwortung der Eliten am Aufstieg der Nazis abzulenken. Dabei sei er selbst mental noch ein Linker gewesen, als er das Buch geschrieben habe.\u00ab Erf\u00e4hrt die\u00a0<em>Neue Z\u00fcrcher<\/em>\u00a0authentisch von Zitelmann.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00f6ne junge Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Von dieser Mentalit\u00e4t muss einiges geblieben sein. Die\u00a0<em>NZZ<\/em>: \u00bbEr pflegt keinen konservativen Lebensstil, hat keine Familie, besucht Diskotheken und umgibt sich gern mit sch\u00f6nen jungen Frauen. In seinen B\u00fcchern ist wenig von Nationalstolz, daf\u00fcr viel von den Vorz\u00fcgen des Freihandels die Rede. Ist das noch nationalliberal oder vielleicht einfach nur liberal?\u00ab<\/p>\n<p>Das ist nahezu linksliberal. Zitelmanns j\u00fcngstes Buch \u00fcber \u00bbMein Leben als Historiker, Journalist und Investor\u00ab (Untertitel) hei\u00dft: \u00bbWenn du nicht mehr brennst, starte neu.\u00ab Erschienen ist es im Finanzbuchverlag, der hinten auf der letzten Seite animiert, seine B\u00fccher seien geeignet \u00bbz. B. als Geschenke f\u00fcr Ihre Kundenbindungsprojekte\u00ab, und da gebe es dann \u00bbattraktive Sonderkonditionen\u00ab. In der Mitte zeigt Zitelmann auf zehn unnumerierten Hochglanzseiten mit Fotos aus seinem immer wieder neu entbrannten Leben, was er zu bieten hat: \u00bbmeine langj\u00e4hrige Freundin Monika\u00ab zusammen mit \u00bbeinem langj\u00e4hrigen treuen Kunden\u00ab. Auf derselben Seite, zweimal mit jeweils anderen Kunden, \u00bbmeine damalige Freundin Jenna\u00ab. Und auf der letzten Sonderseite: \u00bbIm Urlaub (hier auf Bali) habe ich mich mit meiner langj\u00e4hrigen Freundin Trang entspannt.\u00ab Dar\u00fcber das Foto eines ebenfalls halbnackten Zitelmann, solo am Fitnessger\u00e4t. Erl\u00e4uterung: \u00bbKurze Pause zwischen zwei Bizepss\u00e4tzen. Eine der Aufnahmen aus meinem 2014 erschienenen Buch \u203aErfolgsfaktoren im Kraftsport\u2039\u00ab. Der Hitler-Historiker Zitelmann ist, gut so, ein durchtrainierter Muskelprotz.<\/p>\n<p>Aber das ist sein Privatleben, mit dem er uns verschonen sollte. Politisch brannte und brennt er zuverl\u00e4ssiger. Die\u00a0<em>NZZ<\/em>-Homestory bei Zitelmann hebt denn auch ganz politisch an: \u00bb\u203aLasst den Zitelmann in Ruhe.\u2039 Die Botschaft, die Springer-Vorstandschef J\u00fcrgen Richter \u00fcber den Telefonh\u00f6rer vernahm, war unmissverst\u00e4ndlich. Medienunternehmer Leo Kirch, ein Gro\u00dfaktion\u00e4r des Konzerns und enger Freund von Bundeskanzler Helmut Kohl, wollte nicht, dass der als rechtskonservativ geltende\u00a0<em>Welt<\/em>-Redaktor Rainer Zitelmann seinen Posten r\u00e4ume. Er habe Peter Gauweiler von seinem schwierigen Stand in der Redaktion erz\u00e4hlt, sagt Zitelmann. Daraufhin sei der CSU-Politiker umgehend bei Kirch in der Sache vorstellig geworden. Mit dem Ergebnis, dass der 1957 in Frankfurt am Main in eine evangelische Pfarrersfamilie hineingeborene Journalist weitermachen konnte.\u00ab<\/p>\n<p>Das war Anfang der 90er Jahre in Berlin. \u00bbDie Medien haben das bisher nicht aufgegriffen\u00ab, klagt der Hineingeborene der\u00a0<em>Neuen Z\u00fcrcher<\/em>, die den rettenden Eingriff von ganz oben auf Seite 115 seines oben erw\u00e4hnten Bekenntnisbuches gefunden haben muss. Na dann greifen wir mal. Aber nicht zum Buch, das Zitelmanns Wirken bei Springer verst\u00e4ndlicherweise sch\u00f6nschreibt, sondern zu einem Papier, das von einer Arbeitsgruppe 2 des \u00bbInstituts f\u00fcr Staatspolitik\u00ab (IfS) auf dem Rittergut in Schnellroda aus dem Jahr 2003 stammt. Dort hat auch der einflussreiche Rechtsau\u00dfenverlag Antaios seinen Sitz. Und dort werden Taktik und Strategie der Neuen Rechten ausgearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Faschismus hat Zukunft<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gibt in Deutschland eine \u00bbNeue Rechte\u00ab. Das stellt das IfS fest: \u00bbSie ist kein homogener Block, ihr Binnenpluralismus kennt Str\u00f6mungen, die sich bis zur Unvereinbarkeit voneinander unterscheiden. Auch ist die Selbstbezeichnung als \u203aNeue Rechte\u2039 nicht weit verbreitet. \u203aDer Rechte \u2013 in der Richte: ein Au\u00dfenseiter\u2039, schrieb Botho Strau\u00df im \u203aAnschwellenden Bocksgesang\u2039, jenem Essay, der Anfang 1993 im\u00a0<em>Spiegel<\/em>\u00a0erschien und zum Manifest f\u00fcr einen bestimmten Typus junger Leute wurde, die auf der Suche nach ihrem politischen Ort waren. Anfang und Mitte der neunziger Jahre sahen machtvolle Versuche dieser jungen Leute, politischen und kulturellen Einfluss zu erlangen. Fast schon verkl\u00e4rt erscheint der Versuch einer Gruppe um den Historiker Rainer Zitelmann, mit dem Projekt einer \u203aNeuen Demokratischen Rechten\u2039, Mehrheiten in der Zeitung\u00a0<em>Die Welt<\/em>\u00a0und im Ullstein-Verlag zu ver\u00e4ndern und dadurch erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung zu erlangen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Linke habe damals einen \u00bbMachtverlust\u00ab erlitten: \u00bbDie Rehabilitierung des nationalen Arguments und das Scheitern des Sozialismus als gesellschaftlicher Alternative l\u00f6sten eine Depression aus, von der aber merkw\u00fcrdiger Weise auch die Mitte befallen wurde, die eben noch als Siegerin der Geschichte auftrat.\u00ab<\/p>\n<p>Erfreut zitiert das IfS-Papier die Bef\u00fcrchtung des US-Soziologen Allan Bloom. \u00bbDer Faschismus wurde zwar auf dem Schlachtfeld besiegt, aber seine dunklen M\u00f6glichkeiten wurden nicht bis zum Ende ausgesch\u00f6pft. Sucht man nach einer Alternative, dann bleibt keine andere M\u00f6glichkeit, die man ins Auge fassen k\u00f6nnte. Wir sind der Auffassung, dass der Faschismus Zukunft hat, wenn er nicht gar die Zukunft ist.\u00ab<\/p>\n<p>Das Papier stellt fest: \u00bbDie gedr\u00fcckte Stimmung, die sich damals in tonangebenden Kreisen verbreitete, erkl\u00e4rt viel von der eminenten Wirkung, die Botho Strau\u00df mit seinem zuerst am 8. Februar 1993 im\u00a0<em>Spiegel<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichten Essay \u203aAnschwellender Bocksgesang\u2039 haben sollte. Strau\u00df, von dem man schon l\u00e4nger wissen konnte, dass ihn seine elit\u00e4re Sicht der Dinge nicht nur auf das Repertoire der traditionellen deutschen Kulturkritik zur\u00fcckverwiesen hatte, sondern notwendig nach \u203arechts\u2039 trieb, ver\u00f6ffentlichte mit dem Bocksgesang einen Text, der gerade von au\u00dfen als Manifest einer \u203aNeuen Rechten\u2039 betrachtet wurde. Allerdings konnte von hier keine unmittelbare politische Wirkung erwartet werden, weshalb umgehend ein Zusammenhang konstruiert wurde zwischen der Ver\u00f6ffentlichung des \u203aBocksgesangs\u2039 und \u203a\u2026 einigen jungen M\u00e4nnern um Rainer Zitelmann\u2039 (Heinz Bude).\u00ab<\/p>\n<p>Der wichtigste dieser jungen M\u00e4nner um Zitelmann ist der nunmehrige Besitzer von Institut und Verlag in Schnellroda G\u00f6tz Kubitschek, der sich inzwischen zum ideologischen F\u00fchrer der Neuen Rechten einschlie\u00dflich AfD und Pegida herausgemendelt hat. Mit welchen, mit wessen Mitteln Zitelmanns junger Mann das aufwendig restaurierte Rittergut erwerben konnte, ist unbekannt, jedenfalls ist es derzeit die zentrale Schulungsst\u00e4tte von allem, was heute erfolgreich rechtsau\u00dfen ist.<\/p>\n<p>Das IfS-Papier: \u00bbIm Fall Zitelmanns spielte eine Rolle, dass er urspr\u00fcnglich politisch auf der Linken beheimatet war und bis zum Ende der achtziger Jahre eigentlich nur dadurch vom Mainstream abweichende politische Auffassungen anzeigte, dass er zu einer heterodoxen Interpretation des Nationalsozialismus neigte und mehr oder weniger offen f\u00fcr die Wiedervereinigung Partei nahm. Das \u00e4nderte sich mit seinem Entschluss, die wissenschaftliche Laufbahn aufzugeben und im Fr\u00fchjahr 1992 eine Stelle als Cheflektor des Ullstein-Verlags anzutreten. Dieses einflussreiche Haus war bis dahin nicht durch eine prononciert \u203arechte\u2039 oder konservative Linie hervorgetreten, was sich unter der \u00c4gide Zitelmann \u00e4nderte, der mit dem R\u00fcckhalt des an Ullstein beteiligten M\u00fcnchener Verlegers Herbert Fleissner agieren konnte. Durch eine ganze Reihe von Titeln \u2013 Monographien und Sammelb\u00e4nden \u2013 versuchte Zitelmann ein neuartiges Programm zu gestalten, ausgerichtet auf einen moderaten Revisionismus in der Zeitgeschichtsforschung, St\u00e4rkung des deutschen Nationalbewusstseins und des politischen Realismus. Mit Hilfe der Reihe \u203aUllstein-Report\u2039 sollte au\u00dferdem auf tagesaktuelle Themen Bezug genommen werden, wobei der Versuch eine gro\u00dfe Rolle spielte, eine \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber die notwendige Bew\u00e4ltigung der DDR-Vergangenheit zu erzwingen. Was dem ganzen aber erst seine Wirkung verlieh, war Zitelmanns Neigung zum gezielten Regelversto\u00df, seine F\u00e4higkeit, die Linke regelm\u00e4\u00dfig und gekonnt zu provozieren.\u00ab<\/p>\n<p>Unter dem Label \u00bbNeue Demokratische Rechte\u00ab suchte er, so das Papier, \u00bbeinen Fokus f\u00fcr alle diejenigen zu schaffen, die innerhalb des Verfassungsbogens danach strebten, eine politische Alternative rechts der Mitte zu bestimmen und den Einfluss der \u203aIdeen von \u201968\u2039 durch den der \u203aIdeen von \u201989\u2039 zu verdr\u00e4ngen. Er fand mit dieser Forderung nicht nur Zustimmung in Teilen der Union und bei den Konservativen, sondern auch in der FDP.\u00ab Damals durfte man glauben, in der kleinsten b\u00fcrgerlichen Partei den geringsten Widerstand zu finden, falls man nur entschlossen genug auftrat. Aber, so bedauert das IfS-Papier: \u00bbTats\u00e4chlich irritierten die \u203aNationalliberalen\u2039 um Zitelmann und den ehemaligen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl \u00d6ffentlichkeit und FDP-F\u00fchrung nachhaltig, konnten aber auch auf dem begrenzten Berliner Raum, dessen \u00dcbernahme sie planten, keinen dauernden Erfolg erzielen. Dieser R\u00fcckschlag war nur einer unter mehreren f\u00fcr die Gruppe um Zitelmann, der 1993 Ullstein verlie\u00df, um als Leiter des Ressorts \u203aGeistige Welt\u2039 in die Redaktion der\u00a0<em>Welt<\/em>\u00a0einzutreten.\u00ab<\/p>\n<p>Zitelmann gab nicht auf. \u00bbZusammen mit zwei anderen Mitarbeitern, Heimo Schwilk und Ulrich Schacht, unternahm er jetzt den Versuch, das Blatt zu einer neuen politischen Ausrichtung zu bringen. Dieses Bem\u00fchen scheiterte an verschiedenen Faktoren, unter denen der interne Widerstand von Mitarbeitern der\u00a0<em>Welt<\/em>\u00a0der wichtigste gewesen sein d\u00fcrfte. Sie reagierten zunehmend gereizt auf die Aktivit\u00e4ten Zitelmanns, die ihren Kulminationspunkt in einer gro\u00dfen Kampagne unter dem Motto \u203aGegen das Vergessen\u2039 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, dem 9. Mai 1995, erreichten.\u00ab<\/p>\n<p>Eine Gro\u00dfkundgebung in M\u00fcnchen mit dem CDU-Stahlhelm Alfred Dregger musste Zitelmann absagen, nachdem Helmut Kohl seinen Parteifreund zur\u00fcckgepfiffen hatte. Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte die Unterzeichner des Aufrufs richtig eingesch\u00e4tzt: \u00bbEwiggestrige, die am liebsten alles, was zwischen \u201933 und \u201945 passiert ist, fortsetzen w\u00fcrden \u2013 vielleicht in einer gem\u00e4\u00dfigteren Form, ohne gleich V\u00f6lkermord zu betreiben.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Durch den Teebeutel gezogen<\/strong><\/p>\n<p>Zitelmann f\u00fchlt sich missverstanden. Er habe sich nie als Teil des rechtskonservativen Milieus empfunden, kl\u00e4rt er heute in seinem Heim am Kurf\u00fcrstendamm den Besucher von der\u00a0<em>Neuen Z\u00fcrcher<\/em>\u00a0auf. Der beobachtet, wie der Million\u00e4r \u00bbhei\u00dfes Wasser in zwei Becher gie\u00dft. Es gibt Ingwertee \u2013 aus dem Beutel\u00ab.<\/p>\n<p>Die Autoren des IfS-Papiers jedenfalls bedauern die Absage der Kundgebung: \u00bbDass die von Anh\u00e4ngern wie Gegnern Zitelmanns mit au\u00dferordentlichen Erwartungen verkn\u00fcpfte Veranstaltung zum 8. Mai nach dem R\u00fcckzug des Hauptredners Alfred Dregger nicht stattfinden konnte, hat der ganzen Bewegung entscheidendes von ihrem Elan genommen und der Gegenseite den Mut eingefl\u00f6\u00dft, ihren unerwartet gro\u00dfen Erfolg zu nutzen. Eine wichtige Rolle spielten au\u00dferdem die Ver\u00e4nderungen im wirtschaftlichen Gef\u00fcge des Springer-Konzerns, aus dem Fleissner ausschied\u00ab.<\/p>\n<p>Zitelmanns Scheitern bei seinem Bestreben, einen \u00bbNormalisierungsnationalismus\u00ab zu etablieren, f\u00fchrten \u2013 nach einem weiteren Papier des rechten Thinktanks in Schnellroda vom Juni 2014 \u2013 \u00bbzu einem taktischen R\u00fcckzug, aber nicht aus dem politischen Gesch\u00e4ft \u00fcberhaupt\u00ab. Im Gegenteil: \u00bbDie Gr\u00fcndung des Instituts f\u00fcr Staatspolitik etwa erfolgte mit dem Zweck, die politische Lage aus konservativer Perspektive zu analysieren und Handlungsoptionen auszuloten. Das Ziel war dabei alles andere als rechte Lagerfeuerromantik, sondern der \u203akalte Blick von rechts\u2039 (Marc Felix Serrao) und die Suche nach realistischen Wirkm\u00f6glichkeiten. Diese haben sich in j\u00fcngster Zeit\u00ab \u2013 das war 2014, als AfD und Pegida noch in den Kinderschuhen steckten \u2013 \u00bbunbestreitbar erweitert, da die politische Lage in Bewegung gekommen ist. Das hat die denkbaren Handlungsoptionen drastisch vermehrt, und die Frage nach den richtigen Konsequenzen ist ebenso unsicher wie die Frage der angemessenen Lageanalyse \u00fcberhaupt. Angesichts der nun schon seit einigen Jahren laufenden Debatte \u00fcber \u203aPostdemokratie\u2039 und auch angesichts des Erfolgs von Politserien wie \u203aBorgen\u2039 und vor allem \u203aHouse of Cards\u2039, die man als Ank\u00fcndiger eines neuen Zynismus verstehen k\u00f6nnte, w\u00e4re es auf den ersten Blick durchaus denkbar, den bisher insbesondere vom IfS verfolgten demokratisch-rechten und \u203avolkskonservativen\u2039 Weg zu verlassen und eine rechte Alternative zur Demokratie zu entwerfen.\u00ab<\/p>\n<p>Aber soweit \u2013 bei der Alternative zur Demokratie \u2013 sind wir noch nicht. Einstweilen gilt: \u00bbIn dieser Situation wird niemand mit Aussicht auf Erfolg eine rechte Gegenelite aufbauen k\u00f6nnen. Die einzig realistische Alternative best\u00fcnde dagegen in der Erkenntnis, dass, wenn \u00fcberhaupt, dann in der St\u00e4rkung des Mehrheitsprinzips noch Widerstandsreserven gegen die massiven staatlichen Selbstzerst\u00f6rungstendenzen zu finden sind.\u00ab Dazu empfehle sich nicht nur \u00bbeine eindeutige Parteinahme f\u00fcr die Demokratie\u00ab \u2013 der v\u00f6lkischen nach Art der AfD. Auch eine \u00bbMobilisierung der \u203aMitte\u2039, im Namen des gesunden Menschenverstandes\u00ab, sei heute m\u00f6glich. Das Papier n\u00fcchtern: \u00bbSo viel metapolitische Klugheit, so viel Realismus sollte schon sein.\u00ab<\/p>\n<p>Und Realismus, den zeigt man auf dem Rittergut. Die AfD-Hundertschaft im Bundestag lie\u00df G\u00f6tz Kubitschek noch am Wahlabend im Blog der Zeitschrift aufatmen: \u00bbAuch f\u00fcr uns bricht eine andere Zeit an: erneute Resonanzraumerweiterung; berufliche Auffangnetze f\u00fcr manchen, der sich vorwagte und keine der 200 Genderprofessuren abgreifen konnte \u2013 daf\u00fcr jetzt aber den Posten eines Beraters, eines B\u00fcroleiters, eines wissenschaftlichen Mitarbeiters angeboten bekommt. Man wird Texter, Computerspezialisten, Filmleute, Sicherheitspersonal, Experten ben\u00f6tigen, es wird sehr viele sehr gut bezahlte Stellen geben, und mancher wird sein Leben als Lehrstuhlhure mit prek\u00e4rem Vier-Jahres-Vertrag aufgeben und in gesittete geistige Verh\u00e4ltnisse wechseln k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Der kalte Blick von rechts<\/strong><\/p>\n<p>Rainer Zitelmann kennt die Urfassung dieses Realismus. Sie steht auf Seite 133 von \u00bbMein Leben\u00ab: \u00bbIch bin sicher, Peter Gauweiler wusste gar nicht, was er in mir ausl\u00f6ste, als er den Satz sagte: \u203aQuerk\u00f6pfe so wie Sie und ich m\u00fcssen ordentlich Geld verdienen, um frei unsere Meinung vertreten zu k\u00f6nnen.\u2039\u00ab Zitelmann: \u00bbDu musst also reich werden, dann bist du frei und unabh\u00e4ngig.\u00ab Er gab seinen Kampf f\u00fcr die nationale Sache bei Springer auf, erwarb in Ost und West damals noch billige Immobilien und wurde so Multimillion\u00e4r.<\/p>\n<p>Soweit der Exkurs aus dem Besuch der\u00a0<em>Neuen Z\u00fcrcher<\/em>\u00a0in dessen Wohnung am Kurf\u00fcrstendamm. Und so spricht man \u2013 vorerst \u2013 miteinander, serviert den Leuten von links, zu denen selbstverst\u00e4ndlich sogar die Journalisten der Schweizer Tageszeitung geh\u00f6ren, mit dem kalten Blick von rechts solange Ingwertee aus dem Beutel bis \u2013 und das kann schon bald sein \u2013 die rechte Alternative zur Demokratie verwirklicht werden kann.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich in die Politik einsteigen, das wird Rainer Zitelmann kaum wieder tun. Dazu ist er heute zu reich. Aber ein bisschen Idealismus ist sicherlich geblieben. Im\u00a0<em>European,<\/em>\u00a0dem Meinungsmagazin des exgr\u00fcnen CDU-Manns Oswald Metzger, greift er heftig in die Berliner Debatten, besonders zur \u00bbFl\u00fcchtlingskrise\u00ab, ein. Ob er dar\u00fcber hinaus auch als M\u00e4zen dienstbar ist, l\u00e4sst sich nicht beweisen. Das f\u00fcr die nationale Bewegung unentbehrliche Verlags- und Schulungsrittergut seines alten Freundes G\u00f6tz Kubitschek ist jedenfalls gut ausgestattet.<\/p>\n<p>Der Multimillion\u00e4r, der es sich f\u00fcr den Dialog mit dem Mann von der\u00a0<em>Z\u00fcrcher<\/em>\u00a0in \u00bbBluejeans, verwaschenem Polohemd und Socken auf seinem Wohnzimmersofa gem\u00fctlich gemacht\u00ab hatte, geleitet am Ende des fruchtbaren Gespr\u00e4chs den Journalisten im Fahrstuhl nach unten: \u00bbEr bereite ein Forschungsprojekt vor, sagt er, als er mir zum Abschied im Hausflur die Hand reicht. Das Thema: Die Diskriminierung einer wenig beleuchteten Minderheit. Der Reichen. Er kann das Provozieren nicht lassen.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser Schelm. Aber Hauptsache, wir haben miteinander gesprochen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326491.lasst-den-zitelmann-in-ruhe.html\">jungewelt.de&#8230;<\/a> vom 1. Februar 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Otto K\u00f6hler. Der Berichterstatter der\u00a0Neuen Z\u00fcrcher Zeitung\u00a0(NZZ)\u00a0steht vor dem Eingang eines gutb\u00fcrgerlichen Hauses am Westberliner Kurf\u00fcrstendamm. Er wei\u00df, wieso es sich lohnt, mit der Neuen Rechten zu reden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[23,39,34,45,76],"class_list":["post-3084","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-buecher","tag-deutschland","tag-faschismus","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3084"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3084\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3138,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3084\/revisions\/3138"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}