{"id":3117,"date":"2018-02-14T09:04:11","date_gmt":"2018-02-14T07:04:11","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3117"},"modified":"2018-02-14T09:04:11","modified_gmt":"2018-02-14T07:04:11","slug":"tarifabschluss-ig-metall-2018-mehr-freiheiten-fuer-das-kapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3117","title":{"rendered":"Tarifabschluss IG-Metall 2018: Mehr Freiheiten f\u00fcr das Kapital"},"content":{"rendered":"<p>Jakob Sch\u00e4fer. Was wurde vereinbart? F\u00fcr die Monate Januar bis M\u00e4rz gibt es eine\u00a0<em>Einmalzahlung<\/em>\u00a0von 100 Euro, was weniger als 1% des Durchschnittsentgelts ausmacht. Am 1. April werden<!--more--> die Entgelte um 4,3 Prozent erh\u00f6ht. Sp\u00e4testens im Juli 2019 ist ein tarifliches \u201eZusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatsentgelts\u201c f\u00e4llig. Hinzu kommt ein Festbetrag von 400 Euro. Dieser wird 2020 \u201etabellenwirksam und flie\u00dft in das Volumen des tariflichen Zusatzgelds ein\u201c. Dies muss dann logischerweise ab 2020 zu einer \u00c4nderung der Entgeltschl\u00fcssel f\u00fchren, was zu einer\u00a0<em>etwas<\/em>\u00a0st\u00e4rkeren Anhebung der unteren Entgeltgruppen f\u00fchrt. Ein kleines Bonbon.<\/p>\n<p>Aber beim Festbetrag von 400 Euro ist schon der erste Haken: Bei \u201eschlechter Wirtschaftslage\u201c des Unternehmens kann \u2012 mit Zustimmung der IGM \u2012 die Auszahlung verschoben, gek\u00fcrzt oder gar ganz gestrichen werden. In der Vergangenheit haben wir bei Lohnerh\u00f6hungen wie auch bei der Arbeitszeit schon unz\u00e4hlige solcher Zugest\u00e4ndnisse seitens der IGM erlebt, gr\u00f6\u00dftenteils basierend auf dem \u201ePforzheimer Abkommen\u201c von 2004.<\/p>\n<p>Aber beim Festbetrag von 400 Euro gibt es schon den ersten Haken.<\/p>\n<p>Im positivsten Fall kommen wir damit (f\u00fcr das Durchschnittsentgelt in der Metall- und Elektroindustrie, das sind heute 3418 \u20ac) in diesem Jahr auf eine Entgelterh\u00f6hung von knapp 3,7 % und 2019 auf etwas \u00fcber 3% (etwa 3,6\u00a0%, wenn die 400 Euro voll gezahlt werden). Auf die Gesamtdauer von 27 Monaten bezogen (wir k\u00f6nnen hier nicht mit der Westrick-Formel anwenden) kommen wir beim Durchschnittsentgelt auf eine \u2012 aufs Jahr umgerechnete \u2012 Entgelterh\u00f6hung von ca. 3,5%, bei den unteren Entgeltgruppen etwas mehr (aber nur, wenn die 400 Euro gezahlt werden). Bei einer prognostizierten Preissteigerungsrate von 2% deckt dies zwar die Teuerungsrate ab, nicht aber den Produktivit\u00e4tsfortschritt.<\/p>\n<p><strong>Arbeitszeitverk\u00fcrzung?<\/strong><\/p>\n<p>Im Mittelunkt vieler Kommentare steht die angebliche Arbeitszeitverk\u00fcrzung dieses Tarifvertrags. Faktisch aber wurde ein abscheulicher Kuhhandel betrieben, der dem Kapital mehr nutzt als den abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten. Es wurde n\u00e4mlich nur eine individuelle, zeitlich befristete\u00a0<em>reduzierte Vollzeit<\/em>\u00a0(auf bis zu 28 Stunden) mit R\u00fcckkehrrecht auf die 35 Stunden ausgehandelt. Erkauft wurde dies mit der M\u00f6glichkeit der Unternehmer, noch mehr als bisher Arbeitsvertr\u00e4ge mit 40 Stunden abzuschlie\u00dfen. Nun k\u00f6nnen \u00fcber die bisherigen 13\u00a0% (in BaW\u00fc 18%) hinaus Vertr\u00e4ge mit 40 Stunden abgeschlossen werden, und zwar bis auf 30 % per Betriebsvereinbarung, wenn ein Fachkr\u00e4ftemangel nachgewiesen werden kann, und auf 50 Prozent (\u201eStrukturquote\u201c) f\u00fcr Technologiebetriebe per Betriebsvereinbarung, wenn im Betrieb mind. 50 Prozent der Besch\u00e4ftigten in der (auf BaW\u00fc bezogenen) Entgeltgruppe 12 (bisher EG14) oder h\u00f6her eingestuft sind. Das Widerspruchsrecht des Betriebsrates greift bei allen drei Quoten, bei der 13\/18-Prozent-Quote aber erst, wenn diese um vier Prozentpunkte \u00fcberschritten ist.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es k\u00fcnftig die M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Betriebe, statt einer Quotenregelung auf ein Modell eines \u201ekollektiven betrieblichen Arbeitszeitvolumens\u201c zu wechseln; die Festlegung dieses kollektiven Volumens auf durchschnittlich 35,9 Stunden pro Woche ergibt sich aus 18 Prozent 40-St\u00fcnder und 82 Prozent 35-St\u00fcnder. Jeder Teilzeitbesch\u00e4ftigte er\u00f6ffnet mit diesem Modell die M\u00f6glichkeit f\u00fcr zus\u00e4tzliche 40-Stunden-Vertr\u00e4ge. So erm\u00f6glicht ein Teilzeiter mit 20 Stunden (15 Stunden weniger) 3 zus\u00e4tzliche 40-St\u00fcnder (3 x 5 Stunden mehr.<\/p>\n<p>Und um das Ma\u00df voll zu machen, gibt es k\u00fcnftig die M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Betriebe, im Einvernehmen mit dem Betriebsrat aus Zeitkonten bis zu 50 Stunden pro Jahr per Auszahlung auszubuchen (entspricht rechnerisch einer Arbeitszeitverl\u00e4ngerung von mehr als einer Stunde pro Woche). Auch dies ein Instrument, die Nichteinhaltung der 35-Stundenwoche zu legalisieren.<\/p>\n<p><strong>Zur Bewertung des Gesamtergebnisses<\/strong><\/p>\n<p><strong>Verkomplizierung\u00a0<\/strong>Dieses Mal wurde in extremer Form die seit Jahren existierende Verkomplizierung von Tarifvertr\u00e4gen auf die Spitze getrieben. Auf diese Weise blicken die Kolleg*innen gar nicht mehr durch, welche Bestimmungen f\u00fcr sie zutreffen oder auf welche Anspr\u00fcche aus dem Tarifvertrag sie sich st\u00fctzen k\u00f6nnen. Auch viele Betriebsr\u00e4te in Mittel- und Kleinbetrieben sind mit den Regelungsm\u00f6glichkeiten und Regelungsanforderungen des Tarifvertrags schnell \u00fcberfordert. Noch schlimmer ist es in den vielen Betrieben, die keinen Betriebsrat haben. Dort hat der Chef, selbst wenn das Unternehmen tarifgebunden ist, mit diesem komplizierten Vertragswerk quasi Narrenfreiheit.<\/p>\n<p><strong>Differenzierung<\/strong>\u00a0Mit den neuen Arbeitszeitregelungen, den unterschiedlichen Quoten, die genutzt oder auch \u00fcberschritten werden d\u00fcrfen, dem Volumenmodell, dem \u201e\u00dcberlastungsschutz\u201c f\u00fcr die Betriebe, den unterschiedlichen Auswirkungen bei IRWAZ usw. haben die Unternehmer eine ideale Klaviatur, um die Differenzierung zwischen den Besch\u00e4ftigtengruppen noch weiter voranzutreiben. V\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon, dass die Betriebsr\u00e4te jetzt einen noch gr\u00f6\u00dferen Aufwand haben, wenn sie die Einhaltung des Tarifvertrags \u00fcberpr\u00fcfen wollen: Wie soll zweifelsfrei gekl\u00e4rt werden, ob nach dem neuen Manteltarifvertrag (in BW \u00a7 7.1.6) ein \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c besteht, der die \u00dcberschreitung der Quote f\u00fcr 40-S\u00fcnder rechtfertigt, oder etwa: Was sind denn nun \u201eTechnologiebetriebe\u201c? Wer grenzt das ab? Nach welchen objektiven Kriterien wird definiert, was eine \u201eSchl\u00fcsselqualifikation\u201c ist, bei der die Unternehmensleitung eine Reduzierung der Vollarbeitszeit ablehnen kann?<br \/>\nMehr noch als bisher wird Regelungsbedarf in die Betriebe verlagert, was nicht nur den Fl\u00e4chentarifvertrag immer mehr durchl\u00f6chert, sondern auch die Betriebsr\u00e4te zwangsl\u00e4ufig \u00fcberfordert. Schlie\u00dflich fehlt ihnen nicht nur in vielen F\u00e4llen die fachliche Kompetenz, sie sitzen vor allem aus strukturellen Gr\u00fcnden am k\u00fcrzeren Hebel (k\u00f6nnen nicht zum Streik aufrufen usw.).<\/p>\n<p><strong>Durchl\u00f6cherung kollektiver Regelungen<\/strong>\u00a0Im Gegensatz zu den Verlautbarungen in der b\u00fcrgerlichen Presse enth\u00e4lt dieser Tarifabschluss gerade keine Arbeitszeitverk\u00fcrzung. Dort, wo einzelne Kolleg*innen ihre Arbeitszeit individuell verk\u00fcrzen, kann der Unternehmer im selben Ausma\u00df andere Kolleg*innen l\u00e4nger arbeiten lassen. Bisher schon wurde die 13%-(resp.18%)-Regelung exzessiv genutzt und nicht selten \u00fcberschritten. Und Opfer, die den W\u00fcnschen des Chefs nicht zu widersprechen trauen, findet er immer. So wird die Tendenz zur Auff\u00e4cherung der Arbeitszeiten fortgesetzt.<br \/>\nDen geforderten Lohnausgleich f\u00fcr die Kolleg*innen, die in reduzierte Vollzeit gehen, gibt es nur f\u00fcr eine kleine Personengruppe, n\u00e4mlich nur f\u00fcr diejenigen, die f\u00fcr Kinderbetreuung oder h\u00e4usliche Pflege ihre Arbeitszeit befristet auf 28 Stunden reduzieren, aber auch das nur in hom\u00f6opathischer Dosierung: 2 von 8 Tagen, die sie im Jahr daf\u00fcr freinehmen k\u00f6nnen, werden ihnen bezahlt. Damit hat die IGM per Tarifvertrag die Forderung nach vollem Lohnausgleich aufgegeben, was sich schon bei der Aufstellung der extrem bescheidenen Forderung abgezeichnet hatte.<\/p>\n<p><strong>Eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung der Belegschaften findet also unter dem Strich gerade nicht statt.<\/strong>\u00a0Die Zeiten werden nur anders verteilt und die bisherigen illegalen \u00dcberschreitungen der Quoten werden legalisiert und es wird die T\u00fcr zu weiteren \u00dcberschreitungen wie ein Scheunentor ge\u00f6ffnet. Nicht zu Unrecht sagt der Verhandlungsf\u00fchrer f\u00fcr S\u00fcdwest-Metall, Stefan Wolf: \u201eWir haben sehr viel bekommen, n\u00e4mlich sehr viel \u00d6ffnung bei den Arbeitszeiten nach oben.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was bleibt?<\/strong><\/p>\n<p>Der einzige kleine Lichtblick dieser Tarifrunde liegt darin, dass mit der Umsetzung der Tagesstreiks viele Kolleg*innen (allein in BaW\u00fc \u00fcber 190\u00a0000) zum ersten Mal so etwas wie eine kleine\u00a0<em>Tarifkampf<\/em>erfahrung machen konnten. Bei den niedrigen Streikzahlen in Deutschland ist diese bescheidene Positivmeldung schon erw\u00e4hnenswert, auch wenn die Gewerkschaftsbasis wieder mal von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen wurde.<\/p>\n<p>Insgesamt wiegen dagegen die M\u00e4ngel recht schwer. Vor allem ist in der Laufzeit von 27 Monaten die T\u00fcr f\u00fcr einen Kampf um eine tats\u00e4chliche Arbeitszeitverk\u00fcrzung geschlossen. Die Auff\u00e4cherung der Belegschaften in verschiedenste Besch\u00e4ftigtengruppen (mit vielen unterschiedlichen Arbeitszeiten) f\u00f6rdert nicht gerade das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. F\u00fcr eine Umkehr in der Tarifpolitik (nicht nur der IG Metall) haben wir noch dicke Bretter zu bohren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/intersoz.org\/mehr-freiheiten-fuer-das-kapital\/\">intersoz.org&#8230;<\/a> vom 14. Februar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakob Sch\u00e4fer. Was wurde vereinbart? F\u00fcr die Monate Januar bis M\u00e4rz gibt es eine\u00a0Einmalzahlung\u00a0von 100 Euro, was weniger als 1% des Durchschnittsentgelts ausmacht. Am 1. April werden<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,87,39,26,45,22],"class_list":["post-3117","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-politische-oekonomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3117"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3118,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3117\/revisions\/3118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}