{"id":3119,"date":"2018-02-14T10:49:49","date_gmt":"2018-02-14T08:49:49","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3119"},"modified":"2018-02-14T10:49:49","modified_gmt":"2018-02-14T08:49:49","slug":"auseinandersetzung-mit-einigen-vorurteilen-ueber-die-proteste-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3119","title":{"rendered":"Auseinandersetzung mit einigen Vorurteilen \u00fcber die Proteste im Iran"},"content":{"rendered":"<p><em>AK Internationalismus.<\/em> Seit ca. 40 Jahren sind die im Iran lebenden Menschen t\u00e4glich konfrontiert mit Grausamkeit und enormer Unterdr\u00fcckung. Ihre Lebensrealit\u00e4t ist gef\u00fcllt mit menschenverachtenden Erlebnissen.<!--more--> Das westliche Bild und die Lesart der Situation und politischen Lage im Iran wird hierzulande \u2013 nicht zuletzt auch unter Aktivistinnen und Aktivisten \u2013 gepr\u00e4gt von den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen des Irans mit dem Westen, Propaganda, Lobbyismus, den bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und der Rolle und dem Einfluss der Medien \u2013 auch auf die hiesige Berichterstattung. Denn in einer global zu verstehenden politischen Auseinandersetzung, die gepr\u00e4gt ist von \u00dcber- und Unterordnung, schaffen diese Verh\u00e4ltnisse Privilegien, von denen vor allem die Menschen hier im Westen profitieren. Und genau aus diesem Grund haben wir kein Recht auf eine passive Haltung. Trotz der Gefahr, Hoheitspositionen einzub\u00fc\u00dfen, ist es unsere Pflicht die politische Lage ernstzunehmen, zu kritisieren, zu politisieren und uns einzumischen. Die aktuelle Lage im Iran hat uns alle in den letzten Tagen mit Bildern und Parolen konfrontiert, die bei Ihnen viele Fragen aufwerfen. Wir Betroffene haben geeignete Antworten und Erkl\u00e4rungen auf diese, zum Teil verwirrenden Fragen.<\/p>\n<p><strong>Erstens<\/strong>\u00a0zweifeln wir Betroffenen nicht daran, dass die Rolle des Irans nicht nur eine wichtige St\u00fctze f\u00fcr den Imperialismus sowie postkoloniale und kapitalistische Interessen darstellt, sondern sie selbst ein Teil dieser imperialistischen Verh\u00e4ltnisse ist. Der Iran hat in diesem globalen Spiel die Rolle des Schurken zugeschrieben bekommen und diese gerne angenommen. Diese Rollenzuschreibung und die Maske des B\u00f6sen sorgen nicht zuletzt daf\u00fcr, dass aktuell Milliardengesch\u00e4fte der Milit\u00e4rindustrie zwischen Amerika, Israel, Russland, China und Europa m\u00f6glich werden. G\u00e4be es diese Rollenzuschreibungen und Annahmen nicht, w\u00e4ren diese Milliardengesch\u00e4fte nicht zu rechtfertigen. Was glauben Sie? Wie h\u00e4tte Saudi Arabien das R\u00fcstungsabkommen \u00fcber mehrere Milliarden Dollar mit verschiedenen L\u00e4ndern rechtfertigen k\u00f6nnen, wenn der Iran nicht als Gefahr in diesem Spiel dargestellt worden w\u00e4re und diese Rolle nicht aktiv \u00fcbernommen h\u00e4tte? Die Rolle des B\u00f6sen und die Argumentation mit Gefahr waren und sind wichtige Instrumente f\u00fcr diese wirtschaftlichen und politischen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Aber auch die imperialistische Rolle des Irans ist nicht zu untersch\u00e4tzen und sollte kritisch miterw\u00e4hnt werden. Zusammen mit Saudi Arabien, Katar und der T\u00fcrkei ist der Iran mitverantwortlich f\u00fcr den Krieg in Syrien. Ein Krieg, der Millionen Menschen in Leid getrieben, get\u00f6tet und Familien auseinandergerissen hat. Ein Krieg, der Menschen gezwungen hat aus ihrer Heimat fliehen zu m\u00fcssen. Die Revolution, die zun\u00e4chst vom Volk ausgel\u00f6st und erw\u00fcnscht war, wurde durch diese Interventionen zunichte gemacht. Im Gegensatz zu vielen Menschen hier in Europa hat die betroffene Bev\u00f6lkerung im Iran die imperialistische Rolle des Irans zu erkennen, verstehen und sp\u00fcren gelernt. Aus diesem Grund gehen seit Tagen Menschen auf die Stra\u00dfe. Sie gehen auf die Stra\u00dfe und riskieren ihr Leben, indem sie Parolen wie \u201elass die Finger von Syrien\u201c rufen, denn es lebe der Antiimperialismus. Sie w\u00fcnschen sich eine tats\u00e4chliche antiimperialistische Politik in Teheran, Kermanscha, Ahwaz, Khoramabad, Zanjan, Zahedan usw.<\/p>\n<p><strong>Zweitens<\/strong>: die Aufst\u00e4nde im Iran werden durch eine weitere Parole begleitet: \u201eNicht Gaza und nicht Libanon \u2013 mein Leben f\u00fcr den Iran\u201c. Neben dem Wunsch nach einer tats\u00e4chlich antiimperialistischen Politik existiert diese zweite, reaktion\u00e4re und nationalistische Parole. Diese nationalistische Parole bekam in allen Medien in den letzten Tagen eine zentrale Rolle zugeschrieben. Die iranische Regierung bezeichnete diese Menschen als pro israelisch und versuchte durch diese Bezeichnung die gesamte Bewegung in den letzten Tagen auf diese Parole zu reduzieren, um die antiimperialistischen politischen Forderungen der Bev\u00f6lkerung zu diskreditieren. Die erste revolution\u00e4re Parole durch die zweite nationalistische Parole zu verschleiern und somit die aktuelle Bewegung auf den Stra\u00dfen des Irans als nicht unterst\u00fctzenswert zu bezeichnen und zu degradieren, ist eine Rhetorik, die auch hier im Westen von Teilen der Aktivistinnen und Aktivisten eingesetzt wird. Wir sind gegen jegliche Form von nationalistischen und reaktion\u00e4ren Parolen. Es w\u00e4re jedoch scheinheilig und gef\u00e4hrlich die erste Parole, die so lautstark gerufen wird, zu \u00fcberh\u00f6ren und diese Menschen nicht zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Drittens<\/strong>: Glauben Sie ernsthaft, dass die Menschen im Iran, die auf die Stra\u00dfe gehen und sich und ihr Leben f\u00fcr eine antiimperialistische und antikapitalistische Politik in Gefahr bringen, wirklich wollen, dass Amerika sich in diesen Aufstand milit\u00e4risch einmischt? Oder gar, dass diese Bewegung unter der amerikanischen F\u00fchrung stattfindet? Nein, denn alle Menschen die auf die Stra\u00dfe gehen \u2013 und das sind viele \u2013 und nach Brot, Arbeit und Freiheit rufen, m\u00f6chten durch ihren antikapitalistischen Willen und ihre Entschlossenheit sowohl Khamenei als auch Trump zum Zittern bringen.<\/p>\n<p><strong>Viertens<\/strong>: In den Medien zirkuliert vor allem in den letzten Tagen das Bild einer Frau, die als Symbol der Freiheit ihr Kopftuch zur Seite legt. Dieses Bild wird in Europa aufgegriffen und verst\u00e4rkt einen paternalistischen Diskurs und die damit einhergehenden bestehenden Machtverh\u00e4ltnisse. Die Bewegung wird dadurch auf den Islam rassifiziert und der Hijab wird als Argument f\u00fcr hiesige antimuslimische Rassismen eingesetzt. Nein, diese Bewegung richtet sich nicht gegen den Islam, obwohl viele Frauen den u.a. politisch erzwungenen Hijab loswerden wollen. Au\u00dferdem k\u00e4mpfen viele emanzipierte Frauen seit Tagen mit ihrem eigenen islamischen Glauben auf der Stra\u00dfe. Dieser Kampf gilt nicht dem Hijab, sondern dem freien Willen der Bev\u00f6lkerung, selbst entscheiden zu k\u00f6nnen, ob sie mit oder ohne Hijab auf die Stra\u00dfe gehen m\u00f6chte. Wir Iranerinnen und Iraner haben beide Zw\u00e4nge erlebt. Sowohl der Zwang zum Hijab als auch ohne. Daher k\u00e4mpfen wir daf\u00fcr, dass Frauen in unserem Land \u00fcber ihr K\u00f6rper und Leib selbstst\u00e4ndig und freiwillig entscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnftens<\/strong>. Unsere Position wird in Europa h\u00e4ufig als undurchschaubar bezeichnet. Das ist falsch, denn wir haben ganz klare Positionen. Unsere Position ist entschlossen, laut und stark: es lebe der Aufstand und die Unterst\u00fctzung von Marginalisierten und Unterdr\u00fcckten. F\u00fcr eine antiimperialistische und antikapitalistische Gesellschaft. Wir haben von der Geschichte gelernt und wissen, dass wir f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdige Politik auf keinen Fall mit Gro\u00dfm\u00e4chten, mit Nationalist*innen, mit Monarch*innen oder reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften Vertr\u00e4ge eingehen und\/oder uns von ihnen vertreten lassen d\u00fcrfen. Wir werden diese Bewegung unterst\u00fctzen, solange als erste Parole \u201eBrot, Arbeit und Freiheit\u201c zu h\u00f6ren ist. Wir werden uns jedoch f\u00fcr eine progressivere Revolutionsform einsetzen, wenn wir sp\u00fcren, dass sich diese Bewegung gegen die Arbeiter*innenklasse, ethnische und religi\u00f6se Minderheiten, Frauen und LGBTQ oder afghanische Migrant*innen richtet.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine transnationale Solidarit\u00e4t!<\/p>\n<p><strong><em>AK Internationalismus<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/freiesicht.org\/2018\/auseinandersetzung-mit-einigen-vorurteilen-ueber-die-proteste-im-iran\/\">freiesicht.org&#8230;<\/a> vom 14. Februar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AK Internationalismus. Seit ca. 40 Jahren sind die im Iran lebenden Menschen t\u00e4glich konfrontiert mit Grausamkeit und enormer Unterdr\u00fcckung. 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