{"id":3154,"date":"2018-02-22T09:50:49","date_gmt":"2018-02-22T07:50:49","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3154"},"modified":"2018-02-22T09:50:49","modified_gmt":"2018-02-22T07:50:49","slug":"25-jahre-armenspeisung-in-deutschland-das-geschaeft-mit-den-tafeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3154","title":{"rendered":"25 Jahre Armenspeisung in Deutschland \u2013 Das Gesch\u00e4ft mit den Tafeln"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00a0\u00a0Susan Bonath.<\/em> <strong>Am 22. Februar 1993 er\u00f6ffnete in Berlin die erste Tafel. Heute ist die Initiative zu einer bundesweit vernetzten privaten Armutsindustrie mutiert. Sie bildet einen eigenen Markt aus karitativer Ent- sowie<!--more--> Versorgung und sorgt daf\u00fcr, das Bed\u00fcrftige marginalisiert bleiben.<\/strong><\/p>\n<p>Ihr blauer Koffer rattert \u00fcber das Pflaster. Zielstrebig zieht Gisela F. (Name ge\u00e4ndert) ihn durch das ge\u00f6ffnete Tor \u00fcber den Hof hinter dem Gr\u00fcnderzeitgeb\u00e4ude. Zwei entgegenkommende \u00e4ltere syrische M\u00e4nner winken ihr zu. Sie gr\u00fc\u00dft zur\u00fcck. Die beiden schieben einen Handwagen, auf dem zwei gef\u00fcllte Papiert\u00fcten stehen. Einer tr\u00e4gt einen Blumenstrau\u00df. Das sei der letzte gewesen, sagt er. Er wird ihn seiner Frau bringen, die im Krankenhaus liegt, erkl\u00e4rt er andere. &#8222;Sag ihr gute Besserung&#8220;, meint die 60-J\u00e4hrige und gr\u00fc\u00dft schon die n\u00e4chsten mit einem lockeren Hallo: Eine junge Mutter mit Kinderwagen, drei Frauen in ihrem Alter, eine mit Kopftuch, zwei mit M\u00fctze. Man kennt sich bei der Tafel in Magdeburg-Buckau.<\/p>\n<p>Im Ausgaberaum packen Ein-Euro-Jobberinnen abgepackte Br\u00f6tchen, Nudeln, Fertiggerichte und andere Lebensmittel in Kisten. Geschenkt gibt es sie nicht. Wer seine Bed\u00fcrftigkeit nachweist, darf zweimal die Woche den Inhalt einer Kiste f\u00fcr zwei Euro mitnehmen. &#8222;Nein, aussuchen k\u00f6nnen wir uns das nicht, aber einem g\u00fcnstigen Gaul&#8230;, na Sie wissen schon&#8220;, sagt sie. F. bekommt ein Los und wartet, auch wenn es an diesem Dienstag nicht mehr voll ist. &#8222;Das machen die, damit es keinen Streit \u00fcber die Reihenfolge&#8220;, erkl\u00e4rt sie. Gibt es denn Streit? &#8222;Nein, wer welchen sucht, fliegt raus&#8220;, meint sie und f\u00fcgt an: &#8222;Hier sind alle gleich.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Abgeh\u00e4ngte arbeiten f\u00fcr Abgeh\u00e4ngte<\/strong><\/p>\n<p>Die Magdeburger Tafel beging im vergangenen Jahr ihr 20-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. In zwei festen und drei mobilen Ausgabestellen verteilen Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber nachmittags die Rationen. Nur in Buckau und Olvenstedt gibt es auch Mittagstisch. Daf\u00fcr klappern die Besch\u00e4ftigten die Superm\u00e4rkte nach aussortierten Waren ab. Die Unternehmen sparen sich dadurch die Entsorgungskosten.<\/p>\n<p>Zur Tafel kommen k\u00f6nnen Inhaber des &#8222;Magdeburg-Passes&#8220;: Bezieher von Sozialhilfe, Hartz IV oder Asylbewerberleistungen, Rentner und jeder, dessen Einkommen nicht mehr als zehn Prozent \u00fcber der Grundsicherung liegt. Allein von 2013 bis 2016 hat sich die Zahl der Nutzer der dortigen Essensausgabe auf rund 6.500 verdoppelt. Darunter, so gab die Tafel k\u00fcrzlich an, sind je knapp 2.000 Kinder und Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>An diesem Dienstag Mitte Februar diskutieren in einer Ecke des Hofes neben dem Aschenbecher eine Frau und zwei M\u00e4nner laut dar\u00fcber, wie sie einen gebrauchten Schrank von einer Wohnung in die andere bekommen. Der eine kennt einen mit einer gro\u00dfen Karre. Die k\u00f6nne man auch an seinem Fahrrad befestigen, sagt der andere. Nur, keiner kennt jemanden mit einem Auto.<\/p>\n<p><em>Hier hat sich fernab des b\u00fcrgerlichen Lebens eine eigene Parallelgesellschaft entwickelt&#8220;,\u00a0res\u00fcmiert Peter B. (Name ge\u00e4ndert).<\/em><\/p>\n<p>Er wei\u00df aus Erfahrung: &#8222;Wenn du erst mal den Schritt gemacht hast, zur Tafel zu gehen, dann hast du eine Schwelle \u00fcberwunden, dann wei\u00dft du, dass du nicht mehr dazugeh\u00f6rst und drau\u00dfen bist.&#8220; Der 61-J\u00e4hrige ist seit vielen Jahren erwerbslos. Ehrenamtlich, sp\u00e4ter als Ein-Euro-Jobber, baute er aus alten kaputten Fahrr\u00e4dern neue zusammen. Zur Tafel hat er sich nie getraut. Nur den Mittagstisch habe er eine Zeitlang genutzt:<\/p>\n<p><em>Wenn du nicht wei\u00dft, wovon du deine Rechnungen bezahlen sollst, und f\u00fcr 50 Cent ein warmes Essen bekommen kannst, \u00fcberlegst du dir das.<\/em><\/p>\n<p>In seiner Besch\u00e4ftigungsfirma, die direkt neben der Tafel in Magdeburg-Buckau ihren Sitz hat, ist Peter B.\u00a0 als Fahrradmonteur &#8222;aufgestiegen&#8220;. Vor kurzem wurde er als Ein-Euro-Jobber beim Schrauben angeleitet, heute leitet er selbst Ein-Euro-Jobber an. Gut 900 Euro bekommt er pro Monat f\u00fcr 32 Wochenstunden. Das ist nur wenig mehr als Hartz IV inklusive Mietzuschuss. B. ist trotzdem froh: &#8222;Das Gute ist, dass das Jobcenter mich nicht mehr drangsaliert: hier ein Bewerbungstraining, da eine unsinnige Zusatzma\u00dfnahme.&#8220;<\/p>\n<p>Als Peter B. bei der Tafel essen ging, befand sich diese noch im Buckauer Bahnhofsgeb\u00e4ude. &#8222;Da war viel Trubel, man musste immer damit rechnen, gesehen zu werden\u201c, erinnert er sich. Hier auf dem Hof sei das anders. Von der Stra\u00dfe aus ist nur das Firmenschild des Betreibers zu sehen, der Hof ist nicht einsehbar. &#8222;Nur manchmal stehen die Schlangen bis nach drau\u00dfen auf den Fu\u00dfweg.&#8220;<\/p>\n<p>Die beiden Firmen in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt mit rund 230.000 Einwohnern, erkl\u00e4rt er, betrieben inklusive Tafel &#8222;eine regelrechte Armutsindustrie&#8220;. Mit anderen Worten: Sie haben die Bastion des sogenannten dritten Arbeitsmarktes unter sich aufgeteilt. Ein-Euro-Jobber verteilen nicht nur Essen an Bed\u00fcrftige. Sie bereiten alte Fahrr\u00e4der und M\u00f6bel f\u00fcr sie auf, verkaufen abgelegte Kleidung, bewirtschaften G\u00e4rten. Sie sind genauso arm wie ihre Kunden.<\/p>\n<p><strong>Von Obdachlosenhilfe zur Allianz der Lebensmittelretter<\/strong><\/p>\n<p>Alles begann vor einem Vierteljahrhundert. Am 22. Februar 1993 er\u00f6ffnete der Verein &#8222;Initiativgruppe Berliner Frauen&#8220; die erste Tafel in der deutschen Hauptstadt. Ihr Engagement deklarierte sie als Hilfe f\u00fcr Obdachlose. Zuvor hatte die damalige Berliner Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) gemahnt, wie dramatisch sich die Situation wohnungsloser Menschen in der Hauptstadt seit dem Mauerfall verschlechtert habe. Das Konzept der Fraueninitiative stammte aus den USA, wie sie damals auf einer Pressekonferenz erkl\u00e4rte. Aussortierte Lebensmittel sollten nicht weggeworfen, sondern an Bed\u00fcrftige verteilt werden.<\/p>\n<p>Rasch breiteten sich die Tafeln bundesweit aus. Bereits 1994 er\u00f6ffneten Essensausgaben in M\u00fcnchen, Neum\u00fcnster und Hamburg. Kurz darauf gr\u00fcndete sich der Dachverband Tafeln Deutschland e.V. Das habe, erl\u00e4utert dieser heute, &#8222;vielen den Ansporn gegeben, in der eigenen Stadt ebenfalls eine Tafel zu er\u00f6ffnen&#8220;. Seitdem wurde das ehrenamtliche Netzwerk immer weiter ausgebaut.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Thema &#8211;\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/meinung\/62881-der-wirkliche-feind-sitzt-oben-immer\/\">Der wirkliche Feind sitzt immer oben<\/a><\/p>\n<p>Heute betreiben 937 Tafeln rund 2.100 Essensausgabestellen, die zusammen etwa 1,5 Millionen Bed\u00fcrftige versorgen \u2013 Tendenz steigend. Vor allem die Zahl der Rentner und Kinder w\u00e4chst, warnt der Dachverband. Beide Gruppen stellten inzwischen je ein Viertel der Tafelg\u00e4nger. Viele der Eltern, die das Angebot nutzten, seien alleinerziehend, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Seit Jahren beklagen viele Tafeln eine \u00dcberlastung. Sie f\u00fchrten Tafelp\u00e4sse ein und beschr\u00e4nkten den Zugang f\u00fcr den Einzelnen auf bestimmte Tage im Monat. Viele entscheiden im Losverfahren, wer wann an die Reihe kommt. Einige Tafeln setzen Neuzug\u00e4nge, die ihre Bed\u00fcrftigkeit nachgewiesen haben, auf Wartelisten. Die Obdachlosenhilfe ist in den Hintergrund ger\u00fcckt. Der Dachverband der Tafel firmiert heute als &#8222;eine der gr\u00f6\u00dften sozial-\u00f6kologischen Bewegungen Deutschlands&#8220;, wie deren Vorsitzender Jochen Br\u00fchl vergangene Woche in einer Pressemitteilung schrieb. Dieses ehrenamtliche Netz lindere Armut und schaffe\u00a0<em>&#8222;eine Br\u00fccke zwischen Mangel und \u00dcberfluss&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Tafelchef Br\u00fchl appellierte zudem an die Gesellschaft im reichen Deutschland, das einen Export\u00fcberschuss nach dem anderen einf\u00e4hrt, weniger Lebensmittel wegzuwerfen und auf \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Konsum zu verzichten. Es sei &#8222;\u00f6kologischer Irrsinn&#8220;, dass jedes Jahr rund 80 Kilogramm Nahrung pro Kopf im M\u00fcll landeten. Die Tafeln sollen seiner Meinung nach zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wohlstandabfall einsammeln und Arme damit versorgen. Das nennt er \u00f6kologische Verwertung.<\/p>\n<p>Auf dieser Basis treiben teils skurrile Bl\u00fcten. So gibt es inzwischen einen Bundesverband Kindertafel. In dessen Einrichtungen, beispielsweise in M\u00fcnchen, Schweinfurt, L\u00fcneburg, Zerbst und W\u00fcrzburg, versorgen Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber die j\u00fcngsten Opfer des Wirtschaftssystems mit Pausenbroten und Mittagessen. In vielen St\u00e4dten geben Tiertafeln gespendetes Futter an Bed\u00fcrftige aus. Mit der Daueraktion &#8222;junge Tafel&#8220; will der Bundesverband Jugendliche als ehrenamtliche Mitarbeiter gewinnen. Seit 2015 betreibt er zudem seine eigene Tafel-Akademie.<\/p>\n<p><strong>Ein Markt f\u00fcr privatisierte Armenf\u00fcrsorge<\/strong><\/p>\n<p>Die Tafel-Akademie &#8222;hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ehrenamtliche f\u00fcr ihr Engagement zu qualifizieren und zu st\u00e4rken&#8220;, hei\u00dft es dort. Sie wirbt um mehr Freiwillige, unterst\u00fctzt nach eigenen Aussagen Forschungen zur Bed\u00fcrftigkeit und schreibt regelm\u00e4\u00dfig Minijobs f\u00fcr Studenten aus. Die Tafeln h\u00e4tten die Strukturen eines kleinen Unternehmens, erkl\u00e4rte der Leiter der Essensausgabe im th\u00fcringischen Bad Salzungen, Gerhard Schmidt, vergangenen Donnerstag gegen\u00fcber dem Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, bei dessen Besuch. Dieses Unternehmen, so Schmidt, m\u00fcsse sich wie jedes andere unter marktwirtschaftlichen Bedingungen behaupten.<\/p>\n<p>Die Tafeln finanzieren sich nach eigenen Angaben ausschlie\u00dflich aus Spenden. Firmen verschaffen sich damit ein wohlt\u00e4tiges Antlitz. Davon finanziert der Dachverband inzwischen 14 hauptamtliche Mitarbeiter, wie er angibt. Hinzu kommen \u00fcber 60.000 Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber. Es gibt Lehrg\u00e4nge, Vortr\u00e4ge und Studien \u00fcber das Tafelwesen. Trend sei, so blickt der Dachverband voraus, die Expansion bestehender Tafeln. Sie er\u00f6ffneten immer mehr Ausgabestellen in kleineren Orten. Man lobt sich, fordert zum Engagement auf, appelliert an das gute Gewissen. Das Problem der Armut aber bleibt bestehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/deutsch.rt.com\/inland\/65536-25-jahre-armenspeisung-geschaft-tafeln\/\">deutsch.rt.com&#8230;<\/a> vom 22. Februar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a0Susan Bonath. Am 22. Februar 1993 er\u00f6ffnete in Berlin die erste Tafel. Heute ist die Initiative zu einer bundesweit vernetzten privaten Armutsindustrie mutiert. 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