{"id":3160,"date":"2018-02-23T08:59:06","date_gmt":"2018-02-23T06:59:06","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3160"},"modified":"2018-02-23T08:59:06","modified_gmt":"2018-02-23T06:59:06","slug":"berlinale-bosnischer-preistraeger-stirbt-in-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3160","title":{"rendered":"Berlinale: Bosnischer Preistr\u00e4ger stirbt in Armut"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Steinberg.<\/em> Nazif Mujic, Gewinner eines silbernen B\u00e4ren auf der Berlinale 2013, ist im Alter von erst 48 Jahren gestorben. Laut ersten Angaben waren die Umst\u00e4nde seines Todes von extremer Armut gepr\u00e4gt.<!--more--> Er starb in Svatovac, einem verarmten Ort in Bosnien. In Danis Tanovics Film\u00a0<em>Aus dem Leben eines Schrottsammlers<\/em>\u00a0spielte Mujic die Hauptrolle und gewann damals auf der Berlinale den Preis f\u00fcr den besten Darsteller.<\/p>\n<p>Im Film spielte Mujic sich selbst. Sein reales Leben als Schrottsammler, dessen Frau eine Fehlgeburt erlitt, wurde auf die Leinwand gebracht. Die Familie suchte medizinische Hilfe, wurde aber aus bosnischen Krankenh\u00e4usern abgewiesen, weil sie Roma waren. Der Film warf so auch ein Schlaglicht auf das Ausma\u00df der Verfolgung und Diskriminierung von Roma in Bosnien nach der Aufl\u00f6sung Jugoslawiens und der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Nach seinem Erfolg beim Filmfestival \u2013\u00a0<em>Aus dem Leben eines Schrottsammlers<\/em>\u00a0erhielt zwei silberne B\u00e4ren, einen f\u00fcr Mujic als besten Schauspieler und einen f\u00fcr den Film selbst \u2013 und nachdem Bem\u00fchungen um einen richtigen Arbeitsplatz in Bosnien gescheitert waren, beantragte Mujic 2014, mit seiner Familie in Deutschland leben zu d\u00fcrfen. Er begr\u00fcndete damals diesen Schritt mit den Worten: \u201eIch m\u00f6chte nicht reich werden. Ich m\u00f6chte lediglich einen gew\u00f6hnlichen Arbeitsplatz, um meine Familie zu ern\u00e4hren.\u201c Seine Entt\u00e4uschung \u00fcber die Bedingungen in seinem Herkunftsland dr\u00fcckte er in den Worten \u201eBosnien hat mich betrogen\u201c aus. \u201eIch werde nicht dorthin zur\u00fcckkehren. Ich w\u00fcrde mich eher erh\u00e4ngen.\u201c<\/p>\n<p>Etwa 75.000 Roma leben in Bosnien. Aus Berichten der lokalen NGO Altantic Initiative geht hervor, dass gerade einmal f\u00fcnf Prozent von ihnen eine regul\u00e4re Arbeit haben.<\/p>\n<p>Human Right Watch stellte 2016 fest, dass \u201edie am meisten gef\u00e4hrdete Gruppe\u201c in Bosnien immer noch die Roma seien, die \u201ein der Arbeitswelt, in der Bildung und bei der politischen Vertretung weit verbreiteter Diskriminierung\u201c ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Deutschland wies den Asylantrag von Mujic zur\u00fcck und erkl\u00e4rte zynisch, dass die Regierung ihn und seine Familie aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden nicht vor Ende des bosnischen Winters deportieren w\u00fcrde. Zur\u00fcck in Bosnien musste Mujic seine fr\u00fchere Arbeit, Altmetall f\u00fcr ein paar Euro am Tag zu sammeln, wieder aufnehmen.<\/p>\n<p>Als er nicht mehr in der Lage war, die Grundsicherung f\u00fcr seine Familie zu gew\u00e4hrleisten, verkaufte er seinen silbernen B\u00e4ren f\u00fcr umgerechnet etwa 4.000 Euro an einen lokalen Tavernenbesitzer. \u201eZun\u00e4chst verkaufte ich ein altes Auto, dann einige pers\u00f6nliche Habseligkeiten und schlie\u00dflich war der B\u00e4r dran.\u201c Die Entscheidung, die Troph\u00e4e zu verkaufen, sei ihm \u201esehr schwer\u201c gefallen, doch \u201emeine Kinder hatten drei Tage lang so gut wie nichts zu Essen.\u201c<\/p>\n<p>Nach Aussagen seines Bruder, Suljo Mujic, war Nazif in den letzten Monaten von Krankheit geplagt und sehr besorgt \u00fcber seine finanzielle Lage. Im Januar diesen Jahres versuchte er erneut, Deutschland zu erreichen.<\/p>\n<p>Mit einem Teil des Geldes, das er aus dem Verkauf der Troph\u00e4e gewonnen hatte, hatte Mujic ein Busticket nach Berlin gekauft. Er musste aber nach Bosnien zur\u00fcckkehren, nachdem ihm mitgeteilt worden war, dass ihm in Deutschland, aus der Zeit als er mit seiner Familie Asyl beantragte, eine Geldstrafe drohte, die er nicht bezahlen konnte.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass die unmenschliche Asylpolitik der Bundesregierung und des Berliner Senats \u2013 zun\u00e4chst eine Koalition aus SPD und CDU und seit Dezember 2016 eine rot-rot-gr\u00fcne Koalition (SPD, Linkspartei und Gr\u00fcne) \u2013, zu Mujics fr\u00fchem Tod beitrug.<\/p>\n<p>Mitte Januar 2016 schob die Berliner Polizei auch die achtj\u00e4hrige Denica, die an Herzproblemen leidet, und ihren Vater zur\u00fcck nach Bosnien. Denicas Mutter und ihr Bruder, der ebenfalls eine Herzerkrankung hat, hatten aufgrund der Schwere seiner Erkrankung vor\u00fcbergehend die Erlaubnis erhalten, zu bleiben, beschlossen dann aber, \u201efreiwillig\u201c nach Bosnien zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Im Jahr 2017 wurden 2.028 Fl\u00fcchtlinge aus Berlin deportiert, von denen mehr als 80 Prozent in Balkanl\u00e4nder zur\u00fcckgeschickt wurden, darunter 254 nach Bosnien.<\/p>\n<p>Ende Dezember stellte die Senatsverwaltung f\u00fcr Integration, Arbeit und Soziales fest, dass die Asylgesuche von insgesamt 11.754 Migranten abgelehnt seien und ihnen somit die Abschiebung droht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/02\/23\/muj-f23.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 23. Februar 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Steinberg. Nazif Mujic, Gewinner eines silbernen B\u00e4ren auf der Berlinale 2013, ist im Alter von erst 48 Jahren gestorben. 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