{"id":3172,"date":"2018-02-23T15:15:36","date_gmt":"2018-02-23T13:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3172"},"modified":"2018-02-23T15:15:36","modified_gmt":"2018-02-23T13:15:36","slug":"kim-moody-ueber-moderne-moeglichkeiten-gewerkschaftlicher-organisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3172","title":{"rendered":"Kim Moody\u00a0\u00fcber moderne M\u00f6glichkeiten gewerkschaftlicher Organisierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kim Moody, Mitgr\u00fcnder der\u00a0<em>Labor Notes<\/em>, Aktivist und Labour-Forscher, wirkt wie ein Fels in der Brandung: Trotz, wie er zu scherzen beliebt, ganzer Regalmeter voller B\u00fccher, in denen das Ende der Arbeit<!--more--> durch Automatisierung und Rationalisierung vorhergesagt wurde, hielt er immer daran fest, dass keine technologische Revolution ohne menschliche Arbeitskraft auskomme. Die Zahl der Lohnabh\u00e4ngigen sei so hoch wie nie, lediglich die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich. Unbeirrbar h\u00e4lt er aber auch daran fest, dass es die \u00bbZusammenballung\u00ab, die \u00bbgro\u00dfe Zahl\u00ab der Lohnabh\u00e4ngigen an einem Ort sei, die entscheidend f\u00fcr die Kampfbedingungen sei. Und diese Bedingung sieht er in seinen j\u00fcngsten Arbeiten gerade in der sog. Logistik-Revolution gegeben: Schlecht bezahlte ArbeiterInnen ballen sich in gro\u00dfer Zahl in riesigen Logistik-Zentren, und sie sitzen damit an den sensiblen Schaltstellen der Just in Time-Produktion. Es kommt nur drauf an, was man daraus macht? Oder stimmt schon an der Beschreibung etwas nicht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das neue Buch von Moody:\u00a0<em>\u00bbOn New Terrain: How Capital is Reshaping the Battleground of Class War\u00ab<\/em>\u00a0ist Ende letzten Jahres bei Haymarket Books erschienen \u2013 eine Kurzfassung seiner Thesen, die auf umfangreichen Recherchen f\u00fcr das Buch basieren, dokumentieren wir im Folgenden \u2013 und laden damit ein zur Debatte \u00fcber die Sprengkraft der Logistik-Revolution.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Der Niedergang der Gewerkschaften in den entwickelten L\u00e4ndern ist keine Neuigkeit. In den USA fiel der Anteil gewerkschaftlich organisierter ArbeiterInnen von einem 35-Prozent-Hoch 1954, gr\u00f6\u00dftenteils in der Privatwirtschaft, auf elf Prozent 2016, davon die H\u00e4lfte im \u00f6ffentlichen Dienst. In Gro\u00dfbritannien fiel der Organisierungsgrad von 55 Prozent 1979 auf 25 Prozent im Jahr 2016.<\/p>\n<p>Trotz des j\u00fcngsten Aufschwungs der Linken in beiden L\u00e4ndern scheinen die Zeiten, als Gewerkschaften genug Macht hatten, gro\u00dfe Zugest\u00e4ndnisse zu fordern und durchzusetzen, weit entfernt zu sein. Teilweise hat ihre Rolle sich infolge einer harten Arbeitsgesetzgebung und aggressiver Arbeitgeberstrategien mehr zu Beratungs- als zu Machtinstitutionen entwickelt.<\/p>\n<p>Jetzt scheint ein Comeback dennoch m\u00f6glich \u2013 und nicht nur des politischen Klimas wegen. Ver\u00e4nderungen der Unternehmenslandschaft seit der Reagan\/Thatcher-\u00c4ra deuten gro\u00dfe Chancen f\u00fcr die organisierte ArbeiterInnenbewegung an. Die Frage ist, ob die Gewerkschaften diese auch nutzen.<\/p>\n<p><strong>Gr\u00fcnde des Niedergangs<\/strong><\/p>\n<p>In den USA setzte der Herbst der Gewerkschaften am Ende des zweiten Weltkriegs ein, als gro\u00dfe Industrieunternehmen Produktionsst\u00e4tten in den gewerkschaftsfreien S\u00fcden verlagerten, um Kosten zu senken und den Zusammenballungen organisierter ArbeiterInnen in St\u00e4dten wie Detroit, Gary, Los Angeles und Chicago zu entkommen.<\/p>\n<p>Zwischen 1947 und 1972 verdoppelte sich der S\u00fcdstaaten-Anteil an der industriellen Wertsch\u00f6pfung auf nahezu ein Viertel des Gesamtwerts der USA. Die gro\u00dfen Industriegewerkschaften erreichten ihre Spitzenzahl an Mitgliedern in den fr\u00fchen Siebzigern und sollten nie mehr weiter wachsen. Gro\u00dfbritannien sollte diesem Trend wegen des Niedergangs der industriellen Basis und Margaret Thatchers Entschlossenheit in den 1980ern, die Gewerkschaften zu zerschlagen, folgen.<\/p>\n<p>Eine weitere entscheidende Entwicklung war eine Welle von Fusionen und \u00dcbernahmen in den 1960ern, losgetreten von sehr liquiden Unternehmen, die vom starken Wirtschaftswachstum profitierten. Diese Form der Transaktion nahm beispielsweise in den USA von ca. 1.200 F\u00e4llen 1963 auf 6.000 im Jahr 1969 zu, war aber auch in vielen anderen L\u00e4ndern verbreitet. Daraus gingen die Konglomerate hervor \u2013 Firmen, die eine breite Palette an Produkten und Dienstleistungen bieten, die oft nicht das Geringste miteinander zu tun haben.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften waren bis dahin vor allem in Unternehmen vertreten, die sich \u00fcber ein bestimmtes Produkt wie Autos oder Stahl definierten. Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen zu sein verringerte nun die M\u00f6glichkeiten der ArbeiterInnen, durch Arbeitskampfma\u00dfnahmen Schaden anzurichten. Dies wiederum machte die Gewerkschaften weniger attraktiv und dr\u00fcckte die Mitgliederzahlen weiter.<\/p>\n<p>Viele weitere gewerkschaftlich erschlossene Arbeitspl\u00e4tze wurden zerst\u00f6rt durch die tiefe Rezession von 1979 bis 1982, gefolgt von der Globalisierung Mitte der 80er. Viele westliche Konzerne griffen zu den Anleitungen ihrer japanischen Konkurrenz und f\u00fchrten\u00a0<em>Lean Production<\/em>, die schlanke Produktion, ein: mehr produzieren mit weniger Arbeitskr\u00e4ften; mehr Auslagerungen; und die Just in Time-Lieferung der Teile, um Lagerbest\u00e4nde auf ein Minimum zur\u00fcckzuschneiden.<\/p>\n<p><em>Lean Production\u00a0<\/em>verhalf den Unternehmen zu einer Regeneration ihrer Profitabilit\u00e4t, aber der zunehmende weltweite Wettbewerb f\u00fchrte zu einer neuen Fusionswelle: von 4.239 im Wert von 206 Mrd. US-Dollar 1990 zu 11.169 im Wert von 3,4 Billionen US-Dollar im Jahr 2000. Nach 2001 pendelten sie sich bei etwa 7.000 im Jahr ein, und damit immer noch deutlich \u00fcber dem Niveau vor den 90er Jahren. In europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zeigte sich ein ganz \u00e4hnlicher Trend, wobei Gro\u00dfbritan\u00adnien den gr\u00f6\u00dften Anteil daran hatte.<\/p>\n<p>Diesmal allerdings vermied das Kapital Konglomerate zugunsten einer Umsteuerung der Produktion auf bestimmte Produktlinien. Es schuf Firmenstrukturen, die den industriegewerkschaftlich organisierten Unternehmen der 1930er sehr \u00e4hnlich sind. Zus\u00e4tzlich waren diesmal gewaltige Mengen an Fixkapital und -kosten involviert, was sie f\u00fcr Arbeitsk\u00e4mpfe sehr verwundbar machte.<\/p>\n<p>Dies wurde noch verst\u00e4rkt durch das, was manchmal die Logistikrevolution genannt wird. Dabei geht es um eine enorme Reorganisation des G\u00fctertransports, die notwendig wurde, als das Just in Time-Modell sich in den Versorgungsketten ausbreitete und der Wettbewerb um Liefergeschwindigkeiten in der Online-\u00c4ra deutlich an Sch\u00e4rfe zunahm.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe logistische Knotenpunkte aus Transportwesen, Lagern, Informations- und Kommunikationstechnik sowie intermodalen Einrichtungen (containerbasierte Verlade- und Umschlagsterminals zur Verkn\u00fcpfung unterschiedlicher Transportformen) entstanden. Diese Knotenpunkte sind meist in oder nah bei gro\u00dfen Stadtgebieten gelegen, zu den gr\u00f6\u00dften z\u00e4hlen New York, Chicago, Rotterdam, Hamburg und London.<\/p>\n<p>Die Zahl der Lagerh\u00e4user in den USA ist beispielsweise seit 1998 um das anderthalbfache auf \u00fcber 17.000 im Jahr 2017 gewachsen. Obwohl Automatisierung oft dazugeh\u00f6rt, machen die Arbeitskr\u00e4fte immer noch 65 Prozent der durchschnittlichen Betriebskosten aus, und die Zahl der LagerarbeiterInnen ist von 356.800 im Juni 1990 auf 830.700 im Juni 2017 gewachsen. Insgesamt sind in der Logistikbranche der USA etwa 4 Millionen Menschen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Das sind die Leute, von denen die heutigen Unternehmen im produzierenden Gewerbe vollst\u00e4ndig abh\u00e4ngig sind. Die wirklich gro\u00dfen Drehkreuze brauchen 100.000 ArbeiterInnen oder mehr, um zu funktionieren. Nehmen wir Chicago mit mehr als 150.000 Transport- und LagerarbeiterInnen in seinem Ballungsgebiet. Oder die Ansammlung von Unternehmen (Cluster) rund um die neue FedEx-Niederlassung in Memphis mit 15.000 direkt Angestellten und 220.000 in damit verkn\u00fcpften Transport- und Lagerarbeiten.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien gibt es Cluster rund um Liverpool-Manchester, in den Midlands, Glasgow und London. Der Londoner Gateway-Hafen mit seinem Logistikpark auf neun Millionen Quadratfu\u00df wurde 2013 er\u00f6ffnet und wird bei voller Auslastung 27.000 ArbeiterInnen besch\u00e4ftigen. Er erweitert das Cluster von Ost-London, das auch das Dagenham Dock, die Tilbury Docks und den Londoner Themsehafen umfasst.<\/p>\n<p>Zudem sind die gro\u00dfen britischen G\u00fcterbahnunternehmen dabei, ein strategisches Frachtnetzwerk einzurichten, das den gro\u00dfen Bahnlinien in den USA \u00e4hneln soll. Insgesamt besch\u00e4ftigt der britische Logistiksektor 1,7 Millionen ArbeiterInnen. Sch\u00e4tzungen zufolge sind die Investitionen in Logistik in ganz Europa auf das Zweieinhalbfache des BIP angewachsen.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6glichkeiten tun sich auf<\/strong><\/p>\n<p>Diese Cluster scheinen hochgradig verwundbar durch Arbeitsunterbrechungen zu sein. Ein Streik in einem Warenlager oder bei einem Lieferanten mit Schl\u00fcsselfunktion k\u00f6nnte die Produktion entlang der gesamten Versorgungskette lahmlegen und m\u00f6glicherweise dem Image eines Unternehmens mit Blick auf seine Zuverl\u00e4ssigkeit gro\u00dfen Schaden zuf\u00fcgen. Das k\u00f6nnte enormen Druck auf die Arbeitgeber bedeuten, Zugest\u00e4ndnisse zu machen oder eine neue Gewerkschaft anzuerkennen, ohne dass es daf\u00fcr die Art Sekund\u00e4r- oder Sympathiestreik br\u00e4uchte, die in vielen L\u00e4ndern illegal ist.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zur gro\u00dfen Ironie des modernen Kapitalismus, dass wir jetzt eine massive Konzentration von manueller, menschlicher Arbeit erleben, der die Konzernf\u00fchrungen eigentlich entkommen wollten. Bisher haben wir nicht beobachten k\u00f6nnen, dass Gewerkschaften sich diese Situation zunutze machen, teilweise wegen der erlittenen R\u00fcckschl\u00e4ge und teilweise, weil Leute wie LagerarbeiterInnen nicht dazu neigen, sich zu organisieren.<\/p>\n<p>Gleichwohl wei\u00df ich aus meiner Forschungst\u00e4tigkeit, dass sowohl Gewerkschafts- wie Unternehmensvorst\u00e4nde sich den Risiken der neuen Unternehmensmodelle wohl bewusst sind und ernsthaft dar\u00fcber nachdenken. In einer zunehmend w\u00fctenden Welt k\u00f6nnen die Drehkreuze zu entscheidenden Brennpunkten werden: Es wird spannend sein zu beobachten, ob Gewerkschaften versuchen werden, das zu ihren Gunsten umzum\u00fcnzen.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Stefan Schoppengerd<\/em><\/p>\n<p><em>* Der Artikel ist am 3. Januar 2018 erschienen in der australischen Online-Zeitung \u00bbThe Conversation\u00ab, einem nicht-kommerziellen akademischen Ver\u00f6ffentlichungs-portal.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/usa\/gewerkschaften-usa\/neue-front-fuer-streiks-logistik-kim-moody-ueber-moderne-moeglichkeiten-gewerkschaftlicher-organisierung\/\">labournet.de&#8230;<\/a> vom 23. Februar 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kim Moody, Mitgr\u00fcnder der\u00a0Labor Notes, Aktivist und Labour-Forscher, wirkt wie ein Fels in der Brandung: Trotz, wie er zu scherzen beliebt, ganzer Regalmeter voller B\u00fccher, in denen das Ende der Arbeit<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[87,23,26,45,4,17],"class_list":["post-3172","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-arbeitswelt","tag-buecher","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3172"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3172\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3173,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3172\/revisions\/3173"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}