{"id":3216,"date":"2018-03-06T09:42:56","date_gmt":"2018-03-06T07:42:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3216"},"modified":"2018-03-06T09:42:56","modified_gmt":"2018-03-06T07:42:56","slug":"efrin-erdogans-vietnam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3216","title":{"rendered":"Efrin: Erdogans Vietnam?"},"content":{"rendered":"<p><em>Nick Brauns. <\/em>Seit dem 20.Januar f\u00fchrt die T\u00fcrkei einen v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Kanton Efrin im Norden Syriens. Aus der Luft und am Boden wird eine w\u00e4hrend der letzten sieben Jahre vom<!--more--> Krieg verschonte Region angegriffen, in der neben der einheimischen kurdischen Bev\u00f6lkerung auch hunderttausende arabische Fl\u00fcchtlinge aus anderen Landesteilen Zuflucht gefunden haben.<\/p>\n<p>Auf Seiten der t\u00fcrkischen NATO-Armee k\u00e4mpfen tausende radikale Jihadisten aus dem Umfeld von al-Qaeda sowie faschistische Graue W\u00f6lfe unter der Fahne der Freien Syrischen Armee (FSA).<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Regierung rechtfertigt ihren zynisch als \u00abOperation Olivenzweig\u00bb bezeichneten Angriffskrieg als Antiterroroperation zur Befreiung Efr\u00eens von den Volks- und Frauenbefreiungseinheiten YPG und YPJ. F\u00fcr die T\u00fcrkei gehe es in Efrin um Sein oder Nichtsein, erkl\u00e4rte der F\u00fchrer der faschistischen Grauen W\u00f6lfe, Devlet Bahceli, der mit dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdogan in einer antikurdischen Kriegsallianz steht, den Angriff des 80-Millionen-Lands auf den Kanton von der Gr\u00f6\u00dfe des Saarlands mit rund einer Million Einwohner. Ein Ziel Ankaras ist es, die dauerhafte Etablierung eines mehrheitlich von Kurden bewohnten Selbstverwaltungsgebiets entlang der Grenze zur T\u00fcrkei zu verhindern. Dar\u00fcber hinaus soll mit der Kommune von Efr\u00een die Keimzelle einer auf die Region ausstrahlenden r\u00e4tedemokratischen und multiethnischen Alternative vernichtet werden.<\/p>\n<p>Anders als in den beiden anderen \u00f6stlich des Euphrat gelegenen Kantonen der Demokratischen F\u00f6deration Nordsyrien, Koban\u00ea und Cizir\u00ea, sind in Efrin keine US-Soldaten stationiert. Washington hat erkl\u00e4rt, Efrin liege au\u00dferhalb des Operationsgebietes gegen den Islamischen Staat (IS) und st\u00fcnde nicht unter dem Schutz der US-gef\u00fchrte Koalition. Russische Milit\u00e4rbeobachter wiederum haben mit ihrem R\u00fcckzug aus Efrin gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die t\u00fcrkischen Luft- und Bodenangriffe gegeben.<\/p>\n<p>Russlands Absicht ist es, die Kurden mit Hilfe des t\u00fcrkischen Kn\u00fcppels f\u00fcr ihre milit\u00e4rische Allianz mit den USA zu bestrafen, Efrin zur Unterordnung unter das syrische Regime zu zwingen und zugleich einen Keil in die NATO zu treiben. Von einem Verrat der USA oder Russlands an den Kurden m\u00f6chte der f\u00fchrende Kader der kurdischen Freiheitsbewegung, Riza Altun, dennoch nicht sprechen. \u00abDer Begriff \u2039Verrat\u203a ist richtig, wenn er f\u00fcr die Kurden verwendet wird, die ihre Zukunft von den USA abh\u00e4ngig gemacht haben. Aber in Rojava ist das nicht der Fall. Es gibt sowieso kein gemeinsames Zukunftsprojekt mit den USA \u2026 Es wird von uns ein antiimperialistischer Kampf gef\u00fchrt. Deshalb kann eine antiimperialistische Kraft nicht sagen, dass die Imperialisten sie verraten h\u00e4tten.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Kriegsbegeisterung<\/strong><\/p>\n<p>Noch vor den au\u00dfenpolitischen Zielen liegen dem Krieg innenpolitische Absichten Erdogans zugrunde. Der knappe Ausgang des Referendums \u00fcber die Einf\u00fchrung eines Pr\u00e4sidialsystems im April letzten Jahres hatte gezeigt, dass rund die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung nicht hinter dem Pr\u00e4sidenten steht. Zur schwindenden Hegemonie der Regierungspartei AKP kommt die zunehmend desolate Wirtschaftslage. Es geht dem AKP-Regime darum, im Vorfeld der regul\u00e4r f\u00fcr 2019 angesetzten, aber wohl vorgezogenen Neuwahlen eine breite gesellschaftliche Zustimmung zur Ausschaltung jeglicher Opposition zu schaffen.*<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der nominellen Oppositionsparteien hat bereits freiwillig kapituliert. Die kemalistisch-sozialdemokratische CHP steht, gefangen in ihrer Staatsfixiertheit, ebenso Gewehr bei Fu\u00df wie die faschistische MHP und die von ihr abgespaltene Gute Partei (IYI). Die Religionsbeh\u00f6rde Diyanet hat den \u00abJihad\u00bb gegen die \u00abungl\u00e4ubigen Marxisten\u00bb der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ihrer syrisch-kurdischen Schwesterpartei PYD ausgerufen, in den Moscheen wird f\u00fcr den Sieg in Efrin gebetet. Fu\u00dfballfans feiern den Krieg in Choreographien, B\u00fcrgermeister und K\u00fcnstler signieren Granaten. Der Hashtag \u00abSyrien soll brennen \u2013 Efrin soll vernichtet werden\u00bb trendete eine Nacht lang weltweit beim Kurznachrichtendienst Twitter. Meinungsforscher sehen rund 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung der T\u00fcrkei hinter dem Krieg \u2013 in der Metropole Diyarbakir im kurdischen S\u00fcdosten des Landes lehnt allerdings eine ebensolche Mehrheit die Angriffe auf Efrin entschieden ab.<\/p>\n<p>\u00d6ffentliche Stimmen gegen den Krieg sind kaum zu vernehmen. Um die 800 Personen wurden wegen kriegskritischer \u00c4u\u00dferungen in sozialen Netzwerken oder der Beteiligung an Protesten festgenommen. Auch die Vorsitzenden der \u00c4rztekammer wurden wegen \u00abAufwiegelung der Bev\u00f6lkerung\u00bb und \u00abTerrorpropaganda\u00bb inhaftiert, weil sie sich gegen Krieg ausgesprochen hatten. Lediglich die linke Demokratische Partei der V\u00f6lker (HDP) konnte ihren Parteitag in Ankara am 11.Februar zu einer kraftvollen Antikriegskundgebung mit Zehntausenden Teilnehmern nutzen.<\/p>\n<p><strong>Die Gemengelage<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die t\u00fcrkische Regierung auch nach einem Monat Krieg dreist behauptet, es habe keine zivilen Toten gegeben, starben nach Angaben der Gesundheitsbeh\u00f6rden von Efrin bislang fast 200 Zivilisten im Bomben- und Granathagel auf D\u00f6rfer und st\u00e4dtische Wohnviertel. Systematisch wird zivile Infrastruktur wie Wasser- und Stromversorgung, Gro\u00dfb\u00e4ckereien und Schulen sowie das Zentrum der Hilfsorganisation Kurdischer Roter Halbmond beschossen. Bombardiert wurden auch arch\u00e4ologische St\u00e4tten wie ein 3000 Jahre alter hethitischer Tempel. \u00abMit den Angriffen wird bezweckt, die Bev\u00f6lkerung zu vertreiben und die demographische Struktur zu ver\u00e4ndern\u00bb, erkl\u00e4rte der Sprecher der um die YPG gebildeten Demokratischen Kr\u00e4fte Syriens (SDF), Redur Xelil. An Stelle der kurdischen Bev\u00f6lkerung will die t\u00fcrkische Regierung Hunderttausende syrisch-arabische Fl\u00fcchtlinge aus der T\u00fcrkei ansiedeln. Doch eine Massenflucht aus Efrin blieb bislang aus, stattdessen sind Tausende Menschen aus anderen St\u00e4dten Nordsyriens mit Solidarit\u00e4tskonvoys nach Efrin gekommen. Christliche K\u00e4mpfer des Milit\u00e4rrats der Assyrer haben sich ebenso dem Widerstand angeschlossen wie jesidische Milizion\u00e4re aus dem Nordirak.<\/p>\n<p>Die syrische Regierung, deren Truppen den Korridor zwischen Aleppo und Efrin kontrollieren, lie\u00df diese Verst\u00e4rkung passieren. Denn bei allen Separatismusvorw\u00fcrfen gegen\u00fcber den Kurden hat auch das syrische Regime kein Interesse daran, Efrin unter t\u00fcrkische Besatzung geraten zu lassen. So gibt es Verhandlungen \u00fcber die Stationierung syrischer Truppen in Efrin. Doch w\u00e4hrend\u00a0von Seiten der Selbstverwaltung\u00a0die Bereitschaft besteht, den Schutz des Luftraums und der Grenze zur T\u00fcrkei in die Hand der Regierungstruppen zu legen, wird eine R\u00fcckkehr der Region zum politischen Status von 2010\u00a0f\u00fcr inakzeptabel\u00a0erkl\u00e4rt. Eben eine solche \u00abL\u00f6sung\u00bb auf dem R\u00fccken der Kurden wird aber von Moskau forciert \u2013 auch Ankara k\u00f6nnte das Gesicht wahren, wenn Efrin wieder unter die politische Kontrolle der Zentralregierung fallen sollte.<\/p>\n<p><strong>Volkskrieg<\/strong><\/p>\n<p>Zeitungen und Fernsehkan\u00e4le in der T\u00fcrkei verbreiten Tag f\u00fcr Tag frei erfundene Erfolgsmeldungen von angeblich \u00fcber 1500 get\u00f6teten \u00abTerroristen\u00bb. In Wahrheit ist es den Invasionstruppen trotz technischer \u00dcberlegenheit auch nach einem Monat nicht gelungen, viel tiefer als 5 Kilometer nach Efrin einzudringen und einige Dutzend D\u00f6rfer zu besetzen. \u00dcber ein Dutzend Panzer \u2013 darunter mehrere Leopard-II aus deutscher Lieferung \u2013 sowie zwei Kampfhubschrauber wurden von den YPG zerst\u00f6rt. Die gebirgige Geographie des Kantons kommt den Verteidigern entgegen. Vor allem aber konnte sich die Bev\u00f6lkerung sechs Jahre lang auf den Angriff der T\u00fcrkei vorbereiten. Viele Zivilisten haben eine Selbstverteidigungsausbildung an der Waffe erhalten, es wurden eine Verteidigungsinfrastruktur und Bunker zum Schutz der Zivilbev\u00f6lkerung errichtet.<\/p>\n<p>Hatte Erdogan ernsthaft gehofft, Efrin innerhalb weniger Tage einzunehmen, so sieht er sich mit einem revolution\u00e4ren Volkskrieg konfrontiert. Denn entgegen der Propaganda seiner gleichgeschalteten Medien haben die Menschen in Efrin nicht auf die Befreiung vom \u00abYPG-Terror\u00bb gewartet. Sie sehen in den Volksverteidigungseinheiten vielmehr den einzigen Schutz gegen die Massaker und Gr\u00e4ueltaten der an der Seite der T\u00fcrkei k\u00e4mpfenden Jihadisten.<\/p>\n<p>Eine Einnahme und gar die dauerhafte Kontrolle des Kantons erscheinen unrealistisch, wenn die t\u00fcrkische Armee nicht die Intensit\u00e4t ihrer Angriffe massiv steigert und etwa im gro\u00dfen Stil chemische Waffen einsetzt. Insbesondere ein H\u00e4userkampf in der Hauptstadt des Kantons w\u00e4re f\u00fcr die t\u00fcrkische Armee \u00e4u\u00dfert verlustreich. Kommunisten aus der T\u00fcrkei, die mit dem internationalen Freiheitsbatallion auf der Seite der YPG\/YPJ gegen die t\u00fcrkischen Invasoren k\u00e4mpfen, haben die Losung ausgegeben: \u00abKoban\u00ea war Stalingrad, machen wir Efrin zu Vietnam\u00bb. Denn in Koban\u00ea konnte dem von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzten IS im Winter 2014\/15 die erste gro\u00dfe Niederlage beigebracht werden.<\/p>\n<p>Dass Erdogan in Efrin eine milit\u00e4rische Niederlage erleiden wird, ist denkbar. Dass sein Regime aber dar\u00fcber st\u00fcrzen wird, wie die YPG erkl\u00e4rt hat, erscheint unwahrscheinlich. Denn bislang betreffen die in die Hunderte gehenden Verluste der Angreifer mehrheitlich syrische S\u00f6ldner. Zudem ist es der AKP durch die Gleichschaltung und Zensur der Medien und durch weitgehende Ausschaltung von Opposition m\u00f6glich, der Bev\u00f6lkerung selbst Niederlagen als Siege zu verkaufen. Ein Einbruch der Kriegsunterst\u00fctzung an der Heimatfront, wie er wesentlich f\u00fcr die Niederlage der USA im Vietnamkrieg war, ist daher derzeit nicht absehbar. Es droht vielmehr die Errichtung eines offen faschistischen Regimes, unter dem sich die rassistisch-chauvinistische Kriegshetze auch in Pogromen gegen Kurden, Aleviten und Linke im eigenen Land zu entladen droht.<\/p>\n<p><em>* Laut\u00a0<\/em>Tagesschau<em>\u00a0wurden seit Beginn der Milit\u00e4roffensive gegen kurdische Milizen vor einem Monat insgesamt 786 Menschen in der T\u00fcrkei wegen \u00abTerrorpropaganda\u00bb festgenommen. Unter den vor\u00fcbergehend Festgenommenen ist auch die bekannte Journalistin und Aktivistin Nurcan Baysal. Auch gegen Abgeordnete der prokurdischen Oppositionspartei HDP wird ermittelt.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2018\/03\/erdogans-vietnam\/\">sozonline.de&#8230;<\/a> vom 6. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nick Brauns. Seit dem 20.Januar f\u00fchrt die T\u00fcrkei einen v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Kanton Efrin im Norden Syriens. Aus der Luft und am Boden wird eine w\u00e4hrend der letzten sieben Jahre vom<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[18,15,54,17],"class_list":["post-3216","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","tag-imperialismus","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3216"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3216\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3217,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3216\/revisions\/3217"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}