{"id":3231,"date":"2018-03-10T09:21:03","date_gmt":"2018-03-10T07:21:03","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3231"},"modified":"2018-03-10T09:21:03","modified_gmt":"2018-03-10T07:21:03","slug":"die-lage-der-arbeitenden-frauen-am-weltfrauentag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3231","title":{"rendered":"Die Lage der arbeitenden Frauen am Weltfrauentag"},"content":{"rendered":"<p><em>Kate Randall.<\/em> \u00dcber Gender wird heute in den amerikanischen und internationalen Medien vielleicht mehr gesprochen als jemals zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte. Die #MeToo-Kampagne<!--more--> in den USA hat die Lage der Frauen angeblich in den Vordergrund ger\u00fcckt wie nie zuvor. Von kaum etwas anderem werden die Medien in den USA und Hollywood derart bewegt.<\/p>\n<p>Doch das ist Betrug. Die Frauen, die in der Berichterstattung auftauchen, geh\u00f6ren allesamt zu den oberen Schichten der Gesellschaft, zu den reichsten f\u00fcnf oder zehn Prozent. Frauen aus der Arbeiterklasse tauchen dabei nirgendwo auf, von einigen wenigen symbolischen Ausnahmen abgesehen, die die Regel best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Dieses verzerrte Klassenbild in der Medienberichterstattung widerspiegelt eine umfassendere gesellschaftliche Wirklichkeit: Die Kluft zwischen wohlhabenden Frauen und Frauen aus der Arbeiterklasse hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch vergr\u00f6\u00dfert. Was sind die Bedingungen f\u00fcr die Mehrheit der Frauen auf der Welt, f\u00fcr diejenigen, die von den Medien ignoriert werden, f\u00fcr diejenigen, deren Gesichter und N\u00f6te nicht in den Abendnachrichten erscheinen?<\/p>\n<p>Von den 7,6 Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben 1,3 Milliarden in extremer Armut. Laut dem Project Concern International sind 70 Prozent davon Frauen und M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Von den 65,6 Millionen Fl\u00fcchtlingen weltweit, die vor Krieg, Hungersn\u00f6ten und Gewalt fliehen, sind etwa die H\u00e4lfte Frauen. Frauen, die im eigenen Land vertrieben wurden und diejenigen, die schwanger, alleinerziehend, behindert oder \u00e4lter sind, sind besonders gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Jeden Tag sterben sch\u00e4tzungsweise 830 Frauen auf der Welt aufgrund von vermeidbaren Ursachen, die in Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt stehen. Etwa 99 Prozent aller Todesf\u00e4lle von M\u00fcttern ereignen sich in den sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern. Auf diesem Gebiet hat es zwar einige Fortschritte gegeben. Von 1990 bis 2015 ist die globale M\u00fcttersterblichkeit um etwa 30 Prozent gesunken.<\/p>\n<p>Allerdings ist die M\u00fcttersterblichkeitsrate in den Vereinigten Staaten um 56 Prozent gestiegen \u2013 von 16,9 Todesf\u00e4llen pro 100.000 im Jahr 1990 auf 24,7 im Jahr 2015. In dieser Beziehung befinden sich die USA auf einer Stufe mit einigen der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt in Subsahara-Afrika. Zu den Industriel\u00e4ndern mit einem Anstieg der M\u00fcttersterblichkeitsrate geh\u00f6ren auch Luxemburg, Kanada und Griechenland. Die Gesamtsterblichkeitsrate in diesen L\u00e4ndern ist allerdings immer noch zwei- bis dreimal niedriger als in den USA. Wie l\u00e4sst sich das im Jahr 2018 im reichsten Land der Welt erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Das Elend der arbeitenden Frauen in Amerika ist untrennbar verbunden mit dem Elend der Arbeiterklasse als ganzer. Die USA geh\u00f6ren regelm\u00e4\u00dfig zu den L\u00e4ndern mit der gr\u00f6\u00dften Einkommensungleichheit. Die skandal\u00f6sen Statistiken zur M\u00fcttersterblichkeit, zur Armut, zu den L\u00f6hnen und zur Arbeitslosigkeit von amerikanischen Frauen sind eine Widerspiegelung der Tatsache, dass die herrschende Elite der USA sich einen immer gr\u00f6\u00dferen Anteil des nationalen Reichtums aneignet und dass die zwei gro\u00dfen Parteien des Kapitals alles, was vom sozialen Netz noch \u00fcbriggeblieben ist, drastisch zusammenstreichen.<\/p>\n<p>Ein halbes Jahrhundert, nachdem die Regierung Johnson den \u201eKrieg gegen die Armut\u201c ausgerufen hat, sind mehr als die H\u00e4lfte der 37 Millionen Amerikaner, die offiziell als arm gelten, Frauen. Eine andere Statistik zeigt, dass mehr als 100 Millionen Amerikaner am Rande der Armut leben oder immer wieder hinein- und hinausgeworfen werden. Fast 70 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder.<\/p>\n<p>In 40 Prozent aller Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren sind M\u00fctter entweder die Haupt- oder die einzige Einnahmequelle. Zwei Drittel der Arbeiter mit Mindestlohn sind arbeitende Frauen. Das durchschnittliche Einkommen von Frauen in Vollzeit betr\u00e4gt immer noch nur etwa drei Viertel des Einkommens ihrer m\u00e4nnlichen Pendants. Obwohl Frauen 47 Prozent der Arbeitenden im Alter von 18 bis 56 Jahren ausmachen, stellen sie 56 Prozent der erwerbst\u00e4tigen Armen, d.h. diejenigen, die der Armut nicht entkommen k\u00f6nnen, obwohl sie einer bezahlten Arbeit nachgehen.<\/p>\n<p>Die Probleme, mit denen arbeitende Frauen konfrontiert sind, sind die Probleme, mit denen die gesamte Arbeiterklasse konfrontiert ist: Armut, Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, die Angriffe auf die Gesundheitsversorgung und das \u00f6ffentliche Bildungswesen, die Erniedrigung und Gewalt, darunter auch sexuelle Gewalt, die der imperialistische Krieg hervorbringt. Grundlegende demokratische Rechte, darunter das Recht auf Abtreibung, werden ebenfalls angegriffen. Polen hat Abtreibungen vollst\u00e4ndig verboten, mit Ausnahme von Extremf\u00e4llen. Viele Bundesstaaten in den USA haben drastische Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Frauen durchgesetzt, die die Schwangerschaft abbrechen wollen. Mississippi steht kurz davor, Schwangerschaftsabbr\u00fcche nach der 15. Woche zu verbieten.<\/p>\n<p>Gleichzeitig geh\u00f6rten im Jahr 2016 vier Frauen zu den zehn h\u00f6chstbezahlten Vorstandsvorsitzenden in den USA. Sie standen in diesem Jahr alle auf der Equilar-Liste der 100 bestbezahlten F\u00fchrungskr\u00e4fte. Ihre Gesamtverg\u00fctung betrug:<\/p>\n<p>Safra Catz, Oracle: 40,9 Millionen Dollar<\/p>\n<p>Ginni Rometty, IBM: 33,3 Millionen Dollar<\/p>\n<p>Meg Whitman, Hewlett Packard: 32,9 Millionen Dollar<\/p>\n<p>Indra Nooyi, PepsiCo: 25,1 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Diese weiblichen F\u00fchrungskr\u00e4fte und ihr kleiner Club an weiblichen Multimillion\u00e4ren sind in jeder Hinsicht Lichtjahre entfernt von der \u00fcberwiegenden Mehrheit der arbeitenden Frauen und ihren Familien. Ihre gr\u00f6\u00dften Sorgen sind ihr Aktienportfolio und ihr Aufstieg auf eine noch h\u00f6here Stufe der Unternehmensleiter. Sie besch\u00e4ftigen Kinderm\u00e4dchen, w\u00e4hrend Arbeiter M\u00fche haben, die Kita zu bezahlen. Sie diskutieren dar\u00fcber, welche edlen Weine man trinkt und welches trendige Restaurant zu bevorzugen ist, w\u00e4hrend Millionen Familien nur mit M\u00fche eine Mahlzeit auf den Tisch stellen k\u00f6nnen. Sie haben die Wahl, zu welchem Penthouse oder in welche Villa sie jetten wollen, w\u00e4hrend Arbeiter darum k\u00e4mpfen, die Miete zu bezahlen oder die Zwangsr\u00e4umung abzuwenden.<\/p>\n<p>Die egoistischen Verfechterinnen von \u201eFrauenrechten\u201c aus der gehobenen Mittelschicht wollen uns weismachen, dass der Aufstieg von Frauen an die Spitze der Unternehmen ein Fortschritt f\u00fcr alle Frauen sei. Die Wirklichkeit sieht allerdings ganz anders aus.<\/p>\n<p>Unbestreitbar \u201esind die klassenspezifischen Ungleichheiten unter Frauen gr\u00f6\u00dfer denn je\u201c, schrieb Ruth Milkman, Professorin f\u00fcr Soziologie am CUNY Graduate Center, 2017 in\u00a0The Sociologist.\u00a0Das ist in feministischen Kreisen grunds\u00e4tzlich ein Tabuthema. Diese Realit\u00e4t wird von den Verfechterinnen der #MeToo-Bewegung vertuscht. Im letzten Jahr haben sie bei ihrem Kreuzzug gegen zahlreiche Personen, vor allem M\u00e4nner, ordnungsgem\u00e4\u00dfe Verfahren und Rechtsnormen einfach fallen gelassen, um sie im Namen von Frauenrechten zu diskreditieren und zu verleumden. Diese Farce wurde im Namen aller \u201eFrauen\u201c ausgebr\u00fctet, aber sie hat nichts damit zu tun, die Rechte und Sorgen breiter Schichten der weiblichen Bev\u00f6lkerung voranzubringen.<\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr Frauenrechte ist ein gesellschaftliches Problem, das in der Arena des Klassenkampfs gel\u00f6st werden muss, nicht in der exklusiven Atmosph\u00e4re der Vorstandsetagen und von Hollywood. Wie Rosa Luxemburg erkl\u00e4rt hat: \u201eDie Frauen der besitzenden Klassen werden stets fanatische Verteidigerinnen der Ausbeutung und Knechtung des arbeitenden Volkes bleiben, von der sie aus zweiter Hand die Mittel f\u00fcr ihr gesellschaftlich unn\u00fctzes Dasein empfangen.\u201c<\/p>\n<p>Der Ursprung des Weltfrauentags ist der 28. Februar 1909 in New York City, als die Socialist Party of America einen Nationalen Frauentag organisierte. Zwei Jahre sp\u00e4ter starben am 25. M\u00e4rz 1911 in derselben Stadt 146 Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter bei einem Feuer in der Triangle-Shirtwaist-Fabrik in den Flammen, durch den Rauch oder weil sie in den Tod gesprungen oder gest\u00fcrzt waren. Die gro\u00dfe Mehrheit der Opfer, im Ganzen 123, waren Frauen, die meisten von ihnen erst k\u00fcrzlich eingewanderte Italienerinnen und J\u00fcdinnen im Alter von 16 bis 23 Jahren.<\/p>\n<p>Vor einhundert Jahren, am 8. M\u00e4rz 1917 nach dem gregorianischen Kalender, demonstrierten in Petrograd die Textilarbeiterinnen. Das war der Beginn der Russischen Revolution. Die Revolution f\u00fchrte zu einem grundlegenden Fortschritt der sozialen Bedingungen und Rechte f\u00fcr die Arbeiter in Russland und \u00fcberall auf der Welt, f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr soziale Sicherheit, W\u00fcrde und die Rechte der arbeitenden Frauen kann nur auf der Grundlage dieser gro\u00dfen sozialistischen Tradition vorangebracht werden, als Teil des Kampfs der gesamten internationalen Arbeiterklasse f\u00fcr die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/03\/10\/nkor-m10.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 10. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kate Randall. \u00dcber Gender wird heute in den amerikanischen und internationalen Medien vielleicht mehr gesprochen als jemals zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte. 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