{"id":3252,"date":"2018-03-14T14:16:14","date_gmt":"2018-03-14T12:16:14","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3252"},"modified":"2018-03-14T14:16:14","modified_gmt":"2018-03-14T12:16:14","slug":"nichts-neues-in-der-neuen-klassenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3252","title":{"rendered":"Nichts Neues in der \u201eNeuen Klassenpolitik\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><em>Mag Wompel (LabourNet Germany).<\/em> Die radikale Linke hat die \u201esoziale Frage\u201c wiederentdeckt und ein Zauberwort gefunden: Es lautet \u201eNeue Klassenpolitik\u201c und soll wahre Wunder vollbringen, n\u00e4mlich die politische<!--more--> Entwicklung der letzten 30 Jahre zur\u00fcckdrehen und die Fehler dieser Zeit wieder gut machen. N\u00f6tig ist es tats\u00e4chlich, die breite Akzeptanz neoliberaler Denk- und Handlungsmuster aufzubrechen sowie den wachsenden rechtspopulistischen Tendenzen etwas entgegen zu setzen. Das \u201eNeue\u201c daran auszumachen, f\u00e4llt allerdings schwer.<\/p>\n<p>Die geforderte Integration der \u201eklassischen Klassenpolitik\u201c mit den K\u00e4mpfen gegen Rassismus, Sexismus und Nationalismus und den \u00fcbrigen sozialen K\u00e4mpfen um gute Lebensbedingungen entspricht einem Konzept, das seit drei Jahrzehnten als \u201eSocial Movement Unionism\u201c bezeichnet wird: Gewerkschaftsbewegung als soziale Bewegung oder zumindest als Teil davon. Dieses ganzheitliche, breite Verst\u00e4ndnis des gewerkschaftlichen Engagements liegt seit mehr als 20 Jahren auch der Arbeit des LabourNet Germany zugrunde. Die grundlegenden Annahmen sollen nachfolgend erl\u00e4utert werden.<\/p>\n<p><strong>Wer ist hier die Klasse?<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff Klasse wird von vielen immer noch mit ArbeiterInnenklasse gleichgesetzt und diese sehr eng als diejenige der ArbeiterInnen und nicht die der Angestellten definiert. Wer argumentiert, dass die klassische Arbeiterklasse schrumpft,\u00a0verkennt, dass immer mehr produktionsbezogene T\u00e4tigkeiten im Dienstleistungsbereich verrichtet werden und andererseits die ArbeiterInnenklasse noch nie nur eine industrielle war. Die Unterscheidung in ArbeiterInnen und Angestellte war schon immer eine, die gleiche Ausbeutungsstrukturen verschleiert. Ob produktive oder immaterielle Arbeit von gering- oder hochqualifizierten Menschen \u2014 ver\u00e4nderte Arbeitsorganisation und Technikeinsatz f\u00fchren dazu, dass sich ihre Arbeitsbedingungen angleichen. K\u00f6rperlich schwere Arbeit stirbt keinesfalls aus, aber zu alten Belastungen kommen neue, psychische und stressbedingte hinzu. Der Einsatz von Mikroelektronik macht aus Arbeitsmitteln auch Lenkungs- und Kontrollmittel und f\u00fchrt zur Standardisierung der T\u00e4tigkeiten durch die Aneignung des Produzentenwissens. Dies intensiviert die Ausbeutung auch in B\u00fcroberufen und erm\u00f6glicht hoch verdichtete sowie zugleich emotionelle Arbeit wie in Callcentern. Gleichzeitig m\u00fcssen ArbeiterInnen in der Autoindustrie auch am Flie\u00dfband zugleich mitdenken und sich selbst st\u00e4ndig (weg)optimieren.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der kapitalistischen Nivellierung der Arbeitsbedingungen halten wir die Tatsache der abh\u00e4ngigen Besch\u00e4ftigung und damit der prek\u00e4ren Existenz im Kapitalismus f\u00fcr ausschlaggebend und sprechen daher von der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen. Dies nicht zuletzt, weil immer mehr Menschen regelm\u00e4\u00dfig zwischen der Position als Erwerbst\u00e4tige und als Erwerbslose wechseln m\u00fcssen. Wenn zudem der Interessenwiderspruch von Kapital und Arbeit als grundlegend f\u00fcr das Kriterium Lohnabh\u00e4ngigkeit betrachtet wird, geh\u00f6ren die Erwerbslosen ebenso dazu, wie Rentner oder Sch\u00fclerInnen und StudentInnen. Auch ihre Lebensbedingungen werden durch kommende oder abgeschlossene Erwerbst\u00e4tigkeit definiert.<\/p>\n<p>Diese breite Definition sehen wir durch die Aufk\u00fcndigung des \u2014 bisher den Interessengegensatz verwischenden \u2014 Klassenkompromisses von oben best\u00e4tigt. Durch die verst\u00e4rkten sozialen Polarisierungsprozesse ist der Klassenwiderspruch offensichtlicher geworden und niemand ist vor dem Abstieg sicher. Hier verbergen sich jenseits einer zynischen Verelendungsstrategie auch positive Potentiale der Desillusionierung und Radikalisierung sowie zur \u00dcberwindung dessen, was Klaus D\u00f6rre zu Recht als \u201eexklusive Solidarit\u00e4t\u201c kritisiert.<\/p>\n<p>Die Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen besteht aus Menschen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft mit durchaus unterschiedlichen Vorlieben und Interessen. Was sie eint, ist das notgedrungene und legitime Interesse, ihre Arbeitskraft m\u00f6glichst gesundheits- und zeitschonend m\u00f6glichst gut zu verkaufen. Sind die lohnabh\u00e4ngigen Menschen sich dieser Gemeinsamkeit bewusst, k\u00f6nnen sie sich als Klasse begreifen und bestenfalls auch so agieren, gemeinsam gegen\u00fcber dem Kapital, dem Gegner ihrer Interessen. Damit d\u00fcrfte auch selbstverst\u00e4ndlich werden, dass Sexismus, Rassismus und Nationalismus ihrer Spaltung dienen, weshalb jede Klassen- oder Gewerkschaftspolitik unbedingt internationalistisch, antirassistisch und feministisch zugleich sein muss.<\/p>\n<p><strong>Klassenpolitik vs. Individualisierung?<\/strong><\/p>\n<p>Besonders heftige Vorbehalte gegen die traditionelle Klassenpolitik haben emanzipatorische Linke, denen wir uns zurechnen. Dies liegt nicht nur an der sehr kritikw\u00fcrdigen Heroisierung und Fetischisierung der Lohnarbeit, sondern auch an der anachronistischen Kollektivierung der Menschen, \u00fcber ihre Gemeinsamkeit der Lohnabh\u00e4ngigkeit hinaus, bei fehlender strategischer Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde die politisch und kulturell erk\u00e4mpfte, emanzipierende Individualisierung durch das Kapital angeeignet, um die Vermarktlichung der Beziehungen in der Gesellschaft und auch innerhalb einer Belegschaft voran zu treiben und ihren Arbeitseinsatz zu flexibilisieren. Doch den Zwang zur Konkurrenz untereinander hat es schon immer genauso gegeben wie die \u201efreiwillige\u201c (ethnische) und kulturelle Spaltungen. Eine homogene Arbeiterklasse gab es schlie\u00dflich noch nie. Die verst\u00e4rkte Entsolidarisierung und Spaltung der Belegschaften ist allerdings gelungen, weil das Unternehmertum am Arbeitsplatz als positive, von kollektiven Zw\u00e4ngen befreiende Individualisierung verkauft werden konnte und solidarisches Handeln als Zwang zur Aufgabe pers\u00f6nlicher Freiheit begriffen wurde. Wir hingegen begreifen Individualisierung als Bereicherung des Klassenbegriffes um die banale Tatsache, dass jedes Kollektiv aus der Summe durchaus vielf\u00e4ltiger Menschen besteht. Das ersetzt Klassenk\u00e4mpfe, aber nicht durch Kulturk\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Die Einsicht in gemeinsame Interessen darf keinesfalls vorhandene Differenzen nivellieren. Der erweiterte Begriff der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen hilft beide Dimensionen beizubehalten; sowohl den Kampf um die Freiheit auf gesellschaftspolitischer, kultureller Ebene als auch um die Gleichheit der Interessen auf sozialer und \u00f6konomischer Ebene.<\/p>\n<p><strong>Soziale K\u00e4mpfe des \u201eganzen Menschen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Noch lange bevor es dem neoliberalen Kapitalismus gelang, die Dominanz \u00f6konomischer Verwertungskriterien \u00fcber die Lebensbed\u00fcrfnisse der Menschen, also die \u00d6konomisierung aller Lebensbereiche, durchzusetzen, wurde dies in der Lohnarbeit durchgespielt. Unter dem Label \u201eLean Production\u201c begann Ende der 1970er Jahre der Kampf um die Optimierung aller Ressourcen. Auf menschlicher Ebene bedeutete dies, m\u00f6glichst keine Sekunde ohne 100%ige Arbeitsleistung bezahlen zu m\u00fcssen und m\u00f6glichst viel aus der Arbeitskraft herauszupressen. Der ma\u00dflose Anspruch des Kapitals lautete, f\u00fcr die durch externen und internen Wettbewerb zu reduzierende Entlohnung die ganze Person, ihre Ideen und Gef\u00fchle zu verwerten. Die urspr\u00fcnglich emanzipatorischen Aspekte der Individualisierung wurden okkupiert und intrinsische Motivierungsstrategien eingesetzt, um die traditionellen Widerst\u00e4nde gegen die Enteignung des Produzentenwissens und Optimierungsideen zu brechen. Diese Management- und Herrschaftsstrategie hat mittlerweile nicht nur Dienstleistungsberufe durchdrungen, sondern unser gesamtes Leben, alle sozialen Beziehungen kolonialisiert. Wenn aber das Kapital den gesamten Menschen verschlingen und alle Lebensbereiche \u00f6konomisieren will, dann muss sich auch die klassische Gewerkschaftsarbeit um den gesamten Menschen und um all seine \u00f6konomisierten Lebensbereiche k\u00fcmmern \u2014 zumal die Grenzen zwischen Leben und Lohnarbeit l\u00e4ngst verschwimmen.<\/p>\n<p>Da die Lohnh\u00f6he noch nie unabh\u00e4ngig von der H\u00f6he der Reproduktionskosten betrachtet wurde, haben sich selbst klassische Gewerkschaften auch bisher um beispielsweise Renten- oder Gesundheitspolitik gek\u00fcmmert. In Deutschland wurde dies in der Nachkriegszeit jedoch immer mehr an den politischen Arm, die parteif\u00f6rmige Sozialdemokratie, delegiert &#8211; mit den bekannten Folgen: Steigenden Reproduktionskosten z.B. bei den Mieten oder im Gesundheitsbereich \u00a0stehen keinesfalls entsprechende Tariferh\u00f6hungen gegen\u00fcber. Sie werden z.B. durch Verzicht auf gesunde Ern\u00e4hrung kompensiert. Tarifforderungen f\u00fcr Nettol\u00f6hne, als m\u00f6gliche Antwort, werden jedoch noch von den Gewerkschaften als politische Forderungen abgelehnt.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr ist daher der Ansatz des \u201eSocial Movement Unionism\u201c in nicht sozialpartnerschaftlich organisierten L\u00e4ndern entstanden. Der Ansatz des \u201eganzen Menschen\u201c besagt, dass Lohnabh\u00e4ngige zugleich auch Eltern, KonsumentInnen und PatientInnen sind. Auf der Konsumebene tr\u00e4gt auch der digitale Kapitalismus dazu bei, die bisher k\u00fcnstlichen Grenzen in jedem von uns aufzul\u00f6sen, wenn KundInnen als unbezahlter MitarbeiterInnen oder \u201eProsumer\u201c ausgenutzt werden. Dies k\u00f6nnte dazu beitragen die gewollte Trennung im Selbst- und Menschenbild zu \u00fcberwinden, die dem Kapitalismus dadurch hilft, dass wir in unserer Rolle als ProduzentInnen davon abstrahieren, zugleich KundInnen und PatientInnen etc. \u201eunserer\u201c Produkte und Dienstleistungen zu sein.<\/p>\n<p><strong>Wandel und Erweiterung von Arbeitsk\u00e4mpfen<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb allt\u00e4glicher Arbeitsk\u00e4mpfe zu ber\u00fccksichtigen, dass ProduzentInnen auch KundInnen sind, ver\u00e4ndert nicht nur den gesellschaftlichen Anspruch an das Produkt, sondern auch Form und Inhalt der Arbeitsk\u00e4mpfe. Ber\u00fchmt ist das Beispiel der franz\u00f6sischen KollegInnen im Nah- und Fernverkehr. Statt diesen lahmzulegen, verzichteten sie auf die Fahrscheinkontrollen und debattierten \u00fcber Gratismobilit\u00e4t. Vergleichbar ist die Idee, den Armen den Strom wieder frei zu schalten, um ihn PolitikerInnen abzudrehen. Aktuell will die franz\u00f6sische Regierung sch\u00e4rfere Repressionen gegen MigrantInnen durchsetzen, doch einige Gewerkschaften verweigern ihre Beteiligung daran. So wie es fr\u00fcher Arbeitsamtsangestellte verweigerten, Erwerbslose zu schikanieren.<\/p>\n<p>Derart positive Beispiele \u201eganzheitlichen\u201c Handelns gibt es nicht nur in Frankreich. In den letzten Jahren verst\u00e4rken sich K\u00e4mpfe gegen Privatisierung im Gesundheitswesen. Streiks unabh\u00e4ngig von den eigenen Arbeitsbedingungen und Entlassungen gab es z.B. in Kenia durch KrankenpflegerInnen und \u00c4rztInnen, aber auch auf Malta, in Portugal oder in Gro\u00dfbritannien. In Polen traten k\u00fcrzlich \u00c4rztInnen f\u00fcr ein besseres Gesundheitssystem sogar in den Hungerstreik. \u00c4hnliche \u201eunegoistische\u201c, gesellschaftspolitisch orientierte Arbeitsk\u00e4mpfe gibt es auch f\u00fcr ein gutes \u00f6ffentliches Bildungswesen in Mexiko, Italien, Argentinien, Kolumbien und Portugal.<\/p>\n<p>Solidarisierungsprozesse k\u00f6nnen auch \u00fcber die \u201eeigene\u201c Branche hinausweisen, wenn z.B. Gewerkschaften zum Streik gegen das \u201eHartz IV\u201c-Modell der finnischen Rechtsregierung aufrufen, die griechische besetzte Fabrik VIO.ME die Zweigstelle der Sozialklinik der Solidarit\u00e4t von Thessaloniki auf ihrem Gel\u00e4nde beherbergt oder der Gewerkschaftsbund UGTT in Sfax zum Proteststreik gegen die Fl\u00fcchtlingsjagd der tunesischen Marine mobilisiert und die spanische CGT ein Gel\u00e4nde besetzt, das f\u00fcr ein neues Fl\u00fcchtlingsgef\u00e4ngnis vorgesehen ist. Die alternative Gewerkschaft leistet in Israel Widerstand gegen Massenabschiebungen afrikanischer Fl\u00fcchtlinge, w\u00e4hrend die New Yorker Taxigewerkschaft streikte, als Zehntausende an US-Flugh\u00e4fen gegen Trumps Einreiseverbot f\u00fcr Muslime protestierten.<\/p>\n<p>Solche solidarischen K\u00e4mpfe werden durch die sozialen Bewegungen erwidert: So z.B. in Argentinien, wo ein riesiger Solidarit\u00e4tsaufmarsch der Bev\u00f6lkerung den geplanten \u00dcberfall der Polizei auf die besetzte Druckerei AGR-Clar\u00edn in Buenos Aires verhinderte. Oder im April 2017 als auch die sozialen Bewegungen f\u00fcr den Generalstreik in Brasilien mobilisierten. Die sozialen Bewegungen in Deutschland stehen hier keinesfalls zur\u00fcck. Auch aufgrund der Passivit\u00e4t der DGB-Gewerkschaften unterst\u00fctzen sie viele Arbeitsk\u00e4mpfe. So geschehen bei der Betriebsbesetzung des Fahrradwerkes Bike Systems in Nordhausen (\u00bbStrike Bike\u00ab), bei den Streiks bei Neupack in Hamburg und Rotenburg &#8211; oder aktuell immer noch an den einzelnen Standorten von Amazon. Nat\u00fcrlich darf dabei nicht verschwiegen werden, dass sich viele Gewerkschaftsmitglieder ohne die Unterst\u00fctzung ihrer Gewerkschaften an sozialen und solidarischen Aktionen beteiligen.<\/p>\n<p><strong>Identit\u00e4tspolitik und Klassenkampf<\/strong><\/p>\n<p>Die aufgef\u00fchrten Beispiele machen deutlich, dass das Verbinden der eigenen Rollen und Funktionen im individuellen Selbstbild auch den postulierten Widerspruch zwischen sogenannten Identit\u00e4tspolitiken und Klassenk\u00e4mpfen verschwinden l\u00e4sst. Klassenauseinandersetzungen finden, nicht nur in der Wohnungsfrage, auch im Reproduktionsbereich statt. K\u00e4mpfe um Anerkennung, Teilhabe und Mitsprache sind auch im Kontext \u00f6konomischer Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse zu verstehen und zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wenn die Ber\u00fccksichtigung jeweils konkreter und teilweise durchaus unterschiedlicher Interessen oder Identifikationen als \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c erscheint, so kann es helfen, punktuell unterschiedliche Interessen zu identifizieren \u2014 um sie zu akzeptieren. Wenn es gilt, den identifizierten gemeinsamen Gegner zu stellen, unterstelle ich jedoch dieser Bezeichnung ein drohendes Spaltungspotenzial. Auch als Frau und Migrantin bleibe ich (mehrfach ausgebeutete) Lohnabh\u00e4ngige.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber: Wenn wir Lohnabh\u00e4ngigkeit als den gr\u00f6\u00dften gemeinsamen Nenner akzeptieren, der \u00fcber die Bedingungen der Lohnarbeit oder die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hinaus auch unsere Position und Lebenslage als KundInnen, MieterInnen, PatientInnen und BeziehungspartnerInnen diverser Geschlechter und Nationalit\u00e4ten definiert, d\u00fcrfte es uns kaum noch gelingen, beim Kampf um bestm\u00f6gliche Gesundheitsversorgung im Krankheitsfalle z.B. gegen die Interessen der im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen zu agieren. Oder andersherum: Wenn der Kapitalismus alle Lebensbereiche durchdringt und pr\u00e4gt, so sind auch alle K\u00e4mpfe gegen Diskriminierung nach Herkunft, Geschlecht und Religion internationalistische, antinationalistische und antikapitalistische K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p><strong>Linkssein im Alltag \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Kapitalismus tagt\u00e4glich durch unsere Akzeptanz und unser Mitmachen reproduziert wird, kann diese Reproduktion kapitalistischer Herrschaftsverh\u00e4ltnisse in allen Lebensbereichen verweigert und gest\u00f6rt werden. Es setzt \u201eLinkssein im Alltag\u201c voraus, als Aufhebung des Widerspruchs zwischen der politischen Orientierung nach Feierabend oder am Wochenende und einem bestenfalls unpolitischen Alltagsverhalten in Ausbildung, als Lohnabh\u00e4ngige oder als KonsumentIn. Es geht dabei um R\u00fccksichtnahme und um den Respekt anderen Mitmenschen der eigenen Klasse gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Und damit geht es um Alltagswiderstand und Ungehorsam. \u201eJeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied\u201c \u2013 das Motto der derzeitigen Ellenbogengesellschaft, die immer mehr auch gesetzlich betoniert wird, muss im allt\u00e4glichen Umgang miteinander widerlegt und bek\u00e4mpft werden. Dieses \u201eneoliberale\u201c Motto f\u00fchrt dazu, dass z.B. Menschen, die am Arbeitsplatz vor dem Vorgesetzten kriechen, nach Feierabend die Br\u00f6tchenverk\u00e4uferin und nicht den Chef der B\u00e4ckerei f\u00fcr lange Wartezeiten niedermachen. Oder allzu viele vermeintlich sichere \u201eBesitzerInnen\u201c \u201eihres\u201c Arbeitsplatzes erst aufschreien, wenn sie selbst von den Hartz-Gesetzen betroffen sind. Und viele radikale Linke merken nicht, wie sie auf dem Weg zur Uni, in der Kantine oder im Supermarkt anderen Lohnabh\u00e4ngigen begegnen und ihre Arbeit respektlos konsumieren. Sich demgegen\u00fcber als KundIn zugleich als Lohnabh\u00e4ngige zu begreifen ist ein kleiner, Akt der Selbsterm\u00e4chtigung, der Regelverletzung &#8211; und ein Angriff auf den Kapitalismus durch die Verletzung von dessen Spielregeln.<\/p>\n<p>Um die Verweigerung kapitalistischer Spielregeln kommen aber sp\u00e4testens mittelfristig auch sozialpartnerschaftlich orientierte Gewerkschaften nicht herum, wurde doch die Sozialpartnerschaft l\u00e4ngst einseitig von oben gek\u00fcndigt. Wollen sie sich nicht an \u00fcberholten und unsolidarischen Wettbewerbskorporatismus klammern, m\u00fcssen sie ihre Selbstbeschr\u00e4nkung auf kuschelige Umverteilungspolitik aufgeben und f\u00fcr den ganzen Menschen und gegen den ganzen Kapitalismus k\u00e4mpfen. Und f\u00fcr den ganzen lohnabh\u00e4ngigen Menschen k\u00e4mpfen hei\u00dft nat\u00fcrlich, gegen die Lohnabh\u00e4ngigkeit zu k\u00e4mpfen. Oder f\u00fcr den Frieden statt f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze in der R\u00fcstungsindustrie, f\u00fcr die Umwelt statt f\u00fcr die Braunkohle.<\/p>\n<p>Auch z\u00f6gernden Gewerkschaften sollten die Vorteile angesichts zunehmend zersplitternder Betriebseinheiten einleuchten: Organisierung im Betrieb wirkte sich schon immer zu wenig au\u00dferhalb der Lohnarbeit aus, gewerkschaftliche und soziale Organisierung im Stadtteil kann hingegen in den Betrieb hinein wirken und die Spaltung der Belegschaften aufheben helfen. Inklusive Solidarisierung wiederum tr\u00e4gt zur Verbreitung der K\u00e4mpfe bei, was wir dringend brauchen, wenn wir die Klassenpolitik nicht den \u201ewei\u00dfen, hart arbeitenden M\u00e4nnern\u201c des Trump oder der AfD \u00fcberlassen wollen.<\/p>\n<p>Ganzheitliches Menschenbild und entsprechend ganzheitliche Kampfformen verpuffen jedoch wirkungslos gegen\u00fcber dem allumfassenden globalen Kapitalismus und\u00a0 weltweit um sich greifenden Rassismus und Nationalismus, wenn sie nicht bedingungslos f\u00fcr alle sind \u2014 das Gegenteil jeglicher Standortpolitik.<\/p>\n<p><strong>\u2026 statt Akzeptanz kapitalistischer Hierarchien<\/strong><\/p>\n<p>Zu den auch bereits auf nationales Ebene wirkenden und bekannten Spaltungslinien, gesellen sich zwei weitere, zu denen leider sogar auch Gewerkschaftslinke neigen: Akzeptanz kapitalistischer Hierarchien und Fetischisierung der Lohnarbeit.<\/p>\n<p>Wenn wir zulassen, Menschen nach ihrer funktionalen Wertsch\u00e4tzung, nach kapitalistischen Verwertungskriterien zu bewerten, akzeptieren und reproduzieren wir Hierarchien, die sich eben nicht nach gesellschaftlicher Bedeutung einer T\u00e4tigkeit richten. Wenn Manager der R\u00fcstungsindustrie h\u00f6her gestellt sind, mehr verdienen, eine bessere Gesundheitsversorgung genie\u00dfen, l\u00e4nger leben und h\u00f6here Rente beziehen als eine Pflegekraft, ist dies augenf\u00e4llig. Potenzielles Spaltungsinstrument \u2014 und leider weltweit anzutreffen \u2014 ist auch der unsolidarische Umgang mit dem Begriff \u201ePrivileg\u201c. Wenn er auf Belegschaften oder Berufsgruppen angewandt wird, die h\u00f6here L\u00f6hne oder bessere Arbeitsbedingungen \u201egenie\u00dfen\u201c, wird dabei nicht nur vergessen, dass diese erk\u00e4mpft wurden. Oft wird damit auch zugelassen, dass diese \u201ePrivilegien\u201c weggenommen werden, statt K\u00e4mpfe dagegen zu unterst\u00fctzen und hohe Standards f\u00fcr alle zu fordern. So hat im letzten Jahr die spanische Regierung \u2013 erfolglos \u2013 versucht, den Kampf der spanischen Docker als Verteidigung von Privilegien zu isolieren. Es ging dabei um Priviliegien wie ein einigerma\u00dfen ausreichender Lohn, Jahresurlaub und Krankenversicherung.<\/p>\n<p>Fetischisierung der Lohnarbeit meint eine breit vertretene Position, die aus der Not der Lohnabh\u00e4ngigkeit eine alternativlose Tugend gemacht hat. Die Verteidigung \u201ehart\u201c arbeitender Menschen \u2014 in Verbindung mit ihrer Schwester, der Illusion der Leistungsgerechtigkeit \u2014 hat nicht nur dem Widerstand gegen die Hartz-Gesetze das Genick gebrochen und Schikanen gegen Erwerbslose erm\u00f6glicht. Sie ist im Kern ausgrenzend gegen alle, die keine \u201eHelden der Arbeit\u201c sein k\u00f6nnen oder wollen. Sie richtet sich gegen Menschen in nicht lohnf\u00f6rmigen Arbeitsformen und potenziell gegen alles Andere. Globale Solidarit\u00e4t und Verteilungsgerechtigkeit muss aber auch feministisch, antirassistisch &#8211; und internationalistisch erk\u00e4mpft werden \u2013 auch gegen rassistische und nationalistische \u201eKonkurrenz\u201c-Gewerkschaften.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr das Neue an der \u201eneuen\u201c Klassenpolitik<\/strong><\/p>\n<p>Es ist begr\u00fc\u00dfenswert, wenn sich radikale Linke und soziale Bewegungen der Klassenfrage, sprich den lohnarbeitenden Menschen zuwenden. Wie hoffentlich schl\u00fcssig dargelegt, kommt es dabei darauf an, dass dieses Linkssein im eigenen Alltag und in der eigenen Erwerbst\u00e4tigkeit fortgesetzt wird. Wie auch die berufst\u00e4tigen Lohnabh\u00e4ngigen ihre Rollen als PatientIn, KundIn ebenso wenig am Betriebseingang abgeben sollten, wie ihre Lage in der Gesellschaft als Frau, StudentIn oder MigrantIn.<\/p>\n<p>Die weitaus gr\u00f6\u00dferen Defizite liegen leider noch bei den Gewerkschaftsapparaten, die \u2014 stark verk\u00fcrzt formuliert \u2014 nicht mitbekommen haben, dass der Klassenkompromiss von oben, durch das Kapital gek\u00fcndigt wurde. Sie bekommen die Konsequenzen oft genug zu sp\u00fcren, wenn die Arbeitgeber durch das ber\u00fchmte \u201eletzte Mittel\u201c Streikandrohung nicht mehr zu beeindrucken sind. Auch das zeigt: Es gibt kein Zur\u00fcck zu den vermeintlich goldenen 1970er Jahren, die auch nur f\u00fcr den m\u00e4nnlichen deutschen Facharbeiter vergoldet schienen.<\/p>\n<p>Und ein letzter wichtiger Aspekt, der den Gewerkschaftsapparaten nicht oft genug nahe gelegt werden kann: Auch die Art der K\u00e4mpfe und ihre organisatorische Verfasstheit muss die Gesellschaft widerspiegeln, die wir anstreben und sie dabei ein\u00fcben. Mit undemokratischen, hierarchischen und gehorsamen Stellvertreterstrukturen kann die Pluralit\u00e4t von Bewegungen nicht als Partner (schon gar nicht gleichberechtigter) gewonnen werden, so geht es wirklich nur zur\u00fcck in die 1970er &#8211; oder den sog. Rechtspopulisten in die Arme. Horizontale Solidarit\u00e4t aller Lohnabh\u00e4ngigen weltweit ist hingegen die beste Medizin gegen Faschismus, der damit beginnt, den Klassenkampf zwischen oben und unten zu negieren und zur Seite zu treten.<\/p>\n<p>Wir meinen: Grundlegende Vers\u00e4umnisse in der Vergangenheit erfordern nicht unbedingt eine \u00bbNeue Klassenpolitik\u00ab, es reicht eine, die ihren Namen verdient. Denn jeder Alltag kann der Tag sein, an dem die Revolution beginnt.<\/p>\n<p><em>Mag Wompel ist bei\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/\"><em>LabourNet Germany<\/em><\/a><em>\u00a0aktiv. Dieser Text ist dort in leicht ge\u00e4nderter Fassung nachzulesen. LabourNet finanziert sich fast ausschlie\u00dflich aus Spenden.\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/foerdern\/\"><em>Bitte unterst\u00fctzt den Verein nach M\u00f6glichkeit mit einem finanziellen Beitrag<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.prager-fruehling-magazin.de\/de\/article\/1422.nichts-neues-in-der-neuen-klassenpolitik.html\">prager-fruehling-magazin.de&#8230;<\/a> vom 14. M\u00e4rz 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mag Wompel (LabourNet Germany). 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