{"id":3269,"date":"2018-03-17T11:22:04","date_gmt":"2018-03-17T09:22:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3269"},"modified":"2018-03-17T11:22:04","modified_gmt":"2018-03-17T09:22:04","slug":"spanien-ohne-frauen-keine-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3269","title":{"rendered":"Spanien: Ohne Frauen keine Revolution!"},"content":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz fand in Spanien der sogenannte \u201efeministische Streik\u201c statt. Nachdem die kleineren Gewerkschaften CNT und CGT zu einem 24-Stunden-Streik der Frauen aufgerufen hatten, mussten<!--more--> ihnen die gr\u00f6sseren Gewerkschaftsverb\u00e4nde CCOO und UGT folgen und riefen ebenfalls eine Arbeitsniederlegung f\u00fcr zwei Stunden aus. Das Ergebnis war die gr\u00f6sste Massenmobilisierung, die Europa seit Jahren gesehen hat<\/p>\n<p><strong>Die Streikbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Ausgegangen war der Aufruf zu einem eint\u00e4gigen Streik von der sogenannten \u201eFeministischen Koordniation\u201c, einem spanienweiten B\u00fcndnis feministischer Organisationen. Urspr\u00fcnglich ging es darum, einen Aktionstag nur f\u00fcr Frauen zu organisieren, zu dem M\u00e4nner explizit nicht eingeladen waren. Doch es sollte ganz anders kommen!<\/p>\n<p>Beinah ein Drittel der Lohnabh\u00e4ngigen beiderlei Geschlechts legte in ganz Spanien die Arbeit nieder \u2013 sechs Millionen Menschen. Hinzu kam eine unabsch\u00e4tzbare Menge von Hausfrauen, die zu Tausenden symbolisch Sch\u00fcrzen aus den Fenstern h\u00e4ngten, um ihre Arbeitsniederlegung sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Das ganze \u00f6ffentliche Leben war lahmgelegt: Schulen und Universit\u00e4ten waren geschlossen, der \u00f6ffentliche Nahverkehr und die Eisenbahn auf ein Minimum reduziert. In 120 St\u00e4dten kam es zu Massendemonstrationen von Frauen, aber auch M\u00e4nnern: Allein eine Million Menschen in Madrid, 200.000 in Barcelona, 100.000 in Sevilla, 50.000 in Bilbao und Granada. Im baskischen Vitoria-Gasteiz ging mit 70.000 Menschen \u00fcber ein Viertel der Gesamtbev\u00f6lkerung auf die Strasse. In Katalonien wurden an zahlreichen Orten Strassenblockaden errichtet. Mit gewaltigen Demonstrationen auch in Malaga, Cadiz, Valencia, Asturien, Arag\u00f3n, auf den kanarischen Inseln und den Balearen war die Bewegung in ihrer r\u00e4umlichen Ausdehnung tats\u00e4chlich beispiellos f\u00fcr Spanien. Die massive Unterst\u00fctzung von Seiten der M\u00e4nner wurde auch in einer Umfrage sichtbar: 82% der spanischen Bev\u00f6lkerung \u00e4usserten sich in Umfragen positiv \u00fcber den Streik\u2013 was selbst in Spanien ein ungew\u00f6hnlich hoher Wert ist.<\/p>\n<p><strong>Frauenkampf und Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Die Forderungen der Frauen waren vielf\u00e4ltig. Sie demonstrierten nicht nur gegen die ungleiche Bezahlung von M\u00e4nnern und Frauen, sondern auch gegen h\u00e4usliche Gewalt, das Hausfrauenleben im Allgemeinen und sexuelle Bel\u00e4stigung. Die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau ist ein direktes Produkt des Kapitalismus und zieht einige weitere schwerwiegende Folgen mit sich: Weil Frauen in Spanien 23% weniger verdienen, geht typischerweise in einer Familie der Mann arbeiten. Weniger Arbeit f\u00fchrt zu weniger Pension: Die durchschnittliche Person f\u00fcr Frauen betr\u00e4gt in Spanien 718,23 \u20ac, f\u00fcr M\u00e4nner immerhin 1.140,40 \u20ac. Der Lohnunterschied und die allgemein gr\u00f6ssere Schwierigkeit f\u00fcr Frauen, Arbeit zu finden, verdammen die Frau in vielen F\u00e4llen zu finanzieller Abh\u00e4ngigkeit vom Mann, bringen sie innerhalb der Familie in eine benachteiligte Situation und f\u00fchren so zu einer allgemeinen Verzerrung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Spannungen, die der Kapitalismus in die Familie hineintr\u00e4gt, gipfeln nicht selten in Gewalt gegen Frauen. Durchschnittlich werden in Spanien 65 Frauen im Jahr ermordet und \u00fcber 1.200 Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht.<\/p>\n<p>Die regierende, b\u00fcrgerlich-konservative Partido Popular (Volkspartei) und die rechtsliberalen Ciudadanos machten auf ihre Weise klar, dass der Kampf um die Befreiung der Frau untrennbar mit dem Sturz der B\u00fcrgerlichen und ihres kapitalistischen Systems verbunden ist, indem sie erkl\u00e4rten, sie unterst\u00fctzten zwar selbstverst\u00e4ndlich die Frauenrechte, k\u00f6nnten sich dem Streik aber wegen seines antikapitalistischen Charakters nicht anschliessen. Auch der Bischof von San Sebasti\u00e1n machte klar, auf welcher Seite der Barrikade er steht, indem er erkl\u00e4rte, der Streikaufruf sei das Werk des Teufels.<\/p>\n<p>Rund um die Streikvorbereitungen war an vielen Orten die Frage debattiert worden, ob alle Frauen unabh\u00e4ngig von ihrer sozialen Klasse die gleichen Interessen h\u00e4tten. Praktischerweise gaben die Frauen des B\u00fcrgertums selbst die Antwort, in dem sie sich im Vorfeld des Streiks in wochenlangen Schimpftiraden dagegen ergingen. Die Unternehmervertretungen gaben nicht nur ein Statement gegen den Streik heraus, sondern drohten gleich, die Streikenden mit Aussperrungen zu bestrafen. So wurde der Klassencharakter der Bewegung glasklar.<\/p>\n<p>Es wurde offensichtlich: Der nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete der arbeitenden Frauen sind arbeitende M\u00e4nner und nicht die b\u00fcrgerlichen Frauen. Wie die Chefin der Ciudadanos und die Ministerinnen der PP-Regierung vorexerziert haben, sind die Frauen des B\u00fcrgertums in einer Position, in der sie Privilegien geniessen und deshalb das bestehende System verteidigen. Als Unternehmerinnen und Politikerinnen sind sie selbst mitverantwortlich f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung der arbeitenden Frauen. Nat\u00fcrlich z\u00f6gern sie nicht, sich auf arbeitende Frauen zu st\u00fctzen, um mit ihrer Hilfe Massnahmen wie Quoten und dergleichen umzusetzen, die ihre eigene Karriere in Politik und\/oder Wirtschaft bef\u00f6rdern k\u00f6nnen \u2013 sobald Arbeiterfrauen aber weitergehen und bessere L\u00f6hne oder Vergesellschaftung der Hausarbeit fordern, z\u00f6gern sie genausowenig, die Maske fallenzulassen und ohne Skrupel die herrschende Ordnung zu verteidigen, die die arbeitende Frau unterdr\u00fcckt, ihnen selbst aber Privilegien bringt.<\/p>\n<p><strong>Ohne Frauen keine Revolution!<\/strong><\/p>\n<p>Auch den Streikenden war sehr bewusst, dass ihre Forderungen direkt den Kapitalismus in Frage stellen. Einer der beliebtesten Slogans des Tages war: \u201eOhne Frauen keine Revolution!\u201c Auf der Demo in Barcelona wurde von einigen TeilnehmerInnen ein Vergleich zu 1917 gezogen. Andere Slogans waren: \u201eSie haben uns alles genommen, sogar die Angst\u201c oder auch \u201eBeim Putzen hat keine Frau einen Orgasmus\u201c. CNN berichtete von einer Neunj\u00e4hrigen, die erkl\u00e4rte, dass sie demonstriere, \u201edamit alle Menschen gleich sind, wenn ich gross bin.\u201c<\/p>\n<p>Oft findet eine falsche Debatte \u00fcber diese Fragen statt: Muss man M\u00e4nner \u201eaufkl\u00e4ren\u201c bzw. dazu \u201eerziehen\u201c, weniger sexistisch zu sein, wie von FeministInnen oft behauptet wird? Oder kann sich das Bewusstsein erst \u00e4ndern, wenn der Kapitalismus abgeschafft ist, wie oft Linke behaupten, die ihren eigenen Sexismus nicht konfrontieren k\u00f6nnen? Einen Mann nach dem anderen dazu zu bringen, dass er seinen Sexismus in den Griff bekommt, st\u00f6sst schnell auf seine Grenzen, solang die herrschende Klasse ihre giftige Ideologie anwendet. Doch bei Streikbewegung wie am 8. M\u00e4rz finden an einem einzigen Tag zwangsl\u00e4ufig tiefe Ver\u00e4nderungen im Bewusstsein von Millionen M\u00e4nnern und Frauen statt. Manchmal karikiert man die Haltung des Marxismus, als w\u00fcrden wir sagen: \u201eBis die Klassengesellschaft \u00fcberwunden ist, kann sich gar nichts \u00e4ndern!\u201c In Wirklichkeit ist es so, dass sich das Massenbewusstsein eben im Kampf um Rechte und Reformen zu ver\u00e4ndern beginnt.<\/p>\n<p>In der \u00fcbrigen Gesellschaft werden diese Ereignisse einen Dominoeffekt ausl\u00f6sen. Der Streik vom 8. M\u00e4rz ist zu einem Beispiel geworden, dem alle Teile der Arbeiterklasse folgen k\u00f6nnen. Die entscheidende Lektion ist die: Der einzige Weg, die herrschende Friedhofsruhe aufzubrechen, die sich nach dem Rechtsdrift von PODEMOS und dem Scheitern der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung \u00fcber Spanien ausgebreitet hat, ist, zur\u00fcck auf die Strasse zu gehen!<\/p>\n<p>Es ist ohne weiteres m\u00f6glich, auf der Basis, die am 8. M\u00e4rz geschaffen wurde, eine Bewegung aufzubauen, die die Forderungen der verschiedenen Massenbewegungen der letzten Jahre zusammenfasst, die PP-Regierung st\u00fcrzt und den Kapitalismus beseitigt. Das einzige, was fehlt, ist eine F\u00fchrung, die dazu das Signal gibt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/international\/europa\/spanien-ohne-frauen-keine-revolution\/\">derfunke.ch&#8230;<\/a> vom 17. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. M\u00e4rz fand in Spanien der sogenannte \u201efeministische Streik\u201c statt. 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