{"id":3278,"date":"2018-03-19T09:11:43","date_gmt":"2018-03-19T07:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3278"},"modified":"2018-03-19T09:11:43","modified_gmt":"2018-03-19T07:11:43","slug":"afrin-ist-nicht-gefallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3278","title":{"rendered":"Afrin ist nicht gefallen"},"content":{"rendered":"<p><em>Karl Plumba.<\/em> Es ist mittlerweile fast zwei Monate her, seit am 20. Januar 2018 die t\u00fcrkische Besatzungsarmee zusammen mit zehntausenden Dschihadisten-S\u00f6ldnern die Grenze nach Afrin \u00fcberschritt.Seit<!--more--> diesem Tag h\u00e4ufen sich die Meldungen \u00fcber Hinrichtungen, Folter, Leichensch\u00e4ndung durch Erdogans Gotteskrieger, die sich kaum von den Waffenbr\u00fcdern des \u201eIslamischen Staates\u201c unterscheiden.<\/p>\n<p>Der Krieg gegen Afrin offenbart ein weiteres Mal den Charakter der Revolution in Rojava. Er zeigt einerseits, dass die demokratische Selbstverwaltung im Norden Syriens keinesfalls ein Proxy-Projekt eines der imperialistischen Machtbl\u00f6cke ist \u2013 sowohl Russland als auch die NATO haben ganz offensichtlich ihr Einverst\u00e4ndnis zum Einmarsch der T\u00fcrkei gegeben.<\/p>\n<p>Andererseits \u2013 und das ist das wirklich Entscheidende hier \u2013 zeigt der Widerstand um Afrin und der \u00fcberw\u00e4ltigende R\u00fcckhalt aus ganz Rojava f\u00fcr eben diesen, dass dort eine gesamtgesellschaftliche Revolution im Gange ist. Eine Revolution, die von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung mitgetragen wird, und deren Errungenschaften, wenn es notwendig wird, auch mit dem Leben verteidigt werden.<\/p>\n<p>Hunderttausende blieben trotz der anr\u00fcckenden Besatzungsmacht in Afrin. Mehr noch, zahlreiche Konvois mit Tausenden Zivilist*innen aus der gesamten Demokratischen F\u00f6deration Nordsyrien kamen nach Afrin, um den Widerstand zu unterst\u00fctzen. Demonstrationen wurden organisiert und am internationalen Frauenkampftag demonstrierten \u2013 mitten im Krieg \u2013 tausende Frauen aus der gesamten Region.<\/p>\n<p>All die demokratischen Fortschritte, die die Revolution hervorgebracht hat, sind nun in Afrin bedroht. Sollte es der t\u00fcrkischen Besatzungsarmee tats\u00e4chlich gelingen, die Stadt einzunehmen, wird es dort keine freien Frauen mehr geben, es wird keine R\u00e4testrukturen mehr geben, in denen die Menschen sich selbst organisieren, es wird die meisten Menschen, die heute noch in Afrin leben nicht mehr geben. Sollte es Erdogans Banden gelingen, die Stadt einzunehmen werden sie das ausf\u00fchren, womit sie seit Monaten drohen: die Vertreibung oder Ermordung der lokalen Bev\u00f6lkerung und eine anschlie\u00dfende Neuansiedlung syrischer Gefl\u00fcchteter im besetzten Gebiet. Au\u00dferdem w\u00e4re mit einer Besetzung Afrins die ohnehin schon t\u00fcrkisch besetzte Region um al-Bab und Jarablus mit der von Al-Qaida gehaltenen Region Idlib verbunden. Das g\u00e4be Erdogan die besten Voraussetzungen f\u00fcr ein Scheinreferendum zur Schaffung eines Satellitenstaates oder zur direkten Eingliederung der besetzten Gebiete in t\u00fcrkisches Territorien.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist die Stadt fast vollst\u00e4ndig eingeschlossen. In den letzten Tagen unternahmen YPG\/YPJ gro\u00dfe Anstrengungen, die Zivilist*innen \u00fcber den letzten verbliebenen Fluchtkorridor in vom Assad-Regime kontrollierte Gebiete zu evakuieren. Sch\u00e4tzungen zufolge flohen so allein in den letzten Tagen bis zu 150.000 Menschen und selbst auf der Flucht werden sie noch zum Ziel der T\u00fcrkei. Gestern sollen mehrere hundert Zivilist*innen durch Luftangriffe auf den Fluchtkorridor ums Leben gekommen sein. Seit heute Morgen h\u00e4ufen sich au\u00dferdem Meldungen \u00fcber den Fall der Stadt. Die t\u00fcrkische Besatzungsarmee behauptet sogar, diese \u201evollst\u00e4ndig und ohne nennenswerten Widerstand\u201c eingenommen zu haben. Diese Meldungen sind falsch und sollten nicht weiter verbreitet werden. Die Ank\u00fcndigung der YPG\/YPJ und SDF die Stadt \u201ebis zum Letzten\u201c zu verteidigen, sind mehr als blo\u00dfe Rhetorik. Sie sind bitterer Ernst. Die kurdische Freiheitsbewegung hat in der Geschichte immer wieder ihre enorme Widerstandskraft bewiesen. Nicht zuletzt in Koban\u00ea, wo nur noch wenige Stra\u00dfenz\u00fcge nicht unter der Kontrolle des \u201aIslamischen Staat\u2018 standen und die Stadt von Erdogan bereits als verloren erkl\u00e4rt wurde, siegten sie gegen eine \u00dcbermacht.<\/p>\n<p>So d\u00fcster die Lage also ist, verloren ist Afrin keinesfalls. Einerseits ist es bereits ein enormer Erfolg, dass der Widerstand gegen die zweitgr\u00f6\u00dfte Armee der NATO nun schon zwei Monate standh\u00e4lt. Zum anderen geht der Kampf, nun, da Afrin-Stadt eingeschlossen ist, in eine andere Phase \u00fcber. Eine Phase, in der technologische \u00dcberlegenheit nur noch eingeschr\u00e4nkt zur Geltung kommt. \u201eNat\u00fcrlich wird der Stadtkampf lang und blutig\u201c, erkl\u00e4rt Heval Cihan am Telefon. Cihan ist Internationalist und schon viele Jahre in Rojava. \u201eDoch sobald der Stadtkampf losgeht gilt das alte Credo \u201adie \u00dcberlegenheit der Technik wird nicht die \u00dcberlegenheit des st\u00e4rkeren Willens brechen k\u00f6nnen.\u2019\u201c Was er sagt ist mehr, als eine Durchhalteparole. Die kurdische Bewegung hat Erfahrung mit urbanem Krieg. Da ist der bereits erw\u00e4hnte Kampf um Koban\u00ea von 2014. Aber auch als 2016 mehrere St\u00e4dte in Nordkurdistan, dem t\u00fcrkisch besetzten Teil, belagert wurden, leisteten leicht bewaffnete, unerfahrene und milit\u00e4risch unausgebildete Jugendliche monatelang Widerstand.<\/p>\n<p>In Nusaybin waren es ca. 200 Jugendliche mit Kalaschnikows und einigen RPG-Raketenwerfern, die Viertel f\u00fcr Viertel monatelang verteidigten und der t\u00fcrkischen Armee, die mit 15.000 Soldaten und Spezialkr\u00e4ften angriff und auch damals mit Artillerie schoss und bombardierte, enorme Verluste zuf\u00fcgte. Die bewaffneten Kr\u00e4fte Rojavas haben nun vier Jahre verlustreicher K\u00e4mpfe hinter sich, in denen Erfahrungen gesammelt wurden. Bei der Verteidigung Kobanes gegen den \u201aIslamischen Staat\u2018, bei der Befreiung von Sengal, Minbic, Tabqa und Raqqa. Diese Erfahrungen kommen nun auch in Afrin zum Tragen. \u201eJa, es wird ein langer, verlustreicher und blutiger Kampf und nat\u00fcrlich, wenn an anderen Stellen in Kurdistan, im Mittleren Osten, in aller Welt keine Unterst\u00fctzung kommt und die Freund*innen in Afrin alleine gelassen werden, wird irgendwann die massive technologische und zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcberlegenheit des Feindes auch den st\u00e4rksten Widerstand vernichten.\u201c<\/p>\n<p>Dennoch scheint all das in der \u201ewestlichen Wertegemeinschaft\u201c kaum jemanden zu interessieren. W\u00e4hrend bei den Schlachten um Aleppo und Ost-Ghouta noch gegen die Massaker an Zivilisten protestiert wurde und wird, findet Afrin f\u00fcr die deutsche Politik kaum statt. Soweit, dass der eigene B\u00fcndnispartner aufgehalten oder auch nur kritisiert wird, reicht die \u201eFriedenspolitik\u201c schon gar nicht. Doch die imperialistischen Staaten und ihre Vertreter*innen sind sowieso die falschen Adressaten f\u00fcr solche Appelle.<\/p>\n<p>Die Revolution in Rojava und die Welt der kapitalistischen Moderne sind zwei sich gegens\u00e4tzlich ausschlie\u00dfende Gesellschaftsentw\u00fcrfe. Die eine baut auf Geschlechterbefreiung, Basisdemokratie, Gleichberechtigung und \u00d6kologie und die andere auf Konkurrenzkampf und brutale Ausbeutung zur Profitmaximierung. Diese beiden Seiten k\u00f6nnen niemals Verb\u00fcndete sein und auch taktische Zusammenarbeit h\u00e4lt, das hat die Vergangenheit gezeigt, exakt nur so lange, wie es punktuell gemeinsame Interessen gibt oder die Interessen der verschiedenen imperialistischen Bl\u00f6cke gegeneinander ausgespielt werden k\u00f6nnen. Die einzigen strategischen Verb\u00fcndeten, die die Revolution in Rojava hat sind wir alle. Wir, die fortschrittlichen, demokratischen, kommunistischen, sozialistischen, anarchistischen, revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns darf Afrin nicht einfach nur eine weitere Schlacht um eine weitere Stadt in einem Krieg sein, der sowieso schon ewig zu gehen scheint. Der Verlust von Afrin an den t\u00fcrkischen Faschismus w\u00e4re nicht nur ein Verlust f\u00fcr die Revolution in Nordsyrien, sondern ein Verlust f\u00fcr uns alle, ein R\u00fcckschlag in unser aller Kampf um eine bessere Welt. Machen wir uns nichts vor, so wie der Imperialismus heute Afrin begegnet, wird er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ganz Rojava und jedem anderen fortschrittlichen Projekt dieser Welt begegnen und unsere einzigen Verb\u00fcndeten in diesem Kampf sind unsere Genoss*innen auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Kampagne #fight4afrin gab es in ganz Europa und dar\u00fcber hinaus entschlossenen Widerstand gegen den Krieg. Von Demonstrationen und Platzbesetzungen \u00fcber die Besetzung eines t\u00fcrkischen Konsulats in Italien und eines deutschen Konsulats in Kreta, bis hin zu militanten Aktionen gegen Unterst\u00fctzer oder Profiteure des Krieges. Parteib\u00fcros wurden angegriffen oder besetzt, es gab Brandanschl\u00e4ge auf Vereine t\u00fcrkischer Faschisten und anderer Kollaborateure des Erdogan-Regimes. Diese Aktionen, wenn sie medial auch oft noch \u2013 \u00e4hnlich wie der Krieg als solcher \u2013 als ethnischer Konflikt zwischen T\u00fcrken und Kurden dargestellt werden, stehen ganz klar im Zeichen des Internationalismus und Antifaschismus.<\/p>\n<p>Unser Widerstand hier darf nun nicht aufh\u00f6ren. Es muss deutlich werden, dass Krieg in Rojava auch hier auf massiven Widerspruch st\u00f6\u00dft. Die kurdische Freiheitsbewegung hat oft davon gesprochen, dass Afrin \u201edas Vietnam der AKP-MHP Diktatur\u201c wird. Auch die Revolution\u00e4r*innen Vietnams standen nicht alleine, sondern wurden durch eine enorme Friedensbewegung auf der ganzen Welt unterst\u00fctzt, die wiederum Ausgangspunkt f\u00fcr andere K\u00e4mpfe auf der ganzen Welt waren. Wir d\u00fcrfen uns also nicht von der t\u00fcrkischen Propaganda entmutigen lassen und die Stadt f\u00fcr gefallen, oder gar die Revolution f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Freund*innen in Afrin werden die Stadt so lange verteidigen, wie sie nur k\u00f6nnen und den Krieg f\u00fcr die Besatzer so verlustreich wie nur m\u00f6glich machen. Auch wir m\u00fcssen durchhalten, unseren Widerstand verst\u00e4rken und d\u00fcrfen uns nicht entmutigen lassen, damit der Krieg auch f\u00fcr alle seine F\u00fcrsprecher so teuer wie nur m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzung: Minuten nach Ver\u00f6ffentlichung dieses Textes kam eine Meldung \u00fcber einen erfolgreichen Angriff auf feiernde t\u00fcrkische Soldaten und Dschihadisten im Stadtzentrum Afrins, bei dem viele von ihnen get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/03\/afrin-ist-nicht-gefallen\/#more-5581\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Plumba. Es ist mittlerweile fast zwei Monate her, seit am 20. 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