{"id":3282,"date":"2018-03-20T11:35:53","date_gmt":"2018-03-20T09:35:53","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3282"},"modified":"2018-03-20T11:35:53","modified_gmt":"2018-03-20T09:35:53","slug":"gegen-die-instrumentalisierung-des-antisemitismus-begriffs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3282","title":{"rendered":"Gegen die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Begriffs"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der deutschen Linken ist kaum ein politisches Thema so umstritten wie der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/es-reicht-zieht-ab-wir-wollen-unsere-freiheit-gespraech-ueber-palaestina\/\">Nahostkonflikt<\/a>. Klare Position bezieht in dieser Frage die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/JewishAntiFaBerlin\/?hc_ref=ARQfI85TtErqyW2rn5f3lIjd2S-lpEVU-NsQdOT7bDZ_-rv-1BEXgvBKGIJBcPzmd74&amp;fref=nf\">Jewish-Antifa\u00a0<\/a>aus Berlin, welche sich sowohl gegen die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/israels-besatzung-und-der-palaestinensische-widerstand\/\">Besatzung\u00a0<\/a>stellt, wie<!--more--> auch gegen die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/blinde-parteinahme-fuer-israel-kennzeichnet-medien-ob-linksliberal-oder-rechts\/\">Instrumentalisierung des des Antisemitismus-Begriffs<\/a>. Wir haben ein Gespr\u00e4ch mit ihnen gef\u00fchrt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Wer oder was ist die \u201eJewish Antifa Berlin\u201c?<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Wir sind eine Gruppe von ungef\u00e4hr 20 Berlinerinnen und Berlinern. Die meisten von uns sind in Israel geboren und gro\u00df geworden, aber einige sind auch deutsche J\u00fcdinnen und Juden oder aus anderen L\u00e4ndern. Wir haben uns zun\u00e4chst in verschiedenen antirassistischen und antikapitalistischen Gruppen in Tel Aviv und Berlin getroffen und kennengelernt und hatten schlie\u00dflich das Gef\u00fchl, dass es an der Zeit ist, uns als spezifisch j\u00fcdische Gruppe aufzustellen. Wir arbeiten konsensbasiert und treffen uns monatlich um Veranstaltungen und Aktionen zu diskutieren.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Wie bezeichnet ihr das Land, aus dem ihr kommt?<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Nicht jede von uns kommt aus Israel-Pal\u00e4stina, aber jede, die dort aufgewachsen ist, hat ihre eigene Antwort auf diese Frage. Das h\u00e4ngt immer damit zusammen, wer fragt und von der Situation allgemein. Wenn wir sagen, dass wir aus Israel kommen, dann k\u00f6nnten wir dadurch zur Ausl\u00f6schung der pal\u00e4stinensischen Geschichte des Landes beitragen, in dem wir geboren und aufgewachsen sind. Andererseits ist die Existenz dieses Staates ein Fakt. Wenn wir sagen, dass wir aus Pal\u00e4stina kommen, dann machen wir zwar einerseits ein starkes politisches Statement, k\u00f6nnten aber auch so missverstanden werden, als beanspruchten wir einen Teil der Unterdr\u00fcckung unter der unsere pal\u00e4stinensischen Freunde leiden. In unseren Ver\u00f6ffentlichungen sprechen wir daher meist \u00fcber Israel-Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Bitte kommentiert folgende These: \u201eEs bedarf innerhalb der allgemeinen Antifa keiner spezifisch j\u00fcdischen Gruppierung!\u201c<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Zun\u00e4chst einmal: f\u00fcr mich klingt diese These sowohl bekannt als auch erm\u00fcdend. Sie entstammt derselben Haltung, mit der sich wei\u00dfe Feministinnen an \u201ewomen of colour\u201c mit der Bitte wenden, \u201edoch bitte die Bewegung nicht zu spalten\u201c oder die schwarze Juden in Israel\/Pal\u00e4stina dazu auffordert, endlich aufzuh\u00f6ren, sich auf ihre spezifischen Erfahrungen und Geschichten zu beziehen, die ihnen spezifische Formen der Diskriminierung eingebracht haben. Und w\u00e4hrend es nat\u00fcrlich wahr ist, dass alle K\u00e4mpfe um Gerechtigkeit miteinander verbunden sind, schlie\u00dft dies doch keineswegs aus, dass jeder dieser K\u00e4mpfe auch seine Besonderheiten hat\u00a0\u2013 warum sollten wir das leugnen? Ich pers\u00f6nlich habe auch immer und immer wieder bemerkt, dass die Vernachl\u00e4ssigung dieser Unterschiede politische Arbeit nicht nur nicht effizienter gemacht hat, sondern schlie\u00dflich zu einer Abstrahierung der verschiedenen Wege und Beweggr\u00fcnde f\u00fchrte, die die Leute urs\u00e4chlich politisiert haben.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen der j\u00fcdischen radikalen Linken in Deutschland sind insofern einzigartig, als dass wir verschiedene Versionen der j\u00fcdischen Erfahrung und j\u00fcdischen Geschichte geerbt haben und dies l\u00e4sst uns von einem spezifischen Standort aus sprechen, wenn wir unsere Positionen zu Rassismus, Diskriminierung, gemeinsamem Kampf und Revolution formulieren. Es ist eine Sache, als nicht-j\u00fcdische Kritikerin des zionistischen Staates\u00a0\u2013 der nicht j\u00fcdisch ist\u00a0\u2013 mit Antisemitismus-Vorw\u00fcrfen angegriffen zu werden und eine etwas andere, demselben Vorwurf als J\u00fcdin oder Jude ausgesetzt zu werden. Das ist es, was meiner Meinung nach das \u201eJewish\u201c in Jewish Antifa notwendig macht. Als Angeh\u00f6rige der betroffenen Gruppe f\u00fchlen wir uns in der Lage, die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Begriffs gut angreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Was bedeutet \u201ej\u00fcdisch\u201c f\u00fcr atheistische Antifaschistischen und Sozialisten, die sich nicht mit dem \u2013 angeblich \u2013 \u201ej\u00fcdischen\u201c Staat identifizieren?<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Wenn ich jetzt f\u00fcr mich selbst spreche, dann darf ich sagen, dass ich eine starke j\u00fcdische Identit\u00e4t habe. Das bezieht sich zun\u00e4chst Mal auf meine Herkunft, meine Familiengeschichte, mein \u00fcber Generationen hinweg bestehendes Gep\u00e4ck, das mein heutiges Ich gepr\u00e4gt hat. Ich wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren, wo j\u00fcdisch zu sein, von vielen als ethnische und kulturelle Identit\u00e4t wahrgenommen wurde und nicht als religi\u00f6se. Das kann zum Beispiel ein bestimmter Humor sein \u2013 denn mensch braucht wohl eine Menge Lachen, wo das Leben schwierig ist und Juden haben eben dort und auch anderswo Antisemitismus und Diskrimination erlebt.<\/p>\n<p>Meine j\u00fcdische Identit\u00e4t stellt auch deswegen meine Wurzeln dar, weil ich kein Land oder einen Staat habe, der meiner w\u00e4re oder in dem ich mich als einheimisch betrachten w\u00fcrde. Viele Generationen meiner Vorfahren sind von Land zu Land gezogen, einschlie\u00dflich meiner Eltern und Gro\u00dfeltern; einige von ihnen mehr als einmal. Es kann mitunter schwer sein, sich dieser L\u00fccke zu stellen, aber ich ziehe es vor, damit zu leben, statt mich mit der Illusion zu identifizieren, die der Staat Israel uns auf Kosten der Pal\u00e4stinenser bietet, denn sie sind die Eingeborenen dieses Landes.<\/p>\n<p>Meine j\u00fcdische Identit\u00e4t ist f\u00fcr mich deshalb auch eine politische Herausforderung, der ich mich stelle. Sie bringt eine lange Geschichte der Migration, der Vertreibung, Armut, m\u00f6rderischen Gewalt, Freundlichkeit und Solidarit\u00e4t, aber eben auch eine kurze Geschichte des Siedlerkolonialismus und der unfreiwilligen Beteiligung an der Vertreibung und schrecklichen Gewalt gegen die Pal\u00e4stinenserinnen mit sich\u00a0\u2013 einfach durch die Tatsache, B\u00fcrgerin Israels zu sein. Das hilft mir zu verstehen, dass solche Identit\u00e4ten nicht per se inh\u00e4rent und absolut einer Opfer- oder T\u00e4tergruppe zuzuordnen sind, sondern es kommt immer auf die Frage an, in welchem politischen Kontext du dich befindest. Dieses Argument bringt auch Jackie in ihrer Performance auf und damit kann ich mich stark identifizieren.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Was war eure Motivation, Jackie Walker einzuladen, um ihre Ein-Frau-Show \u201eThe Lynching\u201c zu pr\u00e4sentieren? Wie waren die R\u00fcckmeldungen darauf?<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Jackie hatte geplant, in Berlin zur Konferenz \u201eZur Zeit der Verleumder\u201c zu kommen und wir sahen die M\u00f6glichkeit, einen Abend mit ihr zu organisieren und ihrer Stimme damit eine B\u00fchne zu bieten. Das wollten wir tun, weil Jackies Fall \u00c4hnlichkeiten zu vielen anderen hat\u00a0\u2013 F\u00e4llen, in denen Leute politisch motiviert zum Schweigen gebracht und diffamiert werden. Das identifiziert Jackie in ihrem St\u00fcck als &gt;Ma\u00dfnahmen durch das Establishment&lt;.<\/p>\n<p>Als Jewish Antifa k\u00f6nnen wir uns auch sehr gut auf den spezifischen Grund beziehen, der ihr all diese negative Aufmerksamkeit eingebracht hat\u00a0\u2013 Jackie kritisiert Israel offen und hat ihre Stimme als Politikerin genutzt, um die Verbrechen dieses Staates gegen die Pal\u00e4stinenser zu benennen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat auch diese Art des Diskurses oder vielmehr der Diffamierungskampagne, unter dem bzw. der sie nun schon eine Weile zu leiden hat, auch uns erreicht. Das begann, w\u00e4hrend wir noch das Event planten und war auch zu erwarten. Es gab eine Vielzahl an gegnerischen Einw\u00fcrfen, die unterschiedlich aggressiv im jeweiligen Stil waren und als Organisator*innen mussten wir dies auf verschiedenen Ebenen h\u00e4ndeln. Diese Dynamik ist bereits bekannt, da kulturelle Veranstaltungsorte, Verlage und akademische Einrichtungen in Deutschland sich immer weigern, mit antizionistischen Aktivit\u00e4ten in Zusammenhang gebracht zu werden. Und dabei handelt es sich eigentlich um Orte, die beanspruchen, linken Aktivismus zu beherbergen!<\/p>\n<p>Wir waren jedoch auch sehr bewegt davon, wie die Sache sich letztlich entwickelt hat\u00a0\u2013 obwohl es am konkreten Veranstaltungsort auch internen Widerspruch gab, so hatten wir doch \u00fcberw\u00e4ltigende Unterst\u00fctzung von den meisten Menschen, die dort verantwortlich sind.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Was ist euer Fazit aus diesem Abend?<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Der Abend konnte ja letztlich ungest\u00f6rt wie geplant ablaufen und die wichtigste Erkenntnis, die wir daraus ziehen, ist die \u00dcberzeugung, dass er notwendig war.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re w\u00e4hrend des ganzen Abends, der Ausdruck von Wertsch\u00e4tzung und Dankbarkeit, die Art und Weise, wie die Zuh\u00f6rer auf die verschiedenen Darbietungen reagierten, der ganze Aufwand, um die Vision dieses Abends zu verwirklichen\u00a0\u2013 all das hat uns eindr\u00fccklich bewiesen, dass es einen Hunger nach solchen Veranstaltungen gibt, dass dies noch weitgehend fehlt.<\/p>\n<p>Wenn mensch bedenkt, dass es sich bei der Veranstaltung \u201cThe Lynching\u201d um das erste gro\u00dfe Event unserer Gruppe handelt, dann k\u00f6nnen wir es vermutlich als einen guten Start bezeichnen. Die Q&amp;A mit Jackie nach ihrer Veranstaltung offenbarte eine Vielzahl an Stimmen und Standpunkten im Raum, die nicht immer in perfektem Einklang miteinander oder mit Jackies Position standen, und dennoch haben wir es geschafft, einen gemeinsamen Ort herzustellen, in dem diese vorgebracht werden konnten und die Solidarit\u00e4t wirken konnte. Das ist ein echter Fortschritt.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Und was sind eure Ziele f\u00fcr das kommende Jahr?<\/p>\n<p><strong>Jewish Antifa:\u00a0<\/strong>Im Jahr 2018 werden wir sowohl unsere Unterst\u00fctzung und Teilnahme an den politischen Aktivit\u00e4ten unserer vielen Genossen fortsetzen, als auch unsere eigenen Aktivit\u00e4ten ansto\u00dfen. Unsere Zielrichtung dabei ist es, einen konsistenten j\u00fcdischen Antirassismus als legitimen Bestandteil im deutschen linken Diskurs zu etablieren.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheitsliebe:\u00a0<\/strong>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Christoph Glanz, Antifaschist und Pal\u00e4stina-Aktivist.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/gegen-die-instrumentalisierung-des-antisemitismus-begriffs-im-gespraech-mit-der-jewish-antifa\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 20. M\u00e4rz 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der deutschen Linken ist kaum ein politisches Thema so umstritten wie der\u00a0Nahostkonflikt. 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