{"id":3293,"date":"2018-03-21T17:57:40","date_gmt":"2018-03-21T15:57:40","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3293"},"modified":"2018-03-21T17:57:40","modified_gmt":"2018-03-21T15:57:40","slug":"subversiv-bei-gruen-gehen-bewegungen-im-amazon-streik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3293","title":{"rendered":"Subversiv: bei Gr\u00fcn gehen. Bewegung(en) im Amazon-Streik"},"content":{"rendered":"<p><em>Gespr\u00e4ch mit Anton Kramer vom Streiksoli-B\u00fcndnis Leipzig. <\/em><em>Frage: Wer seid Ihr, welche politischen Vorgeschichten habt Ihr, und wann seid Ihr als Soli-B\u00fcndnis aktiv geworden?<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Anton Kramer: Ein paar von uns waren, bevor sie im Streiksolib\u00fcndnis aktiv wurden, in den typischen linksradikalen Gruppen Mitglied, die einmal im Jahr eine Vortragsreihe und eine Demo organisieren. Bestenfalls klappt es, das alles in einer Jahreskampagne zusammen zu bringen. Ein Jahr ohne Kampagne ist dann ein verlorenes Jahr. Auf diese Politik hatten wir keine Lust mehr. Denn es fehlen dabei vor allem zwei Dinge:<\/p>\n<p>Zum einen findet diese linksradikale Politik immer in einem bestimmten Milieu statt: linke Studierende und ihre FreundInnen. Wer kommt denn sonst zu Vortr\u00e4gen zum richtigen Rassismus-Begriff oder zu Parlamentarismuskritik? Wer nimmt an unseren Demos teil und nimmt sie nicht nur als St\u00f6rung beim samst\u00e4glichen Shopping in der Innenstadt wahr? Ich will diese beiden Formen politischer Praxis nicht pauschal zur\u00fcckweisen, aber sie m\u00fcssen Teil einer gr\u00f6\u00dferen Strategie sein.<\/p>\n<p>Zum anderen hat genau diese Strategie gefehlt. Auch im Solib\u00fcndnis haben wir keine abschlie\u00dfende Strategie, die wir golden eingerahmt in unserem Plenarraum h\u00e4ngen haben, aber ich denke, wir haben eine Idee. Wir wollen die Bildung der Klasse f\u00fcr sich selbst als Antwort auf Nationalismus und Neoliberalismus vorantreiben. Das ergibt sich ja schon aus der Mitgliederstruktur unserer Gruppe. Die meisten in der Gruppe haben Arbeitsvertr\u00e4ge an Universit\u00e4ten, andere studieren noch und m\u00fcssen nebenbei arbeiten, wieder andere arbeiten im Care-Sektor, der in der BRD ohne die notwendige emotionale Bindung der ArbeiterInnen zu ihrem Job einpacken k\u00f6nnte. Hinzu kommen dann Amazon-ArbeiterInnen, die am Plenum teilnehmen. Es kommen also verschiedene Segmente der ArbeiterInnenklasse in unserer politischen Arbeit zusammen.<\/p>\n<p>Von den Gr\u00fcndungsmitgliedern ist keines mehr dabei. Die Struktur existiert seit f\u00fcnf Jahren, in der jetzigen Konstellation seit ungef\u00e4hr neun Monaten. Wir profitieren heute in unserer Arbeit von dem Vertrauen, das die erste Generation geschaffen hat. Vielleicht hat der ersten Generation unsere Klassen-Perspektive etwas gefehlt. Au\u00dferdem bestand das B\u00fcndnis damals wirklich aus VertreterInnen verschiedener linker Gruppen. Das ist heute nicht mehr der Fall.<\/p>\n<p><em>Amazon ist ein Knotenpunkt, in dem die aktuelle Neuzusammensetzung von Produktions- und Verkaufsformen des digitalen Kapitalismus zum Ausdruck kommt. Wir haben es mit einem neuen Grad an reeller Subsumtion zu tun, in dessen Zuge das einstmalige Flie\u00dfband durch Algorithmen und Apps ersetzt wird. Objektiv vollzieht sich eine technologische Umstrukturierung und subjektiv eine neue Qualit\u00e4t an Kontrolle und \u00dcberwachung sowie Entqualifizierung der lebendigen Arbeit. Wie interpretiert Ihr diese Prozesse bei Amazon?<\/em><\/p>\n<p>Amazon produziert selbst G\u00fcter wie Unterhaltungsserien oder \u00bbAlexa\u00ab, aber im Wesentlichen handelt es sich um einen Versandh\u00e4ndler, der gleichzeitig verschiedene Warenhandelsdienstleistungen anbietet. Amazon zentralisiert das Warenangebot im Internet auf sich. Das Unternehmen ist also sowohl Konkurrent im Internetversandhandel als auch die Plattform des digitalen Marktes und der Warenauslieferer selbst.<\/p>\n<p>Im Arbeitsprozess von Amazon finden wir eine neue Qualit\u00e4t der Kontrolle vor. Der Handscanner verbindet die einzelne Amazon-Arbeiterin mit einem gr\u00f6\u00dferen Netzwerk, das den Arbeitsprozess und konkreter die Laufwege mit f\u00fcr die Einzelne nicht durchschaubaren Algorithmen steuert. Die ArbeiterInnen sollen am besten ihren Kopf bei der Arbeit ausschalten und wie Roboter agieren. Es gibt viele Hinweise darauf, dass der Handscanner mehr Daten sammelt, als Amazon zugibt. Anders ist nicht zu erkl\u00e4ren, weshalb die \u00bbLeads\u00ab oder AbteilungsleiterInnen so viel personenbezogenes Wissen \u00fcber die Einzelnen haben. Gleichzeitig setzt Amazon auf ganz konventionelle Formen der Kontrolle. Die ArbeiterInnen sind in Teams unterteilt, die jeweils einen Lead haben. Diese ist nur dazu da, eine bestimmte Anzahl von ArbeiterInnen zu kontrollieren bzw. zu nerven. Gest\u00fctzt auf die gesammelte Datenbasis werden die ArbeiterInnen zu Feedbackgespr\u00e4chen geladen, wo Druck auf sie ausge\u00fcbt wird. Diese Formen der Kontrolle kotzen die Besch\u00e4ftigten nat\u00fcrlich an, wie uns immer wieder berichtet wird.<\/p>\n<p>Diese digitale \u00dcberwachung, eingesetzt in einer Quasi-Fabrikhalle, droht zur Norm zu werden. Die menschliche Personen\u00fcberwachung kann ausgetrickst werden, oder man kann mit ihr verhandeln. Das geht mit dem Algorithmus nicht. Wie gesagt, Amazon kann messen, wie viel jede Arbeiterin pro Schicht leistet, und nutzt dieses Wissen, um Druck aufzubauen. Gleichzeitig laufen die AmazonarbeiterInnen sehr atomisiert durch das Warenlager, es gibt keine Kontrolle durch das Flie\u00dfband wie im klassischen Fordismus. Daher musste das Kapital die \u00dcberwachungsmethoden ver\u00e4ndern. Das Kapital wird versuchen, diese Methoden in diesem Sektor zu perfektionieren und zugleich auf andere Produktionssektoren auszudehnen. Die Fragmentierung der Arbeiterschaft ist eine Tendenz der heutigen Zeit. Es ist unheimlich, wenn tausende ArbeiterInnen isoliert durch die Fabrikhallen laufen, weil Leads hinter der S\u00e4ule lauern, um jedes Gespr\u00e4ch zu unterbinden.<\/p>\n<p>Uns ist es wichtig zu betonen, dass diese Prozesse menschengemacht sind und dass wir uns dagegen wehren k\u00f6nnen! Wenn die AmazonarbeiterInnen gemeinsam das Arbeitstempo drosseln, dann k\u00f6nnen sie den Produktionsablauf massiv st\u00f6ren. So eine Drosselung w\u00e4re schon alleine dadurch m\u00f6glich, dass sich alle ArbeiterInnen genau an die Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen halten.<\/p>\n<p>Bei Amazon gibt es sowohl digitale Facharbeiterstellen als auch Jobs, die keine Qualifikationen erfordern. Durch die zunehmende Automatisierung k\u00f6nnen die einfachen Arbeiten immer weiter maschinell ersetzt werden. Amazon verheimlicht dies den ArbeiterInnen nicht, die Ersetzung menschlicher Arbeit durch automatisierte Warenlager ist als Drohung in der Belegschaft pr\u00e4sent. Die Automatisierung, bei der noch unklar ist, wie weitreichend sie bei Amazon sein kann, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bringt sie berechtigte Angst vor Arbeitslosigkeit und Prekarisierung hervor, andererseits fallen zumindest krank\u00admachende T\u00e4tigkeiten weg, wobei bei diesen T\u00e4tigkeiten schon heute mehr auf die Gesundheit der ArbeiterInnen geachtet werden k\u00f6nnte. Bei der ganzen Debatte \u00fcber Digitalisierung der Arbeit darf der Faktor der Gesundheit nicht vergessen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist Amazon ein Vorreiter bei der Durchsetzung neuer Arbeitsbedingungen des digitalen Kapitalismus. Deswegen gehen sie uns alle etwas an. Uber, Foodora usw. sind die Weiterf\u00fchrung ihrer Prinzipien. Es liegt an den proletarischen Kr\u00e4ften, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, diese digitalisierten Arbeitsverh\u00e4ltnisse so einzurichten, dass sie m\u00f6glichst wenig Schaden f\u00fcr uns anrichten!<\/p>\n<p><em>Wie ist es trotz des enormen Anteils an befristeter und saisonaler Besch\u00e4ftigung und trotz der Repression gegen gewerkschaftliche Bet\u00e4tigung gelungen, eine relative Organisationsmacht dauerhaft herzustellen? Welche M\u00f6glichkeiten der Interaktion zwischen radikaler Linker und Gewerkschaftskampf seht Ihr?<\/em><\/p>\n<p>Ich werde nicht \u00fcber Organisierungszahlen sprechen, aber \u00fcber Praktiken von Amazon, die dazu f\u00fchren, den Organisationsgrad m\u00f6glichst gering zu halten. Der Konzern versucht auf verschiedene Weisen, ArbeiterInnen mit unbefristeten Vertr\u00e4gen\u00a0\u2013 und bei den Ent\u00adfristeten ist selbstverst\u00e4ndlich der Organisa\u00adtiongrad deutlich h\u00f6her\u00a0\u2013 loszuwerden. Das Unternehmen versucht, Entfristete wegen Bagatellen abzumahnen oder bietet ihnen Geld an, damit sie gehen. Amazon stellt auch immer mehr Personal ein, so dass gerade zur Weihnachtszeit der relative Organisationsgrad immer weiter sinkt und die Wirkungen des Arbeitskampfes gering gehalten werden. Au\u00dferdem f\u00e4ngt die Gewerkschaft im Grunde bei jedem neuen Warenlager wieder bei Null an. Die ArbeiterInnen dort haben in der Regel keine gewerkschaftlichen Vorerfahrungen. Amazon er\u00f6ffnet praktisch j\u00e4hrlich irgendwo in Europa und im Rest der Welt mindestens ein Warenlager. Jedes neue Warenlager erh\u00f6ht den Druck auf die anderen.<\/p>\n<p>In vielen Warenlagern schlie\u00dfen sich die unzufriedenen ArbeiterInnen zusammen und versuchen etwas zu ver\u00e4ndern. Teilweise hilft gewerkschaftliches Organizing nach. In Leipzig f\u00fchren die Besch\u00e4ftigten diesen Kampf organisiert in ver.di. AktivistInnen k\u00f6nnen auch selbst bei Amazon anfangen. Das wurde uns auch oft von anderen Gruppen in Diskussionen als Strategie vorschlagen. Wir haben uns f\u00fcr einen anderen Weg entschieden, der unserer Lebensrealit\u00e4t n\u00e4her ist. Wir arbeiten mit den Streikenden und vor allem den Vertrauensleuten zusammen. Mit ihnen gemeinsam stimmen wir unsere Strategie ab. Sie haben gemerkt, dass ihnen au\u00dferbetriebliche Unterst\u00fctzung im Arbeitskampf hilft. Deswegen werden wir akzeptiert. Man erhofft sich von uns vor allem Unterst\u00fctzung in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Als die erste Generation von uns sich vor f\u00fcnf Jahren mit Kaffeekannen den Arbeitern bei einem Streik vorgestellt hat, haben sie sich noch gewundert, was wir Studierende eigentlich da wollen.<\/p>\n<p>Wir unterst\u00fctzen den Arbeitskampf, weil wir ihn f\u00fcr so zentral f\u00fcr die Entwicklung unserer Arbeitsbedingungen halten. Der breite Diskurs \u00fcber Amazon existiert unabh\u00e4ngig von uns, weil die \u00d6ffentlichkeit die Ver\u00e4nderungen sp\u00fcrt. In diesen Diskurs intervenieren wir, indem wir sagen: Digitalisierung ist ein Feld des Klassenkampfes, und nur durch solidarisches Handeln k\u00f6nnen wir diesen Kampf gewinnen!<\/p>\n<p>Unsere politische Arbeit sehe ich als ein Experiment, in dem die Linke wieder lernt, Klassenallianzen aufzubauen und solidarische Klassenk\u00e4mpfe zu f\u00fchren. Der Unterschied unseres Ansatzes zu anderen ist, dass wir nicht in den Betrieb gehen, sondern unser Leben weiter f\u00fchren. Aber wir lassen unsere KollegInnen im Warenlager nicht im Stich.<\/p>\n<p><em>Amazon kann sehr schnell auf Streik\u00adaktivit\u00e4ten reagieren, indem das Unternehmen Bestellungen in andere Warenlager wie nach Poznan in Polen umleitet. In Reaktion darauf haben polnischen KollegInnen \u00fcber Bummelstreiks versucht, nicht zu StreikbrecherInnen f\u00fcr die deutschen KollegInnen zu werden. Welche Rolle spielt das Soli-B\u00fcndnis in der Herstellung transnationaler Netzwerke wie der Transnational-Social-Strike-Plattform? Welche Bilanz zieht Ihr aus der transnationalen Zusammenarbeit in Leipzig?<\/em><\/p>\n<p>Die internationale Vernetzung ist gerade in diesem Kampf sehr wichtig. Nicht nur weil Amazon ein interna\u00adtio\u00adnal agierender Konzern ist, sondern weil die nationalen Belegschaften gegeneinander als Streikbrecher ausgespielt werden. Das hat auch ver.di erkannt. Bei der internationalen Vernetzung m\u00fcssen zwei Ebenen unterschieden werden. Es gibt eine Zusammenarbeit auf der Ebene der Sekret\u00e4rInnen und Betriebsr\u00e4tInnen, und es gibt die Ebene der prekarisierten LohnarbeiterInnen Europas\u00a0\u2013 und hier kommen wir ins Spiel. \u00dcber die erste Ebene kann ich nicht viel sagen, da wir au\u00dferhalb der institutionalisierten Gewerkschaftsstrukturen handeln.<\/p>\n<p>Einige von uns haben am\u00a0<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/?p=86579\">zweiten Transnational-Social-Strike-Treffen 2015 in Pozna\u0144<\/a>\u00a0teilgenommen. Ich finde die Idee, die dahinter steckt, sehr wichtig. Etwas hochtrabend formuliert, geht es ja um die F\u00f6rderung der Bildung der Klasse f\u00fcr sich auf transnationaler Ebene. Allerdings, wir waren auch auf weiteren Treffen, ist uns das B\u00fcndnis ein wenig zu unorganisiert und Entscheidungen wirken intransparent auf Leute wie uns, die wenig Zeit haben, sich aktiv dort einzubringen. Unterschiedliche Zeitressourcen sind in solchen gro\u00dfen B\u00fcndnissen immer ein Problem.<\/p>\n<p>\u00dcber solche Treffen haben wir KollegInnen von der IP in Pozna\u0144 kennen gelernt, aber auch andere KollegInnen aus Deutschland, etwa Bad Hersfeld. Die Stimmung bei diesen Treffen ist etwas ganz besonderes. Die Leute dort haben verstanden, dass nationale Standortpolitik zumindest f\u00fcr ihre Branchen keinen Sinn hat. Mit KollegInnen aus Bad Hersfeld kommen wir zwar leichter ins Gespr\u00e4ch, aber die Organisationform muss von Anfang an eine transnationale sein.<\/p>\n<p>Sowohl die IP als auch wir wollen, dass die ArbeiterInnen aus Poznan und Leipzig zusammenkommen. Es ist nat\u00fcrlich gut, wenn wir den ArbeiterInnen in Leipzig erz\u00e4hlen, dass es in Poznan diese basisdemokratische Gewerkschaft gibt und ihre Mitglieder ihre Jobs durch verlangsamtes Arbeiten riskieren, um keine StreikbrecherInnen zu werden.[<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/gw-international\/internationalismus\/subversiv-bei-gruen-gehen-bewegungen-im-amazon-streik-ein-gespraech-mit-anton-kramer-vom-streiksoli-buendnis-leipzig\/#anm1\">1<\/a>] Aber es ist eine andere Sache, wenn KollegInnen aus Pozna\u0144 und von anderen Standorten hier auftauchen.<\/p>\n<p>Ende Januar haben wir\u00a0<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/?p=128667\">in Leipzig ein transnationales Treffen mit ArbeiterInnen und externen AktivistInnen<\/a>\u00a0im Leipziger Osten zusammen mit lokalen Vertrauensleuten organisiert. Es kamen Menschen aus Pozna\u0144, London, von verschiedenen deutschen Standorten, aber auch per Videokonferenz aus Seattle und Sacramento. Zwar waren gerade aus Deutschland zu wenige ArbeiterInnen dort, aber zwischen den Anwesenden gab es einen sehr produktiven Austausch. Ihr werdet von uns h\u00f6ren!<\/p>\n<p><em>Was macht Ihr konkret? Blockaden, KonsumentInnen-Streiks, was noch?<\/em><\/p>\n<p>Wir haben immer kleine Ziele und \u00fcberlegen uns, mit welchen Mitteln und Praxisformen wir diese erreichen. Da wir die transnationale Vernetzung so wichtig finden, versuchen wir, diese mit Aktionen voranzutreiben. Wir stecken unsere Zeit also etwa in die Organisation und Teilnahme an transnationalen Treffen von ArbeiterInnen und in die Planung niedrigschwelliger grenz\u00fcberschreitender Aktionen.<\/p>\n<p>Aber wir haben noch andere Ziele. Wir wollen den Arbeitskampf aktiv unterst\u00fctzen, deshalb haben wir am 24. November mit 150 FreundInnen die ArbeiterInnen beim Streik besucht. Dann sind wir mehrmals \u00fcber die Fu\u00dfg\u00e4nger-Ampel bei der LKW-Einfahrt gegangen, wenn es f\u00fcr uns gr\u00fcn war. Leider war die Gr\u00fcnphase zeitgleich mit der der LKWs, die auf das Amazon-Gel\u00e4nde abbiegen. Ihr wisst schon. Wir machen Aktionen, die die ArbeiterInnen nicht selbst machen k\u00f6nnen bzw. wollen, weil sie Furcht vor Konsequenzen haben. Doch diese Aktionen erf\u00fcllen noch mindestens zwei weitere Ziele. Zum einen haben uns viele KollegInnen gesagt, dass sie die gro\u00dfe Solidarit\u00e4t gefreut hat, zum anderen kam es zu vielen Begegnungen zwischen Menschen, die ja letztlich zu einer Klasse geh\u00f6ren. Studierende, arbeitslose, prek\u00e4r arbeitende Linke und Amazon-ArbeiterInnen. Amazon hatte im Warenlager \u00fcber Ansprachen der Leads vor unserer Aktion gewarnt, deswegen bin ich froh, dass es ein positives Echo aus der Belegschaft gab.<\/p>\n<p>Es ist uns wichtig, dass unsere Aktionen, Kampagnen usw. erfolgreich sein k\u00f6nnen. Das macht Aktionen wie den KonsumentInnenstreik schwer. Diese Aktion gab es vor drei Jahren schon mal. Sie war sehr aufw\u00e4ndig, und der tats\u00e4chliche Schaden ist schwer messbar. Klar, wir haben auf den Arbeitskonflikt aufmerksam gemacht. Ich denke, solche Aktionen m\u00fcsste man um einiges gr\u00f6\u00dfer aufziehen, als wir es getan haben. Wir m\u00fcssten \u00fcberall mit Plakaten und Werbeanzeigen in der Stadt auf die Aktion hinweisen. Wir m\u00fcssten Amazon zu einer \u00f6ffentlichen Reaktion zwingen, die dann medial f\u00fcr unsere Zwecke genutzt werden kann. Wenn es dann zus\u00e4tzlich am Stichtag bei der Retoure zum Paketstau kommt, w\u00e4re es super. Allerdings sehe ich die Kapazit\u00e4ten und Ressourcen momentan nicht.<\/p>\n<p><em>Das Unternehmen l\u00e4sst sich vor allem in strukturschwachen Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Lohnkosten nieder. Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?<\/em><\/p>\n<p>Amazon versucht m\u00f6glichst wenig f\u00fcr Arbeitskraft zu zahlen. Ein niedriger Durchschnittslohn, niedrige Lebenshaltungskosten sind f\u00fcr Unternehmen wie Amazon hervorragende Standortfaktoren. Allerdings geht es auch darum, dass die Orte strategisch gut liegen. So sind die Warenlager in Polen nahe an der deutschen Grenze, obwohl in der N\u00e4he der ukrainischen oder wei\u00dfrussischen Grenze der Zugriff auf billige, migrantische Arbeitskraft leichter w\u00e4re. Dabei muss beachtet werden, dass Amazon in Polen vorrangig f\u00fcr den deutschen Markt Waren ausliefert. Die Warenlager von Amazon in der BRD sind auf das ganze Land an g\u00fcnstigen Verkehrspunkten verteilt. Aber sie stehen nat\u00fcrlich nicht in Gro\u00dfst\u00e4dten\u00a0\u2013 au\u00dfer die Warenlager f\u00fcr den neuen Lebensmittel- und 24h-Service, sondern in nahegelegenen Kleinst\u00e4dten und D\u00f6rfern wie Winsen, Graben, Bad Hersfeld oder Brieselang, wo die Lebenshaltungskosten niedriger sind. Leipzig ist da eine Ausnahme. Vom linksalternativen Hipsterviertel um die Eisenbahnstra\u00dfe herum zum Warenlager brauchen wir mit dem Fahrrad zehn Minuten. Das macht unsere Arbeit einfacher.<\/p>\n<p><em>Welchen regionalen Zusammenhang seht Ihr zwischen dem Arbeitskampf bei Amazon und dem Erstarken der Rechten im s\u00e4chsischen Raum?<\/em><\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen, mit denen wir im engen Kontakt stehen, sind vor allem Linkspartei-W\u00e4hlerInnen und teilweise sogar engagierte Mitglieder. Es gibt auch AfD-W\u00e4hlerInnen unter den Streikenden. Die fanden es auch nicht so cool, als pl\u00f6tzlich 150 Linke beim Streik aufgetaucht sind. Es scheint jedoch nicht die Mehrheit zu sein.<\/p>\n<p>Auch wenn die Gr\u00fcnde des Erstarkens der Neuen Rechten vielschichtiger sind, betreffen zwei Aspekte unsere politische Arbeit. Wir denken zum einen, dass der Aufstieg der Neuen Rechten eine Folge der politischen Erfahrungen in der Nach-Wende-Zeit ist. Deindu\u00adstrialisierung und der staatlich vorangetriebene Aufbau eines Niedriglohnsektors haben ganz konkrete Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen. Sie sind entt\u00e4uscht von den sogenannten \u00bblinks-gr\u00fcnen Eliten\u00ab, die Deutschland in den letzten Jahren regiert haben, und w\u00e4hlen die Protestpartei AfD. Viele werden auch rassistisch, antifeministisch und nationalistisch eingestellt sein und zu den Leuten geh\u00f6ren, die schon seit 2013 vor Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnften mit Fackeln aufmarschierten. Es ist f\u00fcr mich noch offen, inwieweit der Hass auf Gefl\u00fcchtete eine Folge des Statusverlustes und der pers\u00f6nlichen \u00f6konomischen Krisen der Nachwende-Zeit ist oder andere Ursachen wichtiger sind.<\/p>\n<p>Zum anderen gibt es keine linke Antwort auf die soziale Krise dieser Tage, die das Kernproblem, die Logik der kapitalistischen Produktionsweise, benennt. Es geht hierbei gar nicht so sehr um Wahlen. Die Selbstorganisierung der Arbeitskraft in Gewerkschaften ist die traditionelle linke Antwort gegen die t\u00e4glichen Zugriffe von Kapital und Staat. Die Arbeitervereinigungen schafften es aber gerade in Ostdeutschland nur selten, erfolgreiche Streiks zu f\u00fchren. Es ist eine absolute Ausnahme, dass ver.di seit sechs Jahren so viele Ressourcen in diesen Arbeitskampf steckt. Die Erfahrung von Erfolgen gegen das Kapital, selbst wenn es nur Mikrokonflikte sind, ist sehr wichtig, um eine linke Bewegung aufzubauen. Unsere Antwort auf die neoliberale Individualisierung und die rassistische Kanalisierung der Leiderfahrungen im Kapitalismus ist die solidarische, transnationale Klassenpolitik. Wir stehen aber ganz am Anfang und m\u00fcssen die Antwort in unseren K\u00e4mpfen entwickeln.<\/p>\n<p><em>Selbst wenn sich Amazon seit ca. vier Jahren Arbeitskampf nach wie vor nicht auf einen Tarifvertrag des Einzelhandels einl\u00e4sst, gab es doch partielle Erfolge wie Lohnerh\u00f6hungen, dezentrale Pausenr\u00e4ume und Weihnachtsgeld. Welche Bilanz zieht Ihr nach den vier Jahren Arbeitskampf und was ist eure Zukunftsperspektive?<\/em><\/p>\n<p>Du hast vollkommen Recht. Es gibt kontinuierliche Lohnsteigerungen und mittlerweile Weihnachtsgeld. Vertrauensleute bauen immer wieder die Drohkulisse auf: \u00bbWollt Ihr, dass die Zust\u00e4nde wieder so wie 2009 sind?\u00ab Mit den Arbeitsk\u00e4mpfen kam ein Haufen Verbesserungen. Dessen ungeachtet sagt Amazon in Interviews, dass die Streiks keinerlei Auswirkungen h\u00e4tten. Ich denke, dass der Arbeitskampf durchaus Erfolge vorweisen kann. Nur zeigt sich hier ein Problem, das aus der deutschen Gewerkschaftspolitik hervorgeht. Die DGB-Gewerkschaften wollen Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen, die eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Fl\u00e4che abdecken. Das ist ja erstmal gut. Wenn von diesem Standpunkt dann jedoch die Arbeitsk\u00e4mpfe bewertet werden, dann erscheinen die Erfolge gar nicht mehr so gro\u00df. Ver.di kann in ihrer Logik die Erfolge gar nicht wertsch\u00e4tzen. Amazon kann sich als Sieger darstellen.<\/p>\n<p>Ich sage nicht, dass man sich mit dem Erreichten zufriedengeben soll, aber es muss anerkannt werden. Nach Jahren des Arbeitskampfs geht nat\u00fcrlich auch Motivation verloren. Hier m\u00fcssen neue Strategien entwickelt werde. Teile der Belegschaft wie Saisonarbeitskr\u00e4fte und MigrantInnen sind viel zu wenig auf dem Schirm der Gewerkschaft. Es muss eine Strategie gefunden werden, um diese Gruppe und ihre spezifischen Interessen in dem Kampf einzubeziehen. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die transnationale Arbeit intensivieren m\u00fcssen. Es bleibt viel zu tun.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass die ArbeiterInnen den Arbeitskampf noch lange f\u00fchren werden, zumindest bis die Gewerkschaft das Ziel erreicht hat. Inwieweit sich die gesellschaftliche Stimmung hinsichtlich der Problematisierung prek\u00e4rer Arbeit und Ausbeutung \u00e4ndert, k\u00f6nnen wir nicht sagen, aber wir versuchen weiter, in dieser Richtung eine Stimme zu sein. Wir haben in unserer Gruppe \u00fcber die Zeit pers\u00f6nlich viel gelernt, was den Arbeitskampf angeht. Unsere Aufgabe besteht nun auch darin, diese Erfahrungen anzuwenden und Arbeitsk\u00e4mpfe an unseren Arbeitspl\u00e4tzen zu f\u00fchren. Wenn wir dabei auf die Solidarit\u00e4t der Amazon-ArbeiterInnen z\u00e4hlen k\u00f6nnen, dann h\u00e4tten wir wirklich was erreicht.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch wurde urspr\u00fcnglich im Dezember 2017 auf dem Blog \u00bbPlateforme d\u2019enqu\u00eates militantes\u00ab (PEM) (Plattform f\u00fcr militante Untersuchungen) ver\u00f6ffentlicht und wird auch im ThUg-Magazin der Falken\u00a0\u2013 Sozialistische Jugend erscheinen. F\u00fcr den express wurde es \u00fcberarbeitet und aktualisiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Weitere Infos und Kontakt:\u00a0<a href=\"mailto:streiksoli@riseup.net\">streiksoli@riseup.net<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"http:\/\/www.de-de.facebook.com\/streiksoli\/\">www.de-de.facebook.com\/streiksoli\/\u00a0<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong><em>Anmerkung:<\/em><\/strong><\/p>\n<p>1\u00a0 Zu dieser Aktion im Jahre 2015 gibt es eine Stellungnahme der IP:\u00a0<a href=\"http:\/\/ozzip.pl\/english-news\/item\/1952-der-konflikt-bei-amazon\">http:\/\/ozzip.pl\/english-news\/item\/1952-der-konflikt-bei-amazon\u00a0<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/gw-international\/internationalismus\/subversiv-bei-gruen-gehen-bewegungen-im-amazon-streik-ein-gespraech-mit-anton-kramer-vom-streiksoli-buendnis-leipzig\/\">labournet.de&#8230;<\/a> vom 21. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit Anton Kramer vom Streiksoli-B\u00fcndnis Leipzig. 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