{"id":3309,"date":"2018-03-23T15:15:01","date_gmt":"2018-03-23T13:15:01","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3309"},"modified":"2018-03-23T15:15:01","modified_gmt":"2018-03-23T13:15:01","slug":"tsipras-schandhafter-marsch-durch-die-institutionen-der-glaeubiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3309","title":{"rendered":"Tsipras\u2019 schandhafter Marsch durch die Institutionen der Gl\u00e4ubiger"},"content":{"rendered":"<p><em>Nikos Chilas.<\/em> Liebe, Husten und Bauch k\u00f6nnen, wie bekannt, nicht versteckt werden. Noch weniger das wirtschaftliche Elend, wenn dies Massencharakter annimmt. Wie jenes in Griechenland,<!--more--> das auch heute unter der Syriza-Regierung fortexistiert. Lag Griechenland 2015, als die griechische Linke die Regierung \u00fcbernahm, an der f\u00fcnftletzten Stelle unter den 66 L\u00e4ndern des Elendsindexes der Wirtschaftsagentur Bloomberg , so hat es sich 2017 zwar auf die sechstletzte verbessert, allerdings mit der Perspektive, 2018 wieder auf die f\u00fcnftletzte zur\u00fcckzufallen. Der Elendsindex wird aus der Addition der Arbeitslosigkeits- und Inflationsrate berechnet. Zusammen ergaben sie 2017 f\u00fcr Griechenland die erkleckliche Summe von 22,7. Am schlimmsten erwischte es Venezuela, dessen Index ins Unermessliche stieg, w\u00e4hrend \u00c4gypten, das gleich danach folgte, den eher \u201emoderaten\u201c Wert von 41,6 aufwies. Am anderen Ende der Skala, an dem die L\u00e4nder mit dem geringsten Elend angef\u00fchrt werden, fungieren Thailand (1,9), Singapur (2,8) und Japan (3,3).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Im Bloomberg-Index wird also das Elend \u201enur\u201c anhand von zwei Faktoren definiert, die aber, ab einer kritischen Gr\u00f6\u00dfe, eine Wirtschaft in den Abgrund st\u00fcrzen k\u00f6nnen. In Griechenland besteht die Gefahr eines solchen Absturzes auch in der Syriza-\u00c4ra permanent.<\/p>\n<p>Alexis Tsipras kann jedenfalls, trotz aller Beschwichtigungsrhetorik, diesen Umstand nicht verdecken. Im Gegenteil: Gerade die Ma\u00dfnahmen, die er gegen die Verelendung einsetzt, decken ihr Ausma\u00df im vollen Umfang auf. Das zeigt sich beispielhaft an der \u201eSozialen Dividende\u201c, die Mitte Dezember 2017 als einmalige staatliche Unterst\u00fctzung an mehr als 1.350.000 griechische Familien, also an knapp ein Drittel der griechischen Bev\u00f6lkerung, \u00fcberwiesen wurde, die verarmt sind oder deren Einkommen nur leicht \u00fcber dem Existenzminimum liegt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Oder an den elektronischen Verpflegungskarten, die an etwa 700.000 v\u00f6llig verarmte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger verteilt werden, damit sie sich in den Superm\u00e4rkten gratis und anonym Lebensmittel in H\u00f6he von 200 Euro pro Kopf monatlich besorgen k\u00f6nnen. Oder auch an der Massenverpflegung in den Schulen, an der ebenfalls viele Hunderttausende Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler t\u00e4glich teilnehmen. Elend \u00fcberall und ohne Ende, das durch das Programm der Troika st\u00e4ndig reproduziert wird und dessen williger Vollstrecker die Syriza-Regierung ist.<\/p>\n<p><strong>Index der Verzweiflung<\/strong><\/p>\n<p>Noch drastischer zeigt eine andere Ma\u00dfeinheit das Ausma\u00df des Elends: der Index der Verzweiflung.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Er bildet, laut seiner Erfinder, den griechischen \u00d6konomen Tassos Giannititsis und Stavros Zografopoulos, das kombinierte Ergebnis der Anpassung des Haushalts, der Rezession und der politischen Beschl\u00fcsse ab, die im Zeitraum 2009 bis 2014 zu Lohnk\u00fcrzungen und zum Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fchrten. Der Index bewegt sich zwischen 0 (Null Verzweiflung), bezogen auf regul\u00e4r Besch\u00e4ftigte, die \u00fcber ein Einkommen von \u00fcber 1.000 Euro monatlich verf\u00fcgen, und 1 (maximale Verzweiflung) bezogen auf Besch\u00e4ftigungslose, die keine Arbeitslosenunterst\u00fctzung erhalten. In einer Studie, die 2016 in Athen ver\u00f6ffentlicht wurde, haben die beiden Autoren festgestellt, dass zwischen dem ersten Trimester von 2009 und dem ersten Trimester von 2014 der Index von 0,186 auf 0,42 geklettert war, sich also mehr als verdoppelte. Dabei fiel etwas mehr als ein Viertel der Personen, die sie bei ihren Berechnungen mitber\u00fccksichtigten, unter die Kategorie 1: maximale Verzweiflung. Giannitsis erkl\u00e4rte Mitte Februar 2018, dass \u00e4hnliche Erhebungen, die in darauffolgenden drei Trimestern erfolgten, keine signifikanten \u00c4nderungen im Vergleich zu den zuletzt zitierten aufwiesen. \u201eDas Bild hat sich seit damals verfestigt, die Unterschiede zwischen den Trimestern sind minimal\u201c erkl\u00e4rte er. \u201eEs w\u00fcrde sich auch heute nicht \u00e4ndern, wenn neuere Erhebungen gemacht w\u00fcrden\u201c.<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlinge: Das Leben der Anderen<\/strong><\/p>\n<p>Trostlos sind die Befunde auch bez\u00fcglich des \u201eLebens der Anderen\u201c, der Fl\u00fcchtlinge. Deren Situation blieb auch 2017 besonders krass auf den Inseln entlang der K\u00fcste zur T\u00fcrkei: Lesbos, Limnos, Chios, Samos und Kos, auf denen die meisten Fl\u00fcchtlinge landen, die aus der T\u00fcrkei kommen (aktueller Stand am 18.02.2018: 12.596). Jenen, die das Pech haben, in den dort installierten Hot Spots, den Aufnahme- und Identifizierungszentren f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, interniert zu sein, wird das Leben zur H\u00f6lle gemacht \u2013 wie z.B. in Morias auf Lesbos oder VIAL auf Chios. Die Isolierung der Gefl\u00fcchteten von der \u00fcbrigen Welt und die Aussichtslosigkeit, den Fl\u00fcchtlingsstatus zu bekommen oder zumindest auf das Festland gebracht zu werden, wo sie besser untergebracht sind und sich frei bewegen k\u00f6nnen, treiben sie buchst\u00e4blich in den Wahnsinn. Die Anzahl der psychisch Kranken w\u00e4chst st\u00e4ndig, jene der Selbstmordversuche ebenso. Die \u00dcberf\u00fcllung der Lager steigert zudem die Spannungen zwischen deren Insassen ins Unertr\u00e4gliche, genauso wie zwischen den Insassen und den Anrainern. Das wiederum verst\u00e4rkt die Xenophobie und die Faschisierung der lokalen mittleren Schichten, die urspr\u00fcnglich die Fl\u00fcchtlinge sehr gastfreundlich empfangen hatten. Die Folge ist ein grotesker Rollenwechsel: In Chios zum Beispiel hat Anfang 2018 der rechtsgerichtete Gemeinderat eine \u201eInvasion\u201c der Athener Sto\u00dftrupps der Nazi-Organisation Goldene Morgenr\u00f6te, die gegen die \u201efremdenrassigen Unruhestifter\u201c vorgehen wollten, mit der bizarren Begr\u00fcndung untersagt: Wir k\u00f6nnen viel besser die Fl\u00fcchtlinge in die Schranken weisen als die Athener Schl\u00e4ger!<\/p>\n<p>Es ist ein Monument der Undankbarkeit: Linke Politiker, wie der Au\u00dfenminister Nikos Kotzias, die in der Zeit der Obristen-Diktatur (1967-1974) gro\u00dfz\u00fcgiges Asyl in Westeuropa genossen hatten, weigern sich heute, den Opfern des Kriegs in asiatischen und afrikanischen L\u00e4ndern eine \u00e4hnliche Behandlung zukommen zu lassen. F\u00fcr einen Apfel und ein Ei verkaufe die Syriza-Regierung die Fl\u00fcchtlinge, so klagen viele Linke, \u2013 ein Verkauf um einiger \u00f6konomischer und politischer Vorteile willen an jene, die Europa zu einer Festung umbauen wollen.<\/p>\n<p>Aber auch der Preis, den die Syriza-Regierung f\u00fcr diesen Deal zu entrichten hat, ist hoch. Er beinhaltet unter anderem die Zustimmung zum \u201eschmutzigen\u201c EU-T\u00fcrkei-Abkommen, das bekanntlich darauf abzielt, die Fl\u00fcchtlinge von der Europ\u00e4ischen Union fernzuhalten, sowie die Bef\u00fcrwortung der Militarisierung der EU-Truppe Frontex an den Grenzen Griechenlands zu den Balkanl\u00e4ndern und der T\u00fcrkei. Alles Ma\u00dfnahmen also, die im v\u00f6lligen Gegensatz zu der vor Syriza propagierten Au\u00dfenpolitik stehen.<\/p>\n<p>Das Fazit: Die Fl\u00fcchtlingspolitik der Syriza-Regierung ist zwar weiterhin viel humaner als jene der vorangegangenen Regierungen in Griechenland oder jener in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Dennoch werden damit vitale Interessen der Schutzsuchenden auf dem Altar der griechischen Staatsr\u00e4son geopfert.<\/p>\n<p><strong>Tsipras als Beschaffer von Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fcr Trump<\/strong><\/p>\n<p>Der miesen Behandlung der Fl\u00fcchtlinge folgt die Misere der Au\u00dfenpolitik. Sie ist zwar \u201evielf\u00e4ltiger\u201c, so Kotzias, als jene der vorangegangenen Regierungen, sie bleibt aber \u201ewestlich\u201c fixiert. Dies zeigt sich beispielhaft an den Sanktionen gegen Russland: Zwar bef\u00fcrwortet Kotzias im Europ\u00e4ischen Rat ihre stufenweise Aufhebung, bei den entscheidenden Abstimmungen votiert er dennoch regem\u00e4\u00dfig f\u00fcr ihre Beibehaltung. Auch die NATO-Beteiligung Griechenland stellt er nicht in Frage, im Gegenteil: Er fordert ein st\u00e4rkeres Engagement der Allianz an der Bek\u00e4mpfung der \u201eSchlepperbanden\u201c vor der K\u00fcste Tunesiens und in der \u00c4g\u00e4is. N\u00e9cessit\u00e9 oblige \u2013 die Au\u00dfenpolitik ist die Fortsetzung des Kniefalls vor den Gl\u00e4ubigern mit anderen Mitteln.<\/p>\n<p>Die Unterwerfung tr\u00e4gt seltsame Bl\u00fcten. Um eine vage Zustimmung von Donald Trump zur Schuldenerleichterung zu erreichen, ging Tsipras mit ihm einen Deal ein, der jeder \u00f6konomischen und friedenspolitischen Logik widerspricht: Bei seinem Besuch in Washington im vergangenen Oktober vereinbarte er unter anderem die Modernisierung der griechischen Kampfjets F16 durch US-amerikanische Firmen (wof\u00fcr 2,4 Milliarden US-Dollar \u2013 faktisch \u00f6ffentliche Mittel \u2013 aufzubringen sind), den Ausbau des US-Milit\u00e4rst\u00fctzpunktes Souda auf Kreta und den Import von Schiefergas aus den USA. Trump konnte seine Begeisterung nicht verbergen. \u201eDadurch werden viele, viele Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr amerikanische Arbeiter gerettet oder neu geschaffen,\u201c sagte er auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Tsipras l\u00e4chelte verlegen. Gleich nach seiner R\u00fcckkehr in Athen versuchte er seine uns\u00e4gliche Haltung mit den Worten zu rechtfertigen, die Interessen des Landes h\u00e4tten Vorrang vor den parteipolitischen.<\/p>\n<p>Alle angef\u00fchrten Missst\u00e4nde bedrohen die griechische Wirtschaft noch nicht wirklich mit einem \u201esudden death\u201c, dem pl\u00f6tzlichen Tod. Viel gef\u00e4hrlicher sind hingegen die Staatschulden, die astronomische H\u00f6he erreicht haben (2017: 326,4 Milliarden Euro, was 179% der Wirtschaftsleistung entspricht).<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Sie sind es, welche die Wirtschaft in st\u00e4ndiger Instabilit\u00e4t halten und dadurch alle potentiellen in- und ausl\u00e4ndischen Unternehmer davor abschrecken, Investitionen im Land zu t\u00e4tigen.<\/p>\n<p><strong>Fata morgana: ein \u201esauberer Ausstieg\u201c aus dem Programm<\/strong><\/p>\n<p>Die Ironie der Geschichte: Das Programm der Gl\u00e4ubiger wird ganz \u201erichtig\u201c vom \u201efalschen\u201c Mann, von Alexis Tsipras realisiert. Dank ihm werden die Programmvorgaben der Gl\u00e4ubiger in Rekordtempo in der Vouli, dem griechischen Parlament, durchgeboxt. Deren Rahmen: die Reformierung der Wirtschaft auf neoliberaler Basis sowie die schrittweise \u201eVerwertung\u201c, sprich der Ausverkauf, des gesamten Staatsverm\u00f6gens .<\/p>\n<p>Tsipras gilt heute als \u201eerfolgreich\u201c, weil er nach seinem psychischen und politischen Zusammenbruch bei den Verhandlungen im Europ\u00e4ischen Rat am 13. Juli 2015 das Diktum der Gl\u00e4ubiger als Fatum, als h\u00f6here Gewalt, uminterpretierte. Seit damals hat er deren Programm zum eigenen gemacht. Allerdings hat er immer versucht, den Schaden, den er selbst anrichtete, m\u00f6glichst zu begrenzen. Die Geschichte der Verhandlungen mit der Troika in den drei letzten Jahren ist insofern die Geschichte seines Kleinkriegs, zumindest das Schlimmste abzuwenden \u2013 wie z.B. die v\u00f6llige Aufhebung des Streikrechts.<\/p>\n<p>Wirklich erfolgreich ist Tsipras in den Bereichen, in denen die Troika nicht die unmittelbare Kontrolle hat. Ein Beispiel davon ist die Korruptionsbek\u00e4mpfung. Seit der Enth\u00fcllung der Panama- und Paradise-Papers ist allen klar geworden, dass das griechische Establishment kolossale Verm\u00f6genswerte in Offshorefirmen unter Umgehung des griechischen Fiskus geschleust hatte. Dazu kam Anfang Februar der Riesenskandal um den Pharmakonzern Novartis: Laut sechs anonymen Zeugen (drei in Griechenland und drei in den USA) war fast die gesamte griechische \u00c4rzteschaft von der Schweizer Firma bestochen worden. Zu den Beschuldigten geh\u00f6ren auch Politiker der bis vor Kurzem regierende Parteien Pasok und Nea Dimokratia, namentlich zwei Ministerpr\u00e4sidenten (darunter Samaras) und acht Minister (darunter der ehemalige Vorsitzende der Pasok, Evangelos Venizelos, und der gegenw\u00e4rtige Vizevorsitzende der Nea Dimokratia, Adonis Georgiadis).<\/p>\n<p>Allerdings ist es unklar, ob Tsipras den Kampf an den Nebenfronten endg\u00fcltig gewinnen wird. Denn seine Regierung, abgekoppelt und \u201egeschnitten\u201c von den herrschenden Klassen in Griechenland, ist eine denkbar schwache Regierung. Erstens, weil sie nur formal \u00fcber die Kontrolle des Staatsapparates verf\u00fcgt \u2013 also nicht die wirkliche Macht im Staat. Zweitens weil ihr eigener Kaderstock im Regierungsapparat nach wie vor extrem klein ist. Und drittens, weil die obere Schicht der B\u00fcrokratie, die zumeist aus Anh\u00e4nger der sozialdemokratischen Pasok besteht, sie zumindest passiv boykottiert. Noch schw\u00e4cher bleibt ihr Einfluss auf den \u201etiefen Staat\u201c \u2013 Justiz, Polizei, Milit\u00e4r, Kirche, Bankwesen \u2013 der gr\u00f6\u00dftenteils zutiefst reaktion\u00e4r ist und als Klotz in ihrem Bein wirkt. J\u00fcngstes Beispiel: Dieser \u201eGeheimstaat\u201c spielt eine f\u00fchrende Rolle in der chauvinistischen Kampagne gegen die Anerkennung des Namens \u201eMazedonien\u201c f\u00fcr den Nachbarstaat im Norden oder auch nur eines zusammengesetzten Namens mit dem Wort \u201eMazedonien\u201c. An derselben Kampagne beteiligt sich auch der Regierungspartner der Syriza aktiv, die rechtsnationalistische Kleinpartei Anel. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Regierungsb\u00fcndnis daran zerbricht, wird so immer gr\u00f6\u00dfer. Einmal mehr r\u00e4cht sich die Entscheidung Tsipras aus dem Januar 2015, mit einem politisch so dubiosen Partner ins Bett zu gehen.<\/p>\n<p>Der griechische Ministerpr\u00e4sident hat aber inzwischen die Kunst des Aussitzens gelernt. Daf\u00fcr muss er auf Zeit spielen. Was er sich als Belohnung in der Zukunft erhofft, ist der Ausstieg Griechenlands aus dem Programm der Gl\u00e4ubiger im August 2018. Seine Hoffnung ist, ihn \u201esauber\u201c, das hei\u00dft ohne neue Sparzw\u00e4nge und \u201eReform\u201c-Auflagen, zu bekommen, so dass er gleich danach mit der Umsetzung seines linken Programms ohne fremde Einmischung beginnen k\u00f6nne. Ebenso wichtig w\u00e4re f\u00fcr ihn aber eine substanzielle Schuldenerleichterung. Diese k\u00f6nnte er dann als einen historischen Erfolg verkaufen, f\u00fcr den sich die schmachvollen Dem\u00fctigungen der Vergangenheit gelohnt h\u00e4tten. Seine Chancen, die n\u00e4chsten (vorgezogenen) Parlamentswahlen, vermutlich am Ende des Jahres, zu gewinnen, w\u00fcrden dadurch erheblich steigen.<\/p>\n<p>Es ist jedoch h\u00f6chst zweifelhaft, dass ein solches Vorhabens gelingt. Der Ausstieg wird zumindest mit den alten Auflagen belastet bleiben. Das Reglement der Europ\u00e4ischen Union (Artikel 472\/2013) bestimmt, dass die Mitgliederstaaten auch nach Beendigung des Programms unter Aufsicht bleiben, solang sie nicht drei Viertel der erhaltenen Finanzmittel zur\u00fcckbezahlt haben. Dieser Teil der R\u00fcckzahlung wird sicher ein paar Jahrzehnte in Anspruch nehmen, da die Kredite f\u00fcr Griechenland bis 2060 laufen.<\/p>\n<p>Nicht besonders \u201esauber\u201c wird der Ausstieg auch dann, wenn Griechenland \u2013 was als sicher gilt \u2013 ab Oktober 2018 auf die Finanzm\u00e4rkte zur\u00fcckkehrt. Der Pferdefu\u00df dabei: Die Marktzinsen von drei und vier Prozent werden zwei oder drei Mal gr\u00f6\u00dfer sein, als jene der aktuellen Gl\u00e4ubiger-Kredite . Denn diese liegen derzeit bei ein bis zwei Prozent. Auf die Dauer werden diese angesichts der Schw\u00e4che der griechischen Wirtschaft kaum zu verkraften sein. Es ist also durchaus m\u00f6glich, dass das Land bald in den Scho\u00df der Gl\u00e4ubiger und deren \u201eKasse\u201c, des ESM, zur\u00fcckkehren wird, um auf neue Kredite zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen (Kreditlinie). Dies wird dann mit neuen drakonischen Auflagen verbunden sein, die sich zu den bereits vorhandenen gesellen werden \u2013 also zu jenen mehr als 700 Anwendungsgesetzen, welche die R\u00fcckzahlung der Kredite der Gl\u00e4ubiger minuti\u00f6s regeln.<\/p>\n<p><strong>Die Chim\u00e4re des Schuldenschnitts<\/strong><\/p>\n<p>Nicht genug damit. Sollte es zu einem \u201ehair cut\u201c, zu einem Schuldenschnitt, kommen, so wird er keineswegs so gro\u00df wie von Tsipras gew\u00fcnscht sein. Ein nominaler Schuldenschnitt\u00a0(die Streichung eines Teils der Schulden)\u00a0ist ausgeschlossen, weil Berlin das entschieden ablehnt. Es bleibt h\u00f6chstens eine Verl\u00e4ngerung der Tilgungszeiten, wahrscheinlich um weitere zehn Jahre, und eine weitere minimale Verringerung der Zinsen. Aber auch das wird kein gro\u00dfer Gewinn sein, weil die Gl\u00e4ubiger sich weigern, solch niedrige Zinsen f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zu garantieren.<\/p>\n<p>Zu den \u00f6konomischen Unw\u00e4gbarkeiten kommen die politischen hinzu. Der gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Bundesfinanzminister Peter Altmeier will nicht um einen Deut von der Position seines Vorg\u00e4ngers Sch\u00e4uble abweichen: Die rigide Sparpolitik in Griechenland soll fortgesetzt werden. Und auch sein designierter Nachfolger (im Falle der Fortsetzung der GroKo), der Sozialdemokrat Olaf Scholz, bezeichnet sich als \u201eentschiedener Anh\u00e4nger des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes\u201c, was auf die Unterst\u00fctzung der gegenw\u00e4rtigen Austerit\u00e4tspolitik hinausl\u00e4uft. Tsipras kommt so unausweichlich vom Regen in die Traufe. Das Beste, was er von Scholz erhoffen kann, sind minimale Lockerungen von einzelnen sparpolitischen Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Wie man es also dreht und wendet: Tsipras steht nicht, wie er meint, vor einer gro\u00dfen Wende ab August 2018. Im Gegenteil: F\u00fcr ihn gibt es, wie der griechische Dichter Alexandros Kavafis schrieb, \u201eweder ein Schiff, noch einen Weg\u201c. Sein Marsch durch die Institutionen der Gl\u00e4ubiger wird wie stets in einer Sackgasse enden. Und sie wird wahrscheinlich nicht die letzte sein im unendlichen griechischen Drama.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.lunapark21.net\/vom-regen-in-die-traufe\/\">lunapark21.net&#8230;<\/a> vom 23. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bloomberg.com 18.12.2017<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Griechenland Zeitung, 14.09.2017. Die soziale Dividende wurde zur H\u00e4lfte direkt, zur anderen H\u00e4lfte in Form von Steuererleichterungen und Sachleistungen (z.B. Zusch\u00fcsse f\u00fcr den elektrischen Strom) ausgesch\u00fcttet. Dabei wurden jene mit den niedrigsten Einkommen beg\u00fcnstigt, darunter die Rentner (durchschnittlicher Zuschuss:\u00a0571,5 Euro). Die Mittel dazu kamen aus dem exorbitanten Haushalts\u00fcberschuss \u2013 eine Folge der ebenso exorbitanten Sparpolitik.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> T\u03ac\u03c3\u03bf\u03c2\u00a0\u0393\u03b9\u03b1\u03bd \u03af\u03c4\u03c3\u03b7\u03c2, \u03a3\u03c4\u03b1\u03cd\u03c1\u03bf\u03c2\u00a0\u0396\u03c9\u03b3\u03c1\u03b1\u03c6\u03ac\u03ba\u03b7\u03c2, \u0391\u03bd\u03b9\u03c3\u03cc\u03c4\u03b7\u03c4\u03b5\u03c2, \u03c6\u03c4\u03ce\u03c7\u03b5\u03b9\u03b1, \u03bf\u03b9\u03ba\u03bf\u03bd\u03bf\u03bc\u03b9\u03ba\u03ad\u03c2 \u03b1\u03bd\u03b1\u03c4\u03c1\u03bf\u03c0\u03ad\u03c2 \u03c3\u03c4\u03b1 \u03c7\u03c1\u03cc\u03bd\u03b9\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u03ba\u03c1\u03af\u03c3\u03b7\u03c2 (Ungleichheiten, Armut und \u00f6konomische Umw\u00e4lzungen in den Zeiten der Krise),\u00a0\u03a0\u03cc\u03bb\u03b9\u03c2-Verlag, Athen 2016, S. 242 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/167459\/umfrage\/staatsverschuldung-von-griechenland\/\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/167459\/umfrage\/staatsverschuldung-von-griechenland\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikos Chilas. 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