{"id":3311,"date":"2018-03-25T11:26:11","date_gmt":"2018-03-25T09:26:11","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3311"},"modified":"2018-03-25T11:28:19","modified_gmt":"2018-03-25T09:28:19","slug":"schaltjahr-1923-revolution-und-oder-linke-regierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3311","title":{"rendered":"Schaltjahr 1923. Revolution und\/oder linke Regierung?"},"content":{"rendered":"<p><em>Michael Buckmiller. <\/em>Eines blieb August Bebel durch seinen Tod 1913 erspart: Die Entscheidung des 4. August 1914. Folgt man der These von Helmut Bley<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, gab Bebel den Engl\u00e4ndern Entwarnung in Bezug<!--more--> auf die in der Propaganda der Arbeiterbewegung auf einen zu erwartenden Krieg: \u00bbBeschlie\u00dft ihr einen Kabinettskrieg, dann habt ihr die proletarische Revolution im Haus.\u00ab Bebel sch\u00e4tzte die Arbeiterbewegung als nicht f\u00e4hig ein, einen Krieg durch Aufstand, Generalstreik oder gar eine Revolution zu verhindern. Vielmehr bef\u00fcrchtete er in einer derartigen Aktion den g\u00fcnstigen Vorwand f\u00fcr einen Milit\u00e4rschlag gegen die Arbeiterbewegung und damit die Umkehr der inzwischen erreichten Demokratisierung der Gesellschaft f\u00fcr Jahrzehnte. Bebel setzte auf ausgeglichene R\u00fcstung, nicht auf eine proletarische Revolution. Die vormalige Grundhaltung: Diesem System keinen Mann und keinen Pfennig zur ausgeglichen imperialen R\u00fcstung, von der Ablehnung der Milit\u00e4rvorlagen zur Tolerierung der Kolonialbudgets signalisiert eine ver\u00e4nderte Haltung der eigenen Zukunftsentwicklung zum Staat. Der 4. August 1914 hatte seine Vorlaufzeit \u2013 nicht nur in der deutschen Sozialdemokratie.<\/p>\n<p>Die Anerkennung der Gewerkschaften als kollektivem Verhandlungspartner 1916 durch das Stillhalteabkommen (Burgfriedenspolitik) war mental anschlussf\u00e4hig im Schutzabkommen der Gewerkschaften mit den Unternehmensverb\u00e4nden am 15. November 1918 gegen die Sozialisierungsgefahren f\u00fcr das Kapital, oder wie die Industriellenverb\u00e4nde es selbst formulierten: \u00bbdas Unternehmertum vor der drohenden, \u00fcber alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahenden Revolution [zu] bewahren\u00ab. Gro\u00dfes Wunder: Die organisatorische Stabilit\u00e4t bleibt erhalten, und w\u00e4chst bis zur Krise 1928\/1929<\/p>\n<p>Ebenfalls sechs Tage nach der Novemberrevolution 1918 beauftragte der sozialdemokratische Rat der Volksbeauftragten den b\u00fcrgerlich-demokratischen Staatsrechtslehrer Hugo Preu\u00df mit der Ausarbeitung einer neuen Reichsverfassung. Hinter dem Auftrag steckte nicht mangelnde Fachkompetenz der SPD in verfassungsrechtlichen Fragen, sondern die klare Absicht, in der akuten revolution\u00e4ren Umbruchsituation mit einer sozial unterlegten b\u00fcrgerlichen Verfassung gegenzusteuern gegen die Fundierung und damit Stabilisierung einer Demokratisierung aller gesellschaftlicher Bereiche, wie sie die revolution\u00e4ren R\u00e4teorganisationen auch verfassungsrechtlich auf eine neue historische Stufe stellen wollten im avisierten sozialistischen Gemeinwesen. Stattdessen wurde im ersten Halbjahr 1919 durch den Noskeschen B\u00fcrgerkrieg die politische Macht der R\u00e4te \u00fcber den Weimarer Konstitutionsprozess in wirkungslose Reichswirtschaftsr\u00e4te bzw. in ein neu zu schaffendes Arbeitsrecht zu verschoben.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die sozialdemokratische Staatspolitik lieferte nach: Das unter Leitung des roten Papstes Kautsky erstellte moderate Sozialisierungsgutachten f\u00fcr den Kohlebergbau wurde in den Kehricht getreten und das Anti-Sozialsierungsgutachten der b\u00fcrgerlichen Minderheit der Kommission zur sozialdemokratischen Regierungsnorm erhoben. Die Neuauflage eines Sozialisierungsprogramms f\u00fcr die Kali-Industrie nach dem Kapp-Putsch 1920 blieb im PR-Raum stecken.<\/p>\n<p>Das B\u00fcndnis der sozialdemokratischen F\u00fchrung mit den Reichswehr- und Freikorpstruppen gegen die radikalen Tendenzen der Arbeiterbewegung weckte den Mut zur Eigeninitiative der Reaktion im Kapp-L\u00fcttwitz Putsch. Dass nun die bedrohte SPD-F\u00fchrung zusammen mit den Gewerkschaften den politischen Generalstreik, der 1905 noch auf den Namen \u00bbGeneralunsinn\u00ab h\u00f6rte, ausrief zur Rettung der b\u00fcrgerlichen Demokratie ist ein Sonderfall und sein \u00bbGelingen\u00ab beruht wesentlich auf Seeckts Verzicht, dem Unternehmen beizutreten (Reichswehr schie\u00dft auf Reichswehr nicht.)<\/p>\n<p>Der August 1914 l\u00f6ste in der Arbeiterbewegung eine gewaltige parteipolitische Verschiebung aus: Verlor die SPD bis 1917 nahezu 80 Prozent ihrer Mitglieder, stieg die r\u00e4teorientierte USPD-Abspaltung im Verlauf der Revolution zur Massenpartei mit etwa 900.000 Mitgliedern auf. Da mit der Verabschiedung der Reichsverfassung der Kampf um die Durchsetzung einer R\u00e4terepublik aussichtslos wurde, geriet die USPD in eine Zerrei\u00dfprobe: Fortsetzung der Revolutionsanstrengung auf anderer Ebene \u2013 d.h. Orientierung in Richtung Komintern \u2013 oder R\u00fcckkehr zur alten Sozialdemokratie. Der Konstitutionsprozess der KPD als Massenpartei war von Anbeginn an gezeichnet durch die postrevolution\u00e4ren Bedingungen der werdenden Sowjetunion und den \u00dcbertragungsillusionen auf die deutschen Verh\u00e4ltnisse. Ausdruck dieser Problematik ist die Levi-Krise 1921, die den Eingriff der Komintern zur M\u00e4rzaktion 1921 mit der Zerst\u00f6rung der Massenpartei bezahlt und zugleich mit der Unterdr\u00fcckung der freien innerparteilichen Auseinandersetzung dar\u00fcber, d.h. der Unterwerfung unter die Autorit\u00e4t der Sowjetunion als einem werdenden neuen Rom.<\/p>\n<p>Die unmittelbaren Folgen k\u00f6nnen durch konsequente Einheitsfrontpolitik bis 1923 abgemildert und auf dem Leipziger Parteitag im Januar 1923 dahingehend korrigiert werden, dass f\u00fcr die KPD der Eintritt in eine SPD-gef\u00fchrte Regierung erm\u00f6glicht wird. Das war trotz innerparteilicher K\u00e4mpfe \u00e4u\u00dferlich betrachtet eine Art R\u00fcckkehr zur republikanischen Tradition der luxemburgistischen revolution\u00e4ren Realpolitik. Der Ausgangspunkt daf\u00fcr schien g\u00fcnstig: die katastrophale Ruhrpolitik des Reichskanzlers Cuno st\u00fcrzte die junge Republik in eine wirtschaftliche und finanziell ausweglose Lage, die im August durch einen von der KPD initiierten Generalstreik zum Sturz der Reichsregierung f\u00fchrte. Die Einheitsfront von unten zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten schien zu funktionieren. Ob auf dem H\u00f6hepunkt dieser Bewegung die KPD aus eigener Kraft und politischem Geschick den Gesamtprozess revolution\u00e4r h\u00e4tte vorantreiben k\u00f6nnen, oder wenigstens f\u00fcr das sp\u00e4tere Verh\u00e4ltnis zur SPD andere nachhaltige Akzente h\u00e4tte setzen k\u00f6nnen, muss Spekulation bleiben. Die Einsch\u00e4tzung Brandlers blieb eher skeptisch.<\/p>\n<p>Tatsache ist jedoch, dass die KPD-F\u00fchrung und ihre jeweiligen Fl\u00fcgel weitgehend damit befasst waren, ihre weiteren Aktionen nach den Einsch\u00e4tzungen der Komintern festzulegen. Noch im Juni 1923 sah man dort noch keinerlei Vorzeichen einer Revolution, doch im August sah man sie unmittelbar bevorstehend und zwar in Wechselwirkung mit einer Stabilisierung der Verh\u00e4ltnisse in der SU. Eine siegreiche Revolution in Deutschland k\u00f6nne ein Ausweg aus den Schwierigkeiten zeitigen, mit denen das Sowjetland konfrontiert war, so Sinowjew, und weiter: \u00bbDie heraufziehende zweite, wirklich proletarische Revolution in Deutschland wird Sowjetrussland endg\u00fcltig zum Siege verhelfen auf dem Felde des sozialistischen Wirtschaftsaufbaus\u00ab hie\u00df es in den Thesen Sinowjews aus seinem Urlaubsort Kislowodsk 15. August 23.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Gesamteinsch\u00e4tzung der Lage war vollkommen verzerrt und liest sich wie eine auf dem staatlichen Rei\u00dfbrett \u00fcberh\u00f6hte Machtphantasie in Analogie gesetzt zur Erfahrung der leninistischen Machteroberung seit 1917. Dass auch die geplanten materiellen Vorbereitungen und Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen in den verbleibenden Monaten bis zur Durchf\u00fchrung der Aktionen weitgehend auf dem Papier bleiben mussten, versteht sich \u2013 nach heutigen Kenntnissen der Dokumente &#8211; fast von selbst.<\/p>\n<p>Der Parteivorsitzende Brandler befand sich in einem Spagat: Einerseits in Bedr\u00e4ngnis aus den Reihen der Komintern und zugleich im Feuer der heftigen Kritik des ultralinken Fl\u00fcgels der KPD um Ruth Fischer, anderseits der eigenen zeitweilig relativ realistischen Einsch\u00e4tzung der allgemeinen politischen Lage in Deutschland und der Kr\u00e4fte der eigenen Partei und der Arbeiterbewegung. So machte Heinrich Brandler die Ausl\u00f6sung einer revolution\u00e4ren Aktion wie den Generalstreik organisatorisch abh\u00e4ngig von der verl\u00e4sslichen Mitwirkung des linken sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen B\u00fcndnispartners wie den Betriebsr\u00e4ten. Als diese Zustimmung nicht erfolgte, \u00fcbernahm er die Verantwortung f\u00fcr den R\u00fcckzug. Damit war klar, dass der radikale Fl\u00fcgel der deutschen Arbeiterbewegung aus eigener Kraft auch nicht mit Unterst\u00fctzung der Komintern in der Lage war, die krisenhaft zugespitzte Lage in eine weitertreibende revolution\u00e4re Umw\u00e4lzung zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der \u00e4u\u00dfere politische Rahmen f\u00fcr den geplanten \u00bbDeutschen Oktober\u00ab war der Einstieg der Kommunisten in die sozialistischen Minderheitsregierungen in Sachsen und Th\u00fcringen, wo in gewisser Hinsicht Ausnahmesituationen vorherrschten: Das eher links-sozialdemokratische F\u00fchrungspersonal war jung und offen f\u00fcr echte demokratische Reformans\u00e4tze und angesichts eines erwarteten faschistischen Marsches aus Bayern nach Berlin jetzt auch bereit zu proletarischen Abwehrverb\u00e4nden zur Verteidigung der Demokratie. Tausende SPD und KPD Anh\u00e4nger demonstrierten gemeinsam beim \u00bbAntifaschistentag\u00ab mit der Forderung nach einem Betriebsr\u00e4tekongress als Grundlage f\u00fcr eine Arbeiterregierung.<\/p>\n<p>Am 1. Oktober 1923 gab das Exekutiv Komitee der Komintern an die KPD die Direktive zur Regierungsbeteiligung heraus: \u00bbDa wir die Lage so einsch\u00e4tzen, da\u00df der entscheidende Moment nicht sp\u00e4ter als in vier, f\u00fcnf, sechs Wochen kommt, so halten wir es f\u00fcr notwendig, jede Position die unmittelbar n\u00fctzen kann, sofort zu besetzen (\u2026) Unter der Bedingung, dass die Zeigner-Leute bereit sind, Sachsen wirklich gegen Bayern und die Faschisten zu verteidigen, m\u00fcssen wir eintreten, sofort die Bewaffnung von 50 000 bis 60 000 wirklich durchf\u00fchren, den General M\u00fcller ignorieren. Dasselbe in Th\u00fcringen.\u00ab<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Einen Tag sp\u00e4ter gibt das Pol-B\u00fcro ein Papier heraus, es liege \u00bbnicht nur im Interesse der Th\u00fcringerbewegung, sondern auch im Interesse der Bewegung im Reiche, dass der Th\u00fcringer Bezirk alles unternimmt, was es der SPD erleichtern k\u00f6nnte, eine Koalition &#8230;einzugehen.\u00ab<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>In Sachsen waren seit Januar 1923 durch die Minderheitsregierung Zeigner die Voraussetzungen f\u00fcr eine Koalitionsregierung weiter vorangekommen durch die mit der KPD vereinbarten Richtlinien: 1. Abwehrma\u00dfnahmen gegen den Faschismus, 2. Bek\u00e4mpfung des Wuchers, 3. Bildung von Arbeiterkammern und 4. eine Teilamnestie. Die parlamentarische Zusammenarbeit der beiden Arbeiterparteien verlief gut und konnte sich auf au\u00dferparlamentarische Aktivit\u00e4ten v. a. der Betriebsr\u00e4te st\u00fctzen und f\u00fchrte schlie\u00dflich am 10. Oktober 1923 nach der Direktive der Komintern zum Eintritt der KPD in die Regierung in Sachsen.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter einigten sich auch in Th\u00fcringen die beiden Arbeiterparteien auf ein gemeinsames Programm. Am 16. Oktober trat die KPD auch in Th\u00fcr. in die Regierung unter dem linken Sozialdemokraten August Fr\u00f6lich, der jetzt, zum Schutze der Verfassung, sogenannte &#8218;republikanische Notwehren&#8216;, akzeptierte. Weitere Schwerpunkte der Regierungsarbeit sollten sein die Sicherung des Lebensminimums durch Erfassung von Sachwerten durch das Reich, die Schaffung von Au\u00dfenhandelsmonopolen nach russischem Muster, die Durchf\u00fchrung einer wirksamen Produktionskontrolle unter Mitwirkung der proletarischen Massen, unbedingte Aufrechterhaltung des Achtstundentags, Erweiterung des Arbeitsrechts, Verhinderung von Betriebsstillegungen, Bek\u00e4mpfung des Wuchers durch Kontrollaussch\u00fcsse, Verstaatlichung der Polizei unter republikanischer Leitung und S\u00e4uberung des Staatsapparats.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Doch das Experiment stand unter schlechtem Vorzeichen: In Th\u00fcringen hauste General Reinhard vom Wehrbereichskommando V (5. Division), der seit der Verh\u00e4ngung des milit\u00e4rischen Ausnahmezustandes in Th\u00fcringen vom 26. September 1923 durch Reichskanzler Stresemann (also noch vor dem KPD-Eintritt in die Regierung) und seinem sozialdemokratischen Innenminister Sollmann, inklusive der Unterschrift des Reichspr\u00e4sidenten Ebert mit seinen Truppen jenseits jeglicher Verfassungsbestimmungen wie ein Milit\u00e4rdiktator;<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Bebels Bef\u00fcrchtungen von 1910 \u00fcber die Stellung des Milit\u00e4rs zur Arbeiterbewegung hatte prognostische Wirkung, nur jetzt unter staatlich gest\u00fctzter Beteiligung eigener F\u00fchrungsgenossen. In Sachsen, wo zwischen Zeigner und Reichswehrminister Ge\u00dfler ein besonderer Konflikt schwelte, verf\u00fcgte Stresemann direkt die milit\u00e4rische Amtsenthebung der parlamentarisch gew\u00e4hlten Regierung und setzte seinen Parteifreund Heinze als Staatskommissar ein.<\/p>\n<p>Es war schon nach wenigen Tagen absehbar, dass die durch Ebert gedeckte Milit\u00e4rherrschaft selbst die eingeschr\u00e4nkten Reformpl\u00e4ne der Koalitionsregierungen unm\u00f6glich machte. Haussuchungen bei Parlamentariern und Ministern wie Korsch, Neubauer und besonders infam im Falle der KPD-Landtagsabgeordneten K\u00e4te Duncker durch ein Spezialkommando der Reichswehr, die bei ihrer gezielten Haussuchung das Beweismaterial f\u00fcr die am selben Tag angek\u00fcndigte Rede zu entwenden versuchte, das sie \u2013 wohlweislich gut versteckt &#8211; am selben Tag dem Landtag pr\u00e4sentierte mit dem Ergebnis, da\u00df bis zum 20. November 1923 von der Reichswehr in Th\u00fcringen 300 Personen verhaftet, 34 ermordet und 130 verletzt worden waren.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Zwar protestierte Ministerpr\u00e4sident Fr\u00f6lich \u00fcber die milit\u00e4rischen Einschr\u00e4nkungen seiner Handlungsfreiheit, aber im Nachhinein kam zutage, dass er mit SPD-Innenminister Sollmann und Milit\u00e4rbeh\u00f6rden in gewisser Weise zusammenarbeitete, um dem Schicksal seines s\u00e4chsischen Kollegen Zeigner zu entgehen. Dazu kam es nicht, weil die drei Kommunisten \u2013 wohl auf Anweisung des ZK \u2013 aus der Regierung zur\u00fccktraten. Im Nachgang kommentiert der linke Sozialdemokrat Hermann Brill nicht ganz zu Unrecht, dass der R\u00fccktritt der KP-Minister von au\u00dfen geleitet gewesen sei in Anspielung auf Komintern als \u00bbAu\u00dfenorganisation der russischen Au\u00dfenpolitik\u00ab. Betonte aber zugleich, dass es zur Reichsexekution auch gekommen w\u00e4re, wenn die Kommunisten nicht in die Regierung getreten w\u00e4ren. Brill sagt weiter: \u00bbEs ist uns auch bekannt, dass es im ganzen Zuge der politischen Entwicklung des deutschen B\u00fcrgertums liegt, \u00fcberall da, wo sie die Macht der Arbeiterklasse, die diese durch parlamentarische Mehrheiten oder durch ausschlaggebenden Einfluss in Parlamenten errungen hat, nicht mit legalen Mitteln \u00fcberwinden kann, jederzeit bereit ist, zu illegalen Mitteln zu greifen.\u00ab<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Dass jedoch seine Genossen in Berlin an der Reichsexekution direkt beteiligt waren, sagt der linke Sozialdemokrat im Th\u00fcr. Landtag nicht. Zumal durch eine gezielte Indiskretion im Landtag bekannt wurde, dass Fr\u00f6lichs Zusammenarbeit mit Reichswehr und Stresemann weit enger war, als von ihm im Landtag zugegeben. Im Prinzip war die gesamte Aktion \u00bbRettung der Verfassung durch Verfassungsbruch\u00ab ein Vorschein zum Papen-Schlag 1932.<\/p>\n<p>Das Oktober-Experiment 1923 hatte \u00e4u\u00dferlich eine Phase der sogenannten relativen Stabilisierung f\u00fcr die kommenden vier Jahre zur Folge. Doch f\u00fcr die theoretische Orientierung der gespaltenen Arbeiterbewegung waren die Folgen tiefgreifend und katastrophal, setzt man sie in Beziehung zum Aufstieg des Nationalsozialismus als Moment des Aktionszerfalls der Arbeiterbewegung am Ende der Weimarer Republik direkt in Beziehung.<\/p>\n<p>Der Verlust der organisatorischen Kontinuit\u00e4t nahm nun auch strikt gegens\u00e4tzliche theoretische Identit\u00e4tsbildungen an, die sich auch in schwerster Krise kaum noch verbinden lie\u00dfen. Das ultralinke Aufb\u00e4umen in der KPD nach der Oktoberniederlage 1923, \u00fcber den reinen Leninismus und der Parole des V. Weltkongress, der Bolschewisierung die revolution\u00e4re anti-imperialistische Perspektive im Weltma\u00dfstabe zur\u00fcckzuholen, blieb ein Scheinerfolg von kurzer Dauer, verpflichtete aber zunehmend, und contra voluntatem der Akteure, die Sektionen der KI an die sich herausbildende neue Orthodoxie des Marxismus-Leninismus als aktualisierter Doktrin des Marxismus auf die Eroberung der Staatsmacht. Die mentale und schlie\u00dflich organisatorische Bindung jeglicher Hoffnung der \u00dcberwindung des Kapitalismus an die Entwicklung der sowjetischen Staatsmacht wurde mit der Festigung des Stalinismus zum Verh\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Denn andrerseits verblieb der wieder geeinte sozialdemokratische Traditionsstrang in einer inzwischen toten, zu keiner revolution\u00e4ren Aktion verpflichtenden Ideologie der Marx-Orthodoxie Kautskyscher Pr\u00e4gung als einer naturwissenschaftlich orientierten Weltanschauung und Geschichtsphilosophie, die eine aktive Bindung an das Schicksal des kapitalistischen Staates f\u00fcr vereinbar, ja zwingend hielt. Damit l\u00f6ste sich die traditionelle Sozialdemokratie als Antagonist aus dem Feld der potentiellen \u00dcberwindung des Kapitalismus durch die proletarische Aktion und wurde zum tragischen integrativen Teil des Problems.<\/p>\n<p>Die sich petrifizierenden Orthodoxien, die sich nach 1945 gar in staatlicher Form gegen\u00fcbertraten, wurden nur durch das Sektenstadium kaum \u00fcbersteigenden Zwischengruppen an den R\u00e4ndern der beiden Bl\u00f6cke angetastet und in Aktionsmodelle transformiert.<\/p>\n<p>Beide Landesregierungen, Th\u00fcringen und Sachsen, haben in ihrer resoluten Reformpolitik auf \u00bbreformistische, revisionistische und theoretisch unreflektierte praxisorientierte Vorstellungen der Sozialdemokratie\u00ab gest\u00fctzt, die sp\u00e4ter unter dem Begriff des \u00bbDemokratischen Sozialismus\u00ab zusammengefasst wurden, wie Beate H\u00e4upel in ihrer Studien betont.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Das Grundanliegen bestand in der Demokratisierung des Staates, der Wirtschaft und Gesellschaft, Modernisierung der Bildung des \u00f6ffentlichen Sektors, sozialdemokratischer Anti-Krisenpolitik. Sie wurde von der \u00dcberzeugung getragen, die 1919 steckengebliebene Revolution unter den Bedingungen der parlamentarischen Demokratie im Landesformat gleichsam nachzuholen. Sie waren also Arbeiterregierungen im Sinne eines l\u00e4ngerfristigen Projekts, das eine sozialistische Revolution im Prinzip nicht ausschloss. Unzweifelhaft aber eine putschistische Machtergreifung, wie das im Modell der Komintern vorgesehen war.<\/p>\n<p>Es ist mehr als interessant, dass gerade Th\u00fcringens Arbeiterbewegung ein Modell bildete, in dem sich SPD und KPD noch Reste der Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren konnte: Hier haben wir einen hohen KPO-Anteil und einen linksozialistischen Funktions\u00e4rsk\u00f6rper, der das realistische Paradigma des antifaschistischen Kampfes h\u00e4tte geben k\u00f6nnen. Kein Zufall, dass das erste, die Selbstblockaden \u00fcberwindende Dokument f\u00fcr eine neue Kampfeinheit der geschlagenen Arbeiterbewegung nach 1945 aus der Feder des Th\u00fcringers und ersten Ministerpr\u00e4sidenten, Hermann Brill stammt: Das Buchenwalder Manifest. Dass die Idee des Manifests politisch nicht zum Tragen kam, lag nicht allein am Eingriff der sowjetischen Besatzungsmacht. Als Brill nach Hessen floh, fand er dort durchaus keinen g\u00fcnstigeren Handlungsrahmen f\u00fcr das Manifest.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.die-linke.de\/partei\/parteistruktur\/kommissionen\/historische-kommission\/konferenz-epochenbruch-1914-1923\/news-default-detailseite\/news\/schaltjahr-1923-proletarische-revolution-undoder-arbeiter-koalitionsregierung-das-beispiel-sachse\/\">die-linke.de&#8230;<\/a> vom 25. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Helmut Bley, Bebel und die Strategie der Kriegsverh\u00fctung 1904-1913. Eine Studie \u00fcber Bebels Gemeimkontakte mit der britischen Regierung und Edition der Dokumente. 2. erw. Aufl. Hannover 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die sp\u00e4tere historische Stilisierung, die SPD sei durch ihre Politik entschieden der R\u00e4tediktatur nach russischem Muster entgegengetreten und habe damit die Rolle der Retterin der Demokratie \u00fcbernommen, wurde in der historischen Verarbeitung der Novemberrevolution relativ sp\u00e4t kritisch korrigiert. &#8222;Die einzige wirkliche Alternative zur b\u00fcrgerlichen Demokratie war nicht der &#8218;Bolschewismus&#8216;, sondern eine auf die R\u00e4te gest\u00fctzte soziale Demokratie&#8220;. Peter von Oertzen, Betriebsr\u00e4te in der Novemberrevolution (1963). Bonn-Bad Godesberg 1976, S. 67; Vgl. hierzu auch meinen Aufsatz Die Wiederentdeckung der R\u00e4tedemokratie. Peter von Oertzens Konzeption einer sozialistischen R\u00e4te-Demokratie und der Paradigmenwechsel in der Bewertung der Novemberrevolution. In:Loccumer Initiative kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (Hrsg.), Zur Funktion des linken Intellektuellen &#8211; heute. In memoriam Peter von Oertzen. (=Kritische Interventionen Band 10), Hannover 2009, S. 21-44.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Dokumentation Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern. Hrsg. von B. Bayerlein, Leonid Babicenko, F. I. Firsov und A. Vatlin. Aufbau Verlag Berlin 2003.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zitiert nach G. Sinowjew \u00fcber die Lage in der KPD (Sitzung des EKKI Januar 1924), in: Die Internationale, 7.Jg.Nr 2\/3 vom 28.3.1924.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> SAPMO, RY 1 I 2\/3\/3 Bl. 272.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Stenographische Berichte \u00fcber die Sitzungen des II. Landtags von Th\u00fcringen, Bd. V, Weimar o.J., S. 5486-5489.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> General Reinhardt hatte schon am 28. September 1923 als Verf\u00fcgung an s\u00e4mtliche Regierungsstellen seines Wehrkreises erlassen: \u00bbDer Ernst der Lage macht es erforderlich, f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit eine Einschr\u00e4nkung in Versammlungen anzuordnen. \u2013 Ich ersuche daher, zun\u00e4chst alle \u00f6ffentlichen Versammlungen, Ansammlungen, Umz\u00fcge und Aufz\u00fcge unter freiem Himmel zu verbieten und alle \u00f6ffentlichen Versammlungen in geschlossenen R\u00e4umen von der Genehmigung der zust\u00e4ndigen Polizeibeh\u00f6rde abh\u00e4ngig zu machen. \u2013 Gegen jede Handlung, die zum Generalstreik oder zum B\u00fcrgerkrieg auffordert, ist sofort einzuschreiten\u00ab (R 43 I\/2703, Bl. 204). &#8211; Die Th\u00fcr. Regierung Fr\u00f6lich hat sich in einem Aufruf vom 27.9.23 zur Verh\u00e4ngung des Ausnahmezustandes den Anweisungen der Reichsregierung voll unterworfen und damit alle geplanten Handlungen zur Verteidigung gegen die Angriffe von Rechts im vorauseilenden Gehorsam ausgesetzt. (R 43 I\/2314, Bl. 221).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. dazu die Rede von K\u00e4te Duncker im Th\u00fcr. Landtag vom 23. November 1923, Stenographische Berichte \u00fcber die Sitzungen des II. Landtages von Th\u00fcringen, Bd. V., S: 57-62. und vom 29. November (S. 5838, 5890-91) Vgl. dazu auch Heinz Deutschland (Hrsg.), K\u00e4te und Hermann Duncker: Ein Tagebuch in Briefen (1894-1953), Berlin 2016, S.386.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Josef Schwarz, Die linkssozialistische Regierung Fr\u00f6lich in Th\u00fcringen 1923. Hoffnung und Scheitern. Schkeuditz 200, S. 139 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Beate H\u00e4upel, Die Gr\u00fcndung des Landes Th\u00fcringen. Staatsgr\u00fcndung und Reformpolitik 1918-1923. Weimar K\u00f6ln Wien 1995, S. 124 f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Buckmiller. Eines blieb August Bebel durch seinen Tod 1913 erspart: Die Entscheidung des 4. August 1914. Folgt man der These von Helmut Bley[1], gab Bebel den Engl\u00e4ndern Entwarnung in Bezug<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,10,39,34,38,20,42,4],"class_list":["post-3311","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-breite-parteien","tag-deutschland","tag-faschismus","tag-russische-revolution","tag-sowjetunion","tag-sozialdemokratie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3311"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3313,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3311\/revisions\/3313"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}