{"id":3315,"date":"2018-03-25T12:19:03","date_gmt":"2018-03-25T10:19:03","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3315"},"modified":"2018-03-25T12:19:03","modified_gmt":"2018-03-25T10:19:03","slug":"rosa-luxemburg-ueber-die-internationale-perspektive-der-revolution-von-1917-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3315","title":{"rendered":"Rosa Luxemburg \u00fcber die internationale Perspektive der Revolution von 1917\/18"},"content":{"rendered":"<p><em>Annelies Laschitza. <\/em>Rosa Luxemburg wurde als j\u00fcdische polnische Studentin der Z\u00fcrcher Universit\u00e4t zur Revolution\u00e4rin. Ihre revolution\u00e4ren Ansichten fundierte sie durch gr\u00fcndliches, kritisches<!--more--> Studium der einflussreichen National\u00f6konomen, einschlie\u00dflich der Karl-Marx-Untersuchungen \u00fcber das Kapital. Sie verfolgte die wirtschaftliche Entwicklung in Russland, insbesondere in den Industriezentren wie Lodz im russisch besetzten Polen. Von Anfang an war ihre revolution\u00e4re Vision durch proletarischen Internationalismus gepr\u00e4gt. Diese wurde im Zusammenhang mit den Internationalen Arbeiterkongressen in Z\u00fcrich 1893 und in London 1895 publik. Ihr Mandat als Repr\u00e4sentantin der 1893 mitbegr\u00fcndeten polnischen Sozialdemokratie, SDKP, wurde von den Vertretern der Sozialistischen Partei Polens nicht anerkannt, weil sie im Gegensatz zu ihr die nationale Wiedergeburtslosung des polnischen Staates verfochten.<\/p>\n<p>Beizeiten wurde ihr klar, dass, wenn sie als internationale Revolution\u00e4rin wirkungsvoll t\u00e4tig sein wollte, musste sie nach Deutschland gehen.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg dr\u00e4ngte es zur deutschen Sozialdemokratie, die sich unter F\u00fchrung von August Bebel\u00a0und Wilhelm Liebknecht zu einer vorbildlich organisierten und agierenden Massenpartei entwickelte und mit jedem Wahlkampf neue W\u00e4hler gewann. Deshalb \u00fcbersiedelte sie 1898 nach Deutschland und entzog sich durch eine preu\u00dfische Staatsb\u00fcrgerschaft der Ausweisung nach Russland. Als neu eingetragenes Mitglied der deutschen Sozialdemokratie stieg sie 1898 auftragsgem\u00e4\u00df sofort in den Wahlkampf in Oberschlesien ein, hatte ihr Rednerdeb\u00fct auf dem Stuttgarter Parteitag 1898 und zog durch vielseitige journalistische Beitr\u00e4ge die Aufmerksamkeit auf sich.<\/p>\n<p>Aber sie bekam sofort zu sp\u00fcren, dass es \u00fcber das \u201eWie weiter?\u201c in der Partei unterschiedliche Auffassungen gab und es in der deutschen Partei \u00fcber die Er\u00f6rterung der Taktik zu kriseln \u00a0\u00a0begann. \u201eNach 20 Jahren\u201c \u00fcberschrieb sie ihre Bilanz des heroischen Kampfes gegen das Bismarcksche Sozialistengesetz: \u201eDie sozialdemokratische Agitation griff immer weiter in die Volkskreise ein, ihr Einflu\u00df wuchs mit jedem Tage, ihre Waffen im Kampf mehrten sich best\u00e4ndig. Im Jahre 1878 verf\u00fcgte sie bereits \u00fcber 47 politische Bl\u00e4tter, die die Saat des Klassenkampfes in allen Winkeln Deutschlands ausstreuten, sie hatte eine Reihe von Genossenschaften gegr\u00fcndet, sie st\u00fctzte sich auf mehrere Gewerkschaften.\u201c <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sie machte sich und anderen Mut, alle Kr\u00e4fte, die das kapitalistische System gegen die Arbeiterbewegung aufbringt, seien Verzweiflungsschl\u00e4ge. \u201eDas Schwert, das einmal schartig wurde, zerbricht gar bald im zweiten Waffengang, die Bahn, die einmal in die Tiefe f\u00fchrte, wird zum zweiten Mal noch schneller durchlaufen und noch tiefer f\u00fchren. Und schlie\u00dflich st\u00fcrzt die Kapitalistenklasse in die Gruft, die f\u00fcr sie auf dem Kirchhofe der Geschichte schon l\u00e4nger offensteht.\u201c\u00a0<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Rosa Luxemburg ist charakteristisch, dass sie sich f\u00fcr das Neue, das sich in der Gesellschaft entwickelte, interessierte. Auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Paris 1900 richtete sie den Blick in ihrem Hauptreferat \u00fcber den V\u00f6lkerfrieden, den Militarismus und die stehenden Heere auf das Neue.<\/p>\n<p>\u201eNeu ist\u201c, erkl\u00e4rte sie, \u201edass diese Taktik des Militarismus sich in Form der Weltpolitik des Imperialismus ausgeweitet und versch\u00e4rft hat. Es handelt sich nicht mehr nur um eine gigantische Aufr\u00fcstung in Vorbereitung auf einen Krieg zwischen zwei oder drei Nachbarstaaten. Dieser Militarismus treibt alle gro\u00dfen Nationen der Welt best\u00e4ndig in neue koloniale Eroberungen. Er verwandelt die Vereinigten Staaten von Amerika in einen durch und durch militaristischen Staat, und das gleiche gilt auch f\u00fcr England. Und w\u00e4hrend bisher Deutschland fast als einziges Land seine Armee und seine Flotte unabl\u00e4ssig ausbaute, ist diese Politik jetzt die Losung der ganzen Welt geworden. Diese Politik wurde mit dem Chinesisch-Japanischen Krieg eingeleitet, dann folgten der Spanisch-Amerikanische Krieg, der Transvaalkrieg und schlie\u00dflich der Krieg des vereinigten Europa gegen China. Niemals, B\u00fcrger, sind Ereignisse von gr\u00f6\u00dferer historische Tragweise so rasch aufeinander gefolgt, niemals verlief die kapitalistische Entwicklung so rasend.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Dieser so wichtige Abschnitt fehlt im deutschen Protokoll ihrer Rede. Er wird erstmalig in Band 6 der GW nach dem franz\u00f6sischen Protokoll wiedergegeben. Die Folgerung aus ihrer Rede schlug sich in der Resolution des Kongresses nieder, in der es u. a. hei\u00dft: \u201e1. da\u00df es n\u00f6tig ist, da\u00df die Arbeiterpartei in jedem Lande mit verdoppelter Wucht und Energie gegen Militarismus und Kolonialpolitik auftrete; 2. da\u00df es vor allem unbedingt notwendig ist, die weltpolitische Allianz der Bourgeoisien und Regierungen zur Verewigung des Krieges durch eine Allianz der Proletarier aller L\u00e4nder zur Verewigung des Friedens zu beantworten, d. h. , von mehr oder weniger platonischen Demonstrationen der internationalen Solidarit\u00e4t auf politischem Gebiet zur energischen internationalen Aktion, zum gemeinsamen Kampf gegen den Militarismus und die Weltpolitik \u00fcberzugehen.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Rosa Luxemburg war sp\u00e4testens ab der Jahrhundertwende auf eine antikapitalistische, eine sozialistische Revolution im weltweiten Ma\u00dfstab fixiert.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr sie bedeutete das nicht, wie ihr das ihre Gegner unterstellen, auf anarchistische oder terroristische Gewaltakte zu bauen. Als \u00d6konomin wusste sie, dass zu den Voraussetzungen einer solchen Umw\u00e4lzung die Reife der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse geh\u00f6rten, und dass Massenbewegungen und Massenerhebungen nicht durch Beschl\u00fcsse von Organisationsvorst\u00e4nden und internationalen Kongressen hervorgerufen werden k\u00f6nnen und keineswegs nur spontan entst\u00fcnden. Eine weltweite revolution\u00e4re internationale Erhebung bedarf langfristiger Vorbereitungsphasen, geduldiger Aufkl\u00e4rungsarbeit, bewusster Aufnahme von Erfahrungen und Lehren und nicht zuletzt einer Erfolg verhei\u00dfenden konkreten Krisensituation.<\/p>\n<p>Der Band 7\/1 der GW enth\u00e4lt Hunderte von handschriftlichen Notizen und Fragmenten, die Aufschluss geben, wie gr\u00fcndlich Rosa Luxemburg den Kapitalismus in allen seinen Erscheinungen und Verzweigungen studierte. Sie deckte Ursachen und Verlauf der einzelnen Krisen von 1815 bis 1907 auf, sie gab einen Streifzug durch die Krisentheorien in zeitlicher und internationaler Gegen\u00fcberstellung, verfolgte Kartell- und Trustbildungen und diesbez\u00fcgliche L\u00e4ndergesetze, beobachtete das Aufkommen von Aktiengesellschaften und des Trends zum Zentralbankwesen, interessierte sich f\u00fcr die Folgen der Ausbreitung der Kapitalherrschaft f\u00fcr die Agrarwirtschaft und die Kolonien. Und sie h\u00e4lt durchaus aktuell wertvolle These fest, wie z. B.: \u201eDer H\u00f6hepunkt des Gr\u00fcndungsschwindels der Trusts war 1899- 1903. In der darauf folgenden Krisis 1907 waren die kleinen Kapitalisten die Leidtragenden. Das Publikum kann n\u00e4mlich die Machenschaften gar nicht mehr \u00fcberblicken. Alle AG, Fusionen, Trusts sind jetzt so ineinander verschachtelt, dass es ein unentwirrbares Kn\u00e4uel ist. Dadurch werden Schiebungen, falsche Bilanzen, Scheinman\u00f6ver erm\u00f6glicht, die die wirkliche Finanzlage g\u00e4nzlich verschleiern.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Und als Summa zum Stichwort \u201eR\u00fcckwirkungen des Imperialismus\u201c notierte sie: \u201esteigende wirtsch. Anarchie (Weltkrisen); steigende polit. Anarchie (Weltkriege).\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Treffend w\u00fcrdigte Franz Mehring die \u00f6konomische Theoretikerin: \u201eAm n\u00e4chsten dem Vorbilde [Karl Marx\u2019 \u201aDas Kapital\u2019] kommt durch F\u00fclle der Kenntnisse, Glanz der Sprache, logische Sch\u00e4rfe der Untersuchung, Unabh\u00e4ngigkeit der Denkarbeit, und zugleich \u00fcber seine Grenzen hinaus die wissenschaftliche Erkenntnis erweiternd, Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zu \u00f6konomischen Erkl\u00e4rung des Imperialismus, Berlin 1913.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Angesichts des Russisch-Japanischen Krieges rechnete Rosa Luxemburg 1904\/1905, dass der Sturm durch eine Revolution gegen das reaktion\u00e4re zaristische System losgehen werde. Die 1905er Revolution in Russland erhielt entscheidende Impulse durch proletarische Maiaktionen im besetzten polnischen Teil des russischen Reiches und im Oktober 1905 durch den in ganz Russland aufflammenden Generalstreik. Die detaillierte Wahrnehmung der Vorg\u00e4nge durch Rosa Luxemburg als Chefredakteurin des \u201eVorw\u00e4rts\u201c ist in der Rubrik \u201eDie Revolution in Russland\u201c als\u00a0eine einmalige zeitgeschichtliche Dokumentation in Band 6 der GW abgedruckt.<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung \u00fcber den politischen Massenstreik als neues Kampfmittel geh\u00f6rte zu den wichtigsten Aufgaben der Vorbereitung weltrevolution\u00e4rer Aktionen gegen den Kapitalismus. F\u00fcr Rosa Luxemburg war der politische Massenstreik von Anbeginn an nicht gleichzusetzen mit einem Generalstreik oder dem Revolutionsbeginn. Der Massenstreik sei kein \u201eschlau ersonnener Coup, der vom \u201aKriegsrat\u2019 der Sozialdemokratie \u2013 also etwa vom Parteivorstand und der Generalkommission der Gewerkschaften \u2013 in verschlossenen St\u00fcbchen geheim ausgeheckt und womit der Feind \u2013 hier die b\u00fcrgerliche Gesellschaft \u2013 \u00fcberrumpelt werde.\u201c Gegen diese Auffassung hatte sich 1906 nicht zuletzt ihre Brosch\u00fcre \u00fcber den Massenstreik gerichtet.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Eindeutig bezeichnete sie die Revolution von 1905\/06 als Arbeiterrevolution. In dieser Form in einer \u00dcbergangsphase von der b\u00fcrgerlichen zur sozialistischen Revolution m\u00fcsse der Absolutismus von einer wahrhaftigen Volksrevolution besiegt werden.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Als sie 1914 von der Reichstagsfraktion zu einem Referat \u00fcber ihre Massenstreiktheorie aufgefordert wurde, verdeutlichte sie ausdr\u00fccklich ihre Vorstellung von den Befindlichkeiten der Massen: \u201eWie kann in Deutschland jener gro\u00dfe und letzte Massenstreik \u00fcberhaupt zustande kommen, wenn die Masse des Proletariats nicht vorher durch eine ganze lange Periode von Massenstreiks, von \u00f6konomischen und politischen Massenk\u00e4mpfen dazu vorbereitet, geschult, aufger\u00fcttelt wird? Wie sollen aber pl\u00f6tzlich die preu\u00dfischen Staatsarbeiter, die Eisenbahner, Postbeamten usw., die heute im Kadavergehorsam erstarrt sind, die Landarbeiter, die kein Koalitionsrecht haben, die breiten Schichten der Arbeiter, die noch in gegnerischen Organisationen, in christlichen, Hirsch-Dunckerschen, gelben Gewerkschaften stecken und die Masse des deutschen Proletariats, die weder der gewerkschaftlichen Organisation noch der sozialdemokratischen Agitation zug\u00e4nglich war. Diese sollten mit einem Mal f\u00fcr einen letzten Massenstreik, f\u00fcr einen Kampf auf Leben und Tod reif sein? Dazu geh\u00f6rt doch eine vorhergehende Periode st\u00fcrmischer Massenk\u00e4mpfe, Demonstrationsstreiks, wirtschaftlicher Riesenk\u00e4mpfe usw., damit sie nach und nach aus ihrer Starrheit, ihrem Kadavergehorsam, ihrer Zersplitterung losgel\u00f6st und der Gefolgschaft der Sozialdemokratie angegliedert werden.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Die Wahlrechts- und Demonstrationsbewegung seien eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Aufr\u00fcttelung der indifferenten Massen und zur Gewinnung gegnerisch gesinnter Arbeitskreise. Daf\u00fcr agitierte sie unaufh\u00f6rlich, wollte Rosa Luxemburg die deutsche Sozialdemokratie insgesamt aktivieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Massenstreiktheorie erhielt Rosa Luxemburg vielf\u00e4ltige Impulse durch die Revolution 1905 und deren internationales Echo. In ihrem Leitartikel vom 9. November 1905 bezeichnete sie das Jahr 1905 als \u201eein wunderbares Jahr\u201c. \u201eEs hat die Welt wie umgewandelt. Wo es fr\u00fcher vieler Jahre bedurfte, um die Beziehungen der Staaten und V\u00f6lker von Grund aus umzugestalten, das ist ihm mit einem Schlage gelungen.\u201c <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Das Ideal, auf das die Aktionen zielen sollten, war die Beseitigung der Monarchie und die Errichtung einer Republik im russischen Reich, in dem den polnischen Teil die kulturelle nationale Autonomie sicher sein m\u00fcsse.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Doch im Laufe des Jahres verstrickte sich das russische Reich in immer mehr Widerspr\u00fcche, wie sie zeitnah feststellte: \u201eBeruhigende \u201aKommuniques\u2019 \u2013 mit gleichzeitiger Verh\u00e4ngung des Belagerungszustandes, Amnestie f\u00fcr politische Verbrecher &#8211; unter Ausschluss der K\u00e4mpfer der ganzen Revolutionsperiode, Dekrete \u00fcber Pressefreiheit &#8211; und Niedermetzelung friedlicher B\u00fcrger, unersch\u00fctterliche Grunds\u00e4tze des Verfasungsmanifestes und ein allgemeiner Ausbruch von Judenkrawallen\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Es d\u00fcrfe nie nachgelassen werden in der Analyse der jeweiligen Situation, zu der stets ein ganzer Komplex vieler widerstreitender Faktoren geh\u00f6re. Sie z\u00e4hlte dazu historische Erfahrungen, unmittelbare Ergebnisse der Massenproteste und der Arbeit der Parteien, Entscheidungen der Leitungen \u00fcber die Taktik und Ziele der Aufst\u00e4ndischen, die Raffinesse und das Gewaltpotential, \u00fcberhaupt die Macht der gegnerischen Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ging es ihr darum, wie sie in ihrem Vorwort zur ersten russischen Ausgabe der Schrift \u201eMassenstreik, Partei und Gewerkschaften\u201c in Kiew 1906 schrieb, \u201edie russischen Sozialdemokraten von der sklavischen Nachahmung der deutschen Bewegung abzuhalten und sie zur der \u00dcberzeugung zu f\u00fchren, dass es dem russischen Proletariat Russlands eher geziemt, seinem westeurop\u00e4ischen Bruder das Beispiel einer selbst\u00e4ndigen Anwendung sozialdemokratischer Prinzipien in einer v\u00f6llig neuen revolution\u00e4ren Situation vorzuf\u00fchren und nicht beflissen die eigenen Schritte den ausgetretenen Schuhen der deutschen Bewegung anzupassen, die ausschlie\u00dflich im Rahmen der ungest\u00f6rten parlamentarischen Herrschaft der Bourgeoisie aufgewachsen ist.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Als die Revolution 1905\/06 von den Reaktion\u00e4ren brutal niedergeschlagen und mit der Farce von mehreren Duma-Anl\u00e4ufen erstickt wurde, verarbeitete Rosa Luxemburg die Niederlage revolutionstheoretisch in mehreren polnischen Schriften und nicht zuletzt in den deutschen und internationalen Diskussionen. Da es ihr immer wieder um die Rolle der Massen ging, bezeichnete sie den politischen Massenstreik als \u201ezum Symbol einer ganzen Weltanschauung\u201c geworden.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Im Revolutionsvergleich griff sie um Jahrhunderte zur\u00fcck, und zwar zur englischen Revolution im 17. Jahrhundert. Sie lie\u00df sich 1909 die \u201eGeschichte der Englischen Revolution\u201c von Francois Pierre Guillaume Guizot besorgen. Sie las diese Revolutionsgeschichte mehrere Male. In Band 7\/1 sind ihre langen Exzerpte mit Kommentaren enthalten. Sie bezeugen, wie wertvoll die erste b\u00fcrgerliche Revolution unter noch nicht voll ausgereiften kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen f\u00fcr ihre Stellung zur ersten Arbeiterrevolution dieses Ausma\u00dfes in Russland 1905\/06 war. Es zeigten sich f\u00fcr sie ziemlich viel \u00c4hnlichkeiten dieser Fr\u00fchformen von b\u00fcrgerlicher und proletarischer Revolution und der parlamentarischen Vorfahren konstitutioneller Gebilde. Nicht zuletzt, wie sich die Bestrebungen der gegens\u00e4tzlichen Kr\u00e4fte daran rieben.<\/p>\n<p>Mit Beginn des ersten Weltkrieges, der Zustimmung zu den Kriegskrediten im Reichstag durch die Fraktion der einflussreichen deutschen Sozialdemokratie und den Zusammenbruch der II. Internationale erlebte die Revolution\u00e4rin Rosa Luxemburg einen Schock. Durch die \u00dcbermacht des international verb\u00fcndeten Kapitals und dessen verbrecherische Diplomatie sowie die nationalistisch irritierten Massen begann ihre Aussicht auf eine baldige internationale sozialistische Revolution zu schwinden. Die Situation sei jedoch nicht alternativlos. \u201eDie Gesellschaft, die aus Schwei\u00df und Blut, aus Tr\u00e4nen und Qual von Millionen den jubelnden Lebensrausch einer Handvoll Nichtstuer braute, die Gesellschaft, die das Kind im Leibe der Mutter mit dem Pesthauch der Fabrik vergiftete, die j\u00e4hrlich im Schein\u00a0 des tiefsten Friedens Hunderttausende flei\u00dfiger Arbeiter mit zerschmetterten Gliedern ins Invalidenhaus schickte und Zehntausende ins Grab hinabstie\u00df, die alle paar Jahre die Massen vor \u00fcberf\u00fcllten Magazinen vor Hunger sterben lie\u00df und ihr Dasein best\u00e4ndig zwischen der H\u00f6lle der \u00dcberarbeit und dem Abgrund der Arbeitslosigkeit hin- und herpeitschte \u2013 diese Gesellschaft hat heute ihre historische Maske der Wohlanst\u00e4ndigkeit abgeworfen. Sie steht heute da in ihrer leiblichen Nacktheit, als die verk\u00f6rperte Bestialit\u00e4t, als Massenmord im System, als Anarchie in Permanenz. [..] R\u00fcckfall der Menschheit in die Barbarei oder Wiedergeburt durch eine planm\u00e4\u00dfig organisierte, auf der V\u00f6lkerverbr\u00fcderung basierende Gesellschaftsordnung \u2013 das ist die Alternative, vor die alle Kulturnationen durch den heutigen Weltkrieg, mag er ausgehen, wie er will, gesellt werden.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Weiter hei\u00dft es bei ihr im September 1914: M\u00f6gen die Aush\u00e4ngeschilder dieses Krieges Vaterland, Nation, Rasse oder wie immer hei\u00dfen, seine wirkliche Wurzel ist der kapitalistische Imperialismus. [..] Der Weltkrieg dauert kaum einen Monat, und schon hat er die internationalen Verh\u00e4ltnisse Europas ersch\u00fcttert. Er hat mit der Existenzf\u00e4higkeit neutraler Staaten aufger\u00e4umt. Der \u201aKleinbetieb\u2019 ist auch auf dem Gebiete der Staatenbildung dem Tode geweiht. Der sch\u00fcchterne Kranz der kleinen formell oder praktisch neutralen Staatswesen, der sich von der Schweiz \u00fcber Luxemburg nach Belgien, Holland, D\u00e4nemark, Schweden und Norwegen mitten durch das waffenstarrende Europa wand, ist durch die ersten Ereignisse des Krieges dem historischen Welken preisgegeben. Schon die letzten paar Jahre brachten die seltsame Kunde von eiligen R\u00fcstungen und milit\u00e4rischer Reorganisation jener kleinen Staaten. Wird der Ausgang des Krieges die Existenzm\u00f6glichkeit solcher Staatswesen f\u00fcr die Dauer in Frage stellen, dann geht der Prozess der \u201aKonzentration\u2019 unaufhaltsam weiter und seine Methoden sind \u2013 R\u00fcstungen und neue Kriege.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Nach dem August 1914 ging es Rosa Luxemburg und der bald entstehenden Spartakusgruppe um die revolution\u00e4re Erhebung gegen den imperialistischen Krieg, so, wie es auf dem Stuttgarter Internationalen Sozialistenkongress 1907 im Zusatz von Lenin, Martow und ihr zur Antikriegsresolution August Bebels formulierte worden war. Jetzt galt es, wie der Internationale Sozialistenkongress 1900 in Paris beschlossen hatte, der Allianz der Kriegf\u00fchrenden in den imperialistischen B\u00fcndnissen, im Dreibund und in der Entente, die revolution\u00e4re Allianz des internationalen Proletariats entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Einzig und allein die Russen machten das wahr. Rosa Luxemburg war begeistert. \u201eIn diesem Sinne\u201c \u2013 n\u00e4mlich das Wesentliche und Bleibende der Bolschewikipolitik \u2013 \u201ebleibt ihnen das unsterbliche geschichtliche Verdienst, mit der Eroberung der politischen Gewalt und der praktischen Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in der ganzen Welt m\u00e4chtig vorangetrieben zu haben. In Russland konnte das Problem nur gestellt werden \u201c \u2013 aber nicht gel\u00f6st werden.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> \u201eDas Gef\u00e4hrliche [der Bolschewiki allerdings] beginnt dort, wo sie aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen St\u00fccken fixieren und dem internationalen [Proletariat] als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen.\u201c <a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Bei allem Jubelschrei stellte Rosa Luxemburg fest: Die russischen Revolution\u00e4re, insbesondere die Bolschewiki, begingen in Bezug auf die Konstituante und die Demokratie, den Friedensschluss, die L\u00f6sung der nationalen und der Agrarfrage entscheidende Fehler, die sie sowohl in \u201eZur russischen Revolution\u201c als auch in Briefen an befreundete Revolution\u00e4re kritisierte. <a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Rosa Luxemburgs Hoffnung auf einen erfolgreichen Zugang zur sozialistischen Revolution mit internationaler Wirkung begann zu schwinden. Ihre Erwartung auf eine Revolution des deutschen Proletariats erf\u00fcllte sich nicht.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg sa\u00df seit Mitte 1916 in \u201emilit\u00e4rischer Schutzhaft\u201c in Berlin und Wronke und seit Mitte 1917 im Frauengef\u00e4ngnis in Breslau.<\/p>\n<p>Im Jahre 1918 verfasste sie hier handschriftlich das unvollendete Manuskript \u201eZur russischen Revolution\u201c und au\u00dferdem 32 Blatt fragmentarische Notizen \u00fcber die Geschichte der Internationalen, die deutsche Sozialdemokratie und die Perspektiven nach dem Kriege und der Revolution.<\/p>\n<p>Beide Handschriften entstehen parallel und sind zwei unterschiedlich entwickelten Geschehen gewidmet, erstens der russischen Revolutionsbewegung und zweitens der internationalen, einschlie\u00dflich der deutschen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Das unvollendete Manuskript \u201eZur russischen Revolution\u201c ist das umfassendere. Es ist kompletter, ausformulierter und logisch komponiert.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Es ist bereits im Band 4 der Gesammelten Werke Rosa Luxemburgs publiziert.<\/p>\n<p>Nicht nur die Parallelit\u00e4t der beiden Handschriften aus dem Jahre 1918 sind eine sensationelle<\/p>\n<p>Tatsache \u00fcber die Gedanken zu den Perspektiven der internationalen Revolution.<\/p>\n<p>Die Handschriftlichen Fragmente zur Geschichte der Internationalen, der deutschen Sozialdemokratie, zu Krieg, Revolution und Nachkriegsperspektiven sind eine Rarit\u00e4t des Bandes 7\/2 und wurden in ihm erstmalig vollst\u00e4ndig in ihrer urspr\u00fcnglichen Form ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Die 32 Blatt Notizen waren wahrscheinlich sowohl f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis als auch als konzeptionelle Gesichtspunkte f\u00fcr eventuelle Auftritte und Arbeiten in Auseinandersetzung mit dem Erlebten der letzten vier Jahre gedacht. Nach einem Brief von Mathilde Jacob vom 25. Januar1919 dachte Rosa Luxemburg \u00fcber einen zweiten Teil ihrer Junius-Brosch\u00fcre nach.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Sie kn\u00fcpfen an fr\u00fcheren \u00c4u\u00dferungen an, sie besitzen jedoch einen v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen Wert \u00fcber ihre Vorstellungen in einer Zeit, \u00fcber die sie im September 1918 schrieb: \u201eDie Verworrenheit der Dinge scheint noch erst die unwahrscheinlichsten Gipfel erklimmen zu wollen, ehe die menschliche Vernunft zu walten beginnt.\u201c<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr die russische Revolution sah sie keine Chance auf Erfolg, solange sich deren F\u00fchrer zu undemokratischen, zum Teil terroristischen Mitteln und Methoden hinrei\u00dfen lie\u00dfen, sich von deutschen Imperialisten erpressen lassen mussten und nicht gen\u00fcgend internationale Unterst\u00fctzung erhielten. Sie meinte, die typischen Merkmale einer \u00dcbergangsrevolution zu bemerken. Die Situation sei zu reif f\u00fcr eine b\u00fcrgerliche Revolution und zu unreif f\u00fcr eine proletarische Revolution. Demzufolge k\u00f6nnten die Bolschewiki nur leisten, was in den Grenzen der historischen M\u00f6glichkeiten machbar sei. \u201eDenn eine musterg\u00fcltige und fehlerfreie proletarische Revolution in einem isolierten, vom Weltkrieg ersch\u00f6pften, vom Imperialismus erdrosselten, vom internationalen Proletariat verratenen Lande w\u00e4re ein Wunder.\u201c Wieder half ihr im revolutionshistorischen Vergleich ihr intensives Studium der Englischen Revolution von Guizot, zu dessen Buch sie 1917 erneut gegriffen hatte. Die wirkliche Situation der russischen Revolution habe sich nach wenigen Monaten allerdings in der Alternative ersch\u00f6pft: \u201eSieg der Konterrevolution oder Diktatur des Proletariats, Kaledin oder Lenin. [\u2026] Die russische Revolution hat hier nur best\u00e4tigt die Grundlehre jeder gro\u00dfen Revolution, deren Lebensgesetz lautet: Entweder mu\u00df sie sehr rasch und entschlossen vorw\u00e4rtsst\u00fcrmen, mit eiserner Hand alle Hindernisse niederwerfen und ihre Ziele immer weiter stecken, oder sie wird sehr bald hinter ihren schw\u00e4chlichen Ausgangspunkt zur\u00fcckgeworfen und von der Konterrevolution erdr\u00fcckt.\u201c<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a>\u00a0 In \u201eZur russischen Revolution\u201c folgt nun eine phantastische Zusammenfassung dessen, worauf in den Exzerpten und Kommentaren zu Guizots \u201eGeschichte der Englischen Revolution\u201c von ihr aufmerksam gemacht worden ist. <a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> Hinzu kam, worauf sie schon im Mai 1917 aufmerksam gemacht hatte, dass nach der Proklamation des K\u00f6nigreichs Polen am 5. November 1916 \u201edie Okkupation des ungl\u00fcckseligen \u201aunabh\u00e4ngigen Polens\u2019 durch die Deutschen einen schweren Schlag gegen die russische Revolution bedeutete. War doch gerade Polen \u201estets eine der flammenden Herde der revolution\u00e4ren Bewegung\u201c und \u201epolitisch 1905 mit an der Spitze der russischen Revolution\u201c, nunmehr \u201eg\u00e4nzlich ausgeschaltet, sozial in einen Kirchhof, politisch in eine deutsche Kaserne verwandelt\u201c.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Die russischen Revolution\u00e4re, besonders Lenin, Trotzky und ihre tollk\u00fchnen Mitstreiter kritisierte sie besonders heftig wegen des Ausverkaufs der Revolution durch den Brest-Litowsker Frieden.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> \u201eDie russische Revol[ution] u. ihre milit\u00e4rische Kapitulation vor Deutschland erscheint in diesem Lichte, also unter der Voraussetzung des tats\u00e4chlichen politischen Versagens des intern[ionalen] Prol[etariats] als ein Faktor, der die Aussichten des Soz[ialismus] in Europa vor\u00fcbergehend in die h\u00f6chste Gefahr gebracht hatte.\u201c <a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> Die Kapitulation von Brest-Litowsk h\u00e4tte den Siegeslauf des deutschen Imperialismus begonnen, \u201esicherte ihm die absolute Herrschaft \u00fcber Mittel- und Osteuropa\u201c<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a>. Erst als diese Gefahr sich abzeichnete, habe der Ententeimperialismus eingegriffen, dessen Sieg die letzte Krise der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft im Scho\u00dfe trage.<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a><\/p>\n<p>Auch die deutsche Arbeiterbewegung h\u00e4tte im Krieg ihre Reife f\u00fcr einen erfolgreichen Kampf gegen Militarismus und Imperialismus verloren. Sie bes\u00e4\u00dfe weder die Bewusstheit noch die Organisiertheit, um endlich mit klaren Zielen schleunigst den Krieg revolution\u00e4r beenden zu k\u00f6nnen. Mehrheitlich bef\u00e4nde sich das deutsche Volk im Schlepptau der Kriegf\u00fchrenden und der Kriegskreditbewilligungs- und Regierungssozialisten. Au\u00dferdem w\u00e4ren die Massen irritiert bzw. verblendet durch die mit L\u00fcge und Ha\u00df gegen die russische Revolution und ihre Revolution\u00e4re gesch\u00fcrte Angst vor grundlegenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg bezeichnete den ersten Weltkrieg als die Kritik und den Abschlu\u00df der 2. Periode der Geschichte des Sozialismus, in der der Parlamentarismus und die st\u00e4ndige Organisation zum Tageskampf dominierten.<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a><\/p>\n<p>Die \u201eZeit der Rechnungen und Abrechnungen\u201c, die sich nach dem Kriege unbedingt genommen werden m\u00fcsse, sollte die Gedanken besonders in drei Richtungen bewegen, notierte sie: \u201e1. In die Vergangenheit, um die Frage nach dem Warum [des Versagens] zu beantworten. 2. Nach der Russischen Revolution, um ihre Lehren zu sichten. 3. In die Zukunft, um die durch den Krieg geschaffene neue Situation u. die aus ihr sich ergebenden Aussichten u. Aufgaben des Soz[ialismus] zu schauen.\u201c<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a> Rosa Luxemburgs Entsetzen \u00fcber das Verhalten der Kriegskreditbewilliger hatte sich mit jedem Schritt der Mehrheitssozialisten verst\u00e4rkt. Hatte sie zun\u00e4chst noch auf eine baldige Umkehr, eine Abkehr der meisten Sozialdemokraten von der Kriegsbef\u00fcrwortung und vom \u201eBurgfrieden\u201c gehofft, war sie w\u00e4hrend der langen Kriegsdauer immer entt\u00e4uschter geworden. Das Schreiben eines zweiten Teiles der Junius-Brosch\u00fcre wurde f\u00fcr sie unumg\u00e4nglich. Entsprechend negativ fiel ihr Urteil \u00fcber die deutsche Sozialdemokratie 1918 in Breslau aus. Produkte und Grundlagen der Periode der II. Internationale seien Passivit\u00e4t der Massen, Kritiklosigkeit der Massen. \u201eDie Organisation zu ihrem Zweck in diametralen Widerspruch geraten. Massenorg[anisation], als Mittel, die Masse zum ohnm\u00e4chtigen Werkzeug einer Handvoll Funktion\u00e4re zu machen. Der Zwiespalt im Wesen der Arbeiterbeweg[ung] Theorie revolution\u00e4r, Praxis rein b\u00fcrgerlich. Daher in der Partei M\u00f6glichkeit sowohl f\u00fcr extreme Revol[ution\u00e4re] wie f\u00fcr rein b\u00fcrg[erliche] Elemente (Revisionisten). Beide waren im Recht. Dazwischen Sumpf als nat\u00fcrliches Produkt des Widerspruchs. Herrschende Taktik verk\u00f6rpert in Bebel. Die auseinanderstrebenden Extreme unter einen Hut bringen, den inneren Widerspruch konservieren, die Gegens\u00e4tze verkleistern. Darin ersch\u00f6pfte sich und gipfelte die innere Parteitaktik seit 15 \u2013 20 Jahren.\u201c<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a><\/p>\n<p>Die Gewerkschaften charakterisierte sie als \u201eB\u00fcrokratie \u00fcber der Masse\u201c in reiner Defensive. Das hie\u00dfe R\u00fcckkehr zur Taktik der englischen Tradeunions in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, und das \u201ein der Periode der Kartelle, Banken, Imperialismus, Militarismus, Teuerung, indir. Steuern, Schutzzoll!\u201c <a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr ihre scharfe Kritik notierte sie mehrere Versionen, z. B. auch: Die deutsche Sozialdemokratie und die II. Internationale seien ein \u201eZwitterding\u201c gewesen; ihre beiden Elemente seien die radikale Phrase und die opportunistische Praxis gewesen. Die Geschichte aber kenne in gro\u00dfen Entscheidungen keine Mittelwege, wie man sie sich im stillen Gew\u00e4sser des Parlaments ausspinnt. \u201eDas Prol. stand in Dlnd. wie \u00fcberall vor einem Entweder-Oder. Es galt revolution\u00e4ren Klassenk. Oder \u2013 beim Verzicht \u2013 alle Stufen der Schmach u. des Verrats auszukosten.<a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a> Letzteres sei eingetreten \u2013 siehe u. a. Finnland. Diese \u201eHeldentaten\u201c seien der Strich unter der Rechnung der alten deutschen Sozialdemokratie und der II. Internationale, sie h\u00e4tten die alte Autorit\u00e4t und die parlamentarische Taktik von Engels und Karl Kautsky vernichtet. Die deutsche Sozialdemokratie sei zu einer konservativen Partei geworden.<\/p>\n<p>Von Anfang an hatte es Rosa Luxemburg im Zusammenhang mit der II. Internationale der 1. Mai als internationaler Massenkampftag angetan. Ihre erste Brosch\u00fcre schrieb sie 1892 \u00fcber den 1. Mai. Das Problem der II. Internationale habe urspr\u00fcnglich der Maifeierbeschluss ausgesprochen: Die \u201eInternationale wird zur Massenbewegung, zur eigenen Aktion der Arbeitermassen in allen L\u00e4ndern oder sie wird nicht sein. Die Maifeier war die einzige Form der unmittelbaren Bet\u00e4tigung der proletarischen Massen im Geiste der internationalen Solidarit\u00e4t\u2026\u201c Doch, \u201ewas sonst von der zweiten Internationale \u00fcbrigblieb\u201c, meinte Rosa Luxemburg, \u201ewaren Kongresse u. Manifeste, d. h. Demonstrationen kleiner H\u00e4uflein von Vertretern im Namen der Massen, waren Worte, Instanzen u. Zeremoniell.\u201c <a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a> In dem Schicksal der Maifeier sei das Schicksal der zweiten Internationale besiegelt worden. In Deutschland sei die Maifeier erst durch die politischen F\u00fchrer zu einer leeren Demonstration degradiert und \u201ezuletzt durch die gewerkschaftlichen F\u00fchrer in der Schlinge der Unterst\u00fctzungsklausel erdrosselt\u201c worden \u201eAls die einzige Massenaktion von internationalem Charakter aus offen ausgesprochener Angst vor Opfern abgew\u00fcrgt wurde, war die Internationale eine Leiche, der prunkvolle Basler Kongre\u00df war bereits ein unbewu\u00dfter Leichenschmaus.\u201c<a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a> Als Maxime stand schon auf dem 1. der 32 Blatt: \u201eEntscheidungen k\u00f6nnen nicht Instanzen oder Parteitage treffen, sondern nur die Volksmasse u. Volksbewegung, u. zwar auf internationaler Basis.\u201c <a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr das Herankommen an eine wahrhaft sozialistische Revolution zur epochalen \u00dcberwindung des kapitalistischen Systems war nach dem Weltkrieg die Erf\u00fcllung gewaltiger Aufgaben erforderlich, von denen sie in ihren fragmentarischen Notizen 1918 in Breslau, bis heute zutreffend, als die wichtigsten voraussah:<\/p>\n<ol>\n<li>die Nationalit\u00e4tenfrage,<\/li>\n<li>das Schicksal der Kolonien<\/li>\n<li>die Perspektiven der Demokratie und<\/li>\n<li>die Schuldenlasten durch Militarismus und Kriegskosten. <a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>Alle diese Aufgaben m\u00fcssen durch hartn\u00e4ckige K\u00e4mpfe in der inzwischen globalisierten kapitalistischen Welt bew\u00e4ltigt werden. Die gewaltigste Revolution der Weltgeschichte f\u00fcr den Sozialismus bedarf keines Terrors, kein Blutvergie\u00dfen durch politische Morde und Krieg.. Die vollst\u00e4ndige Umw\u00e4lzung in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Gesellschaft kann nicht durch eine Beh\u00f6rde, Kommission oder ein Parlament dekretiert werden, sie kann nur von der Volksmasse selbst in Angriff genommen werden. \u201eDie sozialistische Revolution\u201c, schrieb Rosa Luxemburg am 14. Dezember 1918 in dem Programm Was will der Spartakusbund?, \u201eist die erste, die im Interesse der gro\u00dfen Mehrheit und nur durch die gro\u00dfe Mehrheit der Arbeitenden allein zum Siege gelangen. [\u2026] Sie ist kein verzweifelter Versuch einer Minderheit, die Welt mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln, sondern die Aktion der gro\u00dfen Millionenmasse des Volkes, die berufen ist, die geschichtliche Mission zu erf\u00fcllen und die geschichtliche Notwendigkeit in Wirklichkeit umzusetzen. {..] Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, da\u00df die gro\u00dfe arbeitende Masse aufh\u00f6rt, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewu\u00dfter freier Selbstbestimmung lenkt.\u201c<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a><\/p>\n<p>Das vor allem geh\u00f6rt zu Rosa Luxemburgs Verm\u00e4chtnis \u00fcber die welthistorische Bedeutung von Revolutionen im 20.\/21. Jahrhundert, das \u00e4u\u00dferst schwierig zu verwirklichen ist.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.die-linke.de\/partei\/parteistruktur\/kommissionen\/historische-kommission\/konferenz-epochenbruch-1914-1923\/news-default-detailseite\/news\/rosa-luxemburg-ueber-die-internationale-perspektive-der-revolution-von-191718\/\">die-linke.de&#8230;<\/a> vom 25. M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke (GW),\u00a0Bd. 6, S. 233.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebenda, S. 238.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> GW, Bd. 6, S. 305.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebenda, S. 306.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> GW, Bd. 7\/1, S. 158.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebenda, S.199.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Franz Mehring: Gesammelte Schriften, Bd. 3, S. 548, GW, Bd. 7\/1, S. 116.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> GW, Bd. 2, S. 347.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Siehe GW, Bd. \u00bd, S. 554, 556; 537 ff. u. S. 547.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> GW 7\/2, S. 807 f..<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> GW, Bd. 6, S. 641.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Siehe Rosa Luxemburg: Arbeiterrevolution 1905\/06. Polnische Texte, hrsg. und \u00fcbersetzt von Holger Politee, Berlin 2915; dies.: Nationalit\u00e4tenfrage und Autonomie, hfsg. Und \u00fcberstzt von Holger Politt, Berlin 2012.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> GW, Bd. 6, S. 616.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ebenda, S. 920 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> GW, Bd. 7\/2, S. 892 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Ebenda, S. 898 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Siehe GW, Bd. 4, S. 365.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ebenda, S. 264.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Siehe ebenda und GB, Bd. 6, S. 205 ff<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Siehe Michael Brie: Symphonie zur Russischen Revolution. IN: Rosa Luxemburg ante portas. Vom Leben Rosa Luxemburgs nach ihrem Tod. (Die Luxemburg-Rezeprion nach 1945). Hrsg. von Klaus Kinner, Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 9, Leipzig 2012, S. 9 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> SAPMO-BArch, NY 4005\/79, Bl. 22.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> GB, Bd. 5, S. 409.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Siehe GW, Bd. 4, S. 338.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Siehe GW, Bd. 4, S. 339 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> GW, Bd. 4, S. 262 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Siehe Bd. 4, S. 352 f, 345 f., 374 ff. u. 385 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> GWS, Bd. 7\/2, s. 1111 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Ebenda, S. 1099<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> GW, Bd. 7\/2, S. 1100.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> Ebenda, S. 1107.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> Ebenda, S. 1092.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> Ebenda, S. 1108.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> Ebenda, S. 1108.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> Ebenda, S. 1093.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> Ebenda, S. 1090.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> Ebenda, S. 1090 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> Ebenda, S. 1088.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> Siehe ebenda, S. 1101 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> GW, Bd. 4, S. 442 f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annelies Laschitza. 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