{"id":3341,"date":"2018-03-30T12:16:18","date_gmt":"2018-03-30T10:16:18","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3341"},"modified":"2018-03-30T12:16:18","modified_gmt":"2018-03-30T10:16:18","slug":"100-jahre-landesstreik-ein-lehrreicher-historischer-rueckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3341","title":{"rendered":"100 Jahre Landesstreik \u2013 Ein lehrreicher historischer R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"<p><em>Jojo Rouge.<\/em> <strong>In den revolution\u00e4ren Jahren 1917\/18 gab es auch in der Schweiz Unruhen. Sie gipfelten in einem landesweiten Generalstreik, der das Potential hatte, in einen B\u00fcrger*innenkrieg<!--more--> \u00fcberzugehen. Die sozialdemokratische F\u00fchrung kapitulierte schlie\u00dflich bedingungslos vor dem Kapital. Wir analysieren, wie es dazu kam und was wir aus diesem historischen Beispiel lernen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren 1917 und 1918 kam es in ganz Europa zu Erhebungen der Arbeiter*innenklasse. Der imperialistische Weltkrieg hatte schon Millionen von Arbeiter*innen das Leben gekostet. Nicht nur durch das Massensterben an den Fronten, an denen sie f\u00fcr die Interessen ihres jeweiligen nationalen Kapitals verheizt wurden, sondern auch durch Hunger und Elend, welches durch das Abw\u00e4lzen der Kriegskosten auf die Arbeiter*innen verursacht wurde, w\u00e4hrend das Kapital fette Kriegsgewinne einfuhr. In dem Versuch dieses unmenschliche Leid abzusch\u00fctteln, fingen \u00fcberall in Europa die Arbeiter*innen an sich zu wehren und f\u00fcr die \u00dcberwindung des ausbeuterischen Systems zu k\u00e4mpfen, das sie unterdr\u00fcckte. Auch in der Schweiz regte sich zu dieser Zeit das Bewusstsein der Arbeiter*innenklasse.<\/p>\n<p>Der Klassenkampf in der Schweiz gipfelte in dem bis heute einzigen landesweiten Generalstreik im November 1918, an dem bis zu einer viertel Millionen Arbeiter*innen teilnahmen. Die b\u00fcrgerlichen Eliten sahen darin den Beginn einer bolschewistischen Revolution und mobilisierten das Milit\u00e4r. Aus Angst vor einem B\u00fcrgerkrieg verk\u00fcndete die reformistische F\u00fchrung die bedingungslose Kapitulation, was den Landestreik nicht nur zum H\u00f6hepunkt des Klassenkampfes in der Schweiz macht, sondern auch zu seiner gr\u00f6\u00dften Niederlage. Von der Sozialdemokratie wird er nichtsdestotrotz bis heute als ein \u201eSieg auf Raten\u201c verkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>Die Schweiz im ersten Weltkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn die Schweiz sich nicht aktiv am Weltkrieg beteiligt hat, so hatte der Krieg doch einen enormen Einfluss auf die soziale und \u00f6konomische Struktur des Bundesstaats. Die Milizarmee wurde zur eventuellen Vaterlandsverteidigung mobil gehalten, wobei die dazu n\u00f6tigen Kriegskredite auch von der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP) mitgetragen wurden. W\u00e4hrend die Bauernschaft und die Kapitalist*innen mit hohen Kriegsgewinnen durch den Handel mit allen Kriegsparteien rechnen konnten, sanken f\u00fcr die Arbeiter*innen im Zuge der steigenden Inflation die L\u00f6hne, die Arbeitslosigkeit stieg und die Versorgungslage verschlechterte sich immer weiter.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung war in dieser Zeit tief gespalten, nicht nur zwischen den Kriegsgewinner*innen in der Bauernschaft und Bourgeoisie auf der einen Seite und den Arbeiter*innen als Kriegsverlierer*innen auf der anderen, sondern auch entlang der Sprachgrenzen. W\u00e4hrend die Deutschschweiz und vor allem ihre Eliten kulturell stark auf Preu\u00dfen orientiert waren und daher f\u00fcr den Sieg der Mittelm\u00e4chte fieberten, war es in der Romandie und dem Tessin, wo man den Sieg der Entente ersehnte, genau anders herum.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Arbeiter*innen sich in diesem Umfeld immer weiter radikalisierten und an Kampfbereitschaft gewannen, waren die klassischen Organisationen der Arbeiter*innenklasse, die SP und die Gewerkschaften, vereinigt im Schweizer Gewerkschaftsbund (SGB), fest in der Hand von Opportunist*innen und Reformist*innen. Leninistische Ideen von der Erk\u00e4mpfung einer Arbeiter*innenregierung waren in der Schweizer Arbeiter*innenbewegung kaum vertreten, was auch Lenin selbst feststellen musste, als es ihm w\u00e4hrend seines Exils in der Schweiz nicht gelang, dort eine leninistische Gruppierung aufzubauen. Stattdessen herrschte vor allem in der sozialdemokratischen F\u00fchrung der Gedanke vom graduellen und unausweichlichen \u00dcbergehen des Kapitalismus in den Sozialismus vor, \u00e4hnlich wie sich die Theorien von Bernstein zur selben Zeit tief in die deutsche Sozialdemokratie gefressen hatten. Weiterhin hatte die Nichtbeteiligung am Krieg es der sozialdemokratischen Partei der Schweiz erm\u00f6glicht, die internen Widerspr\u00fcche zwischen Revolution\u00e4ren und Opportunist*innen zu kaschieren und deren offene Austragung zu verz\u00f6gern.<\/p>\n<p>Doch die radikalisierte Arbeiter*innenschaft begann unter ihrem Leidensdruck und unter dem Eindruck der heroischen K\u00e4mpfe, beispielsweise der russischen Arbeiter*innen, die unt\u00e4tige Sozialdemokratie mit spontanen Streiks und Protesten vor sich her zu treiben. Ein markantes Beispiel sind die Z\u00fcricher Novemberunruhen im November 1917. Diese nahmen ihren Anfang bei einer Kundgebung zur Feier der Oktoberrevolution in Russland, die in Aktionen gegen Munitionsfabriken m\u00fcndete. In den folgenden zwei Tagen kam es zu Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei und dem Milit\u00e4r, denen vier Menschen zum Opfer fielen.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf diese Eigeninitiative der Arbeiter*innen, die sich in immer gr\u00f6\u00dferen Scharen von den etablierten Organisationen abwendeten, suchten Zentrist*innen, wie der einflussreiche Sozialdemokrat und Mitglied der Nationalversammlung Robert Grimm<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, nach einer M\u00f6glichkeit, den Einfluss auf die Massen wiederzuerlangen und die Kampfeslust in \u201evern\u00fcnftige\u201c und gem\u00e4\u00dfigte Bahnen zu lenken. So gr\u00fcndete sich im Februar 1918 das Oltener Aktionskommitee (OAK), welches als ein Einheitsfrontgremium, das sowohl Gewerkschaften als auch die SP beinhaltete, das Vertrauen der Arbeiter*innen zur\u00fcckzugewinnen versuchte und sich bald an die Spitze der Klassenk\u00e4mpfe setzte.<\/p>\n<p><strong>Der unfreiwillige Landesstreik<\/strong><\/p>\n<p>Das Ziel von Robert Grimm und dem Oltener Aktionskomitee war es, durch Verhandlungen mit dem Bundesrat Konzessionen zu erlangen, in dem damit gedroht wurde, nur mit diesen k\u00f6nnte ein drohender Generalstreik verhindert werden. So gelang es beispielsweise im April 1918 eine durch den Bundesrat veranlasste Teuerung der Milchpreise, durch die Androhung eines Generalstreiks, zu verhindern. Der Generalstreik war f\u00fcr das Oltener Aktionskomitee dabei in erster Linie eine effektive Drohkulisse, die jedoch nur als allerletztes Mittel tats\u00e4chlich zum Einsatz kommen sollte. So untermauerte es seine Drohungen nur mit einer \u00e4u\u00dferst sp\u00e4rlichen, tats\u00e4chlichen Vorbereitung eines solchen Generalstreiks.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Arbeiter*innen also schlecht auf eine Eskalation des Klassenkampfes vorbereitet waren und die Sozialdemokratie ihr M\u00f6glichstes tat diese Eskalation zu verhindern, bekam es die Schweizer Bourgeoisie durch die aufgebaute Drohkulisse mit der Angst zu tun. Unter dem Eindruck der revolution\u00e4ren Umtriebe in Europa und vor allem in Russland w\u00e4hnten sich teile der Elite kurz vor einem bolschewistischen Aufstand. Ein besonders gl\u00fchender Arbeiterfeind und Antikommunist, der sp\u00e4ter zu einem bekennenden Faschisten werden sollte, war der Schweizer Oberdivision\u00e4r Emil Sonderegger, der w\u00e4hrend des Landesstreiks die Ordnungstruppen in Z\u00fcrich f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Besetzung Z\u00fcrichs war denn auch der Funke, der das Pulverfass sprengte und den landesweiten Generalstreik gegen den urspr\u00fcnglichen Willen des OAK ausl\u00f6ste. Aus Angst vor einem bald bevorstehenden gewaltsamen Arbeiter*innenaufstand beschloss der Bundesrat zur Befriedung der allgemeinen Lage, besonders in Z\u00fcrich, der Stadt mit den militantesten Arbeiter*innen, das Milit\u00e4r zur Hilfe zu holen. Am 7. November 1918 marschierten Verb\u00e4nde der Schweizer Milizarmee, rekrutiert ausschlie\u00dflich aus l\u00e4ndlichen, \u201eloyalen\u201c Gebieten, in die Stadt Z\u00fcrich ein und besetzten \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen. Als Reaktion auf diese Provokation rief das OAK f\u00fcr den 9. November<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu 24-st\u00fcndigen Proteststreiks in insgesamt 19 St\u00e4dten auf.<\/p>\n<p>Doch die im Belagerungszustand befindlichen Z\u00fcricher Arbeiter*innenschaft dachte nicht daran, den Streik nach 24 Stunden abzubrechen und verk\u00fcndete, entgegen den Weisungen des Oltener Aktionskomitees, den unbefristeten Generalstreik bis zum Abzug der Truppen. Am 10. November kam es zu Zusammenst\u00f6\u00dfen mit dem Milit\u00e4r, wobei ein Soldat unter bis heute ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden erschossen wird. Die Lage begann sich immer weiter zuzuspitzen und ein offener B\u00fcrgerkrieg wirkte immer wahrscheinlicher. W\u00e4hrend sich der Z\u00fcricher Generalstreik auf immer mehr umliegende St\u00e4dte ausbreitete, sah die b\u00fcrgerliche Elite ihre Angst vor einem Aufstand best\u00e4tigt. Das Oltener Aktionskomitee, dass versuchte die Situation wieder unter ihre Kontrolle zu bringen und spontane militante Aktionen der kampfhungrigen Arbeiter*innen m\u00f6glichst einzud\u00e4mmen, f\u00fchlte sich schlie\u00dflich dazu gedr\u00e4ngt, den Z\u00fcricher Generalstreik offiziell auszuweiten und rief f\u00fcr den 12. November zum ersten landesweiten Generalstreik auf.<\/p>\n<p>Die Tage vom 12. bis 14. November wurden so zum gr\u00f6\u00dften Aufbegehren der Schweizer Arbeiter*innenschaft in der Geschichte. \u00dcber 250.000 Arbeiter*innen beteiligten sich an dem Streik. Und das nicht nur in der Deutschschweiz, welches bisher relativ isoliert gek\u00e4mpft hatte, sondern erstmals auch gemeinsam mit Arbeiter*innen aus dem Jura, Lausanne oder Genf, auch wenn die Beteiligung dort im Vergleich zur Ostschweiz gering blieb. An vorderster Front waren die Eisenbahner*innen, die es schafften den Verkehr in gro\u00dfen Teilen des Landes zum Stillstand zu bringen und den Streik von den st\u00e4dtischen Zentren in das ganze Land zu tragen. Forderungen wurden formuliert, die unter anderem die 48-Stundenwoche, das Frauenwahlrecht, eine Alters- und Invalidenversicherung sowie die Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden umfassten.<\/p>\n<p><strong>Bedingungslose Kapitulation mit Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Doch weder das Parlament noch der Bundesrat erkannten auch nur eine dieser Forderungen an. Besonders unter dem Eindruck der Novemberrevolution, die sich zeitgleich in Deutschland abspielte, war f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Elite klar, dass es keine Kompromisse geben kann. Entschlossen den \u201eAufstand\u201c sofort und wenn n\u00f6tig milit\u00e4risch zu beenden, stellte der Bundesrat dem Oltener Aktionskomitee ein Ultimatum, den Streik sofort zu beenden oder einen B\u00fcrger*innenkrieg zu riskieren. Das OAK, dass unfreiwillig in den Landesstreik geschlittert war, das nie die Absicht hatte einen derart militanten Klassenkampf geschweige denn einen revolution\u00e4ren B\u00fcrgerkrieg zu f\u00fchren, sah sich gegen\u00fcber dieser Drohung machtlos und perspektivlos und beugte sich schlie\u00dflich dem Ultimatum. So endete die gr\u00f6\u00dfte Machtdemonstration der Schweizer Arbeiter*innenklasse am 14. November mit der bedingungslosen Kapitulation.<\/p>\n<p>Die verratenen und entt\u00e4uschten Arbeiter*innen versuchten noch in einigen St\u00e4dten, den Streik auf eigene Faust weiterzuf\u00fchren, doch was an Kampfgeist noch \u00fcbrig war, wurde bald von Resignation aufgefressen oder vom Milit\u00e4r erstickt.<\/p>\n<p>In der Zeit nach dem Streikabbruch w\u00fctete die staatliche Repression. Noch am 14. November wurden drei streikende Uhrmacher von in die Menge feuernden Soldaten erschossen. Es kam zu 3.504 Strafverfahren gegen Streikende sowie zahlreichen Entlassungen. Auch Robert Grimm musste f\u00fcr sechs Monate ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Die tiefe Niederlage brachte nicht nur der konservativen und radikalen Rechten ein neues Selbstbewusstsein, sondern f\u00fchrte auch in einem Teil der Sozialdemokratie zum Umdenken. Die lange tolerierten Bruchlinien zwischen Opportunist*innen und Revolution\u00e4r*innen waren nun un\u00fcberwindbar geworden und 1921 spaltete sich schlie\u00dflich der linke Fl\u00fcgel der SP ab, darunter ein Gro\u00dfteil der Jungsozialist*innen, und gr\u00fcndete die Kommunistische Partei der Schweiz und trat der III. Internationale bei, was die SP bisher abgelehnt hatte.<\/p>\n<p><strong>Der Landesstreik ein Sieg auf Raten?<\/strong><\/p>\n<p>Doch der notwendige organisatorische Bruch mit der opportunistischen Sozialdemokratie kam zu sp\u00e4t. Die historische Niederlage sollte die Arbeiter*innen auf Jahrzehnte l\u00e4hmen, den Weg f\u00fcr eine beispiellose Sozialpartnerschaft ebnen und wichtige Errungenschaften in weite Ferne r\u00fccken. Die SP verkl\u00e4rt bis heute den Landesstreik und spricht statt von einer Niederlage lieber von einem Sieg auf Raten, wobei sie diesen Sieg f\u00fcr sich selbst reklamiert. So sei die Arbeiter*innenbewegung nicht etwa geschw\u00e4cht, sondern gest\u00e4rkt aus dem Streik gegangen und viele der historischen Forderungen des Streiks seien dann Schritt f\u00fcr Schritt eingef\u00fchrt worden. Als st\u00e4rkstes Indiz f\u00fcr den nachhaltigen Fortschritt, den der Streik gebracht haben soll, wird die sich nach dem Streik etablierende Sozialpartnerschaft genannt. \u00c4hnlich wie in Deutschland nach 1945 kam es in der Schweiz zu zunehmender Kooperation zwischen Gewerkschaften, Unternehmen und dem Staat. So wurde beispielsweise in diesem Geiste 1920 die 48-Stundenwoche eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Doch langfristig ist die Sozialpartnerschaft kein Weg, die Herrschaft des Kapitals abzusch\u00fctteln oder gar der effektivste Weg Reformen zu erreichen. Es ist eine spezifische Form der Herrschaft des imperialistischen Kapitals, das gelernt hat, die Rachsucht der Arbeiter*innen zu f\u00fcrchten und es sich leisten kann durch Gew\u00e4hrung einzelner Forderungen die Arbeiter*innenbewegung zu demobilisieren und zu z\u00e4hmen. So war es m\u00f6glich andere Reformen, die sich die Arbeiter*innen in anderen L\u00e4ndern erk\u00e4mpfen konnten, in der Schweiz auf Jahrzehnte zu verz\u00f6gern. Die 1918 geforderte Altersversicherung (AHV) wurde beispielsweise erst 1948 eingef\u00fchrt, das Frauenwahlrecht aufgrund starker Proteste sogar erst 1971. Andere Forderungen wie das Tilgen der Staatsschulden durch die Besitzenden sind auch heute noch undenkbar. Der Umgang der heutigen SP mit dieser historischen Realit\u00e4t zeigt ihre Rolle als St\u00fctze des b\u00fcrgerlichen Staates, die sich seit dem Landesstreik nur noch verst\u00e4rkt hat.<\/p>\n<p><strong>Welche Lehren k\u00f6nnen wir aus dem Landesstreik ziehen?<\/strong><\/p>\n<p>Einen tats\u00e4chlichen revolution\u00e4ren Aufstand und B\u00fcrger*innenkrieg h\u00e4tten die Arbeiter*innen 1918 in der Schweiz nicht gewinnen k\u00f6nnen. Dazu waren sie zu schlecht vorbereitet, kaum zentral organisiert und nicht bewaffnet. Der Charakter der opportunistischen F\u00fchrung verhinderte die Entwicklung einer revolution\u00e4ren, kampferprobten Arbeiter*innenschaft, die es sich zum Ziel setzt, die Macht zu \u00fcbernehmen, anstatt im Namen des sozialen Friedens die Kooperation mit den Kapitalist*innen und ihrem Staat zu suchen. Eine solche w\u00e4re im November 1918 in der Lage gewesen den Drohungen des Staates, mit Vertrauen in die eigene St\u00e4rke und mit einer klaren Perspektive einer Arbeiter*innenregierung entgegenstehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch der Novemberrevolution in Deutschland wurde ein zu zaghafter, ideologischer Kampf gegen den Opportunismus und ein zu sp\u00e4ter organisatorischer Bruch mit der von ihm bald dominierten Sozialdemokratischen Partei schlie\u00dflich zum Verh\u00e4ngnis. Diese wurde so in die Lage versetzt den Aufstand der am besten organisierten Arbeiter*innenklasse Europas zu ersticken und in Blut zu ertr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Lenin betonte schon fr\u00fch die Zentralit\u00e4t eines klaren Bruchs mit dem Opportunismus, den er als das Streben nach \u201eZusammenarbeit der Klassen, Lossagung von der Diktatur des Proletariats, Verzicht auf revolution\u00e4re Aktionen, Anbetung der b\u00fcrgerlichen Legalit\u00e4t, Misstrauen gegen das Proletariat, Vertrauen zur Bourgeoisie\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> charakterisierte. Gerade der organisatorische Bruch der Bolschewisten mit den opportunistischen und zentristischen Menschewiken erm\u00f6glichte es ihnen, zu der Partei zu werden, die in der revolution\u00e4ren Zeit von 1917 die Arbeiter*innen hinter sich scharen konnte und schlie\u00dflich im Oktober eine Arbeiter*innen- und Bauernregierung etablieren konnte.<\/p>\n<p>Doch Lenins Ideen fanden in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz kaum Anklang, auch wenn sich Menschen wie Robert Grimm sich w\u00e4hrend seines Exils f\u00fcr ihn einsetzten. Die Partei glaubte fest an einen unausweichlichen graduellen \u00dcbergang zum Sozialismus und lehnte die revolution\u00e4ren Theorien der Notwendigkeit einer Diktatur des Proletariats ab. Und auch radikalere Fl\u00fcgel innerhalb der Partei, die sich die Bolschewiki als Vorbild nehmen wollten, allen voran die Jungsozialisten, sahen die Widerspr\u00fcche der Partei zu einem revolution\u00e4ren Programm als \u00fcberwindbar an. Erst nach der historischen Niederlage 1918 wurde dieser strategische Fehler offensichtlich.<\/p>\n<p>Der heroische Kampf der Schweizer Arbeiter*innen und der historische Verrat an ihnen hinterlie\u00df uns damit wertvolle Lehren, die sich Revolution\u00e4r*innen zu Herzen nehmen sollten, wenn sie nach einer Perspektive der \u00dcberwindung des Kapitalismus in einer der gesichertsten Festungen des Kapitals streben:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Arbeiter*innenklasse braucht eine eigene revolution\u00e4re Partei. Der revolution\u00e4re Kampf kann nicht innerhalb einer opportunistischen Partei erfolgen. Um einen kompromisslosen Klassenstandpunkt einnehmen zu k\u00f6nnen, braucht es einen klaren organisatorischen Bruch mit dem Opportunismus und einen Kampf gegen den Zentrismus in den eigenen Reihen. Eine so geformte Partei ist schlie\u00dflich in der Lage den Reformismus in den Klassenk\u00e4mpfen herauszufordern, seine Unf\u00e4higkeit zu entlarven und ihm die F\u00fchrung streitig zu machen.<\/li>\n<li>Die Arbeiter*innenbewegung braucht einen klaren proletarischen Internationalismus. Auch wenn die Schweiz nicht direkt Akteur im imperialistischen Weltkrieg war, so bezog ihre Arbeiter*innenbewegung auch keinen konsequenten antiimperialistischen, internationalistischen Standpunkt. Dies erschwerte den Erfahrungsaustausch zwischen den zahlreichen K\u00e4mpfen in Europa und der Bewegung in der Schweiz und erm\u00f6glichte eine Spaltung der Arbeiter*innen entlang der Sprachgrenzen.<\/li>\n<li>Auch die Arbeiter*innen in der Schweiz lassen sich nicht alles gefallen. Selbst in einem Land wie der Schweiz, in dem der politische Kompromiss und der gesellschaftliche Zusammenhalt historisch tiefer verankert sind wie in keinem anderen Land, kam es zu sozialen Unruhen und harten Klassenk\u00e4mpfen. Auch die Schweiz wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder auf eine tiefe Krise treffen und die Arbeiter*innenklasse wird sich erheben. Eine eindr\u00fcckliche Erinnerung an diese Tatsache war der Frauenstreik 1991, an dem sich \u00fcber eine halbe Million Frauen beteiligten. Die Arbeiter*innenbewegung muss sich auf die zuk\u00fcnftigen K\u00e4mpfe vorbereiten, um die Klasse n\u00e4chstes Mal erfolgreich zum Sieg zu f\u00fchren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/100-jahre-landesstreik-in-der-schweiz-ein-lehrreicher-historischer-rueckblick\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 30. M\u00e4rz 2018<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Robert Grimm hatte im September 1915 die Zimmerwalder Konferenz erm\u00f6glicht, welche nach dem Zusammenbruch der II. Internationale eine Vernetzung von internationalen, sozialistischen Kriegsgegner*innen, unter ihnen Lenin und Trotzki erm\u00f6glichte. In dieser Rolle spielte er durchaus eine progressive Rolle, auch wenn er auf der Konferenz die opportunistische Politik seiner Partei repr\u00e4sentierte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Am gleichen Tag wurde im Zuge der Novemberrevolution in Deutschland der Kaiser abgesetzt. Philipp Scheidemann (SPD) rief daraufhin eine b\u00fcrgerliche Republik Deutschland aus, w\u00e4hrend Karl Liebknecht (Spartakusbund) eine sozialistische R\u00e4terepublik proklamierte. Die SPD sollte sich schlie\u00dflich durch Verrat an der Arbeiter*innenklasse durchsetzen und die R\u00e4tebewegung blutig niederschlagen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> W.I. Lenin: Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale. In: Werke, Bd.21, S.45<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jojo Rouge. In den revolution\u00e4ren Jahren 1917\/18 gab es auch in der Schweiz Unruhen. 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