{"id":3369,"date":"2018-04-03T16:21:27","date_gmt":"2018-04-03T14:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3369"},"modified":"2018-04-03T16:21:27","modified_gmt":"2018-04-03T14:21:27","slug":"rechte-betriebsraete-simulieren-die-rebellion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3369","title":{"rendered":"Rechte Betriebsr\u00e4te simulieren die Rebellion"},"content":{"rendered":"<p><em>Michael Sankari. <\/em>Das Potenzial f\u00fcr eine Betriebsarbeit jenseits der IG Metall wurde wohl geh\u00f6rig untersch\u00e4tzt \u2013 mitsamt der F\u00e4higkeit rechter Kader, dieses f\u00fcr sich nutzbar zu machen.<!--more--><\/p>\n<p>Im Stuttgarter Hauptwerk von Daimler-Benz konnte bei den diesj\u00e4hrigen Betriebsratswahlen die Liste \u00abZentrum Automobil\u00bb ihre Stellung im Betriebsrat um die H\u00e4lfte auf sechs Sitze ausbauen, 187 Kollegen haben sich auf dieser Liste aufstellen lassen. Das ist ein klares Signal daf\u00fcr, dass diese Formierung nicht einfach als Randerscheinung im Betrieb bewerten werden kann. \u00c4hnliche Listen wurden auch in anderen Daimler-Werken aufgestellt, aber auch in anderen Unternehmen der Metallindustrie wie etwa Stihl, dem weltmarktf\u00fchrenden Hersteller von Motors\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die Propaganda der Rechten in den Betrieben zielt genau auf das ab, was linke Betriebsaktive eher selten umgesetzt haben: bewusst polarisieren, provozieren, anecken, Tabus brechen, alternative Gewerkschaftsstrukturen aufbauen \u2013 das, was Rechtspopulisten so gerne machen und wovon zu viele Linke noch immer gerne abraten, gerade im Betrieb.<\/p>\n<p>Warum der DGB sich zur\u00fcckh\u00e4lt, rechtliche Schritte gegen die Ansage einzuleiten, eine \u00abrechte Gewerkschaft\u00bb aufbauen zu wollen, ist noch zu ergr\u00fcnden. Wohlwollend kann hier ein taktischer Zug angenommen werden, der gegen\u00fcber vielen anderen, nicht rechten Alternativen unn\u00f6tig schien.<\/p>\n<p>Unertr\u00e4glich wird es, wenn Reiner Hoffmann vom DGB-Bundesvorstand mal so eben linke wie rechte Initiativen zu Betriebsratswahlen als \u00abRandph\u00e4nomene\u00bb gleichwertig aneinanderreiht. In den\u00a0<em>Stuttgarter Nachrichten<\/em>\u00a0wird er w\u00f6rtlich zitiert: \u00abBei Betriebsratswahlen gab und gibt es immer mal wieder Listen, die gewerkschaftsfeindliche Werte vertreten \u2013 das sind aber, von rechts wie links, immer Randph\u00e4nomene gewesen und geblieben\u00bb (26.Februar 2018).<\/p>\n<p>Der Ansatz von J\u00fcrgen Urban, linkes Feigenblatt der IG Metall, eine Mischung von \u00abklarer Kante\u00bb und \u00aboffener T\u00fcr\u00bb zu zeigen, scheint da schon verhei\u00dfungsvoller: \u00abKlare Kante steht f\u00fcr eine durchaus aggressive Konfrontationsstrategie gegen\u00fcber denjenigen, die rechtspopulistische Erz\u00e4hlungen in den Betrieb tragen; offene T\u00fcr f\u00fcr ein ebenso offensives Angebot zur Teilnahme an betrieblichen Gegenbewegungen an diejenigen, deren Verunsicherung und Wut in solidarische Interessenpolitiken eingebunden und damit progressiv kanalisiert werden muss\u00bb (<em>Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>, Nr.3\/2018 und hier: <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3246\">Kampf um die Hegemonie: Gewerkschaften und die Neue Rechte<\/a>). Allerdings kann dies nur gelingen, wenn betriebliche Einbindung eben k\u00e4mpferisch, polarisierend und (links)populistisch funktioniert und damit auch Zielsetzungen bisheriger Taktiken zur \u00abklaren Kante\u00bb im Betrieb transformiert. Es nervt, das zu wiederholen, aber ohne einen Bruch mit den Strategien des Co-Management und der Sozialpartnerschaft wird das nichts.<\/p>\n<p>Denn, das hat Klaus D\u00f6rre, Professor f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t Jena, richtig erkannt: \u00abSie [die Rechten] treten im Betrieb so auf, als seien sie die Klassenk\u00e4mpfer. Aber sie wollen gar keinen Klassenkampf, sie wollen Volksgemeinschaft. Das vertreten sie mit einem globalisierungskritischen Gestus und versuchen so, jene Mitarbeiter zu erreichen, die die Gewerkschaften und ihre Betriebsr\u00e4te als zu nah am Establishment empfinden.\u00a0Viele Teile der Kritik von solchen Mitarbeitern sind dabei gar nicht rechts. Wenn man kritisiert, was f\u00fchrende Betriebsr\u00e4te in Konzernen verdienen, ist das durchaus berechtigt. Auch Skepsis gegen\u00fcber intransparenten Deals zwischen Arbeitgebern und Betriebsr\u00e4ten ist nicht falsch. Tats\u00e4chlich waren die Gewerkschaften lange Zeit erpressbar und haben insbesondere bei Standortfragen viele Errungenschaften St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aufgegeben.\u00bb (<em>Die Zeit<\/em>, 14.Februar 2018.)<\/p>\n<p>Stellen wir dies in einen Zusammenhang mit der linken Debatte um eine \u00abneue Klassenpolitik\u00bb, wird deutlich, dass unsere Strategien nicht darin m\u00fcnden d\u00fcrfen, P\u00f6stchen als linke Gewerkschaftssekret\u00e4re anzustreben, sondern eine neue Generation von Linken dahin zu bringen, wo sie gebraucht werden, wo sie hingeh\u00f6ren: in die Betriebe \u2013 um den praktischen Beweis zu f\u00fchren, dass betriebliche Gewerkschaftsarbeit das verwirklichen kann, was linke Utopien versprechen: Klassenkampf statt Co-Management, Solidarit\u00e4t statt Standortdenken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2018\/04\/betriebsratswahlen-2018\/\"><em>Soz Nr. 04\/2018&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Sankari. 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