{"id":3371,"date":"2018-04-03T16:52:31","date_gmt":"2018-04-03T14:52:31","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3371"},"modified":"2018-04-03T16:52:31","modified_gmt":"2018-04-03T14:52:31","slug":"der-verfuehrte-feminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3371","title":{"rendered":"Der verf\u00fchrte Feminismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Nina Power. <\/em>In Theorie und Praxis marxistischen und postmarxistischen Denkens ist etwas in Bewegung geraten: \u00c4ltere Auffassungen von Arbeit und Arbeitsorganisation werden zunehmend infrage gestellt,<!--more--> denn ein Gro\u00dfteil der verrichteten Arbeit besteht heute in Dienstleistungen, nicht zuletzt in Gestalt affektiver und emotionaler Arbeit, und auf dem Arbeitsmarkt \u00fcberwiegen Frauen. Angesichts dessen stellt sich die Frage, wie der Arbeitsbegriff so erweitert werden kann, dass er diese Aspekte mit einbezieht. Um zu einer angemesseneren und fundamental feministischen Analyse der Arbeit zu gelangen, lohnt ein Blick auf die feministischen Debatten aus der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, die diese Themen lange und intensiv behandelt haben. Ein erweiterter Arbeitsbegriff, der Care \u2013 Sorgearbeit \u2013 angemessen ber\u00fccksichtigt, ist \u00fcberf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Worum es hier geht, ist die Frage der Hege und Pflege im umfassenden Sinn: die Gesamtheit der Arbeit, die \u2013 bezahlt und unbezahlt \u2013 geleistet wird, um das Leben \u00fcberhaupt zu erm\u00f6glichen. Die Unterminierung, ja Leugnung der Rolle, die Frauen dabei \u00fcbernehmen, geh\u00f6rt zu den bestimmenden Eigenschaften des Kapitalismus. Der Philosophin Silvia Federici zufolge sollte Reproduktion als die \u201eGesamtheit der T\u00e4tigkeiten und Beziehungen verstanden werden, durch die unser Leben und unsere Arbeitskraft tagt\u00e4glich rekonstituiert werden\u201c,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> will sagen: alles, was das Leben \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht und alles, was seiner fortw\u00e4hrenden Erhaltung dient. Reproduktion ist in diesem weit gefassten Verst\u00e4ndnis die Sph\u00e4re, in der die inh\u00e4renten Widerspr\u00fcche der entfremdeten Arbeit am \u201eexplosivsten\u201c sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr die feministische Analyse der sozialen Reproduktion ist \u201eSorge\u201c eine Zentralkategorie. Der Doppelcharakter der Reproduktionsarbeit, von dem Federici spricht, bedeutet, dass soziale Reproduktion nicht schlicht und einfach Arbeit im Dienste des Kapitals leistet, sondern manchmal auch im Widerspruch zu diesem steht. Erzwungene oder als Pflicht eingeforderte Sorge ist problematisch \u2013 also emotionale Arbeit unter Zwang: Tu dies, weil Du eine Frau bist und man erwartet, dass Du dich k\u00fcmmerst. Aber Sorgegemeinschaften, die selbstst\u00e4ndig arbeiten und sich des Drucks impliziter wie expliziter Reproduktionsanforderungen bewusst sind, sind per se widerst\u00e4ndig, eben weil sie sich nicht der Logik erzwungener Vereinzelung und individueller Eigenpromotion unterwerfen, die ihnen Arbeitsmarkt und Konsumkultur ansonsten abverlangen.<\/p>\n<p>Doch wie kann man Abhilfe schaffen, wenn es einen allgemeinen Mangel an Care, an Sorge gibt? Federicis j\u00fcngste Studien zur Altenbetreuung zeigen eine instabile Verlagerung der Sorgearbeit f\u00fcr \u00e4ltere Menschen auf die Schultern von Frauen, auf Familienmitglieder wie auch auf schlecht bezahlte und schlecht behandelte Arbeitskr\u00e4fte aus anderen L\u00e4ndern. Die Tatsache, dass Fragen der Altenbetreuung international nicht gerade \u201eoben auf der Agenda der Bewegungen f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und der Arbeiterbewegungen stehen\u201c,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> ist ein ernstes Problem und bleibender Ausdruck einer Art Fetischisierung von Lohnarbeit und Lohnempf\u00e4ngern sowie der individuellen Erwerbsbiographie. Jenseits des Arbeitslebens, im Ruhestand, ist der Mensch sowohl f\u00fcr Regierungen wie f\u00fcr die marxistische Linke quasi nicht l\u00e4nger existent. Die menschliche Sorge durch Maschinen \u2013 in Gestalt von Robotern oder Bildschirmen \u2013 zu ersetzen, ist eindeutig keine L\u00f6sung: Reproduktionsarbeit l\u00e4sst sich, allen futuristischen Phantasien zum Trotz, nicht automatisieren.<\/p>\n<p><strong>Das emanzipatorische Potential der Lohnarbeit<\/strong><\/p>\n<p>Auch deswegen finden heute zwei lange umk\u00e4mpfte Positionen eine eigenartige Resonanz. Da ist erstens die Vorstellung \u201eautonomer\u201c Marxisten, Hausarbeit schaffe Mehrwert \u2013 entweder \u201edirekt oder indirekt\u201c, wie Kathi Weeks sich ausdr\u00fcckt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Damit einher geht die Forderung nach \u00f6konomischer Anerkennung des Wertes, den diese Arbeit schafft. Das geschieht nicht etwa, um Hausarbeit als solche aufzuwerten, sondern um den Blick auf die Art und Weise zu richten, wie das Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis im Rahmen des Kapitalismus funktioniert und wie dieser auf enorme Mengen unbezahlter Frauenarbeit angewiesen ist. Federici formuliert den Sachverhalt so: Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Produktionssystem zu tun, \u201edas Produktion und Reproduktion des Arbeiters nicht als sozio\u00f6konomische Aktivit\u00e4t und als Quelle der Kapitalakkumulation anerkennt, sondern stattdessen als nat\u00fcrliche Ressource oder individuelle Zuwendung mystifiziert und zugleich von der kategorischen Nichtentlohnung solcher Arbeit profitiert.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Die Grundsatzkritik am Zwang zu arbeiten, der \u201eKampf darum, nicht arbeiten zu m\u00fcssen\u201c steht im Zentrum der aus dieser Sichtweise erwachsenden Kampagne: \u201eWenn M\u00e4nner eine Arbeit verweigern, halten sie sich f\u00fcr militant, aber wenn wir unsere Arbeit verweigern, halten die selben M\u00e4nner uns blo\u00df f\u00fcr n\u00f6rgelnde Ehefrauen.\u201c Das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen der Forderung nach Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung nicht entlohnter Arbeit einerseits und der Forderung, h\u00e4uslicher oder au\u00dferh\u00e4uslicher Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen grunds\u00e4tzlich ein Ende zu bereiten, andererseits besteht seit jeher. In \u201eWages against Housework\u201c schreibt Federici: \u201eDie Entlohnung von Hausarbeit zu fordern bedeutet nicht, dass wir sie gegen Bezahlung weiterhin verrichten. Es bedeutet genau das Gegenteil.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Dem entgegen steht, zweitens, die Vorstellung, dass Frauen um entlohnte Besch\u00e4ftigung k\u00e4mpfen sollten, und\/oder der Hinweis, dass Frauen seit eh und je typische Hausarbeit gegen Bezahlung verrichten. So stellt etwa Angela Davis fest: \u201eIn den Vereinigten Staaten leisten farbige Frauen \u2013 und besonders schwarze Frauen \u2013 seit Jahrzehnten entlohnte Hausarbeit. [&#8230;] Putzfrauen, Haushaltshilfen, Dienstm\u00e4dchen \u2013 diese Frauen wissen besser als irgendwer sonst, was es hei\u00dft, f\u00fcr Hausarbeit bezahlt zu werden.\u201c Dar\u00fcber hinaus betont Davis, dass der Kampf um gleichen Zugang zu bezahlter Besch\u00e4ftigung ein revolution\u00e4res Potential besitzt, weil es der Arbeitsplatz ist, an dem die Besch\u00e4ftigten sich gemeinschaftlich organisieren k\u00f6nnen, um Ausbeutung zu bek\u00e4mpfen. \u201eIm Kapitalismus bergen Kampagnen f\u00fcr Jobs, in denen Frauen auf der gleichen Basis entlohnt werden wie M\u00e4nner, in Verbindung mit Kampagnen f\u00fcr soziale Einrichtungen \u2013 wie subventionierte \u00f6ffentliche Gesundheitsversorgung \u2013 ein explosives revolution\u00e4res Potential.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Das liberal-feministische Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen besseren Zugang zur Berufst\u00e4tigkeit als Ma\u00dfstab der Gleichberechtigung \u00e4hnelt oberfl\u00e4chlich der Position von Angela Davis: Beide betonen, bezahlte Arbeit sei der entscheidende Hebel zur Durchsetzung der definitiven Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern. Allerdings tendiert die liberal-feministische Haltung zur Lohnarbeit dazu, diese als Selbstzweck und als individuelle Errungenschaft zu verstehen, ohne deren ausbeuterischen Charakter im Kapitalismus infrage zu stellen. Angela Davis hingegen sieht Lohnarbeit und die Organisierungsm\u00f6glichkeiten, die sie er\u00f6ffnet, als den Schauplatz revolution\u00e4rer Selbstorganisation und Emanzipation der Arbeitenden.<\/p>\n<p><strong>Die Feminisierung der Arbeit: Das verborgene Terrain der Ausbeutung<\/strong><\/p>\n<p>Aber ist der Optimismus hinsichtlich des emanzipatorischen Potentials der (Lohn-)Arbeit wirklich begr\u00fcndet \u2013 sei es in der liberal-feministischen Variante (Befreiung durch Partizipation) oder in der marxistisch-feministischen, die den Arbeitsplatz als Dreh- und Angelpunkt f\u00fcr die Organisation der Arbeiterklasse sieht? Die Ausbeutung, die den Kern der kapitalistischen Lohnarbeit ausmacht, ist in den letzten Jahrzehnten ja nicht verschwunden, sondern hat im Gegenteil noch zugenommen. Gleichzeitig aber hei\u00dft es, die Arbeit als solche sei in vielen Teilen der Welt oder in bestimmten Sektoren weiblicher geworden. Doch worum handelt es sich bei dieser \u201eFeminisierung\u201c der Arbeit? Oft hei\u00dft es, Arbeit habe zunehmend Eigenschaften angenommen, die traditionell mit Frauen assoziiert werden \u2013 Kommunikation, Service- und Sorgearbeit oder das, was Arlie Russell Hochschild \u201eEmotionsarbeit\u201c nennt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die Theorien \u00fcber die Feminisierung der Arbeit weisen Gemeinsamkeiten mit anderen aktuellen Arbeitstheorien auf: affektive Arbeit, kognitiver Kapitalismus etc., wie sie insbesondere Michael Hardt und Antonio Negri vertreten haben. Diese Beschreibungen versuchen, etwas vom postfordistischen Wesen zu erfassen, das Arbeit heute gro\u00dfenteils kennzeichnet. Die so verstandene Arbeit stellt unter anderem Anforderungen an Wissen, Sprachkenntnisse, emotionale Kompetenzen und die Bereitschaft, sich auf eine Verwischung der Grenze zwischen Leben und Arbeit einzulassen. Was einst ganz der Privatsph\u00e4re zugewiesen wurde \u2013 Liebe, Freizeitverhalten, Pers\u00f6nlichkeit \u2013, z\u00e4hlt zunehmend als Ressource, die Arbeitgeber ausbeuten, um ihren Kunden den besten Service zu bieten. So wird nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch die Seele gekauft. Gleichzeitig ist der Wunsch nach einer Life-Work-Balance (sofern man an der Illusion festh\u00e4lt, es handele sich da um voneinander getrennte Sph\u00e4ren) in flexible Arbeit umgem\u00fcnzt worden, bei der besonders Frauen schlechter bezahlt und mit weniger Arbeitsstunden ausgestattet werden. Damit erweist sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Feminismus und Lohnarbeit als \u201eungl\u00fcckliche Ehe\u201c. Die gro\u00dfen Erwartungen, die letztere geweckt hatte, wurden nicht eingel\u00f6st: Statt eines erf\u00fcllteren Lebens erm\u00f6glicht die Lohnarbeit dessen verst\u00e4rkte Ausbeutung.<\/p>\n<p>Viele Debattenbeitr\u00e4ge behandeln Arbeit unter dem Aspekt ihrer Prekarit\u00e4t. Dieser Begriff soll vieles von dem erfassen, was in heutigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen verloren geht oder zu gehen scheint \u2013 Jobsicherheit, Rente, Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und anderes mehr. Arbeit wird zunehmend als fragmentarisch betrachtet, als unsicher und auf Teilzeitarbeit reduziert.<\/p>\n<p>Das zieht die Vorstellung nach sich, die Arbeiterklasse sei sozusagen umgesiedelt und geografisch erheblich mobiler geworden. Manche feministischen Stimmen stellen allerdings die Originalit\u00e4t der Prekarit\u00e4tsthese und insbesondere deren \u00dcbernahme durch Theoretiker wie Hardt und Negri infrage. Letztere z\u00e4hlen zu den Vork\u00e4mpfern einer solchen Sichtweise, insbesondere durch die Einf\u00fchrung des Begriffs der Multitude. Dieser soll das amorphe Verh\u00e4ltnis zwischen Besch\u00e4ftigung und Arbeitslosigkeit erfassen sowie die die konstitutive Qualit\u00e4t der Kompetenzen, die in heutigen Arbeitsverh\u00e4ltnissen ausgebeutet werden, n\u00e4mlich die Netzwerkkompetenz und die F\u00e4higkeit, mit Sprache und Information umzugehen. \u201eDer Begriff der \u201aMultitude\u2018\u201c, konstatiert Federici, \u201esuggeriert, dass alle Unterschiede, alle Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse verschwunden oder politisch nicht mehr relevant sind. Doch das ist offenkundig eine Illusion. Einige Feministinnen haben darauf hingewiesen, dass prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung kein neues Ph\u00e4nomen ist. Frauen hatten immer ein prek\u00e4res Verh\u00e4ltnis zur Lohnarbeit.\u201c Die zeitgen\u00f6ssische Theoriebildung in Sachen Arbeit scheint erst allm\u00e4hlich auf den Stand feministischer Erkenntnisse von vor vierzig Jahren zu kommen: Die Vorstellung von Prekarit\u00e4t ist etwas, das schon das Verst\u00e4ndnis von weiblicher Arbeit in fr\u00fcherer Zeit bestimmte. Federici argumentiert, solange der feministische Arbeitsbegriff nicht ins Zentrum unseres allgemeinen Verst\u00e4ndnisses davon r\u00fccke, was Arbeit sei, k\u00f6nne keine der eingetretenen Transformationen wirklich begriffen werden: \u201eDie Negrische Theorie prek\u00e4rer Arbeit ignoriert einen der wichtigsten Beitr\u00e4ge feministischer Theorie und Praxis oder weicht diesem aus, n\u00e4mlich der Erkenntnis, dass die unbezahlte Reproduktionsarbeit der Frauen eine Schl\u00fcsselressource der kapitalistischen Akkumulation ist. Indem sie Hausarbeit als ARBEIT redefinierten, also nicht als Privatsache, sondern als die Arbeit, die Arbeitskraft \u00fcberhaupt erst produziert und erh\u00e4lt, haben Feministinnen ein neues, entscheidend wichtiges Feld der Ausbeutung entdeckt, das von Marx und der marxistischen Theorie vollst\u00e4ndig ignoriert worden ist.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Federici hat Recht, wenn sie Frauenarbeit und insbesondere die Erwartung, dass Frauen enorme Mengen unbezahlter Arbeit verrichten, als das verborgene Terrain der Ausbeutung bezeichnet: Wer heutzutage \u00fcber affektive und prek\u00e4re Arbeit schreibt, w\u00e4re gut beraten, genau hierauf zu achten. Ihre Analyse kann allenfalls um die Aussicht erg\u00e4nzt werden, dass zuk\u00fcnftig von jedem Menschen erwartet werden wird, mehr unentgeltliche Arbeit zu verrichten \u2013 in der ganzen Bandbreite von Praktika bis zu unbezahlten \u00dcberstunden. Die Feminisierung der Arbeit geht \u00fcberdies mit der Vorstellung einher, dass jegliche Arbeit schlie\u00dflich an die \u2013 historisch gesehen \u2013 schlimmsten Aspekte der Frauenarbeit erinnern wird: also (wenn \u00fcberhaupt) schlecht bezahlte Arbeit, schreckliche Arbeitsbedingungen, verkl\u00e4rt durch die Einbildung, all dies tue frau letztlich aus Herzensg\u00fcte heraus.<\/p>\n<p><strong>Feminismus und Kapitalismus \u2013 eine \u00bbungl\u00fcckliche Ehe\u00ab?<\/strong><\/p>\n<p>Was also l\u00e4sst sich \u00fcber das gegenw\u00e4rtige Verh\u00e4ltnis nicht nur zwischen Feminismus und Arbeit sagen, sondern auch dar\u00fcber, was aus dem Feminismus als politisch dringliches Anliegen geworden ist? Die massiven historischen Errungenschaften des Feminismus, einschlie\u00dflich des anhaltenden Aktivismus in der Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen und der theoretischen Arbeit hier\u00fcber, des Anspruchs auf Selbstbestimmung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper oder der Kritik einer Kultur der Vergewaltigung sind enorm wichtig und bleiben virulent. Gleichzeitig aber ist der Feminismus f\u00fcr zutiefst reaktion\u00e4re Ziele eingespannt worden: Die Kooptation des Feminismus, etwa zur Rechtfertigung imperialer Kriege oder zur Durchsetzung bedr\u00fcckender Konsumismus-Modelle, ist untrennbar mit der F\u00e4higkeit von Kapitalismus und Nationalismus verbunden, Diskurse und Begrifflichkeiten f\u00fcr ihre Zwecke umzudeuten. Dar\u00fcber hinaus gibt es zwei weitere Gr\u00fcnde zur Besorgnis: die Missachtung der feministischen Beitr\u00e4ge zum marxistischen Denken, aber auch die Frage, was aus dem Feminismus wird, wenn er sich von einem lebensf\u00e4higen politischen Projekt abl\u00f6st.<\/p>\n<p>Es steht au\u00dfer Zweifel, dass der Feminismus in den vergangenen Jahrzehnten von bestimmten politischen Str\u00f6mungen effektiv kooptiert, assimiliert und unterminiert worden ist. Seit 2009, seit fast zehn Jahren also, h\u00f6ren wir nun entschiedene Warnungen vor einem unkritischen Umgang mit dem Feminismus und seiner Geschichte: Damals ver\u00f6ffentlichte Nancy Fraser ihren Artikel \u201eFeminism, Capitalism and the Cunning of History\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> und Hester Eisenstein ihr Buch \u201eFeminism Seduced\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>, und auch Angela McRobbie argumentierte in \u201eThe Aftermath of Feminism\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> teilweise \u00e4hnlich. Diese Theoretikerinnen stimmen in einem betr\u00e4chtlichen Ma\u00df miteinander \u00fcberein: Alle drei begreifen ihr jeweiliges Projekt als \u2013 mit Fraser gesprochen \u2013 \u201eR\u00fcckblick\u201c auf den Feminismus der zweiten Welle, den sie als \u201eepochales gesellschaftliches Ph\u00e4nomen\u201c bewerten. Sowohl Fraser als auch Eisenstein und McRobbie versuchen zugleich, die Zusammenh\u00e4nge zwischen unterschiedlichen Tendenzen und Wandlungen innerhalb des Kapitalismus der Nachkriegszeit zu bestimmen: als \u201eden neuen Geist des \u201aKapitalismus\u2018\/Neoliberalismus\u201c (Fraser)<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>, als \u201eglobalisierten Konzernkapitalismus\u201c (Eisenstein)<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> oder als \u201edas derzeitige globale und immer noch patriarchale System \u00f6konomischer Macht und Herrschaft\u201c (McRobbie).<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Alle drei Autorinnen konstatieren die verst\u00f6rende Konvergenz einiger Ideale des Zweite-Welle-Feminismus mit den Anforderungen einer heraufziehenden neuen \u2013 postfordistischen, desorganisierten, transnationalen \u2013 Form des Kapitalismus. Fraser zeichnet ein \u00fcberaus beunruhigendes Bild, wenn sie feststellt, feministische Denkans\u00e4tze h\u00e4tten selbst \u2013 unwissentlich \u2013 dieser neuen Form des Kapitalismus wichtige Instrumente geliefert. Eisenstein sieht das \u00e4hnlich: \u201eDer feministischen \u201aRevolution\u2018 der 1960er und 1970er Jahre lag der Bedarf der kapitalistischen \u00d6konomie nach Frauenarbeit zugrunde.\u201c Etwas provokant k\u00f6nnte man fragen, was denn zuerst da war, der Feminismus oder das Bestreben des Kapitalismus, das Reservoir an ausbeutbarer Arbeitskraft zu vergr\u00f6\u00dfern? Wozu aber w\u00e4re ein Feminismus n\u00fctze, der seine Verbindung mit einer Fundamentalkritik aller bestehenden Ausbeutungsformen, darunter derjenigen des Arbeitsmarkts, gekappt h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Fraser konfrontiert den kulturellen Erfolg des Second-Wave-Feminismus mit seinem \u201erelativen Scheitern bei der Transformation der Institutionen\u201c. Sie bezieht sich hier darauf, dass der weitverbreiteten Akzeptanz, die die feministische Kritik an ungleicher Entlohnung oder an sexueller Bel\u00e4stigung findet, nicht mit einer konsequenten \u00dcberwindung derartiger Praktiken einhergeht. Der Wandel in den K\u00f6pfen der Menschen hat also noch nicht bewirkt, dass sie ihr Verhalten \u00e4ndern. Optimistisch gesehen, w\u00fcrde die entstandene Kluft zwischen Kultur und Institutionen einen Aufholprozess provozieren, und die Schlie\u00dfung der Kluft w\u00e4re dann nur eine Frage der Zeit. Der liberale Feminismus w\u00fcrde hier vielleicht betonen, dass die \u201egl\u00e4serne Decke\u201c durchbrochen werden muss, oder darauf hinweisen, dass Einstellungen und Erwartungen durch Bildung ver\u00e4nderbar sind. Dabei w\u00fcrde er aber die zentrale Rolle des Kapitalismus und seine frappierende F\u00e4higkeit \u00fcbersehen, selbst die radikalsten Forderungen derart umzumodeln, dass sie neue Ausbeutungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen. Und wer die strukturelle Funktion der Misogynie zugunsten von schrittweisen Reformen auf der Ebene der Einstellungen ignoriert, verfehlt gerade das, worum es eigentlich geht: Das System ist auf die anhaltende und r\u00fccksichtslose Enteignung der weiblichen Arbeit elementar angewiesen und deshalb bestrebt, feministische Forderungen zu neutralisieren oder seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Der Vorstellung vom historischen Aufholprozess begegnet Fraser deshalb verst\u00e4ndlicherweise mit Skepsis. Ja, Fraser geht sogar noch weiter, wenn sie \u201edie verst\u00f6rende M\u00f6glichkeit\u201c in Betracht zieht, dass die \u201evon der Zweiten Welle ausgel\u00f6sten kulturellen Ver\u00e4nderungen [&#8230;] dazu gedient haben, einen Strukturwandel der kapitalistischen Gesellschaft zu legitimieren, der feministischen Visionen einer gerechten Gesellschaft diametral zuwiderl\u00e4uft\u201c.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p><strong>Das Nachspiel des Feminismus<\/strong><\/p>\n<p>Ist Fraser zu \u00e4ngstlich oder zu pessimistisch, wenn sie die F\u00e4higkeit des Kapitalismus herausstellt, die Ideen und Aktivit\u00e4ten derer, die sich ihm widersetzen, zu kooptieren? Eher nicht. Auch Eisenstein sieht den wiederholten, immer h\u00e4ufigeren R\u00fcckgriff von Eliten und imperialistischen M\u00e4chten auf feministische Ideen und Argumentationsmuster zur Rechtfertigung von Invasionen, aber auch die anhaltende Ausbeutung sowohl der Haus- wie der Lohnarbeit. \u201eDie \u201aFreiheit\u2018\u201c, sagt Eisenstein, \u201edie Frauen in der entwickelten Welt genie\u00dfen, wird zu einem weltweit eingesetzten Verkaufsargument.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> So wird die Freiheit, derer sich Frauen im Westen angeblich erfreuen, als universalistisches Ideal pr\u00e4sentiert, obwohl doch Gleichheit in den L\u00e4ndern, die diese Freiheit so gern \u00fcberallhin exportieren m\u00f6chten, nach wie vor ein unvollendetes Projekt bleibt.<\/p>\n<p>Aber wie konnte der Feminismus derart \u201everf\u00fchrt\u201c (Eisenstein) werden, dass wir mittlerweile nur noch sein \u201eNachspiel\u201c (McRobbie) erleben?<\/p>\n<p>F\u00fcr Fraser bestand die historische St\u00e4rke des Zweite-Welle-Feminismus in der Art und Weise, wie er in seiner Kritik des \u201eandrozentrischen staats-organisierten Kapitalismus\u201c drei Dimensionen der Gender-Ungerechtigkeit miteinander kombinierte, n\u00e4mlich die \u00f6konomische, die kulturelle und die politische. Doch diese drei miteinander verbundenen Dimensionen wurden seither fragmentiert und sind nicht l\u00e4nger integraler Bestandteil eines koh\u00e4renten feministischen Projekts, dessen Kampf gegen Gender-Ungerechtigkeit in der unaufl\u00f6slichen Einheit von \u201eUmverteilung, Anerkennung und Repr\u00e4sentation\u201c besteht. Gleichzeitig habe ein Prozess \u201eselektiver Vereinnahmung\u201c und \u201epartieller R\u00fcckeroberung\u201c einiger feministischer Kategorien stattgefunden, so dass dieses B\u00fcndel utopischer Sehns\u00fcchte schlie\u00dflich auf vertrackte Weise \u2013 unbewusst \u2013 der Legitimierung einer neuen Form von Kapitalismus diente. W\u00e4hrend der Feminismus der Zweiten Welle also urspr\u00fcnglich eine Reihe kritischer Ans\u00e4tze unterschiedlicher Ebenen zusammenf\u00fchrte, ist er in seinem jetzigen Zustand zerrissen und hat sich obendrein mit anderen Elementen des sozialen und politischen Lebens verbunden, die ihn fr\u00fcher mit Schrecken erf\u00fcllt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die zweite Welle des Feminismus bek\u00e4mpfte gemeinsam mit der Neuen Linken und antiimperialistischen Kr\u00e4ften die verschiedenen Dimensionen des staatlich organisierten Kapitalismus, gleichzeitig aber auch den Sexismus seiner Kampfgef\u00e4hrten. Er politisierte das Private und sprengte so die vorherrschende \u00f6konomistisch verengte Auffassung von Ungerechtigkeit auf. Sein Begriff von Ungerechtigkeit war bereichs\u00fcbergreifend und zutiefst strukturorientiert. Er verband Gender-Ungerechtigkeit mit auf Klasse, \u201eRasse\u201c, Sexualit\u00e4t und Nation bezogene Formen von Ungerechtigkeit. Was einem liberalen Staatsverst\u00e4ndnis als privat gegolten hatte \u2013 Sex, Hausarbeit, h\u00e4usliche Gewalt und Reproduktion \u2013, wurde \u00f6ffentlich und \u00fcberschritt damit \u00f6konomische, kulturelle und politische Grenzlinien.<\/p>\n<p>Doch wie sieht die Entwicklung konkret aus, in deren Folge neue Formen des Kapitalismus Elemente dieses Projekts kurzschlie\u00dfen, untergraben und sich zu eigen machen konnten? Nun, bald nach dessen Popularisierung durch die zweite Welle des Feminismus brach jene \u00c4ra an, die wir mittlerweile nur zu gut kennen: Privatisierung, Deregulierung, Zerst\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re und des Sozialstaats. Die ideologische F\u00f6rderung von Individualismus und Konkurrenz wurde in unterschiedlichem Ma\u00dfe \u00fcberall in Ost- und Westeuropa sowie \u201emit der Verschuldung als vorgehaltener Waffe\u201c in den Entwicklungsl\u00e4ndern durchgesetzt, etwa durch Strukturanpassungsprogramme. Der umstrittenste Teil von Frasers Analyse ist ihre These, ebendiese neuen Verh\u00e4ltnisse h\u00e4tten den Zweite-Welle-Feminismus aufbl\u00fchen lassen \u2013 so dass seine Ideen und seine Kritik schlie\u00dflich dazu f\u00fchrten, \u201eherk\u00f6mmliche Auffassungen von Familie, Arbeit und W\u00fcrde\u201c umzuformen. Polemisch fragt Fraser: \u201eGab es untergr\u00fcndig so etwas wie eine abartige Wahlverwandtschaft zwischen der zweiten Welle des Feminismus und dem Neoliberalismus?\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Eisenstein spricht ganz unverbl\u00fcmt von der Verwandlung der zweiten in die dritte Welle: \u201eDer Feminismus des 21. Jahrhunderts dient sich ideologisch den Prinzipien an, die hinter der Globalisierung stecken.\u201c<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>War der Feminismus also mitschuldig oder sogar verantwortlich f\u00fcr das, was oft als das neoliberale Projekt charakterisiert wird? Die These erscheint extrem unfair: Die Aktivistinnen, die sich in Theorie und Praxis leidenschaftlich mit dem Patriarchat auseinandergesetzt, um Gleichheit und wirtschaftliche Gerechtigkeit gerungen haben, sollen \u2013 ohne zu wissen, worum es in Wahrheit ging, oder sogar ganz bewusst \u2013 eine Schlacht geschlagen haben, aus der genau die Menschen, f\u00fcr die sie sich einsetzten \u2013 Frauen \u2013 letztlich als die Verliererinnen hervorgingen? Frasers Darstellung, wie der Zusammenhang der \u00f6konomischen, kulturellen und politischen Str\u00e4nge des Feminismus verloren ging, ist aufschlussreich, aber letztlich zu glatt: Auch separat haben die einzelnen Str\u00e4nge oder Fragmente \u2013 wiederum bewusst oder unbeabsichtigt \u2013 Positives bewirkt. Millionen k\u00f6nnen sich ein Leben ohne die Errungenschaften des Feminismus gar nicht mehr vorstellen.<\/p>\n<p>Fraser stellt im Fortgang ihrer Kritik eine Reihe ketzerischer Thesen auf: Der Feminismus habe seine Sto\u00dfrichtung zum \u201eschlechtestm\u00f6glichen\u201c Zeitpunkt zu Lasten der Klassenorientierung auf die Anerkennung von Identit\u00e4t und Differenz verlagert. Und Elemente der feministischen Kritik am unflexiblen androzentrischen Modell habe der Kapitalismus zugunsten \u201eeines neuen, \u201akonnexionistischen\u2018 Selbstverst\u00e4ndnisses \u00fcbernommen, in dem rigide Organisationshierarchien horizontalen Teams und flexiblen Netzwerken weichen\u201c sollten. Dass die Kritik am Modell des m\u00e4nnlichen Ern\u00e4hrers zur massenhaften Inklusion von Frauen in das Arbeitskr\u00e4ftepotential gef\u00fchrt hat, bedeutet in Frasers Augen, dass \u201eder Traum von der Frauenemanzipation als Antriebskraft der kapitalistischen Akkumulation instrumentalisiert wird\u201c.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p><strong>Die verlorene Einheit wiederherstellen<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich profitiert der Kapitalismus davon, dass Frauen massenhaft auf den Arbeitsmarkt gelangen: Nichts h\u00e4lt den Kapitalismus davon ab, sich prinzipiell f\u00fcr billigere Arbeitskraft zu entscheiden, und Gesetze gegen Kinderarbeit oder \u00dcberausbeutung sind nicht selbstverst\u00e4ndlich, sondern hart erk\u00e4mpft und werden im \u00dcbrigen, global gesehen, durchaus ungleichm\u00e4\u00dfig beachtet. Ist Frauen aus diesem historischen Wandel ein Vorwurf zu machen? Nat\u00fcrlich nicht: Das Problem ist die Arbeit \u2013 genauer gesagt die Struktur der Lohnarbeit und der inh\u00e4rent ausbeuterische Charakter des Lohns \u2013, nicht der oder die Arbeitende. Es muss aber durchaus festgestellt werden, dass der massenhafte Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt den Feminismus zwingt, h\u00e4rtere Fragen aufzuwerfen und sich schwierigen Problemen zu stellen: Bis zu welchem Grade ist Feminismus, bei aller Anerkennung der emanzipatorischen Qualit\u00e4t eines au\u00dferhalb des Haushalts gelebten Lebens, mit Kritik an der (Lohn-)Arbeit kompatibel? Wie k\u00f6nnen Feminismus und Klassenorientierung wieder zusammengehen, wo doch die Berufst\u00e4tigkeit arbeitender Frauen und M\u00e4nner in den entwickelten L\u00e4ndern davon abh\u00e4ngt, dass (\u00fcberwiegend) Frauen aus der Arbeiterklasse sich (unter anderem) um deren Kinder k\u00fcmmern? Mag sein, dass die Rhetorik eines Feminismus, der sich von seinen politischen, kulturellen und \u00f6konomischen Wurzeln gel\u00f6st hat, die globale Ausbeutung von Frauen beg\u00fcnstigt. Dennoch ist eine feministische L\u00f6sung, die nicht auch internationalistisch w\u00e4re, schwer vorstellbar.<\/p>\n<p>Im Zwiespalt zwischen der Erkenntnis von der anhaltenden, \u00fcberaus vielschichtigen Ausbeutung von Frauen und (bezahlter wie unbezahlter) Frauenarbeit und der unheimlichen F\u00e4higkeit des Kapitalismus, die Rhetorik des Feminismus auf seine M\u00fchlen zu leiten, bleibt dessen Zukunft in der Schwebe. Die Trennung der \u00f6konomischen, sozialen und politischen Dimensionen des feministischen Kampfes und die immer neue Frage, welche Ver\u00e4nderungen sich im Wesen der Arbeit vollziehen, bringt den Feminismus in die schwierige Situation, einem System hinterherzuhinken, das sein Projekt regelrecht ausschlachtet. Unter dem Deckmantel einer Rhetorik, die vorgibt, Gender-Gleichstellung anzustreben, greift der Kapitalismus alles ab, was ihm n\u00fctzt. Doch die Grundfragen \u2013 die Rolle des Patriarchats, die Komplizenschaft des Kapitalismus bei der Abwertung von Frauen und Frauenarbeit \u2013 bleiben als solche die Themen eines genuin revolution\u00e4ren Projekts. Die Tatsache, dass in gegenw\u00e4rtigen Diskussionen zum Thema Arbeit der Beitrag feministischer Forschungen und ihrer theoretischen Perspektiven h\u00e4ufig \u00fcbersehen wird, macht \u00fcberdeutlich, wie dringlich die Wiedervereinigung sozialrevolution\u00e4rer und feministischer Ans\u00e4tze ist und wie defizit\u00e4r jede der beiden Seiten ohne die andere bleibt.<\/p>\n<p>Die Feminisierung der Arbeit legt den Gedanken nahe, die Gesellschaft tendiere dazu, von jeder und jedem mehr unentgeltliche oder gering entlohnte Arbeit zu erwarten. Um der Wertsch\u00e4tzung menschlichen Lebens und menschlicher Arbeit willen m\u00fcssen wir uns erneut darauf konzentrieren, Frauenarbeit aufzuwerten, insbesondere die Altenbetreuung und andere Formen der Sorgearbeit, also solche Arbeitsformen, die in der klassisch marxistischen Sichtweise als weniger typisch gelten.<\/p>\n<p>Die Wiedervereinigung der \u00f6konomischen, kulturellen und politischen Str\u00e4nge, die das Projekt der zweiten Welle des Feminismus kennzeichnen, ist unerl\u00e4sslich, denn nur so lassen sich die globalen Muster der internationalen Frauenarbeit aufsp\u00fcren. Gegen die Ausbeutung von Frauen zu k\u00e4mpfen, ist f\u00fcr eine umfassende Kritik der bestehenden Verh\u00e4ltnisse \u2013 des Zusammenhangs zwischen Arbeit, Familienstruktur und Patriarchat \u2013 unabdingbar, selbst wenn dies eine Kritik der Lohnarbeit, die Frauen historisch aus der h\u00e4uslichen Enge befreite, implizieren mag. \u00dcber die erforderlichen Ressourcen verf\u00fcgt der Feminismus bereits: Es bedarf lediglich der Rekombination seiner derzeit getrennten Elemente \u2013 der Widerherstellung der verlorenen Einheit.<\/p>\n<p><em>Der Text basiert auf einem Vortrag, den Nina Power am 10. Januar 2018 im Rahmen der Ringvorlesung \u201eKlasse, Kapital und Revolution. 200 Jahre Marx\u201c der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Universit\u00e4t Bonn gehalten hat. Die \u00dcbersetzung stammt von Karl D. Bredthauer.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2018\/maerz\/der-verfuehrte-feminismus\">blaetter.de&#8230;<\/a> vom 4. April 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Silvia Federici, Revolution at Point Zero, New York 2012, S. 5.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ebd., S. 119.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Kathi Weeks, The Problem with Work: Feminism, Marxism, Antiwork Politics, and Postwork Imaginaries, Durham 2011, S. 97.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>Silvia Federici, Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation, New York 2004, S. 8.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Silvia Federici, Wages against Housework, Bristol 1975.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Angela Y. Davis, Women, Race and Class, London 1981, S. 237 und S. 243\u2009f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. Arlie Russell Hochschild, The Managed Heart: Commercialization of Human Feeling, Berkeley 2003.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Silvia Federici, Precarious Labor and Reproductive Work, in: \u201eVariant\u201d, 37\/2010, S. 23 und 24.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. \u201eNew Left Review\u201d, M\u00e4rz\/April 2009; die. deutsche Fassung erschien unter dem Titel: Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte, in: \u201eBl\u00e4tter\u201c, 8\/2009, S. 43-57.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Hester Eisenstein, Feminism Seduced. How Global Elites Use Women\u2019s Labor and Ideas to Exploit the World, London 2009.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Angela McRobbie, The Aftermath of Feminism: Gender, Culture and Social Change, London 2009.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Fraser, Feminism, Capitalism and&#8230;, a.a.O., S. 97 und S. 98.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Eisenstein, Feminism Seduced, a.a.O., S. VII.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> McRobbie, The Aftermath&#8230;, a.a.O., S. 2.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Fraser, Feminism, Capitalism and&#8230;, a.a.O., S. 98.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a>Eisenstein, Feminism Seduced, a.a.O., S. 196.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Fraser, Feminism, Capitalism and&#8230;, a.a.O., S. 116, S. 98 und S. 108.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Eisenstein, Feminism Seduced, a.a.O., S. VIII.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Fraser, Feminism, Capitalism and&#8230;, a.a.O., S. 109 und S. 110\u2009f.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nina Power. 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