{"id":3384,"date":"2018-04-06T13:47:41","date_gmt":"2018-04-06T11:47:41","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3384"},"modified":"2018-04-06T13:47:41","modified_gmt":"2018-04-06T11:47:41","slug":"franzoesischer-eisenbahnerstreik-wird-fortgesetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3384","title":{"rendered":"Franz\u00f6sischer Eisenbahnerstreik wird fortgesetzt"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid.<\/em> <strong>Gewerkschaften zeigen sich emp\u00f6rt \u00fcber Regierungshaltung am Donnerstag, 05. April \u2013 Streik wird fortgesetzt \u2013 Vier weitere Streiktage wurden bei Air France<!--more--> angesetzt \u2013 Linksautorit\u00e4rer Politiker Jean-Luc M\u00e9lenchon wurde aus einer Pariser Streikdemonstration hinausgeworfen \u2013 Initiative f\u00fcr eine Zentraldemo der Sozialproteste am 05. Mai 18 macht auf sich aufmerksam.<\/strong><\/p>\n<p>Ohne Einigung, ja ohne jeglichen Kompromissvorschlag seitens der Regierung trennten sich die Verhandlungsparteien (Regierung und Gewerkschaften bei der Bahngesellschaft SNCF) an diesem Donnerstag, den 05. April 18. Die Gewerkschaften zeigten sich emp\u00f6rt \u00fcber eine \u201eVerhandlungsparodie\u201c (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/sncf-les-syndicats-denoncent-une-mascarade-de-concertation-CNT000001162Z6\/photos\/un-cheminot-greviste-mercredi-4-avril-2018-a-marseille-8c75e2099b9db0bdb01dd70fe728a7cd.html\">actu.orange.fr&#8230;<\/a>), bei welcher die Regierung nicht einmal in Ans\u00e4tzen verhandlungsf\u00e4hige Vorschl\u00e4ge auf den Tisch gelegt habe.<\/p>\n<p>Die Regierung setzt darauf, die \u00f6ffentliche Meinung werde sich gegen die Streikenden kehren. In b\u00fcrgerlichen Medien werden st\u00e4ndig die immerselben Begriffe wie\u00a0<em>journ\u00e9e noire dans les transports<\/em>\u00a0(\u201eSchwarzer Tag in den Verkehrsmitteln\u201c),\u00a0<em>pagaille\u00a0<\/em>(\u201eSaustall, Chaos\u201c) oder auch\u00a0<em>col\u00e8re des usages<\/em>\u00a0(\u201eWut der Nutzer\/innen\u201c) wiedergek\u00e4ut \u2013 Googeln gen\u00fcgt, um sich \u00fcber das Ausma\u00df dieser Propaganda ein Bild zu machen. Einige besonders spektakul\u00e4re Beispiele von Nutzerverhalten in \u2013 aufgrund des Streiks erwartungsgem\u00e4\u00df mit wartenden Passagieren \u00fcberf\u00fcllten \u2013 Bahnh\u00f6fen wurden besonders durch die Medien respektive Nachrichtenportale gehyped. Dazu z\u00e4hlt der ungl\u00fcckliche Zwischenfall, bei dem eine Frau an der Gare de Lyon (einem der Pariser Bahnh\u00f6fe) auf die Geleise fiel \u2013 vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/greve-a-la-sncf-et-cohue-bousculee-une-femme-tombe-sur-les-rails-magic-CNT000001143V5.html\">actu.orange.fr&#8230;<\/a>\u00a0oder\u00a0<a href=\"http:\/\/www.sudouest.fr\/2018\/04\/03\/greve-a-la-sncf-pagaille-sur-les-quais-une-femme-tombe-sur-la-voie-4339676-5458.php\">sudouest.fr&#8230;<\/a>\u00a0\u2013 sowie jene Szene, in deren Verlauf Passagiere \u00fcber die Fenster statt durch die \u00fcberlaufenen T\u00fcren in einen Pariser RER (in Deutschland w\u00e4re es eine S-Bahn) einstiegen. (Vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bfmtv.com\/mediaplayer\/video\/greve-sncf-ces-usagers-passent-par-les-fenetres-pour-entrer-dans-le-rer-1055073.html\">bfmtv.com&#8230;<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.challenges.fr\/videos\/des-passagers-entrent-dans-le-rer-par-la-fenetre_vp8fzr\">challenges.fr&#8230;<\/a>) Neben dem in Ans\u00e4tzen begreiflichen Unmut von Nutzer\/inne\/n \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel kommt in konkreten Einzelf\u00e4llen hinzu, dass sich manche Individuen wie Tiere benehmen und schlicht nicht versuchen, f\u00fcr die Beweggr\u00fcnde der Streikenden ihrerseits Verst\u00e4ndnis aufzubringen.<\/p>\n<p>Im Internet wurde inzwischen ein Video zum Hit, in welchem eine junge US-Amerikanerin ihr (vermutlich ehrliches) Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Transportstreiks in Frankreich zum Ausdruck bringt. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/economie\/transports\/sncf\/greve-a-la-sncf\/video-greve-a-la-sncf-moi-je-comprends-pas-ca-chante-sur-youtube-une-jeune-americaine-depuis-la-gare-de-toulouse_2687992.html\">francetvinfo.fr&#8230;<\/a>)<\/p>\n<p>Prompt werden auch erste Umfragen ver\u00f6ffentlicht, denen zufolge eine Mehrheit der befragten Franz\u00f6sinnen und Franzosen den Arbeitskampf bei der SNCF f\u00fcr \u201eungerechtfertigt\u201c erkl\u00e4rt; vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/economie\/transports\/sncf\/greve-a-la-sncf\/greve-a-la-sncf-57-des-francais-estiment-que-le-mouvement-n-est-pas-justifie-selon-un-sondage_2691576.html\">francetvinfo.fr&#8230;<\/a><\/p>\n<p>In der soeben zitierten Umfrage sind es laut dem durchf\u00fchrenden demoskopischen Institut 57 Prozent der Befragten, welche dem Streik ablehnend gegen\u00fcberst\u00fcnden. Allerdings ist bereits die Fragestellung unehrlich: So, wie die Frage an die Teilnehmer\/innen gestellt wurde, hat sie eine\u00a0<em>gr\u00e8ve reconductible<\/em>\u00a0\u2013 einen unbefristeten Streik, \u00fcber dessen Fortsetzung alle 24 Stunden entschieden wird, mit unvorhersehbarer Dauer zum Gegenstand. Ein solcher Streik findet allerdings derzeit gar nicht statt.<\/p>\n<p>Vielmehr wird derzeit stets f\u00fcr eine 48st\u00fcndige Periode gestreikt, und an deren Ausgang hinterlegen die st\u00e4rksten Gewerkschaften jeweils eine Streikvorwarnung f\u00fcr den n\u00e4chsten Streik, also f\u00fcr f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter \u2013 in Frankreich ist in den \u00f6ffentlichen Diensten eine Voranmeldung von Streiks f\u00fcnf Tage vor ihrem Beginn gesetzlich vorgeschrieben. Es wird also je zwei Tage gestreikt und danach je f\u00fcnf Tage gearbeitet, nach einem vorhersehbaren Kalender, welcher bis zum 27.\/28. Juni d.J. l\u00e4uft. Darauf einigten sich die vier als \u201erepr\u00e4sentativ\u201c (ungef\u00e4hr: \u201etariff\u00e4hig\u201c) anerkannten Gewerkschaften bei der SNCF am zur\u00fcckliegenden 15. M\u00e4rz; mit Ausnahme der linken Basisgewerkschaft SUD Rail, welche einen unbefristeten Streik vom Typus\u00a0<em>gr\u00e8ve reconductible <\/em>bef\u00fcrwortet. Die anderen beteiligten Gewerkschaften vertreten die Auffassung, durch den gew\u00e4hlten Streikmodus werde auf die \u00f6ffentliche Meinung besser R\u00fccksicht genommen \u2013 st\u00e4rker als bei einem von vorherein unbefristet Streik -, die Taschen der beteiligten Streikenden w\u00fcrden st\u00e4rker geschont (in Frankreich bezahlen streikende Besch\u00e4ftigte den Lohnverlust i.d.R. aus eigener Tasche), und die Wirkung werde st\u00e4rker gestreckt. Ob dieses Kalk\u00fcl aufgeht, ist zwar in jeglicher Hinsicht ungewiss, es wird jedoch seitens der etablierten Gewerkschaften vermutet, die periodische Wiederaufnahme der Arbeit zwischen zwei 48st\u00fcndigen Streikperiode schone die Geduld des Publikums. Allerdings kann es in Wirklichkeit nach hinten los gehen, weil diese Streiktaktik weniger unmittelbar durchschaubar ist als ein gleich zu 100 % durchgef\u00fchrter Streik, und weil die angek\u00fcndigte Streikperiode \u2013 vom 03. April bis zum 28. Juni, im Rhythmus \u201eStreik an je zwei Tagen von sieben\u201c \u2013 umgekehrt besonders langwierig aussieht.<\/p>\n<p>Die Verfasserin oder der Verfassers oben zitierte Artikel von der Webseite des franz\u00f6sischen \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/economie\/transports\/sncf\/greve-a-la-sncf\/greve-a-la-sncf-57-des-francais-estiment-que-le-mouvement-n-est-pas-justifie-selon-un-sondage_2691576.html\">francetvinfo.fr&#8230;<\/a>) gibt sich immerhin die M\u00fche, zu betonen, das Meinungsbild in den sozialen Netzwerken sehe anders und eher gegenl\u00e4ufig aus als in der hier wiedergegebenen Umfrage. Sicherlich stellt sich in jedem Einzelfall die Frage, wie aussagekr\u00e4ftig eine Umfrage jeweils ausf\u00e4llt. Der Artikel betont ebenfalls, die Anh\u00e4nger\/innen der Regierungspartei La R\u00e9publique en marche (LREM) sowie der Rechtsparteien Les R\u00e9publicains \u2013 LR, ungef\u00e4hr mit der CDU\/CSU in Deutschland vergleichbar \u2013 und Front National seien massiv gegen den Streik. Die \u00fcbrigen Teile der Gesellschaft sind demzufolge eher (zumindest) neutral bis daf\u00fcr.<\/p>\n<p>An einer Streikdemonstration am Dienstag, den 03. April \u2013 dem ersten Tag des Arbeitskampfs \u2013 in Paris nahmen laut polizeilichen Angaben 2.700 Menschen teil. Unter ihnen waren Eisenbahner\/innen, \u00fcberwiegend von SUD Rail sowie Force Ouvri\u00e8re (FO) \u2013 wo war eigentlich die CGT-Eisenbahner als st\u00e4rkste Einzelgewerkschaft? -, aber auch Krankenhaus- und Pflegebesch\u00e4ftigte sowie Mitarbeiter\/innen von Air France. (Bei der Fluggesellschaft wurden nun zus\u00e4tzliche neue Streiktage angemeldet: am 10. und 11. April, sodann am 17.\/18. April und am 23.\/24. April. Im letzteren Falle werden die beiden Streiktage dann mit denen bei der SNCF koinzidieren, also zusammenfallen. Bei Air France geht es um einen Lohnstreik, da L\u00f6hne und Geh\u00e4lter bei der Fluggesellschaft seit nunmehr sechs Jahren eingefroren blieben, also aufgrund der \u2013 obwohl schwachen \u2013 Inflation real eine Negativentwicklung aufwiesen. Laut der Wirtschaftsbeilage in der Freitags-Ausgabe der Pariser Abendzeitung<em>\u00a0Le Monde<\/em>\u00a0k\u00f6nnte der Streik, bei Durchf\u00fchrung der jetzt angemeldeten Streiktage, das Unternehmen insgesamt 240 Millionen Euro kosten. Dieser Verlust w\u00e4re genau identisch mit der H\u00f6he der Kosten f\u00fcr die geforderte sechsprozentige Lohnerh\u00f6hung, f\u00fcr ein ganzes Jahr. Das Unternehmen bleibt jedoch extrem stur gegen\u00fcber der Verhandlungsposition der Gewerkschaften.)<\/p>\n<p>Ein bemerkenswerter Ereignis bei der Pariser Streikdemonstration war der Hinauswurf des Linksnationalisten und linkssozialdemokratischen Ex-Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Jean-Luc M\u00e9lenchon. Ihm hallten Rufe wie\u00a0<em>charognard!<\/em>(\u201eAasfresser\u201c) entgegen, was sinngem\u00e4\u00df bedeutete, dass ihm eine parteipolitische Vereinnahmung des Protestthemas vorgeworfen wurde. \u2013 Vgl. dazu (in Text und Bildern:)\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/manifestation-des-cheminots-jean-luc-melenchon-insulte-dans-le-cortege-parisien-CNT00000110ZbZ.html\">actu.orange.fr&#8230;<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/videos\/dehors-on-vous-deteste-charognard-jean-luc-melenchon-insulte-lors-de-la-manifestation-en-soutien-aux-cheminots-a-paris-VID0000002A9iX.html\">actu.orange.fr&#8230;<\/a><\/p>\n<p>Einer der \u2013 selbst parteilosen \u2013 Abgeordneten in der 17k\u00f6pfigen Parlamentsfraktion von M\u00e9lenchons Wahlplattform\u00a0<em>La France insoumise<\/em>\u00a0(\u201eDas unbeugsameFrankreich\u201c), Fran\u00e7ois Ruffin, kommt unterdessen selbst ungleich besser weg. Er ergriff eine Initiative, welche derzeit viel von sich reden macht, und regte eine Zentraldemonstration der unterschiedlichen sozialen Protestbewegungen am Samstag, den 05.05.18 an. An einem Vorbereitungstreffen im Pariser Gewerkschaftshaus am Abend des Mittwoch, 04. April d.J. nahmen rund 600 Menschen teil, die in den Saal passten, doch 1.200 weitere Personen fanden aus Platzgr\u00fcnden keinen Einlass und blieben vor der T\u00fcr. (Vgl. dazu auch\u00a0<a href=\"https:\/\/reporterre.net\/Lancement-dans-l-enthousiasme-du-Grand-debordement-du-5-mai\">reporterre.net&#8230;<\/a>)<\/p>\n<p>Ruffin, der im Februar\/M\u00e4rz 2016 die Initiative zu der Platzbesetzerbewegung\u00a0<em>Nuit debout<\/em>\u00a0anregte (diese allerdings in einem Interview mit\u00a0<em>Lib\u00e9ration\u00a0<\/em>vom 07. Juni 16 f\u00fcr mittlerweile gescheitert erkl\u00e4rte), wird weitaus weniger als autorit\u00e4rer Apparatschik wahrgenommen denn M\u00e9lenchon. Auch Jean-Luc M\u00e9lenchon hatte in seinem Video bei Youtube, welches wir in unserem Artikel vom Dienstag, den 03. April 18 dokumentiert hatten, eine Zentraldemonstration an einem Samstag gefordert. Allerdings verbunden mit einem autorit\u00e4ren Gestus \u2013 in dem Video sagt er dazu u.a.:\u00a0<em>\u201eIch habe diesen Vorschlag schon vor anderthalb Monaten unterbreitet, ich hoffe, mein Botschaft ist jetzt verstanden worden, hein?\u201c<\/em>\u00a0-, ebenfalls verbunden mit einer Abqualifizierung der \u00fcbrigen beteiligten Linkskr\u00e4fte. Und ferner im Namen der Idee, er vertrete\u00a0<em>\u201edas Volk\u201c<\/em>, w\u00e4hrend die Gewerkschaften nur\u00a0<em>\u201ekonf\u00f6derierte Berufsgruppen\u201c<\/em>\u00a0vertr\u00e4ten.<\/p>\n<p>Bei Fran\u00e7ois Ruffin, welcher zuerst durch seinen Dokumentarfilm\u00a0<em>Merci, patron!<\/em>\u00a0Bekannt wurde, kommt der Vorschlag wesentlich weniger \u201evon oben herab\u201c daher, und findet weitaus st\u00e4rkere Basisunterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Seit dem Treffen am Abend des 03. April im Pariser Gewerkschaftshaus scheint diese Idee \u2013 f\u00fcr eine Zentraldemonstration der unterschiedlichen Sozialprotestbewegungen \u2013 sich nun ihren Weg zu bahnen. Mit weiteren Ereignissen an dieser Front ist also zu rechnen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/arbeitskaempfe-frankreich\/frankreich-eisenbahnerstreik-gewerkschaften-zeigen-sich-empoert-ueber-regierungshaltung-donnerstag-05-april-streik-wird-fortgesetzt\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. Gewerkschaften zeigen sich emp\u00f6rt \u00fcber Regierungshaltung am Donnerstag, 05. 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