{"id":3397,"date":"2018-04-18T08:26:52","date_gmt":"2018-04-18T06:26:52","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3397"},"modified":"2018-04-18T09:02:22","modified_gmt":"2018-04-18T07:02:22","slug":"proteste-gegen-macron-ein-hauch-mai-68","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3397","title":{"rendered":"Proteste gegen Macron: Ein Hauch Mai &#8217;68"},"content":{"rendered":"<p><em>Hovhannes Gevorkian.<\/em> <strong>Die Streiks der Eisenbahner*innen, bei der M\u00fcllentsorgung und bei Air France fordern gemeinsam mit der Studierendenbewegung Emmanuel Macron heraus. Wie geht es weiter und<!--more--> welche Rolle spielt dabei der ber\u00fchmte Pariser Mai &#8217;68?<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDieser Streik ist wirklich bizarr. Gibt es hier jemanden, der glaubt, dass wir auf diese Art und Weise gewinnen k\u00f6nnten?\u201d<\/em>, fragte Anasse Kazib, Eisenbahnarbeiter und Delegierter der Gewerkschaft SUD Rail vor der Vollversammlung der Arbeiter*innen der staatlichen Eisenbahn SNCF. \u201cNein!\u201d, antwortete die Menge der Arbeiter*innen vor dem gr\u00f6\u00dften Bahnhof Europas, Paris Nord.\u00a0<em>\u201eEs wird Zeit, dass wir in den unbefristeten Streik treten. Aber dieser unbefristete Streik muss aufgebaut werden. Paris Nord ist die Avantgarde der jetzigen Bewegung.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Seit dem 3. April sind die Eisenbahner*innen in einen sogenannten \u201ePerlenstreik\u201d getreten. Sie protestieren damit gegen den von Pr\u00e4sident Emmanuel Macron geplanten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/streik-gegen-macrons-reformen-legt-frankreichs-eisenbahnen-lahm\/\"><strong>Umbau der SNCF<\/strong><\/a>, der ihre sozialen Errungenschaften angreift und den Staatsbetrieb schrittweise privatisieren will. Die Streiktaktik mit dem eigent\u00fcmlichen Namen sieht vor, dass an je zwei von f\u00fcnf Tagen gestreikt werden soll. Zwei Tage Streik, drei Tage Arbeit und das Ganze bis zum 28. Juni, was insgesamt nur 36 Streiktage bedeuten w\u00fcrde. Weil ihnen das nicht gen\u00fcgt, votierten die Arbeiter*innen der Sektion des Pariser Nordens, dass sie ab dem 13. April in den unbefristeten Streik treten. Damit folgen sie dem Vorbild der Arbeiter*innen der Sektion Saint Lazare im Westen von Paris.<\/p>\n<p>Dies sind erste Elemente der Selbstorganisierung. Gleichwohl folgen sie dem traditionellen Kampfplan der SNCF-Arbeiter*innen, die eigentlich von Tag zu Tag in Vollversammlungen entscheiden, ob sie den Streik verl\u00e4ngern oder nicht. Das war bei der letzten sozialen Bewegung gegen das Loi Travail vor zwei Jahren so, und nat\u00fcrlich auch beim Sieg der Arbeiter*innen gegen eine Renten- und Sozialversicherungsreform im Jahr 1995. In der Tat: W\u00e4re der Streik von Anfang an in seiner Gesamtheit unbefristet gewesen, vielleicht w\u00e4re der Sieg schon sicher. Denn der Organisierungsgrad unter den Eisenbahner*innen ist enorm\u00a0\u2013bei den Fahrer*innen beteiligen sich zwischen 75 und 80 Prozent an den Streiks.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist die Streikbeteiligung nicht so hoch wie erwartet, wenn mensch den Zahlen der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung Glauben schenkt. Zwischen 35 und 48 Prozent soll die Beteiligung der rund 140.000 SNCF-Arbeiter*innen betragen. Das ist immer noch ausreichend, um den Verkehr lahmzulegen, sodass etwa nur 20 Prozent der Schnell- und nur 10 Prozent der Regionalz\u00fcge fahren. Das Problem jedoch ist, dass sich die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung im Verbund mit der Regierung darauf leicht einstellen kann, indem sie selbst alternative Fahrm\u00f6glichkeiten bereitstellen wie etwa OuiBus. Dieses franz\u00f6sische \u00c4quivalent zu Flixbus geh\u00f6rt zuf\u00e4lligerweise der SNCF selbst. Eine Taktik, die so etwas zul\u00e4sst, demoralisiert die Arbeiter*innen und l\u00e4sst die Wirkung der Streiks St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck verpuffen. War am 3. April, dem ersten Streiktag, noch von einem historischen \u201eschwarzen Dienstag\u201d die Rede, so \u201egew\u00f6hnten\u201d sich in den Tagen und Wochen danach die Pendler*innen und die Arbeiter*innen an den merkw\u00fcrdigen Rhythmus. So wird der Streik mit angezogener Handbremse in einem Land, das kein Streikgeld kennt, unn\u00f6tig in die L\u00e4nge gezogen.<\/p>\n<p><em>\u201eWir m\u00fcssen keinen Streik bis zum St. Nimmerleinstag machen, sondern jetzt voll loslegen. Wir brauchen die Einheit der Streikenden und diese Einheit der Streikenden ist nicht die Einheit der Gewerkschaftsapparate.\u201d<\/em><\/p>\n<p>So benannte Anasse Kazib, wer f\u00fcr die Verschleppung des Streiks die Verantwortung tr\u00e4gt. Der zust\u00e4ndige CGT-Generalsekret\u00e4r f\u00fcr die SNCF und Architekt der Perlenstreiks, Laurent Brun, sprach dagegen davon, dass dieser Kampf kein Sprint, sondern ein Marathon sei. In diesem Sinne will er die \u201eBewegung bis Ende Juni fortf\u00fchren\u201d, um sie zu \u201everst\u00e4rken\u201d.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t und Zusammenf\u00fchrung der K\u00e4mpfe<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die b\u00fcrgerlichen Medien im Dienste der Regierung keine Gelegenheit auslassen, um gegen die Streikenden zu hetzen, gibt es derweil eine gro\u00dfe Solidarit\u00e4tswelle im ganzen Land. In nur 15 Tagen wurden \u00fcber 600.000 Euro f\u00fcr die Streikkassen gesammelt. In nahezu allen Umfragen bef\u00fcrwortet ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung die Streiks, auch weil sie zur Verteidigung des \u00f6ffentlichen Dienstes gef\u00fchrt werden. Denn die Reform inklusive der Privatisierung w\u00fcrde eine massive Verteuerung und Verschlechterung eines essentiellen Teils der \u00f6ffentlichen Daseinsvorsorge bedeuten; fast 5 Millionen B\u00fcrger*innen nutzen t\u00e4glich die SNCF. Da auf dem Land gleichzeitig fast 9000 Kilometer an \u201eunrentablen\u201d Strecken gestrichen werden sollen, haben sich an einigen Orten auch Komitees zur Verteidigung des Streckennetzes gebildet, welche die Streiks unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der Streikunterst\u00fctzung kommt aber auch vonseiten der k\u00e4mpfenden Studierenden. Sie sind ihrerseits in Bewegung gegen die geplante Universit\u00e4tsreform, welche den Zugang zu den Universit\u00e4ten f\u00fcr \u00e4rmere Familien erschweren w\u00fcrde. Trotz einer beispiellosen Repression durch den Staat sind immer mehr Fakult\u00e4ten in den Streik getreten. 30 bis 40 von ihnen sind blockiert. Es ist eine Bewegung, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitet. Anfang M\u00e4rz war es nur die Universit\u00e4t Toulouse-Le Mirail, wo die Studierenden gemeinsam mit den Universit\u00e4tsbesch\u00e4ftigten im Streik waren und die Universit\u00e4t blockierten (seit dem 6. M\u00e4rz h\u00e4lt die Blockade ununterbrochen an). Immer mehr Studierende schlossen sich der Bewegung an, im ganzen Land kommt es inzwischen zu Vollversammlungen mit bis zu 5000 Teilnehmenden wie zuletzt in Rennes. Dort wird demokratisch \u00fcber die Fortf\u00fchrung der Blockade entschieden.<\/p>\n<p>Es ist eine Massenbewegung der Studierenden, die Macron in seinem ersten Interview in diesem Jahr als \u201eprofessionelle Agitator*innen\u201d und als eine Minderheit angriff. Die Bildungsministerin, Fr\u00e9d\u00e9rique Vidal, die auch das Gesetz entwarf, hat mittlerweile die Polizei dazu erm\u00e4chtigt, jederzeit die Universit\u00e4ten zu st\u00fcrmen und die Besetzungen aufzul\u00f6sen. Von dieser repressiven Erm\u00e4chtigung machte sie am letzten Donnerstag Gebrauch, als mehrere Hundert Studierende die Sorbonne kurzzeitig besetzten. Die Einsatzkr\u00e4fte scheiterten mit der gleichen Ma\u00dfnahme jedoch an der anderen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Paris, in Tolbiac. Dort wurde vor drei Wochen die \u201cFreie Kommune Tolbiac\u201d ausgerufen und die Fakult\u00e4t besetzt. Dutzende Hundertschaften wurden dort zusammengezogen, konnten jedoch angesichts einer rapiden Mobilisierung mit bis zu 1000 Studierenden und Arbeiter*innen nichts ausrichten.<\/p>\n<p>Die Freie Kommune Tolbiac: Das ist die Universit\u00e4t, wo vor einer Woche ein faschistischer Angriff stattfand, als bis zu 20 maskierte und mit Eisenstangen bewaffnete Faschist*innen mitten in der Nacht die besetzenden Studierenden mit Steinen und Flaschen bewarfen. Es wurde dort niemand verletzt und der Angriff wurde zur\u00fcckgeschlagen, weil zuvor ein Selbstverteidigungskomitee gegr\u00fcndet worden war. Eine Lehre aus dem faschistischen Angriff in Montpellier Ende M\u00e4rz, als mit Zustimmung des Dekans der besetzten Fakult\u00e4t der Rechtswissenschaften faschistische Schl\u00e4ger*innen die protestierenden Studierenden blutig schlugen.<\/p>\n<p>Derlei faschistische Angriffe, die sich auch in Lille, Nantes oder Stra\u00dfburg ereigneten, treten auf in Kombination mit der Repression durch die Polizei. Nachdem R\u00e4umungsversuche seitens der Polizei scheitern, sind es nun kleine faschistische Banden, welche die k\u00e4mpferischen Studierenden terrorisieren sollen. Es verwundert nicht, dass derlei Gruppen wie in Tolbiac Verbindungen zum Front National (der sich neuerdings Rassemblement National nennt) haben und von der Polizei verschont werden. Die Angriffe sind zumeist von kurzer Dauer und mit Ausnahme von Montpellier eher provokativer Natur, da die besetzenden Studierenden deutlich in der \u00dcberzahl sind.<\/p>\n<p>Es spricht f\u00fcr die Bewegung der Studierenden, dass sie trotz der Angriffe weiterhin w\u00e4chst. Es scheint gar, als w\u00fcrden die skandal\u00f6sen Angriffe sie sogar noch mehr motivieren. \u201eF\u00fcr jeden Studierenden, den sie mit Kn\u00fcppeln schlagen; f\u00fcr jede*n Eisenbahner*in, den sie mit Tr\u00e4nengas angreifen, m\u00fcssen 100 weitere Studierende zu uns sto\u00dfen, m\u00fcssen 100 weitere Eisenbahner*innen in den Streik treten\u201d, brachte es Arthur, der in Tolbiac studiert,\u00a0auf den Punkt.<\/p>\n<p>Die Intensit\u00e4t der Studierendenbewegung ist seit Wochen auch deswegen so hoch, weil sie das Prinzip der Einheit der Arbeitenden und Studierenden hochh\u00e4lt. In vielen St\u00e4dten wird aktiv die Zusammenf\u00fchrung der K\u00e4mpfe gegen ein und dieselbe Regierung propagiert und umgesetzt. In Tolbiac kam es am Freitag zu einer gemeinsamen Demonstration von Streikenden und Studierenden, einen Tag sp\u00e4ter gab es dort ein gro\u00dfes Streikfest, wo 6000 Euro f\u00fcr die Streikkassen gesammelt wurden.<\/p>\n<p><strong>Der Rekurs auf den Mai \u201968<\/strong><\/p>\n<p>Die Bilder \u00e4hnelten denen aus dem Mai des Jahres 1968 und 50 Jahre nach der gr\u00f6\u00dften Streikbewegung der franz\u00f6sischen Geschichte dr\u00e4ngen sich die Vergleiche fast von selbst auf. Es war die gleiche Sorbonne im ber\u00fchmten Quartier Latin, welche die Studierenden besetzten. Es war in Nanterre, wo vor 50 Jahren die ber\u00fchmte \u201eBewegung des 22. M\u00e4rz\u201d entstand, als die Studierenden mit Gewalt aus der Fakult\u00e4t gezerrt wurden und viele von ihnen festgenommen wurden. Nicht nur die Studierenden, sondern auch die Arbeiter*innen erinnern regelm\u00e4\u00dfig mit ihren Slogans und Transparenten an den Mai \u201968. Von einem \u201eMai \u201968 bis zum Schluss\u201d oder einem \u201eneuen Mai \u201968\u201d ist dort die Rede. W\u00e4hrend ersteres auf das enorme revolution\u00e4re Potenzial jener Zeit anspielt, bezieht sich zweiteres auf das Narrativ, dass der Mai \u201968 eine soziale Bewegung war, die beeindruckende Errungenschaften erzielte. Damals wurde etwa das Vertretungsrecht der Gewerkschaften anerkannt oder der Mindestlohn um 35 Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Gemeinsam ist beiden Bewegungen, der damaligen und der heutigen, dass die Avantgarde die Notwendigkeit der Zusammenf\u00fchrung der K\u00e4mpfe erkannt hat. Der Mai \u201968 ist das Paradebeispiel f\u00fcr eine rasante Streikwelle, wo ein Sektor nach dem anderen in den Streik tritt und so ein Generalstreik entsteht, der das gesamte Land paralysiert. Es lohnt sich, einen \u00dcberblick \u00fcber eine Streikbewegung zu haben, wie es sie seitdem in den imperialistischen L\u00e4ndern nicht mehr gab:<\/p>\n<ol start=\"13\">\n<li>Mai: 24-st\u00fcndiger Generalstreik aus Solidarit\u00e4t mit den Studierenden<\/li>\n<li>Mai: Streiks und Fabrikbesetzungen bei dem Flugzeughersteller Sud-Aviation mit 20.000 Besch\u00e4ftigten sowie bei den Renault-Werken in Cl\u00e9on<\/li>\n<li>Mai: Massive Ausdehnung der Streiks auf die Automobilfabriken, die Hafenarbeiter*innen, die Eisenbahn, die st\u00e4dtischen Verkehrsbetriebe sowie die Banken<\/li>\n<li>Mai: Streiks bei der Post und bei Air France sowie Fabrikbesetzung bei dem Chemieunternehmen Rhodiaceta<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das war der Beginn einer Streikwelle, die sich rasant ausdehnte und am 19. Mai zu einem Generalstreik\u00a0<em>par excellence<\/em>\u00a0wurde, der nahezu vollst\u00e4ndig im ganzen Land eingehalten wurde. Bis zu \u00fcber 10 Millionen Besch\u00e4ftigte sollten im Laufe der n\u00e4chsten drei Wochen in den Streik treten und den Staat ins Wanken bringen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die heutigen K\u00e4mpfenden ist daher der Mai \u201968 ein historisches Vorbild, eine Anleitung zum Handeln. In diesem Sinne ist der Rekurs richtig und er kn\u00fcpft an einen Moment im Erbe unserer Klasse an, als zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg in einem imperialistischen Land eine revolution\u00e4re Situation entstand.<\/p>\n<p>Gleichwohl darf nicht vergessen werden, dass es bedeutende Unterschiede gibt und dass die heutige Bewegung vor anderen, ungleich schwierigeren Herausforderungen steht. Zum einen hat die Studierendenbewegung noch nicht die gleichen Ausma\u00dfe wie vor 50 Jahren erreicht, denn heute vereinigt sie noch eine Masse, die f\u00fchrungslos ist. Es fehlt an einer nationalen Koordinierung (der gr\u00f6\u00dfte Studierendenverband, die Unef, diskreditierte sich selbst aufgrund seiner N\u00e4he zur Sozialistischen Partei) sowie an mittel-gro\u00dfen Jugendorganisationen wie es \u201968 z.B. mit der trotzkistischen Jeunesse Communiste Revolutionnaire, der ebenfalls trotzkistischen F\u00e9deration des \u00c9tudiants R\u00e9volutionnaires, der maoistischen Union des jeunesses communistes marxistes-l\u00e9ninistes oder eben der Bewegung des 22. M\u00e4rz der Fall war. Wo es keine solche Basis gibt, k\u00f6nnen auch keine \u00f6ffentlichen Figuren wie damals Daniel Cohn-Bendit, Jacques Sauvageot oder Alain Geismar entstehen. Es ist daher wenig erstaunlich, dass es (noch) kein Gesicht dieser Bewegung gibt.<\/p>\n<p>Aber auch die Arbeiter*innenbewegung ist in einer deutlich schw\u00e4cheren Positionen, sowohl was den Organisierungsgrad in den Gewerkschaften als auch die Vertretung in den Arbeiter*innenparteien angeht. W\u00e4hrend die Conf\u00e9d\u00e9ration g\u00e9n\u00e9rale du travail (CGT) vor 50 Jahren rund 2,3 Millionen Arbeiter*innen organisierte, ist diese heute auf weniger als 700.000 geschrumpft. Es ist fast schon m\u00fc\u00dfig zu erw\u00e4hnen, dass ihre gro\u00dfe Schwester, die Kommunistische Partei, seit dieser Zeit vollkommen untergegangen ist. Nicht, dass wir die verr\u00e4terische Rolle beider (damals strikt stalinistischer) Organisationen von damals vergessen h\u00e4tten, als sie die Studierenden denunzierten und als \u201ckleinb\u00fcrgerlich\u201d abtaten \u2014 historische Tatsache ist aber auch, dass es ihre Basis war, welche das Herz der Streikbewegung ausmachte. Erinnert sei an die gro\u00dfen Renault-Werke in Boulogne-Billancourt, wo es 30.000 Arbeiter*innen an einem Industriestandort gab, die unter der Hegemonie der CGT standen. Dort begann die Bewegung der Arbeiter*innen.<\/p>\n<p>Der schw\u00e4chere Organisationsgrad hat auch damit zu tun, dass in der Zwischenzeit wichtige Industriezweige privatisiert wurden, in denen prek\u00e4re Arbeitsbedingungen herrschen, welche die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter*innen erschweren. In diesem Sinne erscheint der Kampf um die SNCF als ein\u00a0<em>defensiver<\/em>\u00a0um eine der letzten Bastionen der Arbeiter*innenklasse neben dem Metall- und Chemiesektor. Macron will mit den Angriffen auf die Eisenbahnarbeiter*innen und die Studierenden sicherstellen, dass es keinerlei Mobilisierungspotenziale mehr in genau jenen beiden Sektoren gibt, die in der Vergangenheit die Avantgarde der sozialen Bewegungen waren. Indem er beide Angriffe aber gleichzeitig ausf\u00fchrt, provoziert er gerade die Einheit unter ihnen.<\/p>\n<p>Doch selbst beide Sektoren zusammen werden nicht in der Lage sein, die Angriffe abzuwehren. Das liegt einerseits an der bereits skizzierten Streiktaktik und andererseits an der enormen Repression gegen die Studierenden. Und in diesem Sinne erscheint der Mai \u201968 vor allem als eines: Als Hoffnung auf eine Ausbreitung und damit Verst\u00e4rkung der Streikfront. Die Arbeiter*innen wissen um den Grad der Herausforderung, vor der sie stehen, deshalb werden unter ihnen die Stimmen laut, dass verschiedene Streiks wie bei der Air France, der Supermarktkette Carrefour oder der M\u00fcllentsorgung zusammengef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Als Schl\u00fcssel f\u00fcr die Zusammenf\u00fchrung der Streiks kommt jedoch der \u00f6ffentliche Dienst infrage, der im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit \u00fcber zehn Jahren streikte und in der Lage ist, Hunderttausende auf die Stra\u00dfen zu bringen.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund, dass Macron langfristig in diesem Sektor 120.000 Stellen streichen will, erscheint es unverst\u00e4ndlich, warum die Gewerkschaften erst f\u00fcr den 22. Mai zu Mobilisierungen aufrufen. Die CGT verfolgt dabei eine Taktik, welche die Mobilisierungen in die L\u00e4nge zieht und voneinander trennt. Das ist nicht nur der \u201eklassischen\u201d Angst seitens der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie geschuldet, die Kontrolle \u00fcber die Streiks zu verlieren, sondern auch der Tatsache, dass sie seitens der Conf\u00e9d\u00e9ration fran\u00e7aise d\u00e9mocratique du travail (CFDT), dem heute gr\u00f6\u00dften Gewerkschaftsverband in Frankreich, von rechts massiv unter Druck gesetzt wird. Im Gegensatz zu 1968 haben es die Besch\u00e4ftigten bisher noch nicht geschafft, die Gewerkschaften so stark unter Druck zu setzen, dass sie als Einheit in der Streikfront agieren. W\u00e4hrend der Generalstreik vom 13. Mai 1968 (auch zum Protest gegen den zehnten Jahrestag des bonapartistischen Putsches von Charles de Gaulle) aus Solidarit\u00e4t mit den Studierenden und gegen die Polizeigewalt in den vorherigen Barrikadenn\u00e4chten von Paris auch von der CFDT unterst\u00fctzt wurde, ist heute ein solcher Aufruf geradezu unvorstellbar. Der syndikalistische Kampf soll strikt vom politischen Kampf getrennt bleiben.<\/p>\n<p>Heute ist es die CFDT, deren Generalsekret\u00e4r Laurent Berger eine Marionette der Regierung geworden ist, die diese Trennung mit gro\u00dfem Eifer voranbringt. Unterst\u00fctzt durch die b\u00fcrgerlichen Medien, welche Einheit der Gewerkschaften durchbrechen und die CGT isolieren wollen, reiht sich Berger in das Lager des Kapitals ein, indem er den Aktionstag am 19. April, der verschiedene Berufszweige erfassen soll und von der CGT lanciert wurde, ablehnt. Auf den Generalsekret\u00e4r der CGT angesprochen sagte er:<\/p>\n<p><em>\u201eWas ist das Ziel von Martinez? Macron st\u00fcrzen? Das ist eine Sackgasse. Was bringt das den Besch\u00e4ftigten? Die CGT f\u00e4llt in die Falle der frontalen Opposition und am Ende sehen wir dann, wer gewinnt. Die Zusammenf\u00fchrung der K\u00e4mpfe ist ein politischer Kampf. Es ist nicht Aufgabe der Gewerkschaften, einen solchen Kampf zu f\u00fchren. Wir m\u00fcssen einen gewerkschaftlichen Kampf f\u00fchren, der den Arbeiter*innen konkrete Ergebnisse bringt.\u201d<\/em><\/p>\n<p>Mit dieser Logik k\u00f6nnen die Streiks auch gleich eingestellt werden. F\u00fcr die streikenden Arbeiter*innen der SNCF, die fast auf die H\u00e4lfte ihres Monatsgehalts verzichten m\u00fcssen, bedeutet das, dass sie zwar gro\u00dfe Opfer bringen, am Ende aber mit leeren H\u00e4nden dastehen. Dabei gibt es gerade diese k\u00fcnstliche Trennung nicht. Vielmehr muss festgestellt werden, wie Lenin sagt:<\/p>\n<p><em>Was aber ist Klassenkampf? Wenn die Arbeiter einer einzelnen Fabrik, eines einzelnen Berufs den Kampf gegen ihren Unternehmer oder gegen ihre Unternehmer aufnehmen, ist das Klassenkampf? Nein, das sind erst schwache Ans\u00e4tze dazu. Der Kampf der Arbeiter wird erst dann zum Klassenkampf, wenn alle fortschrittlichen Vertreter der gesamten Arbeiterklasse des ganzen Landes sich bewu\u00dft werden, eine einheitliche Arbeiterklasse zu sein, und den Kampf nicht gegen einzelne Unternehmer, sondern gegen die ganze Klasse der Kapitalisten und gegen die diese Klasse unterst\u00fctzende Regierung aufnehmen. Erst dann, wenn der einzelne Arbeiter sich bewu\u00dft ist, ein Teil der ganzen Arbeiterklasse zu sein, wenn er in seinem tagt\u00e4glichen Kleinkampf gegen einzelne Unternehmer und einzelne Beamte den Kampf gegen die ganze Bourgeoisie und gegen die ganze Regierung sieht, erst dann wird sein Kampf zum Klassenkampf. \u201aJeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf\u2019\u2014 diese ber\u00fchmten Worte von Marx d\u00fcrfen nicht in dem Sinne verstanden werden, jeder Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer w\u00e4re stets ein politischer Kampf. Sie m\u00fcssen so verstanden werden, da\u00df der Kampf der Arbeiter gegen die Kapitalisten notwendigerweise in dem Ma\u00dfe politischer Kampf wird, als er zum Klassenkampf wird.<\/em><\/p>\n<p>Es ist jetzt an der Zeit, dass nicht nur die Gewerkschaften einheitlich agieren, sondern auch, dass sie einen Kampfplan durchsetzen, dessen Kern der unbegrenzte Streik sein muss. In diesem Sinne tragen die Eisenbahnarbeiter*innen von Paris Nord und Saint Lazare das Erbe des Mai \u201968 fort, als die oben genannten Sektoren ihre Streiks bewusst unlimitiert begannen und erst damit aufh\u00f6rten, als sie soziale Zugest\u00e4ndnisse sicher hatten. Mehr noch: Als am 26. Mai 1968 die Gewerkschaften mit den Unternehmen und der Regierung die ersten Verbesserungen abgemacht hatten, wurden diese prompt von den streikenden Arbeiter*innen abgelehnt, da die Beschl\u00fcsse ihnen nicht weit genug gingen. Darin zeigte sich die Kraft der Arbeiter*innen. Sie folgten nicht einem zahnlosen, vorhersehbaren Streikplan, sondern streikten so lange, wie sie selbst entschieden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/proteste-gegen-macron-ein-hauch-mai-68\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hovhannes Gevorkian. 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