{"id":3404,"date":"2018-04-18T09:28:21","date_gmt":"2018-04-18T07:28:21","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3404"},"modified":"2018-04-18T09:28:21","modified_gmt":"2018-04-18T07:28:21","slug":"arbeiterwiderstand-gegen-den-anschluss-1938","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3404","title":{"rendered":"Arbeiterwiderstand gegen den Anschluss 1938"},"content":{"rendered":"<p><em>Manfred Ecker.<\/em> <strong>Der \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an Deutschland am 12. M\u00e4rz 1938 ist eines der historisch pr\u00e4gendsten Ereignisse der Geschichte. Faschismus wurde damals und wird bis heute von den<!--more--> politischen Eliten verharmlost \u2013 ein wichtiger Grund f\u00fcr die Erfolge der FP\u00d6. Linke m\u00fcssen sich mit dem Widerstand von 1938 auseinandersetzen.<\/strong><\/p>\n<p>\u00d6sterreich steht nicht umsonst als ein Land der T\u00e4ter und Mitl\u00e4ufer da, in dem sich praktisch kein Widerstand regte, als die Truppen Nazideutschlands die Grenzen passierten und Hitler das Land annektierte. So gut wie unbekannt ist die Tatsache, dass die illegalen Organisationen der Arbeiterschaft Bundeskanzler Kurt Schuschnigg angeboten hatten, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu organisieren. Aber, wie Florian Wenninger in der Sendereihe Zeituhr 1938 auf Radio \u00d61 am 12. M\u00e4rz 2018 erkl\u00e4rte: \u201eAnders als man meinen k\u00f6nnte, war f\u00fcr Kurt Schuschnigg die Bedrohung aus dem Norden, die Bedrohung durch den Nationalsozialismus, immer noch das kleinere \u00dcbel, verglichen mit einem Ausgleich mit der heimischen Linken\u201c, die zu diesem Zeitpunkt im Untergrund ist.<\/p>\n<p><strong>Geschichtlicher Abriss<\/strong><\/p>\n<p>Der christlich-soziale Bundeskanzler Engelbert Dollfu\u00df l\u00f6ste im M\u00e4rz 1933 das Parlament auf, verbot die politische Opposition und zerschlug so die Demokratie in \u00d6sterreich. Sozialdemokraten, Kommunisten und Nationalsozialisten wurden in den Untergrund gedr\u00e4ngt, der Austrofaschismus genannte, klerikale Faschismus \u00f6sterreichischer Pr\u00e4gung kam an die Macht. Als paramilit\u00e4rischen Unterdr\u00fcckungsapparat setzte das Regime die Vaterl\u00e4ndische Front (zum Teil aus der Heimwehr hervorgegangen) ein, um jegliche Opposition zu unterdr\u00fccken. Dollfu\u00df provozierte ein Jahr lang gezielt einen B\u00fcrgerkrieg \u2013 mit dem sich im Untergrund weiter aktiven Schutzbund der sozialdemokratischen Partei \u2013 um die Arbeiterschaft endg\u00fcltig zu entwaffnen.<\/p>\n<p>Seit der \u00f6sterreichischen Revolution vom November 1918 hatten die \u00dcberbleibsel der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te eine bewaffnete Organisation zur Hand, die den Eliten ein Dorn im Auge waren und beseitigt werden sollten. Als am 12. Februar 1934 die Linzer Parteizentrale der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach Waffen durchsucht werden sollte, setzten sich die Schutzb\u00fcndler bewaffnet zur Wehr. Die Folge war der kurze und grausame \u00f6sterreichische B\u00fcrgerkrieg \u2013 auf Seiten der Arbeiterbewegung d\u00fcrfte es mindestens 800, vielleicht sogar \u00fcber 1.000 Tote gegeben haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Februark\u00e4mpfe wurde der Karl-Marx Hof von Armee und Polizei beschossen. Der Gemeindebau war ein Symbol des Roten Wiens. Foto: Verein zur Geschichte der Arbeiterbewegung<\/p>\n<p>Die illegale Bewegung der \u00f6sterreichischen Nazis (die anstelle des Hakenkreuzes die blaue Kornblume als Symbol verwendeten) ermordete im Juli 1934 den Diktator Dollfu\u00df bei einem ansonsten missgl\u00fcckten Putschversuch. Der Nachfolger wurde einer der Architekten des Austrofaschismus, Kurt Schuschnigg. Schuschnigg orientierte sich wie Dollfu\u00df am italienischen Faschismus, und versuchte sich dem Druck aus dem deutschen Reich mit Zugest\u00e4ndnissen zu entziehen. 1936 schloss die \u00f6sterreichische Regierung mit dem deutschen Reich das Juliabkommen ab, verpflichtete sich, Nationalsozialisten in die Regierung zu integrieren und lieferte schlie\u00dflich den Sicherheitsapparat im Februar 1938 an den Nationalsozialisten Arthur Sey\u00df-Inquart aus.<\/p>\n<p>Ab diesem Moment konnten \u00fcberall in \u00d6sterreich die Nazis wieder aufmarschieren, obwohl sie offiziell noch immer illegal waren. Die Kommunisten und Sozialdemokraten wurden weiterhin unterdr\u00fcckt. Am 9. M\u00e4rz rief Schuschnigg f\u00fcr den 13. M\u00e4rz zu einer Volksabstimmung \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit \u00d6sterreichs auf \u2013 wohl der einzige Akt des Widerstands gegen Hitler. Er wich allerdings bald vor dem Druck aus Deutschland zur\u00fcck, sagte die Volksabstimmung ab und trat schlie\u00dflich, kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, als Kanzler zur\u00fcck. Die deutsche Wehrmacht traf auf keinerlei Widerstand, die \u00f6sterreichischen Truppen wurden extra von den Grenzen abgezogen. Schuschnigg wollte kein \u201edeutsches Blut\u201c vergie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Die Revolution\u00e4ren Sozialisten<\/strong><\/p>\n<p>Die F\u00fchrung der Sozialdemokratie (SDAP) war nach dem Februar 1934 in den Augen der Basis so v\u00f6llig diskreditiert, dass ein F\u00fchrungszirkel die Partei offiziell aufl\u00f6ste, um sie als Revolution\u00e4re Sozialisten neu zu gr\u00fcnden. Sie hatten mehr als zehn Jahre lang ihre Basis von radikalen Aktivit\u00e4ten zur\u00fcckhalten k\u00f6nnen \u2013 mit einer Mischung aus radikaler Rhetorik und permanentem Zur\u00fcckweichen in der Praxis. Die Selbstaufl\u00f6sung erfolgte, nachdem bei Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs im Februar 1934 den Schutzb\u00fcndlern die Waffen nicht wie versprochen ausgeh\u00e4ndigt wurden und das v\u00f6llige Scheitern der Hinhaltetaktik der sozialdemokratischen F\u00fchrung offenbar wurde. Die sozialdemokratischen \u201eFreien Gewerkschaften\u201c mussten fortan aus dem Untergrund agieren, w\u00e4hrend das faschistische Regime einen Gewerkschaftsersatz mit von oben ernannten Vertrauensleuten installierte.<\/p>\n<p>Ein illegales Flugblatt der Revolution\u00e4ren Sozialisten kurz nach dem Anschluss. Foto: Verein zur Geschichte der Arbeiterbewegung<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung der Revolution\u00e4ren Sozialisten (RS) rissen 1935 zwei gestandene Radikale aus der Basis an sich, Joseph Buttinger und Josef Podlipnig. Sie sorgten daf\u00fcr, dass die illegale Arbeit professionalisiert wurde, dass im Untergrund die Arbeiterzeitung weiter produziert und unter Mitgliedern verteilt wurde und schufen ein Netzwerk von Untergrundaktivist_innen. Sie beendeten auch die Vers\u00f6hnlerei zwischen ehemaligen Gewerkschaftsleuten und der gelben Gewerkschaft des Regimes. Buttinger schrieb in Das Ende der Massenpartei: \u201eWenn die Einsetzung eines Gewerkschaftssekret\u00e4rs nicht durch Druck von unten zustande kam, dann hingen diese Funktion\u00e4re trotz der sch\u00f6nsten Vereinbarungen mit dem Regime politisch in der Luft.\u201c<\/p>\n<p><strong>Schuschniggs Wahl<\/strong><\/p>\n<p>Der R\u00fcckhalt f\u00fcr die RS unter den Arbeitern war so stark, dass Schuschnigg nur die Wahl hatte, entweder den Parteien der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaft ihre Freiheit zur\u00fcckzugeben und mit ihrer Hilfe die Nazis zu bek\u00e4mpfen, oder vor Hitler zu kapitulieren. Buttinger hatte keinerlei Zweifel daran, wie sich Schuschnigg entscheiden w\u00fcrde, war doch der ideologische Kern seines Regimes die unvers\u00f6hnliche Feindschaft gegen die Arbeiter_innenbewegung. Er hatte nicht nur keine Illusionen in Schuschnigg, er war sich auch sicher, dass die Volksabstimmung \u2013 von der erwartet wurde, dass sie f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit ausgegangen w\u00e4re \u2013 Hitler nicht von einem Einmarsch abgehalten h\u00e4tte. Die Annexion \u00d6sterreichs war l\u00e4ngst beschlossene Sache, umso mehr als die Westm\u00e4chte Gro\u00dfbritannien und Frankreich deutlich gemacht hatten, dass sie \u00d6sterreich nicht beistehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Schuschnigg dagegen verhinderte, dass die illegalen Gewerkschaften den Belegschaften eine Resolution zur Unterschrift vorlegten, die sich vehement gegen einen Anschluss stemmte. Offenbar schrie er Bundespr\u00e4sident Miklas an: \u201eHaben sie nicht geh\u00f6rt, was f\u00fcr ein Unfug mit der Resolution des Gewerkschaftsbundes getrieben wird? Die einen streichen \u201achristlich\u2018, die anderen \u201ast\u00e4ndisch\u2018, die dritten \u201adeutsch\u2018. Was die eigentlich glauben, sich herausnehmen zu k\u00f6nnen? Da haben sie doch den Beweis, dass mit diesen Leuten nichts zu machen ist!\u201c<\/p>\n<p>(Bundespr\u00e4sident Miklas meinte, so wie der Wiener B\u00fcrgermeister Schmitz, dass ohne Arbeiter_innen \u00d6sterreich nicht zu verteidigen sei.)<\/p>\n<p><strong>Echter Antifaschismus<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4tte es f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis \u00d6sterreichs und f\u00fcr die Nachkriegspolitik einen Unterschied gemacht, wenn die Volksabstimmung nicht abgesagt worden w\u00e4re, aber die Nazis h\u00e4tten wohl nur aufgehalten werden k\u00f6nnen, h\u00e4tten die Arbeiter_innen die \u00f6sterreichische Nazibewegung auf der Stra\u00dfe und in den Betrieben zerschlagen. Die Nazis marschierten seit dem Berchtesgadener Treffen zwischen Hitler und Schuschnigg praktisch t\u00e4glich auf. Buttinger schrieb: Nicht die Abstimmung, die Schuschnigg mit Hilfe der Arbeiter gewinnen werde, \u201esondern nur ein radikaler freiheitlicher Vernichtungskampf gegen den Nationalfaschismus kann die Unabh\u00e4ngigkeit \u00d6sterreichs retten.\u201c Das st\u00e4ndige Zur\u00fcckweichen vor den Nazis gab ihren Anh\u00e4ngern Siegesgewissheit und trieb ihnen t\u00e4glich neue Anh\u00e4nger zu.<\/p>\n<p>Man h\u00e4tte deshalb die Nazidemonstrationen auf den Stra\u00dfen zerschlagen m\u00fcssen, ihre Mitglieder in den Betrieben blo\u00dfstellen und isolieren, das h\u00e4tte Hitlers \u00f6sterreichische Basis zerst\u00f6rt. Dieser antifaschistische Abwehrkampf w\u00e4re nur m\u00f6glich gewesen, wenn die Arbeiterbewegung wieder ihre Bewegungsfreiheit gehabt h\u00e4tte. Noch einmal Buttinger: Es h\u00e4tte in \u00d6sterreich eine gro\u00dfe Mehrheit gegen den Nationalsozialismus gegeben, aber Schuschnigg konnte \u201evon den politischen M\u00f6glichkeiten, die in dieser Tatsache liegen, keinen Gebrauch machen\u201c. Er musste die \u201eMassenmobilisierung verhindern, weil er in einem wahren Freiheitskampf selbst unvermeidlich unter die R\u00e4der kommt.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/arbeiterwiderstand-gegen-den-anschluss-1938\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred Ecker. Der \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an Deutschland am 12. M\u00e4rz 1938 ist eines der historisch pr\u00e4gendsten Ereignisse der Geschichte. 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