{"id":3414,"date":"2018-04-21T08:10:44","date_gmt":"2018-04-21T06:10:44","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3414"},"modified":"2018-04-21T08:10:44","modified_gmt":"2018-04-21T06:10:44","slug":"die-68er-bewegung-und-ein-sehr-moderner-zuercher-professor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3414","title":{"rendered":"Die 68er-Bewegung und ein sehr moderner Z\u00fcrcher Professor"},"content":{"rendered":"<p><em>Klaus Klamm.<\/em> <strong>Wie der Z\u00fcrcher Historiker Philipp Sarasin die Arbeiter*innenklasse aus der j\u00fcngeren Geschichte verschwinden l\u00e4sst und dabei vor allem \u00fcber sich selber spricht.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Philipp Sarasin ist Professor f\u00fcr Geschichte der Neuzeit an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und als solcher weiss er selbstverst\u00e4ndlich zu allerhand Dingen Gewichtiges zu sagen. So hat er mehrere B\u00fccher zum franz\u00f6sischen Vieldenker Michel Foucault publiziert und gilt als profunder Kenner dessen Werks. Es w\u00e4re relativ unbedeutend und darum gut gewesen, wenn der umtriebige Professor einfach ein weiteres Buch seiner Reihe hinzugef\u00fcgt h\u00e4tte, auf dass es im Feuilleton wiederum gefeiert und verrissen h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Aber Philipp Sarasin ist eben auch Mitherausgeber von \u00abGeschichte der Gegenwart\u00bb, einem Onlinemagazin, das laut eigenen Angaben nach seiner Lancierung aus dem Stand \u00fcber 50&#8217;000 Aufrufe erzielt hat \u2013 also ein gewisses Publikum erreicht. Auf dieser Plattform werden immer wieder lesenswert die oftmals ziemlich irrigen Vorstellung in unserer Gesellschaft zurechtger\u00fcckt und bevorzugt der sogenannte Rechtspopulismus kritisiert. Das hat den Herausgeber*innen den eifernden Groll der versammelten rechten Presse bis hin zur ehrbaren NZZ eingebracht. Auf eben dieser Plattform will Sarasin nun\u00a0<a href=\"http:\/\/geschichtedergegenwart.ch\/1968-die-linke-und-die-arbeiterklasse\/\">in einem Artikel<\/a>\u00a0auch einige vermeintliche Fehlannahmen \u00fcber die \u00ab68er\u00bb und die Arbeiter*innenklasse \u2013 die er ebenfalls nur in Anf\u00fchrungszeichen auftreten l\u00e4sst \u2013 berichtigen. Dabei lernt man leider ziemlich wenig \u00fcber den Gegenstand, aber daf\u00fcr einiges \u00fcber interessengeleitete Missverst\u00e4ndnisse.<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u00abTraditionelle\u00bb Arbeiter*innen und die Ausbeutung aller<\/strong><\/p>\n<p>Um zu verstehen, worum es Sarasin geht, muss man seinen Text vom Fazit her lesen: Die Linke habe keine moralische Schuld daran, dass sich einige Teile des Proletariats den rechten Parteien wie der AfD oder dem Front National an den Hals werfen w\u00fcrden. Und sie d\u00fcrfe nicht den Fehler machen, den \u00abtraditionellen\u00bb Arbeiter oder die \u00abNation\u00bb wiederentdecken zu wollen, sondern m\u00fcsse \u00abdie Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungserfahrungen\u00a0<em>aller<\/em>\u00a0Teile der Gesellschaft artikulieren\u00bb, so Sarasin. Das Unterfangen scheint also l\u00f6blich: Die Linke soll gegen einen unsinnigen Vorwurf verteidigt und zugleich vor politischen Irrwegen bewahrt werden. Tats\u00e4chlich gibt es kein \u00abmoralisches Versagen\u00bb und die Abkehr jener Teile der Linken, die sich vormals an der Arbeiter*innenklasse orientiert hatten, ist vorrangig in den ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Bedingungen zu suchen und nicht in einem selbstverschuldeten Unverm\u00f6gen: Nachdem \u00fcber viele Jahrzehnte die Gewerkschaften und die politischen Parteien der Arbeiter*innenbewegung sukzessive politisch anerkannt und integriert worden waren, stieg nach dem Zweiten Weltkrieg das Lebensniveau der Proletarisierten. Die einst mal klar erkennbaren und tendenziell um die Fabriken zentrierten Arbeiter*innenmilieus begann sich in eine recht eindimensionale Gesellschaft aufzul\u00f6sen, die gesellschaftlich klar erkennbaren Konfliktlinien entlang der Klassen bekamen einen anderen Verlauf. Dazu kam, dass die Linke dann im Zuge der Krise nach 1973 und den folgenden Angriffen den Kampf um ihr sozial-\u00f6konomisches Programm weitgehend verlor und sich zunehmend auf anderen Terrains gegen\u00fcber der politischen Konkurrenz profilieren musste: Die geschichtliche Tendenz f\u00fchrte weg vom linken Fokus auf Arbeiter*innen, hin zu einer liberalen und diversen Gesellschaft, wenn gleich nat\u00fcrlich strategische Entscheidungen auch anders h\u00e4tten gef\u00e4llt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Befund von Sarasin ist also im Grossen und Ganzen richtig, auch wenn er verschiedene Begr\u00fcndungsebenen f\u00fcr den beschriebenen Entwicklungsgang Purzelb\u00e4ume schlagen l\u00e4sst: So werden die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, die Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses und das Auftreten neuer linker Akteur*innen additiv dargestellt, statt sie in ihrer hierarchischen Vermittlung zu fassen. Die technologische Revolution der 1970er spielt aber eben eine ganz andere Rolle im geschichtlichen Prozess als etwa der gesellschaftliche Diskurs \u00fcber die Umweltzerst\u00f6rung, den Sarasin als einen von f\u00fcnf Gr\u00fcnden behandelt.<\/p>\n<p>Die ver\u00e4nderten Verh\u00e4ltnisse sind der Grund, warum man sich tats\u00e4chlich nicht an einem \u00fcberlieferten aber eben auch \u00fcberkommenen Bild der Arbeiter*in und der Arbeiter*innenklasse orientieren sollte. Sarasin nennt das den \u00abtraditionellen\u00bb Arbeiter. So weit, so gut. Dann geht aber der Gaul mit dem Historiker durch: Das Proletariat als \u00abKlasse\u00bb \u2013 nat\u00fcrlich begegnen wir hier wieder den vertrauten Anf\u00fchrungszeichen \u2013 l\u00f6ste sich auf, folgert er mit Verweis auf Andr\u00e9 Gorz\u2019 \u00abAbschied vom Proletariat\u00bb. Hier argumentiert Sarasin bereits anders: Es geht nicht mehr um die Abkehr vom Proletariat, sondern darum, dass sich dieses selber als Klasse aufl\u00f6st. Es geht also nicht einfach um eine Abkehr vom \u00abtraditionellen\u00bb Arbeiter, sondern darum sich von der Klasse \u00fcberhaupt zu verabschieden beziehungsweise im vorliegenden Falle den l\u00e4ngst vollzogenen Abschied zu zementieren.<\/p>\n<p>Darum entledigt sich Sarasin im Vorbeigehen auch noch eines Begriffs, der in der marxistisch orientierten Linken eine wichtige Rolle spielt: Die Ausbeutung. Wenn\u00a0<em>alle<\/em>\u00a0Teile der Gesellschaft \u2013 also vermutlich auch der Professor selbst \u2013 ausgebeutet werden, wie er schreibt, dann wird eigentlich niemand mehr richtig ausgebeutet. So verliert der Begriff seine Sch\u00e4rfe und vor allem seine Funktion f\u00fcr ein strukturiertes Verst\u00e4ndnis der kapitalistischen Gesellschaft. Diese beruht eben nach wie vor fundamental auf der Akkumulation von Kapital, also auf der Auspressung von Mehrwert aus den produktiven Arbeiter*innen, ob diese nun in der Fabrik, im Callcenter oder in einer der unz\u00e4hligen Dienstleistungsklitschen arbeiten. Hier r\u00e4cht sich Sarasins soziologischer Klassenbegriff. Klasse ist nicht einfach die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, sondern ein Begriff, der die Funktionsweise des Kapitalismus offenlegt: Ausbeutung, Akkumulation, Krise. Dies darf aber nat\u00fcrlich nicht heissen, dass man die Interessen und Unterdr\u00fcckungserfahrungen anderer subordinierter Teile der Gesellschaft nicht ernst nimmt oder sie als \u00abNebenwiderspruch\u00bb abtut \u2013 denn eine Gesellschaft in der alle nach ihren Bed\u00fcrfnissen und F\u00e4higkeiten leben k\u00f6nnen, ist nur zu realisieren, wenn gemeinsam alle Formen der Unterdr\u00fcckung \u00fcberwunden werden. Bloss haben Klasse und Ausbeutung einen anderen logischen Ort im Kapitalverh\u00e4ltnis als etwa Rassismus oder Sexismus, auch wenn in letzter Zeit mit dem Gerede vom \u00abKlassismus\u00bb die wichtige Differenz eingeebnet zu werden droht.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeiter*innenklasse: unwillig und ohnehin Schnee von gestern<\/strong><\/p>\n<p>Dass Philipp Sarasin Professor ist, ist hier \u2013 im Gegensatz zur vom antiintellektuellen Ressentiment getriebenen \u00abKritik\u00bb von Weltwoche und Konsorten \u2013 nicht von Belang, weil der Mann Geld bekommt, um \u00fcber Dinge nachzudenken. Es ist von Bedeutung, weil der nicht gerade aus proletarischen Verh\u00e4ltnissen stammende Historiker kurzerhand seine eigene soziale Position f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich nimmt und aus dieser Warte das Proletariat als Subjekt aus der j\u00fcngeren Geschichte verschwinden l\u00e4sst. Es tritt bei ihm heute h\u00f6chstens noch als Gruppe von Claqueuren der Rechten auf, was angesichts der W\u00e4hlerzusammensetzung von AfD, FP\u00d6 und auch der SVP tats\u00e4chlich in der Realit\u00e4t fundiert ist \u2013 aber eben nur die halbe Wahrheit.<\/p>\n<p>So wird bei Sarasin in der Retrospektive klar: Eigentlich waren die \u00abwirklichen Interessen\u00bb \u2013 wie er das nennt \u2013 der Arbeiter*innen schon immer notwendig immanent und das Potential, das Kommunist*innen und Anarchist*innen im Proletariat vermuteten, eine reine Fiktion. Der Geschichtsprofessor wendet hierbei ein paar ziemlich durchschaubare Tricks an: Er konzentriert sich zum einen auf Deutschland und l\u00e4sst den\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Autonomia\">heissen Herbst in Italien 1969 und die folgenden Jahre<\/a>\u00a0sowie den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd0508\/t300508.html\">Pariser Mai des Jahres 1968<\/a>\u00a0und seine Nachwirkungen \u2013 letzterer wird bloss in einem Nebensatz erw\u00e4hnt \u2013 unter den Tisch fallen; Frankreich und Italien sind beides L\u00e4nder, die riesige Bewegungen von recht \u00abtraditionellen\u00bb Arbeiter*innen auch und gerade gegen deren traditionelle Institution wie kommunistische Partei und Gewerkschaften gesehen haben. Und selbst in Deutschland l\u00e4sst Sarasin die recht\u00a0<a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1007\/t201007.html\">grosse Lehrlingsbewegung<\/a>verschwinden und erw\u00e4hnt auch die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/1969\/1969_02.html\">Septemberstreiks des Jahres 1969<\/a>\u00a0nicht. Sein Befund ist deshalb klar: In der gesellschaftlich relevanten Dimension seien die Ereignisse um das magische Jahr 1968 eigentlich kultureller Natur gewesen, der \u00abpolitisierte H\u00f6hepunkt der Kulturrevolution der 1960er Jahre\u00bb.<\/p>\n<p>Und wo es politisch wird? \u00abDie Arbeiterklasse will nicht\u00bb, lautet ein Zwischentitel von Sarasins kleiner Abrechnung eindeutig. Bloss das Denken der Neuen Linken sei auf die Arbeiter*innenklasse bezogen gewesen, diese selbst aber unwillig zur radikaleren gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung. In ihrer Zusammensetzung war die Bewegung vor allem \u00abein Aufstand von KopfarbeiterInnen gegen die veralteten Produktionsverh\u00e4ltnisse intellektueller T\u00e4tigkeit\u00bb, so der Historiker. Als Kronzeuge l\u00e4sst er Rudi Dutschke auftreten. Dieser soll nach seinen Zielen vor Ort gefragt, \u00abnicht zuletzt mit der Forderung nach einer anderen Organisation von Seminaren\u00bb geantwortet haben. Jener Rudi Dutschke, der \u2013 vermutlich auch \u00abnicht zuletzt\u00bb \u2013 das Modell einer R\u00e4terepublik Westberlin entworfen hatte, stammte aus einer proletarischen Familie. Das hat nicht als Adelstitel zu gelten, sondern ist darum von Belang, weil Dutschke proletarische Lebenserfahrung an die Universit\u00e4t mitbringt. Sarasin biegt sich hier nicht nur ein Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zum Seminar-Reformer zurecht, sondern stolpert \u00fcber die mit einigen traditionsbewussten Marxist*innen geteilte enge Fassung der Arbeiter*innenklasse: Es w\u00e4re eben gerade zu kl\u00e4ren, welche Ver\u00e4nderungen das Proletariat erfahren hat, das ab den 1960ern nicht nur teilweise Zugang zu den Hochschulen erhalten hatte, sondern auch auf etliche Jahre steigender Einkommen blicken konnte.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeit mit dem Kopf und die Bewegung im Handgemenge<\/strong><\/p>\n<p>Im Begriff der Kopfarbeiter*in scheint Sarasin kurz ein Interesse an der ver\u00e4nderten Klassenzusammensetzung aufblitzen zu lassen, um es dann in einem sp\u00f6ttischen R\u00fcckblick gleich wieder zu kassieren: \u00abDie \u2039Energie\u203a der Jugend- und Studentenrevolte sollte sich, so die Hoffnung, mit den \u2039objektiven\u203a Interessen der \u2039Arbeiterklasse\u203a verbinden und zur eigentlichen Revolution f\u00fchren, jene, die den \u2039b\u00fcrgerlichen Staat\u203a zerschlagen und in Verbindung mit den Befreiungsbewegungen im Weltmassstab \u2039siegen\u203a w\u00fcrde\u00bb, l\u00e4sst er die Leser*in an den Irrt\u00fcmern der 68er teilhaben. Wieder diese Anf\u00fchrungszeichen: Sie sollen hier die Begriffe dem Spott des geneigten Publikums Preis geben. Statt sich aber \u00fcber tats\u00e4chlich mehr als wacklige linke Konstruktionen wie \u00abobjektive Interessen\u00bb lustig zu machen (bei Sarasin gibt es dann die entgegengesetzten und ebenso fragw\u00fcrdigen \u00abwirklichen Interessen\u00bb) oder blankes Unverst\u00e4ndnis \u00fcber den Begriff des b\u00fcrgerlichen Staates zur Schau zu stellen, h\u00e4tte sich der Professor auch fragen k\u00f6nnen, was denn der Auftritt der Kopfarbeiter*innen f\u00fcr die Klassenzusammensetzung \u00fcberhaupt bedeutet. Stattdessen schliesst er deren Erscheinen mit der \u00abWissensgesellschaft\u00bb kurz, um \u00fcber den Kapitalismus und die Klassendimension nicht mehr sprechen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es ist von nicht wenigen Kopfarbeiter*innen der damaligen Zeit zu lernen, dass etwa das teleologische Geschichtsbild des traditionellen Marxismus oder die krude Behauptung, die Arbeiter*innenklasse sei ihrem Wesen nach revolution\u00e4r, nicht zu halten sind. Aber dass man zugleich das Potential des Proletariats nicht einfach wie Sarasin mit einem kleinen Taschenspielertrick aus der Welt schaffen kann.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, sondern entweder Unkenntnis oder interessengeleitete Unterlassung, dass jene keine Erw\u00e4hnung finden, die sich um 1968 der r\u00fccksichtslosen Reformulierung einer Theorie der Revolution \u2013 die zugleich Theorie der Klasse ist \u2013 widmeten und sich ins gesellschaftliche Handgemenge einmischten. Um nur ein paar Namen zu nennen:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.hjki.de\/\">Hans-J\u00fcrgen Krahl<\/a>, neben Rudi Dutschke eine der SDS-Gallionsfiguren, versuchte im Anschluss an die Kritische Theorie eine Rekonstruktion der Theorie der Revolution unter den Bedingungen eines fortgeschrittenen Kapitalismus.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.rote-ruhr-uni.com\/texte\/agnoli_interview.shtml\">Johannes Agnolis<\/a>\u00a0\u00abTransformation der Demokratie\u00bb war eine radikale Abrechnung mit dem modernen Parlamentarismus und wurde zur \u00abBibel\u00bb der damaligen Ausserparlamentarischen Opposition (APO). Agnolis Co-Autor\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Br%C3%BCckner\">Peter Br\u00fcckner<\/a>formulierte zeitgleich eine umfassende Sozialpsychologie des Kapitalismus, in der er sich mit den subjektiven Bedingungen von Zustimmung und Auflehnung befasste.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=C5PU0EASi_Q\">Herbert Marcuse<\/a>\u00a0schliesslich galt unter den Sp\u00e4tmarxisten am Frankfurter Institut f\u00fcr Sozialforschung als jener, der mit der Bewegung pers\u00f6nlich verbunden war. Er versuchte ebenfalls die Idee der Revolution zu reformulieren; ohne die Klasse zu verabschieden \u2013 was oftmals f\u00e4lschlich behauptet wird. Zudem gab es die Bem\u00fchungen etlicher Autor*innen aus der Vor- und Entstehungsgeschichte der Neuen Marx-Lekt\u00fcre, etwa die Klasse unter den ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Bedingungen zu fassen\u00a0<a href=\"http:\/\/www.prokla.de\/jahrgange\/46\/\">(zum Beispiel in den Prokla-Ausgaben der 1970er-Jahre)<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da Italien und Frankreich bei Sarasin schlicht keine Rolle spielen, sei nur am Rande darauf hingewiesen, dass in den beiden L\u00e4ndern zwei recht einflussreiche revolution\u00e4re Str\u00f6mungen mit Fokus auf die Proletarisierten in den Bewegungen um 1968 bedeutend wurden: der Operaismus in Italien und die Situationisten in Frankreich.<\/p>\n<p><strong>Der Richterspruch als Selbstkritik<\/strong><\/p>\n<p>Das waren nun alles nicht einfach isolierte Intellektuelle. Sie waren Teil einer Bewegung, die die Frage um\u2019s Ganze immerhin stellen wollte und in der auch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd0308\/t220308.html\">Teile des Proletariats eine wichtige Rolle spielten<\/a>. Wenn man aber die Arbeiter*innenklasse nur als das grosse historische Metasubjekt begreift, das es bei einigen Linken lange Zeit war und an deren Anspruch auch Sarasin die Proletarisierten zu messen scheint, dann wird man in der Retrospektive immer zum Schluss kommen, dass \u00abdie Arbeiterklasse\u00bb nicht wollte. Es sei denn, es klappt tats\u00e4chlich mal mit der sozialen Revolution. Aber dann stehen ohnehin andere Debatten an. Stattdessen w\u00e4re die Klasse gerade in ihrer empirischen Beschaffenheit ernst zu nehmen \u2013 was \u00fcbrigens auch vielen klassenorientierten Radikalen schwer f\u00e4llt \u2013 und zu untersuchen, welche Fraktionen, Bruchlinien und Interessen bestehen und welche Folgen das f\u00fcr den Versuch radikaler Umw\u00e4lzung bedeutet.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise sind die blinden Flecken einem interessierten Blick von Sarasin geschuldet. Vielleicht aber kennt er die genannten Str\u00f6mungen einfach nicht, der Mann ist schliesslich auch nur Professor. Als solcher kann er nicht alles wissen, auch wenn er zu allem was zu sagen hat. Folgerichtig verk\u00fcrzt er die Bewegung um 1968, nachdem er sie schon kunstvoll auf Deutschland eingeschr\u00e4nkt hat, auch noch auf ihren Bezug zu den antikolonialen Befreiungsbewegungen und auf ihr vermeintliches Bem\u00fchen, \u00abdie Kulturrevolution, die sich gerade ereignete, an den theoretischen Rahmen der Revolutionskonzepte von Marx, Lenin und Rosa Luxemburg zur\u00fcckzubinden.\u00bb Und so nimmt er dann folgerichtig den Zerfall der Bewegung und einiger ihrer Theoretiker zum\u00a0<a href=\"http:\/\/arranca.org\/ausgabe\/48\/maoismus-als-organisierungsmodell-der-westdeutschen-radikalen-linken\">K-Gruppen-Elend<\/a>\u00a0zum Anlass, um \u00fcber die fr\u00fchen und auch sp\u00e4teren Versuche der Kl\u00e4rung und des Ansturms in der Summe ein vernichtendes Urteil zu f\u00e4llen \u2013 zumindest aus Sicht einer radikalen Ver\u00e4nderung der Gesellschaft. N\u00e4her besehen ist das nun eigentlich gar nicht tragisch, sondern eher komisch, stellt sich das Urteil doch als eines \u00fcber Sarasin selbst heraus.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ajour-mag.ch\/purzelbaeume-im-handgemenge\/\">ajour-mag.ch&#8230;<\/a> vom 21. April 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Klamm. 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