{"id":3424,"date":"2018-04-23T08:54:13","date_gmt":"2018-04-23T06:54:13","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3424"},"modified":"2018-04-23T08:54:13","modified_gmt":"2018-04-23T06:54:13","slug":"syrien-blutbad-gegen-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3424","title":{"rendered":"Syrien: Blutbad gegen die Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger.<\/em> <strong>Wenn b\u00fcrgerliche Medien \u00fcber Syrien schreiben, besch\u00e4ftigen sie sich nur mit einem milit\u00e4rischen Konflikt. Verschwiegen wird die gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft der syrischen Revolution, n\u00e4mlich<!--more--> die \u201ebefreiten Zonen\u201c, welche ausschlie\u00dflich in Selbstverwaltung regiert werden.<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2011 ersch\u00fctterten Revolutionen den Nahen Osten. Millionen Menschen gingen gegen die herrschenden Diktaturen auf die Stra\u00dfe. Die Revolution gegen die Diktatur von Baschar al-Assad ging weiter: Der Diktator verlor die Kontrolle \u00fcber gro\u00dfe Teile des Landes.<\/p>\n<p><strong>Befreiten Zonen<\/strong><\/p>\n<p>In den \u201ebefreiten Zonen\u201c wurden Koordinierungsr\u00e4te gebildet (arabisch: tansiqiyyat). Diese Koordinierungsr\u00e4te entstanden \u201evon unten\u201c: Es waren die einfachen Menschen, die sie auf Eigeninitiative aufbauten. Angeh\u00f6rige unterschiedlicher religi\u00f6ser und ethnischer Gruppen waren in ihnen vertreten. Die Organisation geschah entlang von Stadtvierteln. Die R\u00e4te erf\u00fcllten zwei Funktionen: Sie organisierten Proteste gegen Assad und k\u00fcmmerten sich um die Versorgung der Bev\u00f6lkerung. Krankenh\u00e4user, Schulen, Frauenzentren, die Verpflegung mit Lebensmitteln \u2013 alles wurde in den \u201ebefreiten Zonen\u201c von den R\u00e4ten organisiert. Das politische und kulturelle Leben bl\u00fchte durch sie auf.<\/p>\n<p>Der syrische Sozialist und Revolution\u00e4r Ghayath Naisse sch\u00e4tzt, dass es 2012 weit \u00fcber 400 unterschiedliche Koordinierungsr\u00e4te gab. Die R\u00e4te waren die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr Assads Herrschaft. Gezielt bombardierten Assad und sein Verb\u00fcndeter Russland Schulen und Krankenh\u00e4user \u2013 die Einrichtungen der R\u00e4te in zivilen Wohngebieten weit abseits der Frontlinien. Alleine im Jahr 2018 wurden 18 Krankenh\u00e4user bombardiert! Das brutale Vorgehen f\u00fchrte dazu, dass heute neben den kurdischen Gebieten nur noch drei bedeutende befreite Zonen \u00fcberlebt haben, und zwar die Provinzen Daraa, Ghouta und Idlib.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke dieser R\u00e4te, n\u00e4mlich die Entstehung \u201evon unten\u201c, war zugleich auch eine ihrer Schw\u00e4chen, denn sie blieben gr\u00f6\u00dftenteils regional organisiert, ohne einen einheitlichen Ausdruck der Bewegung. Dies f\u00fchrte dazu, dass der notwendige bewaffnete Kampf gegen Assad von anderen Organisationen gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p><strong>Bewaffnete Gruppen<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt weit \u00fcber hundert Milizen in Syrien, zwei von ihnen sind besonders relevant. Die FSA (Freie Syrische Armee) entstand aus der Kooperation von desertierten syrischen Soldaten mit Zivilist_innen. Das Milit\u00e4rkommando der FSA war nicht mit der R\u00e4te-Bewegung verbunden. Manche FSA-Einheiten kooperieren mit den R\u00e4ten. Die FSA als einheitliche Armee gibt es nicht mehr, unterschiedliche Gruppen verwenden das Label.<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Gr\u00fcnden, beispielsweise finanzielle Unterst\u00fctzung aus den Golfstaaten oder Verzweiflung \u00fcber Assads Terror, wurden im Laufe des B\u00fcrgerkriegs islamistische Gruppierungen st\u00e4rker. Die m\u00e4chtigste unabh\u00e4ngige Rebellengruppe ist die al-Nusra-Front, ein Ableger von Al-Qaida, welche heute mit anderen islamistischen Organisationen das B\u00fcndnis Hay\u2019at Tahrir al-Sham (HTS), \u00fcbersetzt \u201eKomitee zur Befreiung der Levante\u201c, bildet. Das Verh\u00e4ltnis von HTS zu den Koordinierungsr\u00e4ten ist vielschichtig: In manchen Orten ermordeten sie die Vertreter_innen; in anderen \u00fcbernahm HTS zwar die milit\u00e4rische Verteidigung, lie\u00df die R\u00e4te aber die zivilen Angelegenheiten regeln.<\/p>\n<p><strong>Provinz Ghouta<\/strong><\/p>\n<p>Die Provinz Ghouta ist ein Vorort von Damaskus. Mehr als 400.000 Menschen leben hier. Es war eine der ersten Provinzen, die sich von Assads Herrschaft befreiten. Das bedeutete auch, die Schulen genauso wie die Krankenh\u00e4user wurden nicht mehr finanziert. Trotzdem gelingt es den R\u00e4ten seit sieben Jahren, die Infrastruktur am Laufen zu halten, und das trotz des Krieges gegen sie! Die Provinz ist der lebende Beweis, dass sich die Menschen in Syrien selbst regieren k\u00f6nnen. Deshalb setzte Assad schon im Jahr 2013 Giftgas (Sarin) in der Region ein. Am 13. J\u00e4nner 2018 kam es laut der NGO Syrians For Truth and Justice zu einem erneuten Giftgasangriff.<\/p>\n<p>Die Unt\u00e4tigkeit des Westens verpasste Assad einen Freifahrtschein f\u00fcr Kriegsverbrechen. Zwischen 4. und 9. Februar wurden laut UN 230 Personen durch Luftschl\u00e4ge ermordet. Zivilist_innen sind das Nummer 1 Angriffsziel der Luftwaffe, genauso \u00c4rzte, die versuchen zu helfen. Marwan Khoury, Vorstand der NGO BARADA Syrienhilfe e.V., erkl\u00e4rte in einem Interview: \u201eEs wird bombardiert und dann (mit Drohnen) beobachtet, wo die Verletzten hingebracht werden. Damit werden die Krankenh\u00e4user in der Gegend ausfindig gemacht und anschlie\u00dfend vernichtet\u201c. Die Region leidet au\u00dferdem unter Hunger, Assads Soldaten lassen keine Lebensmittel in die Provinz.<\/p>\n<p><strong>Kurdistan<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches (1918) wurde den Kurd_innen von den Kolonialherren (England und Frankreich) das Recht auf nationale Selbstbestimmung verweigert. Die Kurd_innen leben seitdem in unterschiedlichen Staaten; auch im Norden Syriens gibt es Gebiete, in denen Kurd_innen die Mehrheit stellen. Im Jahr 2004 kam es in der kurdisch gepr\u00e4gten Stadt Kamischli zu Massenprotesten gegen das Assad Regime. Die Proteste wurden niedergeschossen. Die Gr\u00fcndung der kurdischen YPG, \u00fcbersetzt \u201eVolksverteidigungseinheiten\u201c, war eine Reaktion auf diese Gewalt. Die YPG steht der Widerstandsgruppe PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) nahe.<\/p>\n<p>Ein langfristiges B\u00fcndnis zwischen FSA und YPG w\u00e4re m\u00f6glich gewesen. 2014 k\u00e4mpften die beiden Organisation in manchen Regionen gemeinsam gegen ISIS. Das B\u00fcndnis zerbrach jedoch bald wieder. \u00a9 rojavareport.wordpress.com<\/p>\n<p>Im Zuge der syrischen Revolution gingen auch in den kurdisch gepr\u00e4gten Regionen Hunderttausende auf die Stra\u00dfe. Assad musste seine Truppen aus den Gebieten abziehen, und die YPG \u00fcbernahm die Kontrolle. Sie verfolgt das Ziel, in den kurdischen Gebieten, bekannt als Rojava, einen eigenen Staat zu errichten. Die syrische Opposition beging den Fehler, die Autonomie nicht zu unterst\u00fctzen. Im Jahr 2013 wurde die YPG aus dem syrischen Nationalrat, der eng mit Teilen der FSA zusammenarbeitete, ausgeschlossen. Dies geschah auf Bestreben der T\u00fcrkei. Seitdem ist die YPG zu einem r\u00fccksichtslosen Pragmatismus gezwungen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2016 besetzte die YPG die Castello Road, welche nach Aleppo f\u00fchrt. So versuchte sie die Provinz Afrin mit dem im Osten gelegenen Teil von Rojava zu verbinden. Das half Assad dabei, Aleppo auszuhungern, und machte die YPG sehr unbeliebt. Der syrische Revolution\u00e4r Yassin-Kassab fasst die Lage in seinem Buch Burning Country zusammen: \u201eEs geht zu weit die YPG als Agenten des Regimes zu bezeichnen. Vielmehr verwendet sie einen r\u00fccksichtslosen Pragmatismus. Die Kooperation mit dem Regime hat kurdische Gebiete vor Bombardierung gesch\u00fctzt. Die Skepsis der YPG gegen\u00fcber der arabischen Opposition ist gerechtfertigt, solange sich die Opposition weigert den Kurd_innen Autonomie zu garantieren\u201c.<\/p>\n<p><strong>Erdogan n\u00fctzt Spaltung<\/strong><\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan will einen kurdischen Staat an der Grenze zur T\u00fcrkei verhindern. Durch die Operation \u201eEuphrat Schild\u201c im Jahr 2017 wurde der Zusammenschluss von Afrin mit dem Rest von Rojava verhindert. Am 20. J\u00e4nner 2018 begann die t\u00fcrkische Invasion in der Provinz Afrin. Afrin grenzt an die \u201ebefreite Zone\u201c Idlib. \u00dcberreste der FSA k\u00e4mpfen auf Seiten Erdogans gegen die YPG, anstatt Idlib gegen Assad zu verteidigen. Sie hoffen darauf, dass Erdogan sie nach dem Erfolg in Afrin gegen Assad und Russland verteidigen oder zumindest bewaffnen wird. Eine falsche Hoffnung.<\/p>\n<p>Ende Dezember 2017 berieten Russland, Iran und die T\u00fcrkei \u00fcber die Zukunft Syriens. Die Tatsache, dass Russland einhundert Milit\u00e4rpolizisten aus Afrin abzog, als die t\u00fcrkische Invasion begann, deutet darauf hin, dass es einen Deal zwischen Russland und der T\u00fcrkei gibt. Dieser k\u00f6nnte in etwa so lauten: Die T\u00fcrkei darf Afrin erobern und Russland greift nicht ein, daf\u00fcr bekommt Assad die Provinz Idlib.<\/p>\n<p><strong>Erfolgreicher Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>Erfreulicherweise verzeichneten bis Mitte Februar weder Assad noch Erdogan durchschlagende Erfolge. Der Widerstand der YPG brachte die t\u00fcrkische Offensive schon kurz hinter der syrischen Grenze zum Halten. Die T\u00fcrkei erlitt schwere Verluste. Auch Assads Offensive in Idlib kam kaum voran. Am 4. Februar gelang es der HTS erstmals, ein russisches Flugzeug abzuschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Was als Revolution anfing, verwandelte sich in ein imperialistisches Schachspiel um Machtausbau, mit Millionen Menschenleben als Spielfiguren. Doch trotz des Krieges existieren die R\u00e4te und die \u201ebefreiten Zonen\u201c noch immer! Ghayath Naisse stellte in einem Interview mit der Neuen Linkswende 2016 fest: \u201eFl\u00fcchtlinge sind die Zukunft der syrischen Revolution.\u201c Wenn wir die syrische Revolution in \u00d6sterreich unterst\u00fctzen wollen, m\u00fcssen wir uns zumindest mit allen Menschen, die vor der Brutalit\u00e4t Assads fliehen, solidarisch zeigen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/linkswende.org\/syrien-blutbad-gegen-die-revolution\/\">linkswende.org&#8230;<\/a> vom 23. April 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. Wenn b\u00fcrgerliche Medien \u00fcber Syrien schreiben, besch\u00e4ftigen sie sich nur mit einem milit\u00e4rischen Konflikt. 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