{"id":3432,"date":"2018-04-25T17:28:03","date_gmt":"2018-04-25T15:28:03","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3432"},"modified":"2018-04-25T17:28:03","modified_gmt":"2018-04-25T15:28:03","slug":"das-blutbad-im-gazastreifen-und-die-krise-israels-am-70-jahrestag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3432","title":{"rendered":"Das Blutbad im Gazastreifen und die Krise Israels am 70. Jahrestag"},"content":{"rendered":"<p><em>Bill Van Auken.<\/em> Die Zahl der unbewaffneten Demonstranten im Gazastreifen, die von Scharfsch\u00fctzen der israelischen Armee erschossen wurden, ist auf mindestens 40 angestiegen. Weitere<!--more--> 5.000 wurden verwundet, 1.600 davon durch scharfe Munition.<\/p>\n<p>Das anhaltende Massaker an der stark militarisierten Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel ist ein kalkuliertes und vors\u00e4tzliches Kriegsverbrechen der israelischen Regierung, das sie mit Unterst\u00fctzung Washingtons ver\u00fcbt.<\/p>\n<p>Mit dem Tod von zwei Demonstranten, die zuvor schwere Schusswunden erlitten hatten, stieg die Zahl der Todesopfer unter den unbewaffneten Pal\u00e4stinensern, die seit dem 30. M\u00e4rz am \u201eGro\u00dfen Marsch der R\u00fcckkehr\u201c teilnehmen, auf mindestens 40.<\/p>\n<p>Einer von beiden war der taube achtzehnj\u00e4hrige Tahrir Mahmud Wahba. Zehn Tage rang er mit dem Tod, nachdem er w\u00e4hrend der Massenproteste am 13. April von einem israelischen Scharfsch\u00fctzen in den Kopf getroffen worden war. Der zwanzigj\u00e4hrige Muhammad al-Shamali starb in der Nacht von Sonntag auf Montag an Wunden, die er w\u00e4hrend der Demonstration am letzten Freitag erlitten hatte.<\/p>\n<p>Vor den j\u00fcngsten Todesf\u00e4llen waren letzten Freitag vier Demonstranten im Gazastreifen erschossen worden, darunter der vierzehnj\u00e4hrige Mohammed Ibrahim Ayub.<\/p>\n<p>Zu den Todesopfern kommen etwa 5.000 Pal\u00e4stinenser, die durch scharfe Munition, Gummigeschosse und Gas verwundet wurden. 1.600 von ihnen wurden durch scharfe Munition verletzt, viele davon werden f\u00fcr den Rest ihres Lebens Behinderungen davontragen.<\/p>\n<p>Die Israelischen Verteidigungskr\u00e4fte (IDF) sind mit v\u00f6llig unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger und \u00e4u\u00dferst t\u00f6dlicher Gewalt gegen zehntausende Bewohner des Gazastreifens vorgegangen, die sich am Freitag am israelischen Grenzzaun versammelten. Der Anweisung zum Schusswaffengebrauch liegt keine unmittelbare Gefahr f\u00fcr die Sicherheit Israels zugrunde. Vielmehr soll die Forderung der Demonstranten, die an die Existenz des zionistischen Staats r\u00fchrt, unterdr\u00fcckt werden. Die Bewohner Gazas fordern ihr \u2013 vom V\u00f6lkerrecht anerkanntes und durch UN-Resolutionen best\u00e4tigtes \u2013 Recht ein, dass pal\u00e4stinensische Fl\u00fcchtlinge, einschlie\u00dflich ihrer Nachkommen, in ihre H\u00e4user und D\u00f6rfer zur\u00fcckzukehren, aus denen sie vor 70 Jahren gewaltsam vertrieben wurden.<\/p>\n<p>Das Bemerkenswerteste an den Demonstrationen im Gazastreifen ist die v\u00f6llige Gleichg\u00fcltigkeit der westlichen Regierungen und ihrer Schreiberlinge in den Mainstreammedien gegen\u00fcber den Bildern von unbewaffneten Demonstranten, die trotz st\u00e4ndigen Beschusses ihre Rechte einfordern und gegen die entsetzlichen Lebensbedingungen im Gazastreifen protestieren, der zurecht das gr\u00f6\u00dfte Freiluftgef\u00e4ngnis der Welt genannt wird.<\/p>\n<p>Man kann sich die Reaktion gut vorstellen, wenn sich \u00e4hnliche Szenen in Russland, China, Syrien, dem Iran, Nordkorea oder Venezuela ereignet h\u00e4tten. Nikki Haley w\u00fcrde ihren Sitz im UN-Sicherheitsrat benutzen, um diese \u201eGr\u00e4ueltaten\u201c auf sch\u00e4rfste zu verurteilen, mit einer milit\u00e4rischen Reaktion zu drohen und scheinheilig von \u201eMenschenrechten\u201c zu reden. Die Todesopfer w\u00fcrden die Titelseiten aller Zeitungen beherrschen und w\u00e4ren das Top-Thema in allen Nachrichtensendungen.<\/p>\n<p>Doch auf die Ereignisse im Gazastreifen reagieren sie mit Unterst\u00fctzung, Gleichg\u00fcltigkeit oder Schweigen. Letzten Freitag verweigerten Vertreter des US-Au\u00dfenministeriums w\u00e4hrend einer Pressekonferenz zur Ver\u00f6ffentlichung ihres j\u00fcngsten globalen Menschenrechtsberichts mehrfach eine Antwort auf Fragen zu dem Blutbad im Gazastreifen. Der Bericht zu Israel erw\u00e4hnte mit keinem Wort die \u201ebesetzten Gebiete\u201c (wie die US-Regierungen den Gazastreifen, das Westjordanland und die Golanh\u00f6hen seit 1967 bezeichnen) und zeigte damit, dass Washington Israels koloniale Unterdr\u00fcckung und Annexion dieser Gebiete akzeptiert.<\/p>\n<p>Die US-Medien haben die diskreditierten L\u00fcgen \u00fcber einen Chemiewaffenangriff in Syrien unabl\u00e4ssig wiederholt und u.a. immer wieder ein (mittlerweile als inszenierter Schwindel entlarvtes) Video gezeigt, in dem Menschen in einem Krankenhaus mit Wasser bespritzt werden. Doch keines dieser Medien hielt es f\u00fcr notwendig, einen Reporter in die Krankenh\u00e4user im Gazastreifen zu schicken. Sie quillen \u00fcber vor Verwundeten, und aufgrund der Blockade der besetzten Gebiete durch Israel und \u00c4gypten ist selbst die grundlegendste medizinische Versorgung nicht gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit der amerikanischen Medien erhielt die oscargekr\u00f6nte Schauspielerin Natalie Portman, die sich weigerte, bei einer Preisverleihung in Israel aufzutreten. Am Wochenende erkl\u00e4rte sie in einer \u00f6ffentlichen Stellungnahme: \u201eIsrael wurde vor genau 70 Jahren als Zuflucht f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge des Holocaust gegr\u00fcndet. Doch die Gr\u00e4ueltaten, die heute begangen werden, widersprechen einfach meinen j\u00fcdischen Werten.\u201c<\/p>\n<p>Portman besitzt die amerikanische und israelische Staatsb\u00fcrgerschaft und ist keine Gegnerin des Zionismus. Dies macht ihre Reaktion auf das Gemetzel im Gazastreifen jedoch nur noch bedeutender. F\u00fchrende israelische Politiker reagierten b\u00f6sartig, bezeichneten sie als Handlangerin der Hamas und warfen ihr vor, ihr Verhalten grenze an Antisemitismus.<\/p>\n<p>Rachel Azaria, eine Knesset-Abgeordnete der Kulanu-Partei, die zu Benjamin Netanjahus rechter Regierungskoalition geh\u00f6rt, lieferte eine realistischere Einsch\u00e4tzung: \u201eNatalie Portmans Absage sollte uns eine Warnung sein. Sie ist v\u00f6llig auf unserer Seite, bekennt sich zu ihrem Judentum und ihrer israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft. Sie spricht aus, was viele amerikanische Juden, vor allem aus der j\u00fcngeren Generation, denken. Diese Anh\u00e4ngerschaft war immer ein wichtiger R\u00fcckhalt f\u00fcr den Staat Israel, und wir w\u00fcrden einen zu hohen Preis bezahlen, wenn wir sie verlieren.\u201c<\/p>\n<p>Sie sollten es tats\u00e4chlich als Warnung betrachten. Dem Schweigen der Medien und der Unterst\u00fctzung der US-Regierung zum Trotz ist die gro\u00dfe Masse der Weltbev\u00f6lkerung, darunter auch Millionen Juden in den USA, emp\u00f6rt und ersch\u00fcttert \u00fcber die Ereignisse an der Grenze zum Gazastreifen.<\/p>\n<p>Diese Morde sind keine Fehlentwicklung, sondern resultieren aus den b\u00f6sartigen Widerspr\u00fcchen, die dem Staat Israel und der zunehmenden Krise seiner Gesellschaft und Regierung zugrunde liegen. Ein Regime, das sich zu solchen Verbrechen getrieben sieht, ist im Kern instabil.<\/p>\n<p>Der 70. Jahrestag der Gr\u00fcndung von Israel ist nur noch wenige Wochen entfernt. Doch der zionistische Mythos, die Schaffung eines j\u00fcdischen Staates in Pal\u00e4stina &#8211; durch die Vertreibung einer dreiviertel Million Pal\u00e4stinenser aus ihrer Heimat &#8211; w\u00fcrde den Juden nach dem Grauen des Holocaust Frieden und Sicherheit garantieren, bricht zusammen.<\/p>\n<p>Das Morden an der Grenze zum Gazastreifen verdeutlicht auf schreckliche Weise, dass die pal\u00e4stinensische Frage nicht im Rahmen des bestehenden kapitalistischen Nationalstaatensystems gel\u00f6st werden kann. Sowohl die rechte Netanjahu-Regierung als auch der US-Imperialismus haben die sogenannte \u201eZweistaatenl\u00f6sung\u201c faktisch aufgegeben. Sie war schon immer eine politische Illusion, aber mittlerweile ist sie angesichts der st\u00e4ndig neuen israelischen Siedlungen und Sicherheitszonen im besetzten Westjordanland offenkundig unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Der \u201eMarsch der R\u00fcckkehr\u201c dr\u00fcckt auf seine Weise aus, dass die Pal\u00e4stinenser nicht mehr daran glauben, sie k\u00f6nnten mit der Schaffung eines geteilten Kleinstaates unter F\u00fchrung der korrupten pal\u00e4stinensischen Bourgeoisie ihre Rechte und Bestrebungen durchsetzen. Alle politischen Fraktionen, von den Kollaborateuren der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde unter Abbas bis hin zur b\u00fcrgerlich-islamistischen Hamas, sind diskreditiert.<\/p>\n<p>Der israelische Staat ist von grassierender Korruption und tiefgehenden sozialen Widerspr\u00fcchen geplagt. Deshalb sieht er sich zu noch st\u00e4rkerer Unterdr\u00fcckung und der Vorbereitung noch gef\u00e4hrlicherer Kriege gezwungen, vor allem gegen den Iran, die zu einem regionalen oder sogar globalen Fl\u00e4chenbrand f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unter den Staaten der Organisation f\u00fcr Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist Israel das Land mit der zweitst\u00e4rksten sozialen Ungleichheit, \u00fcbertroffen nur von den USA. Die Armutsquote liegt fast doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt, und sage und schreibe ein Drittel der Kinder im Land lebt in Armut. Am anderen Ende des sozialen Spektrums befindet sich eine kleine Schicht von Kr\u00f6sussen, die am Export des Landes riesige Verm\u00f6gen verdient haben und alle gro\u00dfen Parteien kontrollieren.<\/p>\n<p>Genau wie im Iran, in Tunesien und dem Rest der Region und der Welt f\u00fchren diese Bedingungen auch in Israel f\u00fcr das Wiederaufleben des Klassenkampfs. Letzten Dezember kam es zu Fabrikbesetzungen und Protesten der Arbeiter gegen Massenentlassungen bei Teva, dem weltweit gr\u00f6\u00dften Hersteller von Generika, sowie zu einem halbt\u00e4gigen Generalstreik in der Privatwirtschaft und dem \u00f6ffentlichen Dienst.<\/p>\n<p>In Israel ist, wie in allen anderen L\u00e4ndern auch, der Klassengegensatz die eigentliche Triebkraft der Entwicklung, nicht Hautfarbe, Religion oder Herkunft. 70 Jahre nach der Gr\u00fcndung des Staates Israel sind Blutvergie\u00dfen, Unterdr\u00fcckung, Reaktion und Krieg allt\u00e4gliche Realit\u00e4t. Der einzige Ausweg ist ein gemeinsamer Kampf der arabischen und j\u00fcdischen Arbeiter gegen den Kapitalismus, f\u00fcr den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft und die Abschaffung der irrationalen Staatsgrenzen, die die Region zerteilen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/04\/25\/pers-a25.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bill Van Auken. Die Zahl der unbewaffneten Demonstranten im Gazastreifen, die von Scharfsch\u00fctzen der israelischen Armee erschossen wurden, ist auf mindestens 40 angestiegen. Weitere<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7,5],"tags":[18,35,11,4,46,17,33],"class_list":["post-3432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-imperialismus","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-strategie","tag-usa","tag-widerstand","tag-zionismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3432"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3433,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3432\/revisions\/3433"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}