{"id":3439,"date":"2018-04-26T14:41:22","date_gmt":"2018-04-26T12:41:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3439"},"modified":"2018-04-26T14:41:22","modified_gmt":"2018-04-26T12:41:22","slug":"wir-gehoeren-nicht-zur-selben-menschenrasse-geblendet-in-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3439","title":{"rendered":"Wir geh\u00f6ren nicht zur selben Menschenrasse. Geblendet in Gaza"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Uri Avnery.<\/em> NOTIEREN SIE: Ich, Uri Avnery, Soldat Nummer 44410 der israelischen Armee, distanziere mich hiermit von den Scharfsch\u00fctzen der Armee, die unbewaffnete Demonstranten am Gazastreifen<!--more--> ermorden, ebenso von ihren Befehlshabern bis hinauf zum Oberbefehlshaber. Wir geh\u00f6ren nicht derselben Armee oder demselben Staat an. Wir geh\u00f6ren sogar kaum zur selben Menschenrasse.<\/p>\n<p>BEGEHT MEINE Regierung \u201eKriegsverbrechen\u201c \u00a0an der Grenze zum Gazastreifen? Ich wei\u00df es nicht. Ich bin kein Jurist. Die Beamten des Internationalen Strafgerichtshofes glauben anscheinend, dass das Handeln unserer Soldaten Kriegsverbrechen darstellten. Sie fordern eine internationale Untersuchung. Um das zu verhindern, bietet unser Armee-Kommando eine Untersuchung durch das israelische Milit\u00e4r an. Das ist offenkundig l\u00e4cherlich: eine Armee, die ihre eigenen, auf direkte Befehle des Stabschefs begangenen Taten untersucht. Wie zuvor \u00f6ffentlich bekannt gegeben, wurden entlang des Grenzzauns Scharfsch\u00fctzen postiert, die die \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer\u201c der unbewaffneten Demonstranten auf der anderen Seite des Zauns t\u00f6ten sollten. Die F\u00fchrung in Gaza hat angek\u00fcndigt, dass diese unbewaffneten Proteste bis zum Naqba-Gedenktag jede Woche nach dem Freitagsgebet stattfinden sollen. An den beiden ersten Freitagen erschossen die Scharfsch\u00fctzen 29 Unbewaffnete und verwundeten tausend. F\u00fcr mich ist das keine juristische Frage. Es ist ein Verbrechen, nicht nur an den unbewaffneten Demonstranten. Es ist auch ein Verbrechen am Staat Israel, an den Menschen Israels und an der israelischen Armee. Da ich am Tag ihrer Gr\u00fcndung der Armee angeh\u00f6rte, denke ich, dass es auch ein Verbrechen an meinen Kameraden und mir ist.<\/p>\n<p>IN DIESER Woche haben viele in Israel ein kurzes Video gesehen, das ein Soldat w\u00e4hrend einer solchen Aktion aufgenommen hat. Es zeigt die Aktion aus dem Blickwinkel eines Soldaten, der offensichtlich in der N\u00e4he eines Scharfsch\u00fctzen stand. Der Scharfsch\u00fctze sieht die Demonstranten aus einer Entfernung von Hunderten von Metern. Seine Visierlinie bewegt sich zuf\u00e4llig, dann richtet sie sich auf einen Einzelnen. Er schie\u00dft. Der Mann f\u00e4llt sofort zu Boden. Der fr\u00f6hliche Schrei &#8222;Jesch&#8220; ert\u00f6nt von allen Seiten, er kommt von im Video nicht sichtbaren Soldaten, die zugesehen haben. &#8222;Jesch&#8220; bedeutet in diesem Fall so viel wie \u201eerwischt\u201c: Es ist ein Jubelschrei, wie er den Erfolg eines J\u00e4gers begleitet, der eben ein Kaninchen geschossen hat. Inzwischen haben viele Hunderttausende Israelis diesen Film gesehen, denn er wurde zuerst im Fernsehen gezeigt. Au\u00dfer ein paar Artikeln in Haaretz und in Briefen an den Herausgeber der Zeitung gab es keine Proteste. Das ist nicht in irgendeiner entfernten Kolonie in \u00dcbersee passiert. Es ist ganz nahe bei uns passiert, 45 Autominuten von meinem Haus entfernt. Der Totschl\u00e4ger ist kein hartgesottener S\u00f6ldner. Er und die fr\u00f6hlichen Soldaten um ihn herum sind gew\u00f6hnliche junge Leute, die wie die meisten j\u00fcdischen Israelis mit 18 Jahren eingezogen worden sind. Sie alle \u201ebefolgen\u201c nur \u201eBefehle\u201c. (Erinnern Sie sich?) Wir haben von keinem einzigen Fall geh\u00f6rt, in dem ein Soldat den Befehl verweigert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>BIS VOR zwei Wochen habe ich unseren h\u00f6chsten Offizier, den Stabschef Gadi Eizenkot, \u00fcberaus gesch\u00e4tzt. Inmitten von blo\u00dfen Milit\u00e4rtechnikern erschien er mir als ein Offizier, der trotz seiner unmilit\u00e4rischen Erscheinung durchaus in der Lage sei, die W\u00fcrde der Armee gegen den Dreckskerl, der als Verteidigungsminister dient, hochzuhalten. Jetzt nicht mehr. Eizenkot hat die m\u00f6rderischen Befehle gegeben. Warum um Himmels willen? Ebenso wenig wie die Briten in Indien und die wei\u00dfen Rassisten in den USA wei\u00df die israelische Regierung, wie sie mit unbewaffneten Protesten umgehen soll. Das ist ihnen noch nie passiert. In der arabischen Tradition gibt es das nicht. Zuf\u00e4llig habe ich in dieser Woche den klassischen Film \u00fcber Mahatma Gandhi gesehen. Die Briten haben alles versucht \u2013 sie schlugen ihn und Milliarden anderer zu Brei, sie erschossen Tausende. Als Gandhi und seine Anh\u00e4nger diese Folter ertrugen und nicht zur\u00fcckschlugen, gaben die Briten schlie\u00dflich ihre Niederlage zu und zogen ab. Ebenso die wei\u00dfen rassistischen Gegner Martin Luther Kings in Alabama. Ein Pal\u00e4stinenser, der ein Anh\u00e4nger Kings war, kam zu Beginn der Besetzung ins Land und versuchte seine Landsleute davon zu \u00fcberzeugen, sie sollten diese Methode erproben. Aber wenn die israelische Armee das Feuer er\u00f6ffnete, nahmen die Pal\u00e4stinenser den bewaffneten Kampf wieder auf. Dieses Mal nicht. Die (sonst Gewalt anwendende) islamistische Hamas im Gazastreifen ruft die Bev\u00f6lkerung auf, unbewaffnete Proteste zu erproben und Zehntausende folgen dem Aufruf. Das konnte zu unvorhergesehenen Ergebnissen f\u00fchren. Eines davon ist, dass den Scharfsch\u00fctzen befohlen wurde, mehr oder weniger zuf\u00e4llig ihre Opfer zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>ALS ICH \u00f6ffentlich bekannt gab, dass ich mich sch\u00e4me, beschuldigte mich ein Leser der Heuchelei. Er zitierte aus meinen beiden B\u00fcchern \u00fcber unseren Unabh\u00e4ngigkeitskrieg (1948), in denen ich Gr\u00e4ueltaten beschrieben habe, deren Zeuge ich geworden war. Es stimmt, es gab Gr\u00e4ueltaten (wie in jedem Krieg). Die T\u00e4ter waren Soldaten aus allen ethnischen und sozialen Gruppen. Aber von einigen ihrer Kameraden (auch die kamen aus allen ethnischen und sozialen Gruppen) wurden sie blo\u00dfgestellt. Die meisten Soldaten standen zwischen diesen beiden Gruppen und schlossen sich jeweils dem an, der sie am ehesten \u00fcberzeugen konnte. Jetzt ist es anders. Nicht nur, dass unbewaffnete Demonstranten, die weit vom Zaun entfernt waren, auf Befehl erschossen wurden, sondern es erheben sich keine Gegenstimmen. Das Milit\u00e4r und die politische F\u00fchrung haben sich vereint. Selbst in der Zivilgesellschaft gibt es wenige Stimmen, die sich gegen den Massenmord erheben.<\/p>\n<p>WIE REAGIEREN Israels Medien? Ich wei\u00df es nicht. Das f\u00fcr Israels Geschichte folgenschwere Ereignis wird fast g\u00e4nzlich ignoriert. Die T\u00e4ter haben Gl\u00fcck: Es gibt so viele Ereignisse, die unsere Aufmerksamkeit von ihnen und ihren Aktionen ablenken. Pr\u00e4sident Baschar al-Assad habe chemische Waffen gegen seine Rebellen eingesetzt. Die israelischen Medien feiern das: Wie schrecklich! Wie barbarisch! Wie arabisch! Und dann haben wir das Problem der 36.000 \u201eillegalen\u201c (das hei\u00dft: nicht j\u00fcdischen) afrikanischen Arbeiter, die in Israel eingedrungen sind. Die Regierung will sie rauswerfen. Anst\u00e4ndige Israelis bem\u00fchen sich darum, das zu verhindern. Das ist eine Ganztagsbesch\u00e4ftigung. Keine Zeit f\u00fcr den Gazastreifen. Und dann ist da nat\u00fcrlich der Holocaust-Gedenktag, der passenderweise in dieser Woche stattfindet. Da kann man ohne Ende \u00fcber dieses schreckliche Kapitel in unserer Geschichte schreiben. Was ist, mit diesem schrecklichen Ereignis verglichen, schon Gaza?<\/p>\n<p>WIE STEHT es mit unseren Medien? Die besorgniserregende Tatsache ist, dass sich die israelischen Medien in das zur\u00fcckverwandelt haben, was sie in den fr\u00fchen Tagen des Staates waren: ein Werkzeug der Regierung. Mein Nachrichtenmagazin brauchte Dutzende Jahre, um diese Gewohnheit zu durchbrechen. Viele Jahre lang hatten wir eine anst\u00e4ndige Presse mit einigen wunderbaren Journalisten und Radiomachern. Jetzt nicht mehr. Einige wenige sind \u00fcbrig geblieben, aber die gro\u00dfe Mehrheit der Presse ist jetzt mit dem Regime koordiniert (\u201egleichgeschaltet\u201c). Zwei Minuten \u00fcber Gaza. 20 Minuten \u00fcber das, was in Syrien geschieht. 10 Minuten \u00fcber den j\u00fcngsten (eingebildeten) Ausbruch von Antisemitismus in der britischen Labor Party. Die meisten Journalisten und Radiomacher, die alle ehrliche und wohlmeinende Leute sind, sind sich nicht einmal dessen, was sie tun (und nicht tun), bewusst . Sie sind anderen Gedanken als ihren eigenen gegen\u00fcber v\u00f6llig ahnungslos.<\/p>\n<p>WO IST die \u201eLinke\u201c? Wo ist die sogenannte \u201eMitte\u201c? Sie sind nicht verschwunden, wie viele klagen. Weit entfernt. Eine Verlagerung von wenigen Prozent oder eine Bewegung einer der kleinen Parteien w\u00fcrde gen\u00fcgen, um Benjamin Netanjahu zu st\u00fcrzen. Aber sie alle sind wie gel\u00e4hmt. Keiner wagt es, sich gegen das T\u00f6ten auszusprechen, nur einige fl\u00fcstern hinter vorgehaltener Hand. Selbst die vielen bewundernswerten Gruppen von jungen Leuten, die, jede auf einem besonderen Gebiet, gegen die Besetzung k\u00e4mpfen, schweigen \u00fcber das T\u00f6ten in Gaza. Keine Massendemonstrationen. Keine gro\u00dfen Proteste. Nichts. Darum sind auch wir schuld an dem, was geschieht. Und vielleicht mehr als andere. Bitte notieren Sie: Ich bin schuldig!<\/p>\n<p><em>Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden f\u00fcr insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch \u201eIsrael im arabischen Fr\u00fchling \u2013 Betrachtungen zur gegenw\u00e4rtigen politischen Situation im Orient\u201c ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert. Seine Schrift \u201cWahrheit gegen Wahrheit\u201d steht als\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/ingridvonheiseler.formatlabor.net\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/WahrheitGegenWahrheit.pdf%5d\"><em>PDF<\/em><\/a><em>zur Verf\u00fcgung.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr die \u00dcbersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/ingridvonheiseler.formatlabor.net\/\"><em>ingridvonheiseler.formatlabor.net<\/em><\/a><em>. Ihre Buch-Publikationen finden sich\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/s\/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&amp;field-keywords=ingrid+von+heiseler\"><em>hier<\/em><\/a><em>. Das von ihr ins Deutsche \u00fcbertragende Buch &#8222;Eine Theorie der gewaltfreien Aktion. Wie ziviler Widerstand funktioniert&#8220; von Stellan Vinthagen ist\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/ingridvonheiseler.formatlabor.net\/?p=1239\"><em>hier<\/em><\/a><em>\u00a0beschrieben und\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/d-nb.info\/1140711164\/34\"><em>hier<\/em><\/a><em>\u00a0als PDF abrufbar.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24767\"><em>nrhz.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\nUri Avnery. 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