{"id":3442,"date":"2018-04-26T14:55:22","date_gmt":"2018-04-26T12:55:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3442"},"modified":"2018-04-26T14:55:22","modified_gmt":"2018-04-26T12:55:22","slug":"70-jahre-israel-70-jahre-siedlerkolonialismus-gegen-die-palaestinenser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3442","title":{"rendered":"70 Jahre Israel \u2013 70 Jahre Siedlerkolonialismus gegen die Pal\u00e4stinenser"},"content":{"rendered":"<p><em>Arn Strohmeyer. <\/em>Israel feiert sich selbst anl\u00e4sslich des 70. Geburtstages des Staates, und die westlichen Staaten stimmen in den Jubelchor ein und schicken hochrangige Regierungsdelegationen<!--more--> zu den Feierlichkeiten der selbst ernannten \u201eeinzigen Demokratie im Nahen Osten\u201c, bei denen man die \u201egemeinsamen Werte\u201c beschw\u00f6ren wird. Aber eigentlich gibt es keinen Anlass zu feiern, denn dieser Staat verdankt seine Existenz der Vertreibung und Unterdr\u00fcckung eines anderen Volkes, dessen Land er sich angeeignet hat. Das zionistische siedlerkolonialistische Israel f\u00fchrt seit \u00fcber 70 Jahren einen grausamen Krieg gegen die Pal\u00e4stinenser, der ihn aber in eine ausweglose Lage gebracht hat, an der das ganze zionistische Unternehmen nun zu scheitern droht.<\/p>\n<p>Die israelische Politik, der die Ideologie des Zionismus zu Grunde liegt, ist eigentlich nur mit dem Begriff des Tragischen zu verstehen, wobei man in diesem Zusammenhang nat\u00fcrlich an die griechische Trag\u00f6die denken muss. Sie thematisiert die Verstrickung des Protagonisten, der sich in eine so ausweglose Lage bringt, dass er das Verh\u00e4ngnis durch jedwedes Handeln nicht mehr abwenden kann und schuldig werden muss. Sein Scheitern ist unausweichlich. Die herannahende Katastrophe l\u00e4sst sich nicht mehr abwenden. Der Keim der Trag\u00f6die ist, dass der Protagonist der Hybris \u2013 der Arroganz, dem Hochmut und der Selbstverblendung \u2013 verf\u00e4llt. Die \u00dcbereinstimmung mit der Situation Israels liegt auf der Hand. Nur eines gibt es in der der israelisch-j\u00fcdischen Trag\u00f6die nicht: Die griechische Trag\u00f6die sollte einen Sinneswandel bei den Beteiligten hervorrufen \u2013 eine Reinigung oder Katharsis. Das Durchleben von Jammer und R\u00fchrung, die das Drama hervorrief, sollte zu einer seelischen und moralischen L\u00e4uterung f\u00fchren, davon kann in der israelisch-j\u00fcdischen Trag\u00f6die keine Rede sein.<\/p>\n<p><strong>Es gibt keinerlei Empathie<\/strong><\/p>\n<p>Der Gedanke, die Situation Israels, seine Geschichte und seine heutige Politik mit einer Trag\u00f6die in Verbindung zu bringen, ist keineswegs neu. In der Bildung eines j\u00fcdischen Nationalstaates sah schon der j\u00fcdische Publizist Isaac Deutscher (1907 \u2013 1967) \u201eeine weitere j\u00fcdische Trag\u00f6die.\u201c Der Schriftsteller Erich Fried, ebenfalls ein Jude, hat immer wieder von der \u201eTrag\u00f6die\u201c geschrieben, die Israel im Nahen Osten angerichtet habe. Und der deutsch-j\u00fcdische Historiker Fritz Stern (1926 &#8211; 2016), der in den USA lebte und lehrte, sagte in dem l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ch, das er mit Helmut Schmidt f\u00fchrte, auf die Frage des Ex-Kanzlers, was die Israelis tun k\u00f6nnten: \u201eDas ist eine ganz gro\u00dfe Trag\u00f6die. Ich mache mir gro\u00dfe Sorgen um die Zukunft Israels, wenn ich an seine Politik denke.\u201c<\/p>\n<p>Die tragische Entwicklung nahm ihren Anfang, als sich der Zionismus dem universalistischen Denken verweigerte, das aus der Aufkl\u00e4rung kam und das intellektuelle Judentum lange Zeit gepr\u00e4gt hatte. Man kann einwenden, dass der Zionismus gar nicht anders konnte, als den universalistischen Weg zu verlassen. Denn wie sonst \u2013 ohne Gewalt \u2013 h\u00e4tte er sonst im Land eines anderen Volkes einen Staat gr\u00fcnden k\u00f6nnen? Aber es gab die universalistische Alternative: Die Zionisten h\u00e4tten im Einvernehmen mit den dort ans\u00e4ssigen Arabern einen Staat aller seiner B\u00fcrger\/innen anstreben k\u00f6nnen, statt sich als Staat einer einzigen Ethnie beziehungsweise Religion bei v\u00f6lliger Negierung, ja Verachtung der einheimischen Bev\u00f6lkerung zu gr\u00fcnden. Die Zionisten entschieden sich also f\u00fcr die partikularistische, stammesm\u00e4\u00dfige und zunehmend auch religi\u00f6s aufgeladene \u201eL\u00f6sung\u201c.<\/p>\n<p>Am Anfang der israelisch-j\u00fcdischen Trag\u00f6die stand also die Spaltung in Partikularisten und Universalisten. Diese Teilung in gegens\u00e4tzliche Tendenzen war keineswegs neu, sie zieht sich durch die gesamte Geschichte des Judentums. Es ist der Gegensatz \u201ezwischen Nationalismus und Universalismus, zwischen Konservatismus und humanistischen Fortschrittsdenken, zwischen Fanatismus und Toleranz.\u201c Die jeweiligen Zeitumst\u00e4nde entschieden dar\u00fcber, welche Richtung gerade die Oberhand hatte. Der deutsch-j\u00fcdische Psychoanalytiker Erich Fromm, von dem diese Unterscheidung stammt, sah die universalistische Richtung aber klar im Vorteil: \u201eDas radikale humanistische Denken [kennzeichnet] die Hauptentwicklungsstufen der j\u00fcdischen \u00dcberlieferung, w\u00e4hrend die konservativ-nationalistische Richtung das relativ unver\u00e4nderte Relikt aus \u00e4lteren Zeiten ist und nie an der progressiven Evolution des j\u00fcdischen Denkens und seinem Beitrag zu den universalen menschlichen Werten einen Anteil hatte.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt Parallelen zwischen der universalistischen j\u00fcdischen Ethik und der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte, deren Pr\u00e4ambel sich auf alle Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft bezieht, wobei die Anerkennung von deren W\u00fcrde und gleichen unver\u00e4u\u00dferlichen Rechten die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet. Weiter hei\u00dft es dort in Anspielung auf die Verbrechen der Nazis: \u201eDa die Verkennung und Missachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei f\u00fchrten, die das Gewissen der Menschheit tief verletzt haben, und da die Schaffung einer Welt, in der den Menschen frei von Furcht und Not Rede- und Glaubensfreiheit zuteilwird, als das h\u00f6chste Bestreben der Menschheit verk\u00fcndet worden ist, (\u2026) verk\u00fcndet die Generalversammlung [der UNO] die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte. \u201c Und in Artikel 1 hei\u00dft es: \u201eAlle Menschen sind frei und gleich an W\u00fcrde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Br\u00fcderlichkeit begegnen.\u201c<\/p>\n<p>Die Zionisten entschieden sich aber klar gegen den Universalismus und f\u00fcr die konservativ-nationalistische Richtung, was aber auch Absonderung und Isolation bedeutet. Nicht nur die Spaltung zwischen Partikularisten und Universalisten aber ist uralt, sondern auch die gewollte Trennung und Separation von den Nicht-Juden. Sie zieht sich durch die ganze j\u00fcdische Geschichte. Der Begr\u00fcnder des Zionismus. Theodor Herzl, erneuerte sie, indem er sich den Judenstaat als endg\u00fcltige Separation der Juden von den Nicht-Juden als Antwort auf den Antisemitismus vorstellte, also die radikale Abkehr der Juden von einer als f\u00fcr sie feindselig begriffenen Welt und als Flucht in ein \u201eLand ohne Volk\u201c, wo sich die Juden als eine abgesonderte und geschlossene national-ethnische Gruppe entfalten k\u00f6nnen sollten. Eine solche partikularistische Konzeption, die zum Wesen des Judentums geh\u00f6rt, musste in der Form institutionalisierter staatlicher Politik eine isolationalistische und isolierte Nation hervorbringen, die zwischen der Angst vor den Anderen und prahlerischer Krafthuberei schwankt. Es waren also im Wesentlichen die ideologischen Ziele des Zionismus samt ihrer Realisierung sowie die nationalistischen Folgerungen aus dem Holocaust und die Gr\u00fcndung des Staates Israel, die die Abkehr vom Universalismus bewirkten. Der franz\u00f6sische Historiker Pierre Birnbaum schrieb deshalb: \u201eEine lange Geschichte kommt wahrscheinlich an ihr Ende: die des Zusammentreffens der Juden und einer streng universalistisch verstandenen Aufkl\u00e4rung.\u201c<\/p>\n<p>Es verwundert deshalb nicht, dass diese Absonderung und Isolation der Zionisten von universalistischen Werten die Betonung einer eigenen Moral zur Folge hatte, die eigene Werte propagierte, auch wenn dies nicht immer so deutlich ausgesprochen wurde und wird, um wenigstens den Schein zu wahren. So vertrat \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 der f\u00fchrende Ideologe der zionistischen Arbeiterbewegung Berl Katznelson (1887 \u2013 1944) die Auffassung, dass der Zionismus gegen den Strom agieren und gegen den Willen der Mehrheit beziehungsweise gegen den Gang der Geschichte seine Ziele erreichen m\u00fcsse. Er unterliege daher anderen Ma\u00dfst\u00e4ben als der \u201eformalen Moralit\u00e4t\u201c. Die eigene nationalstaatliche Existenz wird somit vom Handeln nach \u201eeigenen Regeln\u201c, von eigenen moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben abh\u00e4ngig gemacht. Diese Existenz \u2013 in diesem Zusammenhang ist von \u201emaximalistischem Zionismus\u201c die Rede \u2013 lasse sich letztlich nur durch Verdr\u00e4ngung des anderen Kollektivs [der Pal\u00e4stinenser] aus dem Land und auch aus dem Bewusstsein erreichen. Katznelson spricht von \u201eUmsiedlung\u201c, eine harmlose Umschreibung f\u00fcr Vertreibung.<\/p>\n<p><strong>Gegen den Universalismus<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts einer solchen ideologischen Tradition erstaunt es nicht, wenn eine Ministerin aus dem Kabinett von Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanjahu ganz unumwunden zugibt, dass der Zionismus nichts mit universalistischer Moral \u2013 also Menschenrechten und V\u00f6lkerrecht \u2013 im Sinn habe. Im August 2017 erkl\u00e4rte Israels Justizministerin Ayelet Shaked (wie ober schon angef\u00fchrt, aber man kann diese Aussage nicht oft genug wiederholen!) auf einer Konferenz in Tel Aviv w\u00f6rtlich: \u201eDer Zionismus darf sich nicht, und ich sage hier, er wird sich nicht weiterhin dem System der individuellen Rechte unterwerfen, das in einer universellen Weise interpretiert wird, die sie von der Geschichte der Knesset und der Geschichte der Gesetzgebung trennt, die wir alle kennen.\u201c Die FAZ \u00fcbersetzte den Satz so: \u201eDer Zionismus wird nicht weiter seinen Kopf beugen vor einem universalen System der individuellen Rechte.\u201c<\/p>\n<p>Der israelische Journalist Gideon Levy bezeichnete Shaked daraufhin in der Tageszeitung Haaretz als \u201eIsraels Wahrheitsministerin\u201c. Er schrieb: \u201eDer Zionismus widerspricht den Menschenrechten, und er ist tats\u00e4chlich eine ultranationalistische, kolonialistische und vielleicht rassistische Bewegung. (\u2026) F\u00fcr Shaked und das Recht ist die Debatte \u00fcber Menschen- und zivile Rechte antizionistisch, ja sogar antisemitisch. (\u2026) Shaked hat uns mitgeteilt: Der Zionismus ist nicht gerecht, er widerspricht der Gerechtigkeit, doch sollen wir an ihm festhalten und ihn der Gerechtigkeit vorziehen, weil er unsere Identit\u00e4t, unsere Geschichte und unsere nationale Mission ist. Kein Pro-Aktivist der BDS-Bewegung w\u00fcrde es sch\u00e4rfer ausdr\u00fccken. Doch keine Nation hat das Recht, die universalen Prinzipien ver\u00e4chtlich zur\u00fcckzuweisen und ihre eigenen Prinzipien zu erfinden, die den Tag Nacht nennen und die Besatzung gerecht und Diskriminierung Gleichheit.\u201c<\/p>\n<p>Der Zionismus hat also eine scharfe Trennungslinie zu den Werten der Aufkl\u00e4rung und des Universalismus gezogen, die das Judentum zum Teil selbst hervorgebracht hat. Man denke nur an den Satz des Alten Testaments: \u201eGott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn.\u201c Was ja nur hei\u00dfen kann: Alle Menschen sind ohne Ausnahme als Abbild oder Ebenbild Gottes geschaffen worden \u2013 ohne Unterschied von Rasse oder Religion.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Beleg f\u00fcr einen radikalen Humanismus ist auch die Talmud-Stelle, in der es hei\u00dft: \u201eAus diesem Grund wurde der Mensch als einzelner geschaffen, um Dich zu lehren, wer immer einen einzigen Menschen von Israel t\u00f6tet, nach der Schrift so schuldig ist, als wenn er die ganze Welt vernichtet h\u00e4tte. Und wer einen einzigen Menschen rettet, dem wird das so angerechnet, als ob er die ganze Welt gerettet h\u00e4tte.\u201c Auch wenn S\u00e4tze wie diese sich urspr\u00fcnglich nur auf den Stamm Israel bezogen haben, haben sie im Laufe der Zeit doch universalen Charakter angenommen.<\/p>\n<p>Es lie\u00dfen sich noch viele Beispiele anf\u00fchren. Es sei aber noch dieses genannt: Ein Nicht-Jude kam zum Rabbi Hillel, der etwa um die Zeitenwende lebte, und bat ihn, die Thora zu erkl\u00e4ren: Hillel sagte: \u201eTue anderen nicht an, was Du nicht m\u00f6chtest, dass man es Dir antut. Das ist das Wesentliche, und alles \u00dcbrige ist Kommentar.\u201c Ein Satz, der schon den Kategoprischen Imperativ von Kant vorwegnimmt.<\/p>\n<p>Alle diese zutiefst menschlichen Gebote, die mit den universalen Werten Gleichheit, Gerechtigkeit und N\u00e4chstenliebe korrespondieren, gelten im Zionismus ganz offensichtlich nicht, sodass sich die Voraussage des israelischen Politologen Zeev Sternhell aus dem Jahr 2014 inzwischen erf\u00fcllt hat: \u201eDie Entwicklung in Israel schreit zum Himmel. Israel ist geradezu ein Laboratorium f\u00fcr die allm\u00e4hliche Erosion der Werte der Aufkl\u00e4rung und besonders der universalen Werte. Deren Missachtung hat an den R\u00e4ndern schon immer stattgefunden, dringt aber langsam vor und wird eines Tages auch das Zentrum erreichen.\u201c<\/p>\n<p>Dabei enth\u00e4lt die israelische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1948 durchaus universalistische Elemente. Da hei\u00dft es: \u201e[Der israelische Staat] wird allen seinen B\u00fcrgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verb\u00fcrgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gew\u00e4hrleisten, die Heiligen St\u00e4tten unter seinen Schutz nehmen und den Grunds\u00e4tzen der Vereinten Nationen treu bleiben.\u201c Diese universalistisch formulierten S\u00e4tze stehen ganz in der Tradition westlichen demokratischen Denkens, sind in Israel aber nie politische Wirklichkeit geworden, die Pal\u00e4stinenser \u2013 und zum Teil auch die orientalischen Juden \u2013 waren nie gleichberechtigte Staatsb\u00fcrger mit voller Chancengleichheit in der israelischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Liberale universalistische Werte gelten in Israel heute als Gefahr f\u00fcr die Nation. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat es so formuliert: \u201eEs stimmt: Ein universaler Staatsb\u00fcrgerstatus bedroht den j\u00fcdischen Charakter des Landes, der die Ausgrenzung und Diskriminierung der Araber impliziert.\u201c Und: \u201eDas Wort \u201alinks\u2018 ist in der israelischen Politik zu einem Schimpfwort verkommen, weil das Eintreten f\u00fcr die universellen Menschenrechte allgemein als Hohn gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Identit\u00e4t und dem j\u00fcdischen Partikularismus empfunden wird.\u201c<\/p>\n<p>Der Israelische Philosoph Omri Boehm hat all diese Fakten und Aussagen mit einem sehr harten Urteil zusammengefasst, wobei er besonders die Tragik betont, die der Zionismus geschaffen hat: \u201eWir m\u00fcssen uns fragen als Juden, als Menschen, ob wir eher diesen [zionistischen] Werten oder eher den Werten der Menschenrechte, der Gleichheit der Demokratie verbunden sind. Ich glaube, als Menschen und vielleicht sogar als Juden sollten wir das Letztere w\u00e4hlen. Vielleicht ist das eine Lehre, die wir aus der j\u00fcdischen Geschichte ziehen sollten. Dieser Widerspruch bedeutet eine Trag\u00f6die. Denn er f\u00fchrt uns zu einer Lebensform, die Dingen widerspricht, an die wir wirklich glauben. Es gibt keine L\u00f6sung, mit der wir uns in dieser Trag\u00f6die einrichten k\u00f6nnen.\u201c Die Unf\u00e4higkeit der Juden in Israel, mit dieser Trag\u00f6die umzugehen, bezeichnet Boehm als \u201eVerbrechen\u201c. Er schlie\u00dft seine Betrachtung mit dem Satz: \u201eZionismus ist nicht vereinbar mit humanistischen Werten.\u201c<\/p>\n<p>Eine grausame, siedlerkolonialistische Besatzungspolitik \u00fcber ein anderes Volk, deren Realit\u00e4t so aussieht: Totale Unterdr\u00fcckung und Kontrolle dieser Menschen in so gut wie jeder Beziehung, Raub ihres Landes durch Enteignungen ihres Besitzes, H\u00e4userzerst\u00f6rungen, Zerst\u00f6rungen ihrer Lebensgrundlagen (Felder, Olivenb\u00e4ume und Brunnen), Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit durch feste und bewegliche Checkpoints, Verbannung in Reservate oder Enklaven hinter Mauern und Z\u00e4unen, Pl\u00fcnderung ihrer Ressourcen, b\u00fcrokratische Schikanen, permanente Razzien und Verhaftungen, jahrelange Administrativhaft ohne Prozess (rund 7000 Pal\u00e4stinenser sitzen in israelischen Gef\u00e4ngnissen, darunter viele Kinder), Folter \u2013 mit einem Wort: hier herrscht die Willk\u00fcr von Kolonialherren \u00fcber ein unterworfenes und wehrloses Volk. Dazu kommen immer wieder Kriege gegen die Pal\u00e4stinenser, die letzten Endes Kriege gegen die Zivilbev\u00f6lkerung sind, weil die Pal\u00e4stinenser \u00fcber keine Armee verf\u00fcgen. All das ist innerhalb der zionistischen Moral m\u00f6glich, die sich ja deutlich von der westlichen Vorstellung der Menschenrechte distanziert. Nicht nur der israelische Anthropologe Jeff Halper spricht deshalb von \u201eStaatsterrorismus\u201c.<\/p>\n<p><strong>Vorwurf des Staatsterrorismus<\/strong><\/p>\n<p>Er schreibt, dass dieser viel furchtbarere Auswirkungen hat als der Terrorismus der Unterworfenen: \u201eDa die Pal\u00e4stinenser keine Armee haben, standen Tod und Zerst\u00f6rung, die die Bev\u00f6lkerung infolge dieser [israelischen] milit\u00e4rischen Operationen heimsuchten, in einem derartigen Missverh\u00e4ltnis zu jeder echten Sicherheitsbedrohung [Israels], dass diese Aktionen nur als Staatsterrorismus bezeichnet werden k\u00f6nnen.\u201c Die Kriege gegen den Gazastreifen 2008\/2009, 2012 und 2014 und die seit 2007 verh\u00e4ngte vollst\u00e4ndige Blockade Israels haben die Region in ein Elendsquartier verwandelt.<\/p>\n<p>Eine solche Politik f\u00fcgt nicht nur den Unterdr\u00fcckten unendliches Leid zu, sondern sie brutalisiert auch die T\u00e4ter, in diesem Fall die Angeh\u00f6rigen der Armee und gro\u00dfe Teile der israelischen Gesellschaft. Wie weit dieser Prozess schon fortgeschritten ist, soll an drei Beispielen demonstriert werden. Der Israeli Miko Peled schreibt in seinem Buch Der Sohn des Generals (\u00fcber seinen Vater Matti Peled), dass ihm ein israelischer Marineoffizier folgende Geschichte erz\u00e4hlt habe. Dieser sei mit seiner Einheit und ihren Kriegsschiffen an der K\u00fcste des Gazastreifens Patrouille gefahren. Dabei kamen sie immer an Fischerbooten aus dem Streifen vorbei, und von Zeit zu Zeit pickten sie sich ein bestimmtes Boot heraus, befahlen den Fischern ins Wasser zu springen und sprengten das Boot in die Luft. Dann befahlen sie den Fischern mit vorgehaltener Waffe, von eins bis hundert zu z\u00e4hlen, und wenn sie damit fertig waren, lie\u00dfen sie sie noch einmal von vorn anfangen. Das machten sie dann wieder und wieder, bis die Fischer sich einer nach dem anderen nicht mehr halten konnten und ertranken. Der junge israelische Offizier meinte, dies werde getan (so seine Worte), um \u201eein Exempel zu statuieren und den Arabern zu zeigen, wer der Chef ist.\u201c Miko Peled merkt dazu an: \u201eIch dachte, ich m\u00fcsste mich erbrechen, als ich das h\u00f6rte, aber im Lauf der Jahre h\u00f6rte ich von israelischen Soldaten viele \u00e4hnliche Geschichten.\u201c<\/p>\n<p>Ein zweites Beispiel: In Hebron haben israelisch Soldaten im Fr\u00fchjahr 2016 einen jungen Pal\u00e4stinenser, der offenbar die Soldaten angreifen wollte, angeschossen und wehrlos gemacht. Der Mann lag schwer verwundet und blutend am Boden. Da trat der israelische Soldat Elor Azaria vor und erledigte den Pal\u00e4stinenser kaltbl\u00fctig mit einem Schuss aus seiner Pistole. In zivilisierten Staaten nennt man so etwas Lynchjustiz. Aber gro\u00dfe Teile der israelischen \u00d6ffentlichkeit und der Medien feierten den M\u00f6rder als Helden. Gideon Levy sprach von schlimmen Rassismus und kommentierte: \u201eDamit hat der israelische Rassismus einen neuen Grad erreicht. Dieser Mord und die Reaktion darauf sind tats\u00e4chlich wegweisend. Bis dahin beruhte der israelische Rassismus auf dem arroganten Selbstverst\u00e4ndnis des auserw\u00e4hlten Volkes, dem alles erlaubt ist, das das beste ist und alles besser als jeder andere wei\u00df. Man nutzte die Rolle des verfolgten Opfers, d\u00e4monisierte die Araber, die uns nur vernichten wollen, man hat sie entmenschlicht und damit ihr Leben entwertet. Anstiften, L\u00fcgen und Abstreiten vor einem Hintergrund von \u00fcberw\u00e4ltigender milit\u00e4rischer Macht. Auf solchen Grundmauern haben wir eine rassistische Gesellschaft geschaffen, wahrscheinlich die am st\u00e4rksten rassistische Gesellschaft in der gegenw\u00e4rtigen Welt.\u201c<\/p>\n<p>Levy steigert seine Anklage noch: \u201eUnd nun steigt das alles noch um einen Grad nach oben, oder wenn man will nach unten. Denn jetzt k\u00f6nnen wir dem Ganzen offenen Blutdurst hinzuf\u00fcgen, unverw\u00e4ssert, ungehemmt und unverstellt. Diese Kombination von Rassismus und Blutdurst ist nicht nur absto\u00dfend, sie ist auch gef\u00e4hrlich und unberechenbar. Rassismus gibt es in vielen Gesellschaften, im allgemeinen marginal und verborgen. In Israel ist Rassismus zum Standard geworden, m\u00f6glicherweise der Gipfel gegenw\u00e4rtiger politischer Korrektheit. Ihn zu bek\u00e4mpfen gilt als Hochverrat.\u201c<\/p>\n<p>Drittes Beispiel: Ein junges 16j\u00e4hriges pal\u00e4stinensisches M\u00e4dchen geht im Juni 2017 auf einen Kontrollpunkt zu \u2013 so zeigt es ein Video. Ein Messer oder \u00c4hnliches ist bei dem M\u00e4dchen nicht zu sehen. Dann dreht das M\u00e4dchen pl\u00f6tzlich um und l\u00e4uft weg. Die Soldaten schie\u00dfen und verletzen es schwer. Sie umstehen dann das am Boden liegende blutende M\u00e4dchen, das sich vor Schmerzen kr\u00fcmmt. Sie wetteifern miteinander, wer das M\u00e4dchen mit noch gemeineren Worten verh\u00f6hnen kann. Wieder meldet sich der Moralist Gideon Levy zu Wort: \u201eDas sind die Soldaten Israels, das ist ihre Sprache, das sind ihre Werte und ihre Standards. Kein einziger [der Soldaten] dachte daran, sich um \u00e4rztliche Hilfe f\u00fcr das M\u00e4dchen zu k\u00fcmmern; keiner dachte daran, den Ausbruch verabscheuungsw\u00fcrdiger Obsz\u00f6nit\u00e4ten, die um das verblutende M\u00e4dchen flogen, zum Schweigen zu bringen.\u201c Gideon Levy schreibt, dass sich beim Anschauen des Videos vor Wut und Emp\u00f6rung sein Magen umgedreht habe. Er schlussfolgert: \u201e50 Jahre Besatzung haben uns so weit gebracht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Zionismus und Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis Israels beziehungsweise des Zionismus zur Gewalt zu stellen, die automatisch auch die zionistische Sicht von Krieg und Frieden beinhaltet. Der zionistische Staat Israel ist mit dem \u201eSchwert\u201c geschaffen worden und deshalb ist die Gewalt eine Wesenselement seiner Existenz. Wenn Israel heute ganz Pal\u00e4stina kontrolliert, dann hat es rund 94 Prozent davon mit Gewalt erobert (die Juden hatten bis 1948 nur 5,6 Prozent des Landes k\u00e4uflich erworben, nach dem Krieg von 1948 hatten sie 72 Prozent des Landes gewaltsam in ihren Besitz gebracht, der Rest kam 1967 dazu.) Diese Existenz kann \u2013 so hatte es schon Moshe Dayan 1956 in einer ber\u00fchmt gewordenen Rede hervorgehoben \u2013 nur \u201emit der Faust und dem Schwert\u201c auf Dauer gesichert werden, womit die permanente Notwendigkeit des Krieges f\u00fcr Israel angesprochen ist.<\/p>\n<p>Das zionistische Verst\u00e4ndnis von Gewalt ergibt sich aus dem Verst\u00e4ndnis des Konflikts mit den Arabern beziehungsweise den Pal\u00e4stinensern. Die Ursachen des Konflikts werden nicht in der eigenen Politik (Kriegs-, Siedlungs- , Eroberungs- oder Vertreibungspolitik) gesehen, sondern ausschlie\u00dflich in der \u201eFeindseligkeit\u201c und in der Mentalit\u00e4t der \u201eAnderen\u201c, denn den Arabern wird ja eine \u201eprimitive\u201c Mentalit\u00e4t bescheinigt. In ihnen sieht Israel keinen Partner auf Augenh\u00f6he, mit dem die Aushandlung von Kompromissen oder sogar eine Vers\u00f6hnung m\u00f6glich w\u00e4re. Da die zionistische Ideologie die Araber grunds\u00e4tzlich als feindselig und nicht friedensf\u00e4hig (feindliche Gojim) einsch\u00e4tzt, kann Israel den Konflikt auf diese Weise entpolitisieren und enthistorisieren, ihn als gegeben, ewig und unver\u00e4nderlich interpretieren und damit als unl\u00f6sbar. Damit wird der Konflikt aber aus seinem politischen und historischen Kontext herausgel\u00f6st \u2013 er ist das Resultat ultimativer Feindschaft. Mit anderen Worten: Israel schafft sich selbst durch D\u00e4monisierung ein Feindbild, erkl\u00e4rt sich selbst zum Opfer und den \u201eAnderen\u201c f\u00fcr friedensunf\u00e4hig und enthebt sich so jeder Notwendigkeit einer Konflikt-L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Daraus folgt, dass erstens kriegerische Gewalt als v\u00f6llig legitim angesehen wird, und zweitens der Konflikt zu einem konstanten und konstitutiven Faktor der israelischen Ordnung und somit des israelischen Bewusstseins geworden ist. Krieg wird in diesem Sinne positiv verstanden, weil er die Nationalstaatlichkeit sichert. Die israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl schreibt: \u201eDas israelische Kollektiv ist sowohl institutionell (Politik, Milit\u00e4r, Gesellschaft, Wirtschaft, Industrie und Rechtssystem) als auch mental beziehungsweise politisch-kulturell auf Krieg fixiert. In dialektischer Beziehung zur Auffassung, der Krieg sei integraler Bestandteil der nah\u00f6stlichen Realit\u00e4t, etablierte sich im Laufe der Jahre auch die Sicherheitsdoktrin der Abschreckung.\u201c<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Frieden ist nicht durch Kompromisse m\u00f6glich, sondern nur dadurch, dass Israel sich milit\u00e4risch gegen\u00fcber seinen arabischen Nachbarn Respekt verschafft, indem es sie davon \u00fcberzeugt, dass es milit\u00e4risch eine Supermacht und unbesiegbar ist. Ariel Sharon brachte das auf die Formel: \u201eSie [die Araber] m\u00fcssen Angst vor uns haben!\u201c Die Vertr\u00e4ge von Oslo wurden in diesem Sinne nicht als erster Schritt zum Frieden angesehen, sondern \u201eals Fortsetzung der Besatzung mit anderen Mitteln.\u201c<\/p>\n<p>Bei einer solchen Sicht versteht es sich von selbst, dass eine Integration Israels in die Region nicht m\u00f6glich ist. Israel strebt sie aus Verachtung f\u00fcr die angeblich r\u00fcckst\u00e4ndigen und gewaltt\u00e4tigen Araber auch gar nicht an. Eine solche Herablassung und Arroganz, mit denen die politische Elite Israels den Arabern in der Region begegnet, verst\u00e4rkt nat\u00fcrlich die Abgrenzung und Isolation Israels, das als \u201eKreuzfahrerstaat\u201c wahrgenommen wird. Immer wieder hat Israel aus seiner \u00fcberlegenen milit\u00e4rischen Position das Recht abgeleitet, sich in die inneren Angelegenheiten seiner Nachbarn einzumischen, ja als Vormacht in der Region eine Neustrukturierung des Nahen Ostens nach seinen Vorstellungen zu verlangen, was die arabischen Antipathien gegen Israel nat\u00fcrlich weiter vergr\u00f6\u00dfert hat.<\/p>\n<p>Israel ist nicht der friedliche und von einer feindlichen Au\u00dfenwelt bedrohte Staat der Holocaust-\u00dcberlebenden, als der er sich selbst gern darstellt und wie ihn viele Deutsche gern sehen m\u00f6chten. Israel als \u00e4u\u00dferst aggressiven siedlerkolonialistischen Milit\u00e4rstaat zu sehen, kommt der Wahrheit viel n\u00e4her. Seine extrem inhumane, ja barbarisch kolonialistische Politik steht in diametralem Gegensatz zu dem Anspruch, eine westliche Demokratie zu sein und die Werte der westlichen politischen Kultur zu vertreten. Genau dies ist ja der Kern der j\u00fcdischen Trag\u00f6die: \u201eNicht nur T\u00e4ter, sondern Opfer sind per se kognitiv und emotional befangen. Sie widmen sich dem ihnen zugef\u00fcgten Leid als dem absoluten B\u00f6sen und sind damit unf\u00e4hig, \u00fcber dieses Leiden hinauszugehen, sich f\u00fcr Vers\u00f6hnung, Vergebung und Solidarit\u00e4t einzusetzen. Eine Politik, die sich aus einer Opferrolle heraus definiert, ist nicht nur engstirnig, sondern auch gef\u00e4hrlich, weil sie Hass und Ressentiments legitimiert, die Logik des \u201asie gegen uns\u2018 fortschreibt und letztlich nicht dazu in der Lage ist, die Logik der Diskriminierung mittels eines breiten, auf Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit angelegten Gesellschaftsvertrages zu \u00fcberwinden.\u201c So hat der australische Sozialwissenschaftler Roy F. Baumeister das Verhalten der Israelis (ohne sie direkt beim Namen zu nennen) in seinem Buch Vom B\u00f6sen. Warum es menschliche Grausamkeit gibt beschrieben.<\/p>\n<p>Die Trag\u00f6die Israels ist es, dass es die moralische Orientierung verloren hat, dass es die Werte und Ideale der Aufkl\u00e4rung (Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit) verraten hat, f\u00fcr die gerade Juden in den vergangenen 200 Jahren so leidenschaftlich gek\u00e4mpft haben. Juden haben sich in Europa f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr andere Gesellschaftsgruppen f\u00fcr die Verwirklichung von Gleichheit eingesetzt, Juden verweigern nun in ihrem eigenen Staat Nicht-Juden [den Pal\u00e4stinensern] eben dies. Eva Illouz folgert daraus: \u201e\u201cDiese Geschichte [Israels und der Juden] ist unvollendet, solange die politischen Institutionen und die Kultur Israels nicht die universalistischen Gebote umfassen, die die Geburt aller modernen Demokratien begleitet haben. Ein j\u00fcdischer Staat, der nicht auf universeller Gerechtigkeit aufbaut, wird nicht auf die zentrale Herausforderung geantwortet haben, vor die die Moderne das j\u00fcdische Volk stellte, n\u00e4mlich ihre Existenz und ihre Identit\u00e4t unter Einbeziehung des Universalismus neu zu definieren, statt diese von sich zu weisen.\u201c<\/p>\n<p>Und: \u201eDie \u201aSicherheit des Staates\u2018 und \u201adie Sicherheit der Juden\u2018 k\u00f6nnen nicht ewig als Ersatz f\u00fcr eine echte Politik und moralische Positionen herhalten. Dies ist die eine Pr\u00e4misse. (\u2026) Was Juden in ihren jeweiligen nichtj\u00fcdischen L\u00e4ndern f\u00fcr sich selbst gefordert haben und fordern, muss auch den arabischen und entrechteten pal\u00e4stinensischen B\u00fcrgern zugestanden werden \u2013 ohne Wenn und Aber.\u201c<\/p>\n<p>Aber nichts deutet darauf hin, dass Israel diesen Weg gehen wird. Ganz im Gegenteil, die extrem nationalistischen und religi\u00f6sen Kr\u00e4fte und Tendenzen werden immer st\u00e4rker und drohen den Staat ins Verderben zu st\u00fcrzen. Jede Kritik an diesem Kurs wird als Antisemitismus abgeschmettert. Nicht Israels barbarische Politik steht also am Pranger, sondern der Kritiker, der warnt und Humanit\u00e4t einfordert. Der denunziatorische Antisemitismus-Vorwurf ist die letzte ideologische Schutzmauer, die dieser Staat neben der realen Mauer um sich baut, um einen Zustand zu retten, der auf Dauer nicht zu retten ist.<\/p>\n<p><strong>Das Problem der Vergangenheit<\/strong><\/p>\n<p>Zu einem Weg der Umkehr, der zur Zeit wegen der herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse und der politischen Verblendung der Bev\u00f6lkerung undenkbar ist, w\u00fcrde zuerst die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, das hei\u00dft der eigenen Schuld geh\u00f6ren. Moshe Zuckermann registriert eine zweifache unbew\u00e4ltigte Schuld der Israelis: Zum einen die Schuld einer auf dem R\u00fccken der Pal\u00e4stinenser ausgetragenen Staatsgr\u00fcndung (und man muss hinzuf\u00fcgen: die Schuld, die aus deren Unterdr\u00fcckung und Vertreibung bis heute entsteht). Zum anderen das Gef\u00fchl einer eher vor- oder gar unbewussten Schuld, die mit der kulturellen beziehungsweise psychologischen Negation (man kann auch sagen Verachtung) des Diaspora-Judentums im Allgemeinen und der Shoa-\u00dcberlebende im Besonderen zusammenh\u00e4ngt (siehe Kapitel II, 2).<\/p>\n<p>Israel muss \u2013 so Zuckermann \u2013 seinen Hass vor allem auf die Pal\u00e4stinenser richten, wenn es mit sich selbst im Reinen und das Opfer bleiben will: \u201eWenn das Selbstbild des Zionismus intakt bleiben soll, darf es sich nicht durch historische T\u00e4terschaft besudeln haben.\u201c Nur durch Verdr\u00e4ngung und manipulative Schuldabwehr kann Israel sein Selbstbild retten. So gesehen muss der Zionismus die Pal\u00e4stinenser als das konkret B\u00f6se (\u201eTerroristen\u201c oder \u201eneue Nazis\u201c) d\u00e4monisieren, weil ihre Entd\u00e4monisierung zwangsl\u00e4ufig auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit \u2013 und das hei\u00dft mit der gegen sie aufgeladenen Schuld \u2013 bedeuten.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich argumentiert Ilan Pappe. Er konstatiert eine tief sitzende Angst der Israelis, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, besonders mit den Ereignissen von 1948, also der ethnischen S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas. Denn eine solche Auseinandersetzung w\u00fcrde beunruhigende Fragen nach der moralischen Legitimit\u00e4t des ganzen zionistischen Projekts aufwerfen. Die Israelis brauchten deshalb einen starken Verleumdungsmechanismus, der ihnen einerseits helfen soll, Friedensverhandlungen mit den Pal\u00e4stinensern abzuwehren und andererseits jede eingehende Debatte \u00fcber den Charakter und die moralischen Grundlagen des Zionismus zu vereiteln.<\/p>\n<p>Eine Anerkennung der Pal\u00e4stinenser als Opfer israelischer Taten \u2013 also das Stellen der Frage nach dem historischen Unrecht, das Israel 1948 und danach begangen hat \u2013 w\u00fcrde den Gr\u00fcndungsmythen des israelischen Staates den Boden entziehen. Au\u00dferdem w\u00fcrde die Anerkennung der Pal\u00e4stinenser als Opfer den f\u00fcr die israelischen Juden selbst beanspruchten Opferstatus besch\u00e4digen, was Israel unter keinen Umst\u00e4nden zulassen will. Denn eine solche Anerkennung der Pal\u00e4stinenser als Opfer w\u00fcrde \u201emoralische und existenzielle Auswirkungen auf die Psyche israelischer Juden zeitigen: Sie m\u00fcssten sich eingestehen, dass sie zum Spiegelbild ihres schlimmsten Alptraums geworden sind.\u201c<\/p>\n<p>Zu den tragischen Aspekten des Zionismus und der israelischen Politik geh\u00f6rt auch diese permanente Verdr\u00e4ngung der eigenen Vergangenheit, die eine Verweigerung bedeutet, die Realit\u00e4t wahrzunehmen \u2013 auch die gegenw\u00e4rtige. So kommt dann eine v\u00f6llig verzerrte Sicht auf die Geschichte des eigenen Staates zustande: dass es nie einen Landraub, nie einen Expansionsdrang auf fremdes Territorium, nie eine Nakba von 1948, nie einen Eroberungskrieg von 1967 gegeben hat und schlie\u00dflich heute auch gar keine Besatzung existiert. Es wird gern argumentiert, das Land geh\u00f6re seit jeher den Juden und sein eigenes Land k\u00f6nne man schlie\u00dflich nicht erobern und besetzen. Das Ergebnis einer solchen Realit\u00e4tsverweigerung ist politische Stagnation und L\u00e4hmung, die f\u00fcr die Zukunft des zionistischen Projekts beziehungsweise des Staates Israel \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich sind.<\/p>\n<p>Israel hat sich auf diese Weise \u2013 wie oben schon angef\u00fchrt \u2013 in eine politische Sackgasse man\u00f6vriert, aus der es kein Entkommen gibt. Da die Zwei-Staaten-L\u00f6sung durch Israels Unnachgiebigkeit, das Land zu teilen, und seine fortgesetzte Siedlungspolitik unm\u00f6glich geworden ist, bleibt nur die Ein-Staaten-L\u00f6sung, bei der die Pal\u00e4stinenser aber den gr\u00f6\u00dferen Bev\u00f6lkerungsanteil stellen w\u00fcrden. Das aber kann Israel nicht zulassen, was dann aber zu der Bildung eines \u2013 vermutlich diktatorischen \u2013 Apartheidstaates f\u00fchren w\u00fcrde, der kaum die Anerkennung der Staatengemeinschaft finden w\u00fcrde und wohl keine gro\u00dfen \u00dcberlebenschancen h\u00e4tte. Au\u00dferdem w\u00e4re er kein j\u00fcdischer Staat mehr. Israels Zukunft sieht also auf Grund einer v\u00f6llig verfehlten Politik \u00e4u\u00dferst d\u00fcster aus. Um dieser Lage zu entkommen, stellen israelische Politiker auch immer wieder \u00dcberlegungen an, die Pal\u00e4stinenser zu \u201etransferieren\u201c, das hei\u00dft, sie endg\u00fcltig aus dem Land zu vertreiben.<\/p>\n<p>Es gibt nicht wenige israelische Intellektuelle, die das zionistische Projekt bereits als gescheitert ansehen. Einer von ihnen ist Jeff Halper, er zieht folgende Bilanz: \u201eDer politische Zionismus ist an sein Ende gekommen. Er mag \u00fcber die k\u00fchnsten Tr\u00e4ume der zionistischen \u201aPioniere\u2018 hinaus erfolgreich gewesen sein, schlie\u00dflich hat Israel Millionen von Juden \u201aeingesammelt\u2018, ist ein prosperierender Staat, eine eindrucksvolle Milit\u00e4rmacht und \u2013 trotz seiner d\u00fcsteren Menschenrechtsbilanz \u2013 ein respektiertes Mitglied der internationalen Gemeinschaft geworden. Aber es ist ihm nicht gelungen, mit dem pal\u00e4stinensischen Volk Verst\u00e4ndigung, Gerechtigkeit, Frieden und Vers\u00f6hnung zu erreichen. Das mag f\u00fcr die meisten Israelis nicht das wichtigste Anliegen sein, aber es bedeutet endlosen Konflikt und, selbst wenn wir jede Runde \u201agewinnen\u2018, wird Israel endg\u00fcltig zu einem Staat, der, wie der russisch-j\u00fcdische Philosoph Achad Ha\u2019am (1856 \u2013 1927) bef\u00fcrchtet hat, nichts \u201aJ\u00fcdisches\u2018 an sich hat, ein Staat, der auf Unterdr\u00fcckung beruht, auf Gewalt und Nisbul. Der politische Zionismus musste moralisch und systematisch scheitern, da er sich nicht mit dem anderen im Land lebenden Volk auszus\u00f6hnen verstand. Er ist nicht in der Lage, einen Weg aus diesem Konflikt zu weisen.\u201c<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann fragt: \u201eWie l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass Israels offizielle Politik der letzten Jahrzehnte strukturell einen Weg beschreitet, der nicht anders enden kann als mit dem historischen Ende des zionistischen Staates?\u201c Und: \u201eWie l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass die zionistische Bev\u00f6lkerung Israels es nicht schafft (letztlich wohl auch nicht schaffen will), den historischen Weg zu beschreiten, der den l\u00e4ngerfristigen Fortbestand des von ihr getragenen historischen Projekts einzig zu garantieren verm\u00f6chte? (\u2026) Wollte Israel jemals den Frieden? Wollte es wirklich l\u00e4ngerfristig als zionistischer Judenstaat existieren?\u201c In diesen Fragen kommt die ganze Trag\u00f6die Israels zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Einer, f\u00fcr den die Trag\u00f6die Israels schon Realit\u00e4t geworden war, war der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk. Als Verm\u00e4chtnis hinterlie\u00df er kurz vor seinem Tod die Worte: \u201eIch werde bald sterben, und ich bin nicht traurig. (\u2026) Ich verabschiede mich gelassen von diesem Staat, den ich kannte in seinen sch\u00f6nsten Jahren, die zur H\u00f6lle gingen. (\u2026) Wir werden zu Grunde gehen mit wenig W\u00fcrde und gebrochenen Fl\u00fcgeln.\u201c<\/p>\n<p><em>Dieser Text stammt aus dem Buch von Arn Strohmeyer: Die israelische j\u00fcdische Trag\u00f6die. Von Auschwitz zum Besatzungs- und Apartheidstaat. Das Ende der Verkl\u00e4rung, Gabriele Sch\u00e4fer Verlag Herne, 2017<\/em><\/p>\n<p><strong>Siehe auch:<\/strong><\/p>\n<p>Eine Antwort auf Bastian Berbners ZEIT-Artikel \u201e70 Jahre Israel. Warum kommt der Staat nicht zur Ruhe?\u201c<\/p>\n<p>Die Entstehung Israels als Heldenepos<\/p>\n<p>Von Arn Strohmeyer<\/p>\n<p>NRhZ 656 vom 25.04.2018<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24796\">http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24796<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommentar vom Hochblauen<\/p>\n<p>Die verleugneten Opfer der christlich-zionistischen Jubelfeiern<\/p>\n<p>Von Evelyn Hecht-Galinski<\/p>\n<p>NRhZ 656 vom 25.04.2018<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24788\">http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24788<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ben-Gurion und Israels 70. Geburtstag<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Tag<\/p>\n<p>Von Uri Avnery<\/p>\n<p>NRhZ 656 vom 25.04.2018<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24801\">http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24801<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor aller Augen tobt der kapitalistische Krieg gegen die Menschheit<\/p>\n<p>70 Jahre Rechtsverachtung seitens Israel<\/p>\n<p>Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann<\/p>\n<p>NRhZ 656 vom 25.04.2018<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24806\">http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24806<\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=24795\">nrhz.de&#8230;<\/a> vom 26. April 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arn Strohmeyer. Israel feiert sich selbst anl\u00e4sslich des 70. 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