{"id":3459,"date":"2018-04-30T15:15:50","date_gmt":"2018-04-30T13:15:50","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3459"},"modified":"2018-04-30T15:15:50","modified_gmt":"2018-04-30T13:15:50","slug":"bisher-groesster-streik-der-amerikanischen-lehrerrebellion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3459","title":{"rendered":"Bisher gr\u00f6\u00dfter Streik der amerikanischen Lehrerrebellion"},"content":{"rendered":"<p><em>David Moore.\u00a0<\/em>Am Donnerstag, den 26. April, begann der erste landesweite Lehrerstreik in der Geschichte Arizonas. 75.000 P\u00e4dagogen und ihre Unterst\u00fctzer forderten bessere Bezahlung f\u00fcr die Lehrer und<!--more--> eine bessere finanzielle Ausstattung der Schulen. Am gleichen Tag streikten Tausende Lehrer im benachbarten Colorado und zogen in die Hauptstadt Denver, wo am Freitag ein Lehrerstreik begann.<\/p>\n<p>In Phoenix (Arizona) f\u00fchrte die Demonstration vom Baseballstadion Chase Field drei Kilometer weit bis zum State Capitol, dem Regierungssitz, wo gerade die Abgeordneten tagten. Viele schulische Hilfskr\u00e4fte und Arbeiter hatten sich den Lehrern angeschlossen. Die Stimmung war fr\u00f6hlich und begeistert, weil die Lehrer den Kampf f\u00fcr das \u00f6ffentliche Bildungswesen endlich aufgenommen hatten. Ein Lehrer aus Rio Rico erkl\u00e4rte einem\u00a0<em>WSWS<\/em>-Reporter: \u201eAls die Rede auf einen Streik kam, waren wir alle sehr daf\u00fcr: Das ist \u00fcberf\u00e4llig.\u201c<\/p>\n<p>Gegen Mittag traf das Ende der Demonstration am Regierungssitz ein. Gleichzeitig beschloss der Senat provokativ, seine Sitzung auf Montag zu vertagen, damit ja keine Finanzierungsvorschl\u00e4ge mehr geh\u00f6rt oder beschlossen werden konnten.<\/p>\n<p>Die Organisatoren des Lehrermarschs, haupts\u00e4chlich die Facebook-Gruppe Arizona Educators United (AEU) und die Gewerkschaft Arizona Education Association (AEA), hatten den Protest auf eine wirkungslose Lobby-Aktion vor den Abgeordneten des Bundesstaates ausgerichtet, was ohnehin keine Wirkung erzielt h\u00e4tte. Als die Sitzung vertagt wurde, hatten die Organisatoren den streikenden Lehrern nichts weiter anzubieten. So beendeten sie die Kundgebung um 13:30 Uhr, drei Stunden fr\u00fcher als geplant. Als Grund gaben sie die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Hitze an. Noah Karvelis, Administrator der AEU-Facebook-Seite, rief dazu auf, die Demonstration am Freitag fortzusetzen. \u201eIch schlage vor, hierher zur\u00fcckzukommen und zu sagen: Wir sind hier, wo seid ihr?\u2018\u201c<\/p>\n<p>Es ist der bisher gr\u00f6\u00dfte Streik der amerikanischen Lehrerrebellion zur Verteidigung des staatlichen Bildungssystems. In Arizona sind davon sch\u00e4tzungsweise 840.000 Sch\u00fcler betroffen. Wie schon in West-Virginia und Oklahoma haben auch in Arizona die Lehrer an der Basis die Bewegung ins Rollen gebracht. Sie bedienen sich der sozialen Medien, aber nicht der Gewerkschaften National Education Association (NEA), American Federation of Teachers (AFT) oder deren Zweigstellen in den Bundesstaaten. Seit dem Verrat der Streiks in West-Virginia und Oklahoma haben die NEA und die AFT alles getan, um eine Ausweitung der Lehrerrevolte auf das ganze Land zu verhindern.<\/p>\n<p>In Arizona haben die Lehrer die schlimmsten Lohnk\u00fcrzungen erlebt und sind mit den gr\u00f6\u00dften Finanzl\u00f6chern der gesamten USA konfrontiert. Nach der Wirtschaftskrise von 2008 wurden die Mittel pro Sch\u00fcler st\u00e4rker gek\u00fcrzt als in jedem anderen Bundesstaat, n\u00e4mlich um 36.6 Prozent. Die L\u00f6hne der Lehrer in Arizona sind seit 2000 inflationsbereinigt um mehr als 10 Prozent gefallen. Aktuell sind die Lehrerl\u00f6hne auf dem Stand von 1980, d.h. vor 40 Jahren.<\/p>\n<p>Gouverneur Doug Ducey versuchte, den Streik abzuwenden, indem er eine 20prozentige Lohnerh\u00f6hung anbot. Die Lehrer lehnten dieses leere Versprechen ab, weil kein Vorschlag f\u00fcr die Finanzierung der Lohnerh\u00f6hung vorlag. Es h\u00e4tte bedeutet, dass die L\u00f6hne durch K\u00fcrzungen bei anderen wichtigen Dienstleistungen finanziert worden w\u00e4ren, und dass nichts gegen die chronische Unterfinanzierung der Schulen unternommen worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Seit Montag legten ganze Scharen von Lehrern die Arbeit nieder, obwohl die Politiker versuchten, sie einzusch\u00fcchtern. Am Montag erkl\u00e4rte Diane Douglas, die leitende Schulr\u00e4tin f\u00fcr das \u00f6ffentliche Bildungswesen in Arizona, in einem Interview mit CBS5: \u201eStreik ist in Arizona illegal \u2026 es ist eine Schande, dass es so weit gekommen ist \u2026 Es ist unfair zu sagen, ich w\u00fcrde die Lehrer nicht unterst\u00fctzen. Nat\u00fcrlich unterst\u00fctze ich die Lehrer. Aber ich kann und werde keine illegalen Aktionen der Lehrer unterst\u00fctzen.\u201c Sie z\u00e4hlte dann die m\u00f6glichen Konsequenzen auf. Dazu geh\u00f6rt, dass die Lehrer ihre Zulassung verlieren k\u00f6nnten oder einen Eintrag in ihre Personalakten riskieren.<\/p>\n<p>Ihrem Angriff auf das Streikrecht schloss sich Kelly Townsend an, die Fraktionsf\u00fchrerin der Republikaner im Parlament von Arizona. Am Dienstag forderte Townsend alle Lehrer auf, die sich bedr\u00e4ngt f\u00fchlten, am Streik teilzunehmen, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Dann verk\u00fcndete sie, sie werde eine Sammelklage f\u00fcr alle diejenigen organisieren, die durch den Lehrerstreik zu Schaden k\u00e4men.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Drohungen gab es gegen die Lehrer von Colorado. Dort schlugen zwei republikanische Senatoren ein neues Gesetz vor, das streikende Lehrer sofort mit Geldstrafen, Gef\u00e4ngnis und sofortigem Jobverlust bestrafen soll. Diese offiziellen Einsch\u00fcchterungsversuche gossen jedoch nur \u00d6l ins Feuer und fachten den Widerstand der P\u00e4dagogen weiter an.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften und die Demokraten der Bundesstaaten haben versucht, die Lehrerrebellion als einen Kampf gegen die Republikaner in den \u201eroten Staaten\u201c darzustellen. [Rote Staaten sind Bundesstaaten, in denen bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen die Mehrheit den Republikanischen Kandidaten Trump w\u00e4hlte.] Aber Pr\u00e4sident Obama und die Demokratischen Regierungen in Bundesstaten wie New York oder Kalifornien haben das staatliche Bildungswesen und die Lehrer genauso \u00fcbel angegriffen wie die Republikaner.<\/p>\n<p>Der Gouverneur von Colorado ist Demokrat, und die Demokraten kontrollieren das Repr\u00e4sentantenhaus, und das schon seit Jahren. Dennoch liegt die Bezahlung der Lehrer an 46. Stelle der USA, und bei der Schulfinanzierung rangiert Colorado durchg\u00e4ngig im untersten Drittel der gesamten USA. Seit 2009 sind die Gelder f\u00fcr die Schulen um 6,6 Milliarden Dollar geschrumpft.<\/p>\n<p>Um ihren Kampf voranzubringen, m\u00fcssen die Lehrer in Arizona und Colorado die Lehren aus den Streiks in West-Virginia und Oklahoma ziehen. Die Gewerkschaften haben jedesmal versucht, den Streik der Lehrer zu isolieren. Sie versuchen st\u00e4ndig, den Kampf auf die Zwischenwahlen im November umzulenken, und fordern die Lehrer auf, Demokraten zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften sehen es als ihre Aufgabe an, den \u201eArbeitsfrieden\u201c zu garantieren. In einem Kommentar in der\u00a0<em>Washington Post<\/em>\u00a0schrieb die AFT-Pr\u00e4sidentin Randi Weingarten (die ein Jahresgehalt von 500.000 Dollar bezieht), wenn die Gewerkschaften geschw\u00e4cht w\u00fcrden, dann w\u00fcrden sich K\u00e4mpfe wie in West-Virginia \u201evervielfachen und auf das ganze Land ausdehnen\u201c.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass die K\u00e4mpfe der Lehrer zuerst in den Bundesstaaten ausgebrochen sind, in denen die Gewerkschaften weniger Kontrolle aus\u00fcben. In Arizona, einem Bundesstaat mit mehr als 50.000 Lehrern, hat die Gewerkschaft Arizona Education Association weniger als 20.000 Mitglieder.<\/p>\n<p>Deswegen haben sich die Lehrer in West Virginia, Oklahoma, Arizona und anderen Staaten in gro\u00dfer Zahl auf Facebook-Gruppen wie Arizona Educators United (AEU) organisiert, um ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen und einen nationalen Streik zu fordern. Die F\u00fchrer dieser Gruppen \u00fcberlassen jedoch die Kontrolle den Gewerkschaften und wiederholen deren falsche Behauptung, man m\u00fcsse an die Gouverneure und Abgeordneten appellieren. Der AEU-Administrator hat sich zusammen mit der NEA-Pr\u00e4sidentin Lily Garcia (348.000 Dollar Jahresgehalt) und AEA-Pr\u00e4sident Joe Thomas auf die Rednertrib\u00fcne gestellt und die Gewerkschaften daf\u00fcr gelobt, dass sie \u201emit uns arbeiten\u201c.<\/p>\n<p>Wer den Kampf den Gewerkschaften \u00fcberl\u00e4sst, ist von vorneherein verraten und verkauft \u2013wie in West-Virginia und Oklahoma. Dort haben die Gewerkschaften Vereinbarungen mit den Republikanern und den Demokarten unterzeichnet, welche die berechtigten Forderungen nach existenzsichernden L\u00f6hnen und einer Gesundheitsversorgung vollkommen ignorierten. Auf die Forderung nach R\u00fccknahme der jahrelangen Haushaltsk\u00fcrzungen gingen sie \u00fcberhaupt nicht ein. Die d\u00fcrftigen Lohnerh\u00f6hungen, die gew\u00e4hrt wurden, werden jetzt dadurch finanziert, dass andere staatliche Programme gek\u00fcrzt und regressive Steuern erhoben werden, was vor allem wieder die Arbeiterklasse trifft. Gleichzeitig bleiben die riesigen Energie- und Finanzkonzerne und andere Unternehmen ungeschoren, die in den USA \u00fcber 1,8 Billionen Dollar verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Lehrer wenden sich organisatorisch immer st\u00e4rker von den kapitalistischen Gewerkschaften ab. Allerdings m\u00fcssen sie sich jetzt auch von deren reaktion\u00e4ren politischen Ansichten l\u00f6sen. Die Gewerkschaften ordnen die Arbeiterklasse der Demokratischen Partei und der wirtschaftlichen Diktatur der Konzern- und Finanzelite unter.<\/p>\n<p>Um den Kampf voranzubringen, m\u00fcssen die Lehrer entschieden mit den Gewerkschaften brechen und Basiskomitees in jeder Schule und in jedem Stadtteil gr\u00fcnden. Statt sich an die Demokraten und Republikaner (die f\u00fcr eine andere Klasse sprechen) zu wenden, m\u00fcssen die demokratisch gew\u00e4hlten Komitees sich an alle Teile der Arbeiter wenden, im \u00f6ffentlichen und im privaten Sektor, denn diese sind denselben Angriffen auf Arbeitspl\u00e4tze, Lebensstandard und soziale Strukturen ausgesetzt.<\/p>\n<p>Die Basiskomitees m\u00fcssen den Kampf \u00fcber die bundesstaatlichen Grenzen hinaus ausdehnen und f\u00fcr einen nationalen Lehrerstreik k\u00e4mpfen, der als Teil eines Generalstreiks aller Arbeiter vorbereitet werden muss. Das Ziel muss ein hochwertiges \u00f6ffentliches Bildungswesen sein, und s\u00e4mtliche Arbeiterrechte m\u00fcssen verteidigt werden. Die Arbeiterklasse muss eine Massenpartei aufbauen, um die politische Macht zu erobern und ein sozialistisches Programm durchzusetzen. Nur so werden die sozialen Bed\u00fcrfnisse, und nicht die kapitalistischen Profite, an erster Stelle stehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/04\/28\/ariz-a28.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. April 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Moore.\u00a0Am Donnerstag, den 26. 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