{"id":3463,"date":"2018-05-01T07:55:44","date_gmt":"2018-05-01T05:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3463"},"modified":"2018-05-01T07:55:44","modified_gmt":"2018-05-01T05:55:44","slug":"fast-jeder-fuenfte-vollzeitarbeiter-verdient-weniger-als-2000-euro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3463","title":{"rendered":"Fast jeder f\u00fcnfte Vollzeitarbeiter verdient weniger als 2000 Euro"},"content":{"rendered":"<p><em>Marianne Arens.\u00a0<\/em>In Deutschland verdienen 3,7 Millionen Vollzeitbesch\u00e4ftigte weniger als 2000 Euro brutto im Monat, obwohl sie bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten. Dies geht aus einer Antwort des <!--more-->Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.<\/p>\n<p>Die Zahlen, die sich auf eine Erhebung von Ende 2016 st\u00fctzen, belegen, dass 17,7 Prozent aller Vollzeitbesch\u00e4ftigten in Deutschland monatlich unter 2000 Euro brutto verdienen. Im Osten sind es sogar 31,2 Prozent. An der Spitze steht Mecklenburg-Vorpommern mit 36,7 Prozent, gefolgt von Sachsen mit 34,3 Prozent. Fast drei\u00dfig Jahre nach der Wende wird in den neuen Bundesl\u00e4ndern mehr als jeder dritte Vollzeitbesch\u00e4ftigte mit einem Niedriglohn abgespeist, von dem er oder sie nur in bitterer Armut leben kann.<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigt man alle abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten, dann liegt mittlerweile das Einkommen fast jedes vierten Arbeitnehmers (22,5 Prozent) unter der Niedriglohnschwelle von 10,50 Euro pro Stunde. Besonders Jugendliche bis 25 Jahren und Zeitarbeiter sind betroffen. Auch m\u00fcssen Menschen mit Niedriglohn von vorneherein mit Altersarmut rechnen.<\/p>\n<p>Einen Niedriglohn unter 2000 Euro verdient man beispielsweise als Kosmetikerin und Friseuse (1672 Euro), als W\u00e4scherin, Kellner oder Koch (1750 Euro), als Erzieherin (ab 1758 Euro), als F\u00f6rster (1900 Euro) oder Tierpfleger (2000 Euro), als Postzusteller (2000 Euro) oder Bodenarbeiter am Flughafen. Nur wenig \u00fcber 2000 Euro verdient ein M\u00fcllarbeiter, eine Krankenschwester oder eine Verk\u00e4uferin im Einzelhandel. Es sind Berufe, die die ganze Gesellschaft am Laufen halten. Trotz harter Arbeit sind sie so schlecht entlohnt, dass man davon nicht leben kann.<\/p>\n<p>Ein Bruttomonatslohn von 2000 Euro oder weniger ergibt je nach Steuerklasse, Alter und Familienstand netto zwischen 1150 und maximal 1580 Euro. Die Mieten in den meisten St\u00e4dten steigen st\u00e4ndig an und sind f\u00fcr solche Einkommen praktisch unerschwinglich. Bundesweit gibt es mittlerweile fast eine Million\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/11\/16\/wohn-n16.html\"><strong>Wohnungslose<\/strong><\/a>, und weit \u00fcber 50.000 Menschen, davon 20.000 Jugendliche, sind permanent oder f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit obdachlos. Gegen die steigenden Mieten gingen vor wenigen Wochen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/04\/16\/miet-a16.html\"><strong>25.000 Berliner<\/strong><\/a>\u00a0auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Zahlen sagen mehr \u00fcber die Realit\u00e4t f\u00fcr Arbeiter als alle Politikerreden \u00fcber Vollbesch\u00e4ftigung und hohe Konjunktur. So prahlte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in einer Erkl\u00e4rung zum Ersten Mai 2018: \u201eKurz vor dem Tag der Arbeit pr\u00e4sentiert sich der Arbeitsmarkt in ausgezeichneter Verfassung.\u201c Nichts k\u00f6nnte von der Realit\u00e4t weiter entfernt sein, denn die relativ niedrige Arbeitslosigkeit, auf die Heil sich bezieht, sagt nichts \u00fcber das Einkommen.<\/p>\n<p>In der Tat steigt die Anzahl der so genannten Working Poor in Deutschland st\u00e4ndig an, obwohl die Arbeitslosigkeit sinkt. Eine Studie der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung vom Dezember 2017 weist nach, dass sich in Deutschland die Erwerbsarmut zwischen 2004 und 2014 verdoppelt hat. Sie ist damit in ganz Europa am st\u00e4rksten angestiegen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist auch die Besch\u00e4ftigungsrate st\u00e4rker angestiegen als in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Wie es in der Studie hei\u00dft, h\u00e4ngt dies mit dem Druck zusammen, der auf Arbeitslose ausge\u00fcbt wird, auch schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen. Der Niedriglohnsektor sei \u201edurch die Deregulierung des Arbeitsmarkts, die K\u00fcrzung von Transferleistungen und versch\u00e4rfte Zumutbarkeitsregelungen\u201c beschleunigt ausgeweitet worden. \u201eAus arbeitslosen armen Haushalten werden erwerbst\u00e4tige arme Haushalte\u201c, hei\u00dft es dort.<\/p>\n<p>Es ist die logische Folge von Agenda 2010 und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/04\/20\/hart-a20.html\"><strong>Hartz IV<\/strong><\/a>, die von der Regierung von Kanzler Gerhard Schr\u00f6der (SPD) und Joschka Fischer (Gr\u00fcne) eingef\u00fchrt worden sind. Diese rot-gr\u00fcne Koalition hat nicht nur den Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Prozent verringert \u2013 und damit eine wahre Bonanza f\u00fcr die Superreichen er\u00f6ffnet! \u2013 sondern gleichzeitig die Weichen daf\u00fcr gestellt, dass heute ein Gro\u00dfteil der arbeitenden Bev\u00f6lkerung im\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/12\/20\/nied-d20.html\"><strong>Niedriglohnsektor<\/strong><\/a>\u00a0arbeiten muss und jedes f\u00fcnfte Kind in Armut aufw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Es ist erst der Anfang. Die aktuelle Gro\u00dfe Koalition hat beschlossen, die Austerit\u00e4tspolitik und die \u201eschwarze Null\u201c zu verteidigen und auf ganz Europa auszudehnen. Sie will den Milit\u00e4rhaushalt in den n\u00e4chsten sechs Jahren auf 70 Milliarden Euro verdoppeln. Schon im Koalitionsvertrag haben Union und SPD festgelegt, dass sie von jedem Euro, den sie an anderer Stelle einsparen k\u00f6nnen, 50 Cent ins Milit\u00e4r und 50 Cent in die zivile Konfliktintervention stecken werden. Um die gigantische Aufr\u00fcstung zu finanzieren, wird der Sozialstaat kaputtgespart, und gleichzeitig werden die Arbeiter im \u00f6ffentlichen Dienst massiv unter Druck gesetzt.<\/p>\n<p>Im privaten Sektor l\u00e4sst eine Welle von Entlassungen, Betriebsschlie\u00dfungen und Fusionen den Niedriglohnbereich weiter anschwellen. Zurzeit bereiten in zahlreichen Betrieben Management und Gewerkschaften den Abbau tausender Arbeitspl\u00e4tze vor, so bei Siemens, Bombardier, ThyssenKrupp Steel, in der Autoindustrie bei Opel und VW, sowie im Zulieferbereich, etc. Praktisch \u00fcberall da, wo Arbeitskr\u00e4fte neu eingestellt werden, sind sie mit verschlechterten Konditionen, befristeten Arbeitspl\u00e4tzen und Niedriglohn konfrontiert.<\/p>\n<p>Die aggressive Gro\u00dfmachtpolitik der Gro\u00dfen Koalition und das Auseinanderklaffen von Reich und Arm bergen gewaltigen sozialen Sprengstoff. Laut dem j\u00fcngsten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/02\/02\/berl-f02.html\"><strong>Oxfam-Bericht<\/strong><\/a>\u00a0besitzen in Deutschland 36 Individuen ebenso viel Verm\u00f6gen wie die gesamte \u00e4rmere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung. Doch die Arbeiterklasse hat keine Partei, die f\u00fcr sie spricht und ihre Interessen vertritt.<\/p>\n<p>Die Linken-Politikerin Sabine Zimmermann, von der die Anfrage im Bundestag stammt, bezeichnete die hohe Zahl derjenigen, die weniger als 2000 Euro verdienen, als einen \u201eSkandal\u201c. Im Namen der Linken appellierte sie an die Bundesregierung und forderte die Erh\u00f6hung des Mindestlohns von 8,84 auf 12 Euro. Das ist nur ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, dass bei der Linkspartei die Rhetorik und die Praxis weit auseinanderklaffen.<\/p>\n<p>Die Linke ist selbst f\u00fcr die Ausweitung der Mindest- und Niedriglohnsektoren mit verantwortlich. Das zeigt besonders anschaulich das Beispiel des Berliner Senats, wo die Linkspartei, bzw. ihre Vorl\u00e4uferorganisationen, seit Ende 2001 mittlerweile schon zum dritten Mal Regierungsverantwortung aus\u00fcben. Anfang 2002 finanzierte der SPD-PDS-Senat als erstes die Rettung der Berliner Landesbank und nutzte die dadurch entstandene Finanzkrise, um soziale K\u00fcrzungen in nie gekanntem Ausma\u00df durchzusetzen. Der Senat k\u00fcrzte die L\u00f6hne im \u00f6ffentlichen Dienst, verl\u00e4ngerte die Arbeitszeiten und strich die Sozialleistungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zusammen. Der st\u00e4dtische Wohnungsgesellschaften wurden privatisiert und die Zahl der Leiharbeitspl\u00e4tze und Ein-Euro-Jobs massiv ausgeweitet.<\/p>\n<p>Erst vor wenigen Wochen, als sich im \u00f6ffentlichen Dienst eine neue Streikbewegung entwickelte, erwies die Linke erneut ihre staatstragende Funktion. Mehr als 200.000 Besch\u00e4ftigte des Bundes und der Kommunen beteiligten sich an Warnstreiks, um gegen die miserablen Arbeitsbedingungen und niedrigen L\u00f6hne von Kita-Erzieherinnen, M\u00fcllm\u00e4nnern, Sozialarbeiterinnen und vielen weiteren mehr zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die Linke, die in zahlreichen Gewerkschaftsgremien sitzt, sorgte mit daf\u00fcr, dass die Bewegung Mitte April in einen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/04\/19\/verd-a19.html\"><strong>\u00fcblen Ausverkauf<\/strong><\/a>\u00a0durch Verdi m\u00fcndete. Den Besch\u00e4ftigten empfahl sie, in der noch laufenden Mitgliederbefragung diesen Verrat abzusegnen. Der Abschluss k\u00f6nne sich durchaus sehen lassen, schrieb das\u00a0<em>Neues Deutschland<\/em>, das der Linken nahesteht: \u201e\u00dcber drei Prozent pro Jahr \u2026 Das hat es im \u00f6ffentlichen Dienst schon l\u00e4nger nicht gegeben, schon gar nicht zwei Jahre hintereinander.\u201c Auch im Vergleich zu anderen Branchen sei \u201eder Abschluss nicht schlecht\u201c.<\/p>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit tritt die Linke gern als Kritikerin von Hartz IV und Niedriglohn auf und stellt sich an die Spitze der Proteste \u2013 aber nur, um sie unter Kontrolle zu halten und bei erster Gelegenheit auszuverkaufen. Wo immer es auf ihre Politik ankommt, da unterst\u00fctzt die Linke den rechten Kahlschlag der Regierung und setzt ihn rigoros durch.<\/p>\n<p><em>\u00a0Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/05\/01\/lohn-m01.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianne Arens.\u00a0In Deutschland verdienen 3,7 Millionen Vollzeitbesch\u00e4ftigte weniger als 2000 Euro brutto im Monat, obwohl sie bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten. 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