{"id":3467,"date":"2018-05-01T08:14:25","date_gmt":"2018-05-01T06:14:25","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3467"},"modified":"2018-05-01T08:14:25","modified_gmt":"2018-05-01T06:14:25","slug":"rosa-luxemburg-kaempferin-gegen-den-reformismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3467","title":{"rendered":"Rosa Luxemburg: K\u00e4mpferin gegen den Reformismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Flurin Andry.<\/em> <strong>Der Reformismus steht heute nicht nur ohne Reformen da, sondern f\u00fchrt sogar Konterreformen durch. Wir versuchen unter R\u00fcckgriff auf Rosa Luxemburgs Klassiker \u00abSozialreform oder Revolution?\u00bb<!--more--> zu erkl\u00e4ren, warum \u2013 und wie wir dagegen k\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<p>Am 2. M\u00e4rz k\u00fcndigte SP-Bundesrat Berset an, dass er einen neuen Versuch starten will, den Frauen die Rente zu k\u00fcrzen. Die SP und Berset sind damit keine Ausnahme: Fast alle reformistischen Parteien haben die ArbeiterInnen in den letzten Jahren direkt angegriffen. Auf den ersten Blick scheint das r\u00e4tselhaft, denn eigentlich beteuern ja all diese Parteien, dass sie f\u00fcr sofortige Verbesserungen f\u00fcr die 99% arbeiten. Von solchen Reformen fehlt aber in der Realit\u00e4t jede Spur \u2013 hingegen Konterreformen wie die AV2020 finden wir \u00fcberall. Um die Verrate der Sozialdemokratie zu verstehen und zu sehen, was wir tun m\u00fcssen, damit wir nicht gegen, sondern f\u00fcr die Revolution k\u00e4mpfen, m\u00fcssen wir Rosa Luxemburgs Kritik am Reformismus verstehen.<\/p>\n<p><strong>Die Entwicklung der SPD<\/strong><\/p>\n<p>Luxemburg trat 1898 der SPD bei. Diese war in den Jahren seit ihrer Legalisierung 1890 mitsamt den Gewerkschaften stark gewachsen und integrierte sich immer mehr in das b\u00fcrgerliche System. Darin konnte sie auf der Basis des wirtschaftlichen Aufschwungs dieser Zeit Erfolge feiern. Die deutsche Bourgeoisie machte nebst den Profiten in Deutschland zus\u00e4tzlich auch imperialistische Extra-Profite. Teile von diesen nutzte sie dazu, eine Schicht der F\u00fchrung der Arbeiter-Innenbewegung zu bestechen, indem sie ihr bessere Lebensbedingungen bot, als es f\u00fcr die Massen der ArbeiterInnen im Kapitalismus m\u00f6glich ist: eine sogenannte Arbeiteraristokratie entstand.<\/p>\n<p>Dadurch und durch die Erfolgserlebnisse dieser Zeit geblendet, beschr\u00e4nkte sich die F\u00fchrung der SPD auf Minimalforderungen (Forderungen, die jetzt in den b\u00fcrgerlichen Parlamenten durchsetzbar sind) und stellte diese der Maximalforderung (dem So-zialismus) gegen\u00fcber. Diese Gegen\u00fcberstellung macht auch heute noch den Reformismus aus. Dabei wird das Erreichen des Sozialismus \u2013 wenn es nicht ganz \u00fcber Bord geworfen wird \u2013 in die Ferne Zukunft verlegt und soll durch eine Summe vieler einzelner Reformen in einem linearen Prozess erreicht werden.<\/p>\n<p><strong>Reform oder Revolution?<\/strong><\/p>\n<p>Eduard Bernstein, ein Abgeordneter der SPD, versuchte schliesslich, diese Praxis auch theoretisch zu begr\u00fcnden. Rosa Luxemburg antwortete darauf 1899 mit ihrer Schrift \u00abSozialreform oder Revolution?\u00bb. Darin erkl\u00e4rt sie, was es bedeutet, wenn Minimal- und Maximalforderungen einander gegen\u00fcbergestellt werden: \u00abWer sich [\u2026] f\u00fcr den gesetzlichen Reformweg\u00a0<em>anstatt<\/em>\u00a0und\u00a0<em>im Gegensatz<\/em>[\u2026] zur Umw\u00e4lzung der Gesellschaft ausspricht, w\u00e4hlt tats\u00e4chlich nicht einen ruhigeren, sicheren, langsameren Weg zum gleichen Ziel, sondern auch ein anderes Ziel\u00bb. Die Ver\u00e4nderung b\u00fcrgerlicher Gesetze bedingt den b\u00fcrgerlichen Staat und damit den Kapitalismus. Damit wird das Ziel, der Sozialismus, zur leeren Phrase. Bernstein gab das sogar offen zu: \u00abDas, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nennt, ist mir nichts, die Bewegung alles.\u00bb<\/p>\n<p>Diese \u00abBewegung\u00bb innerhalb des Kapitalismus erniedrigt nicht nur den Kampf f\u00fcr den Sozialismus zur blossen Phrase, sondern f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu Angriffen auf die 99%. Reformen k\u00f6nnen n\u00e4mlich nicht einfach so nach dem Geschmack sozial-demokratischer Parteien durchgef\u00fchrt werden. Es melden sich die Zw\u00e4nge des Kapitalismus. Wer sich auf Reformen innerhalb des Kapitalismus beschr\u00e4nkt, setzt voraus, was diesen im Kern ausmacht: die Profite der KapitalistInnen. In Zeiten der Krise wie heute sinken die Profite, und die KapitalistInnen sind nicht mehr im selben Masse bereit, Geld f\u00fcr Reformen abzugeben. Reformistische Parteien m\u00fcssen also daf\u00fcr sorgen, dass die Bedingungen wieder da sind, unter denen die Anh\u00e4ufung von Kapital reibungslos verl\u00e4uft. Konkret bedeutet das, dass ReformistInnen daf\u00fcr sorgen m\u00fcssen, dass die ArbeiterInnen noch h\u00e4rter als sonst ausgebeutet werden und auch mal ein Jahr l\u00e4nger arbeiten oder dass brutale Sparmassnahmen durchgef\u00fchrt werden. Kurz: Konterreformen, Angriffe auf die ArbeiterInnen!<\/p>\n<p><strong>Die revolution\u00e4re Methode<\/strong><\/p>\n<p>Was bedeutet es aber, revolution\u00e4r zu sein und f\u00fcr die 99% zu k\u00e4mpfen? Es bedeutet, dass Reform und Revolution nicht (wie beim Reformismus) getrennt werden: \u00abDie gesetzliche Reform und die Revolution sind also nicht verschiedene Methoden des geschichtlichen Fortschritts, die man [\u2026] nach Belieben wie heisse W\u00fcrstchen oder kalte W\u00fcrstchen ausw\u00e4hlen kann, sondern verschiedene Momente in der Entwicklung der Klassengesellschaft.\u00bb<\/p>\n<p>Reform und Revolution sind aber nur dann zwei \u00abMomente\u00bb eines Prozesses, wenn die Reformen ein Mittel sind, um zur Revolution zu gelangen und kein Selbstzweck. Hier liegt der zentrale Unterschied zum Reformismus: Dieser versteht den Weg zum Sozialismus als eine \u00abununterbrochene Kette fortlaufender und stets wachsender Sozialreformen\u00bb (Luxemburg), welche die Widerspr\u00fcche des Kapitalismus immer mehr abstumpfen. F\u00fcr den revolution\u00e4ren Marxismus hingegen dienen Reformen dazu, die 99% auf ihre Machtergreifung und damit den \u00dcbergang zum Sozialismus vorzubereiten. Die Reformen werden also nicht als der \u00dcbergang selbst missverstanden, sondern sind \u00abErziehungsmittel der Arbeiterklasse zur proletarischen Revolution\u00bb (Luxemburg). Doch wie werden Reformen zu solchen \u00abErziehungsmitteln\u00bb?<\/p>\n<p><strong>Revolution\u00e4re Reformen<\/strong><\/p>\n<p>Eine Revolution bedeutet, dass die Massen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Daf\u00fcr m\u00fcssen sie erkennen, dass sie als unterdr\u00fcckte Klasse die gleichen Interessen haben und dass diese im Gegensatz zu denen der Besitzenden stehen \u2013 sie m\u00fcssen ein Klassenbewusstsein entwickeln. Dazu geh\u00f6rt auch, dass sich die Arbeitenden ihrer Macht, die auf ihrer Stellung in der Produktion fusst, bewusst werden. Um zu einer wirklichen Kraft zu werden, die ihr Klasseninteresse auch wahrnehmen kann, m\u00fcssen sich die Arbeitenden organisieren. Weder das Klassenbewusstsein, noch die Organisation der Arbeitenden, entstehen einfach so. Doch sie k\u00f6nnen durch den gemeinsamen Kampf f\u00fcr Reformen entwickelt werden.<\/p>\n<p>Zum jetzigen Zeitpunkt ist den allermeisten Menschen nicht ersichtlich, wie ihre allt\u00e4glichen Probleme mit dem Kapitalismus zusammenh\u00e4ngen. Reformen m\u00fcssen an diesen Problemen ansetzen und L\u00f6sungen bieten, f\u00fcr welche die Arbeitenden bereit sind, zu k\u00e4mpfen \u2013 und die gleichsam \u00fcber den Kapitalismus hinausweisen. Indem Reformen die Arbeitenden vermehrt in den Kampf hineinziehen, k\u00f6nnen diese sich organisieren und ein Klassenbewusstsein entwickeln. Durch den Kampf selbst wird ihnen nach und nach klar, dass eine Revolution notwendig ist \u2013 gleichzeitig schaffen die Arbeitenden auch sich selbst als die Kraft, die im Stande ist, diese Revolution durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr den Sozialismus \u2013 gegen Reformismus!<\/strong><\/p>\n<p>Es ist paradox, dass Rosa Luxemburg manchmal herbeigezogen wird, um reformistische Politik zu begr\u00fcnden. In Wirklichkeit steht sie f\u00fcr das Gegenteil. Sie hilft uns zu verstehen, wie wir Reform und Revolution verbinden m\u00fcssen, um f\u00fcr die 99% zu k\u00e4mpfen. Sie zeigt uns, warum der Reformismus heute die ArbeiterInnen immer wieder verr\u00e4t und warum er das zwangsl\u00e4ufig immer wieder tun wird. Wenn wir f\u00fcr den Sozialismus k\u00e4mpfen, m\u00fcssen wir, wie Rosa Luxemburg, gegen den Reformismus in den ArbeiterInnenorganisationen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/theorie\/rosa-luxemburg-kaempferin-gegen-den-reformismus\/#more-7997\">derfunke.ch&#8230;<\/a> vom 1. Mai 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Flurin Andry. Der Reformismus steht heute nicht nur ohne Reformen da, sondern f\u00fchrt sogar Konterreformen durch. 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