{"id":3477,"date":"2018-05-03T08:15:38","date_gmt":"2018-05-03T06:15:38","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3477"},"modified":"2018-05-03T08:16:05","modified_gmt":"2018-05-03T06:16:05","slug":"200-jahre-marx-kein-toter-hund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3477","title":{"rendered":"200 Jahre Marx: Kein toter Hund"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Suchanek. <\/em>Jahrestage dienen nie einer blo\u00dfen R\u00fcckbesinnung auf das geschichtliche Werk einer Person. Handelt es sich um einen epochemachenden Theoretiker wie Marx, der gemeinsam<!--more--> mit seinem Freund und Kampfgef\u00e4hrten Engels den \u201ewissenschaftlichen Sozialismus\u201c begr\u00fcndete, so gibt es f\u00fcr die herrschende Klasse oder auch den linken Fl\u00fcgel des B\u00fcrgertums, die reformistischen Organisationen, nur zwei M\u00f6glichkeiten: zu Tode schweigen oder zu Tode gedenken.<\/p>\n<p><strong>Ein Toter, der st\u00e4ndig wiederkehrt<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2018, besonders im Mai, h\u00e4ufen sich Feierlichkeiten und Gedenkveranstaltungen. Marx\u2018 Geburtsstadt Trier nimmt den Jahrestag ihres bekanntesten Sohnes nicht zum Anlass von \u201eW\u00fcrdigungen\u201c und Veranstaltungen, sondern will aus dem Kapitalkritiker auch Kapital schlagen. Selbst die CDU stimmte im Stadtrat f\u00fcr den Bau einer \u00fcberlebensgro\u00dfen Statue und die Massenproduktion von Devotionalien, vor allem f\u00fcr den chinesischen Markt.<\/p>\n<p>Kaum ein gro\u00dfer Verlag l\u00e4sst sich finden, der nicht eine \u201eneue\u201c Marx-Biographie ver\u00f6ffentlicht, kaum eine renommierte wissenschaftliche Institution, die nicht zumindest eine Vortragsreihe oder ein Symposium veranstaltet, keine b\u00fcrgerliche Zeitung, die ohne Nachruf auskommen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Tote leben eben l\u00e4nger. Auch wenn die offizielle Gedenkkultur eher der Leichensch\u00e4ndung als einer W\u00fcrdigung gleichkommt, so liegt selbst in der b\u00fcrgerlichen Vereinnahmung und Entstellung von Marx etwas unfreiwillig Entlarvendes.<\/p>\n<p>Kaum ein Theoretiker, kaum ein wissenschaftliches Werk wurde so oft f\u00fcr \u201etot\u201c, \u201e\u00fcberholt\u201c und \u201ewiderlegt\u201c erkl\u00e4rt. Sogar etliche neu auf den Mark gekommene Marx-Biografien wie jene von Stedman Jones aus dem Jahr 2016 werden nicht m\u00fcde, seine Arbeit und Politik als \u201eillusion\u00e4r\u201c zu entlarven. Es fragt sich jedoch, warum ausgerechnet ein schon tausend Mal f\u00fcr tot Erkl\u00e4rter noch einmal auf tausenden Seiten in hunderten B\u00fcchern und Artikeln \u201ewiderlegt\u201c werden muss.<\/p>\n<p>Der Tote ist eben nicht tot. Die Marx-\u201eKritik\u201c nach dem Zweiten Weltkrieg, wie z. B. in Karl Poppers\u00a0<em>\u201eElend des Historizismus\u201c<\/em>\u00a0dargelegt, war sicherlich nicht viel d\u00fcmmer oder kl\u00fcger als die heutigen \u201eWiderlegungen\u201c. Aber vor dem Hintergrund der \u00f6konomischen Expansion der 1950er und 1960er Jahre konnte sie auf eine st\u00e4ndige Verbesserung der Lebensbedingungen aller verweisen, wie es auf der gesellschaftlichen Oberfl\u00e4che erschien. Die Krisentheorie und die bei Marx entwickelte relative Verelendungstheorie schienen widerlegt, das Proletariat \u201everschwunden\u201c, integriert und zur \u201eMittelklasse\u201c aufgestiegen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem war die revolution\u00e4re Theorie unter Stalin und Mao zum \u201eMarxismus-Leninismus\u201c kanonisiert worden und zur Legitimationsideologie einer herrschenden Kaste verkommen, die Theorie, Programm und Politik von Marx und Lenin in ihr Gegenteil verkehrte. Im Westen wiederum brachen die Frankfurter Schule und andere Spielarten des \u201eNeo-Marxismus\u201c mit dem revolution\u00e4ren Kern der Theorie. Der \u201eorganisierte Kapitalismus\u201c w\u00e4re f\u00e4hig zur erfolgreichen staatlichen Krisenabfederung, das Proletariat unf\u00e4hig, sich als revolution\u00e4res Subjekt zu konstituieren. So konnte man besonders \u201ekritisch\u201c und zugleich im b\u00fcrgerlichen Wissenschaftsbetrieb erfolgreich sein.<\/p>\n<p><strong>Marx is back<\/strong><\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige globale Krisenperiode und die mit ihr einhergehende versch\u00e4rfte inner-imperialistische Konkurrenz entziehen nat\u00fcrlich jeder Theorie einer allm\u00e4hlichen Verbesserung der Lage der ArbeiterInnenklasse, des sozialen Aufstiegs und der Abschw\u00e4chung des Klassenwiderspruchs den Boden.<\/p>\n<p>Im ersten Band des \u201eKapital\u201d legt Marx bekanntlich eine Theorie der relativen Verelendung der ArbeiterInnenklasse dar. Dieser begegnen wir selbst in Phasen der Expansion und der Erh\u00f6hung des Arbeitslohns, denn ihr entspricht auch dann, dass der neu geschaffene Reichtum in Form des Mehrwerts best\u00e4ndig auf Seiten des Kapitals angeh\u00e4uft wird. \u201e<em>Aber alle Methoden zur Produktion des Mehrwerts sind zugleich Methoden der Akkumulation, und jede Ausdehnung der Akkumulation wird umgekehrt Mittel zur Entwicklung jener Methoden. Es folgt daher, da\u00df im Ma\u00dfe wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, ob hoch oder niedrig, sich verschlechtern mu\u00df.\u201c<\/em>\u00a0(Das Kapital, Band 1, S. 674\/675) Es w\u00e4chst also auch in der Periode der kapitalistischen Expansion die \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeit der ArbeiterInnenklasse, die Dominanz des Kapitals.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Wissenschaft, aber auch der Reformismus sind f\u00fcr die Theorie der relativen Verelendung blind, weil sie die immer st\u00e4rkere Herrschaft der toten \u00fcber die lebendige Arbeit aus dem Auge lassen, die immer umfassendere Unterordnung, Vereinseitigung und Entfremdung. Im sozialdemokratischen Modell des Sozialstaats, aber auch im Stalinismus verkommt die \u201eBefreiung\u201c der Klasse zu einer staatlichen Wohlfahrtsleistung, die die Entfremdung nicht aufheben kann, sondern nur sch\u00f6ner ausgestalten will. F\u00fcr Marx hingegen bleibt auch die etwas besser bezahlte Lohnsklaverei \u2013 Lohnsklaverei.<\/p>\n<p>Heute leben wir in einer Periode, wo auch immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Klasse mit sinkenden Einkommen zu k\u00e4mpfen haben, wo selbst in den tradierten imperialistischen Zentren wie Deutschland Millionen zu prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten wurden, zu einem Heer von \u201eworking poor\u201c samt Kindern und RentnerInnen in Armut. In L\u00e4ndern wie China und Indien, wo sich die industrielle Produktion fieberhaft ausdehnt, w\u00e4chst auch die Zahl der \u00fcberausgebeuteten Armen.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von akademischen Debatten lesen sich Marx\u2018 Theorie und Beschreibungen der allgemeinen Gesetze der kapitalistischen Akkumulation im ersten Band des Kapitals \u00fcber weite Strecken wie eine Darstellung \u201eneuester\u201c Ausbeutungsformen. Die Krisentheorie scheint heute wieder plausibel. Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate \u2013 zu Recht von Marx als eine seiner zentralen Entdeckungen hervorgehoben \u2013 erweist sich als weitaus realit\u00e4tstauglicher, als eine ganze Reihe revisionistischer KritikerInnen behauptet.<\/p>\n<p><strong>Entwicklung und Kampf<\/strong><\/p>\n<p>Die heutige b\u00fcrgerliche Marx-Kritik und ihre (links)reformistische Spielart verm\u00f6gen es daher nicht, Marx zur G\u00e4nze abzulehnen. Sie akzeptieren bestimmte Momente seiner Theorie oder Begriffe. Aber sie lehnen umso entschiedener die Totalit\u00e4t und den revolution\u00e4ren Kern des Marx\u2019schen Werkes ab.<\/p>\n<p>So wird der \u00f6konomische Theoretiker, der Autor von\u00a0<em>\u201eDas Kapital\u201c<\/em>, als scharfsinniger Kritiker anerkannt, von dem auch IdeologInnen der herrschenden Klasse lernen k\u00f6nnen. Aber seine revolution\u00e4ren Schlussfolgerungen, die Zuspitzung der Krise zur revolution\u00e4ren \u00dcberwindung, die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution werden als \u201ewiderlegt\u201c, \u201eeinseitig\u201c oder reine \u201eWunschvorstellungen\u201c abgetan. Auf dem Gebiete einzelner Erscheinungen mochte Marx sogar recht behalten haben, aber seine Schlussfolgerungen bez\u00fcglich der Bewegungsgesetze des Kapitalismus, seiner inneren Entwicklungslogik h\u00e4tten keinen wissenschaftlichen Charakter, w\u00e4ren allenfalls literarisch interessante Spekulationen. Auf dem Gebiet der Politik h\u00e4tte Marx einen fatalen und l\u00e4ngst \u00fcberholten \u201e\u00fcbertriebenen\u201c Anspruch gehegt \u2013 n\u00e4mlich der Programmatik und Taktik einer revolution\u00e4ren Partei eine wissenschaftliche Fundierung zu geben. In Wirklichkeit h\u00e4tte auch er \u2013 wie jeder b\u00fcrgerliche Politikaster \u2013 nur im Tr\u00fcben gefischt.<\/p>\n<p>Diese Methode, Aspekte des Marx\u2019schen Werkes als wissenschaftlich zu akzeptieren, aber die Verbindung zum Gesamtzusammenhang abzulehnen, ist nicht neu. Sie findet sich keineswegs nur bei b\u00fcrgerlichen oder akademischen KritikerInnen, sondern vor allem im Revisionismus alter wie neuer Spielart. Nachdem sich der Marxismus schon zu Lebzeiten von Marx und Engels gegen ideologisch kleinb\u00fcrgerliche Str\u00f6mungen wie den Proudhonismus und Anarchismus im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hatte, wurden die revolution\u00e4ren Schlussfolgerungen in der ArbeiterInnenbewegung selbst relativiert. Der entstehende Revisionismus und Reformismus traten zwar teilweise offen gegen Marx auf, oft genug aber auch verdeckt, indem sie nur \u201eTeilaspekte\u201c zu aktualisieren vorgaben. Sp\u00e4ter wurde ein mehr oder minder entstellter Marx selbst noch zur Kritik des revolution\u00e4ren Kommunismus herangezogen \u2013 eine Methode, die heute z. B. auch bei der Linkspartei und der Luxemburg-Stiftung im Gebrauch ist. Der Vorteil liegt dabei auf der Hand: Man hofft so, die eigene reformistische Politik im Rekurs auf Marx (oder Engels oder Luxemburg) auch noch als \u201erevolution\u00e4r\u201c und besonders \u201ekritisch\u201c hinzustellen. Doch bevor wir uns damit besch\u00e4ftigen, wollen wir uns noch einmal dem Erbe von Marx zuwenden.<\/p>\n<p><strong>Entstehung des Marx\u2019schen Werkes<\/strong><\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Methode von Marx und Engels und ihre Politik bilden sich in der Auseinandersetzung mit drei gro\u00dfen Str\u00f6mungen ihrer Zeit heraus: dem Hegelianismus, der politischen \u00d6konomie und dem Fr\u00fchsozialismus.<\/p>\n<p>Diese Theorien bedeuteten einen enormen Fortschritt im Verst\u00e4ndnis der modernen, entstehenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, aber sie waren schon in den Jugendjahren von Marx und Engels an ihre inneren Grenzen gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Hegels dialektische Methode erm\u00f6glichte eine Revolutionierung des Geschichtsverst\u00e4ndnisses. Die Ver\u00e4nderung, das Werden, die Entstehung des Neuen und des Fortschritts aus den inneren Widerspr\u00fcchen \u00f6ffnete nicht nur einen ver\u00e4nderten Blick auf den historischen Prozess, sondern auch auf die entstehende b\u00fcrgerliche Gesellschaft. Aber der Hegelianismus blieb \u2013 wie auch seine linken Sch\u00fcler \u2013 dem Idealismus verhaftet, die geschichtliche Entwicklung letztlich eine Form der Selbsterkenntnis des absoluten Geistes. Die dialektische Methode Hegels betont das Moment der Entwicklung, des Historischen und damit auch des unvermeidlichen Untergehens bestimmter gesellschaftlicher oder politischer Formen. Aber Hegels idealistisches System erforderte auch einen Endpunkt dieser Entwicklung, die mit einer Form der \u201eabsoluten Wahrheit\u201c abschlie\u00dfen musste. Diese konservative, affirmative Seite der Hegel\u2019schen Philosophie f\u00fchrte aus den geistigen H\u00f6hen des Systems zu\u00a0<em>\u201ezahmen politischen Schlussfolgerungen\u201c<\/em>\u00a0(Engels), in die profanen Niederungen des preu\u00dfischen Absolutismus.<\/p>\n<p>Adam Smith und David Ricardo versuchten, die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der politischen \u00d6konomie auszuarbeiten, ihnen auf den Grund zu gehen. Sie entwickelten wichtige Aspekte der Werttheorie. Aber sie waren nicht in der Lage, die Klassenschranken ihrer Theorie zu \u00fcberwinden und somit vorhandene innere Widerspr\u00fcchlichkeiten ihrer Arbeiten. Insbesondere vermochten sie nicht, den historischen, verg\u00e4nglichen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise selbst zu verstehen. Vielmehr teilen sie mit der aktuellen akademischen Wirtschaftswissenschaft, wenn auch vom theoretischen Anspruch her weit \u00fcber dieser stehend, die Vorstellung, dass der Kapitalismus das letzte Wort der Geschichte sei.<\/p>\n<p>Der Fr\u00fchsozialismus griff die universellen Freiheitsversprechen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft auf, wandte sie als Ma\u00dfstab gegen die zur Macht gekommene Bourgeoisie. Die herrschende Klasse erf\u00fcllte die eigenen Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechten nicht. Damit verwies der Fr\u00fchsozialismus zwar auf den antagonistischen Charakter der Gesellschaft, doch seine Vorstellung einer besseren, sozialistischen war selbst noch im b\u00fcrgerlichen Rechtshorizont befangen, daher wesentlich moralisch. Eine wissenschaftliche Fundierung fehlte. Den bestehenden, kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen wurden einfach \u201ebessere\u201c, herrschaftsfreie entgegengestellt \u2013 teils in genialen, inspirierenden Betrachtungen, teils indem der verallgemeinerten Warenproduktion wie z. B. im Proudhonismus eine vermeintlich gerechtere Form ebendieser entgegengestellt wurde.<\/p>\n<p>Der Marxismus entstand im Bruch mit diesen Ideen. Auf der Basis der Kritik und der Polemik gegen die zeitgen\u00f6ssischen, letztlich immer reaktion\u00e4rer werdenden Parteig\u00e4ngerInnen dieser Theorien entsteht die Marx\u2019sche, wird seine Politik wissenschaftlich fundiert.<\/p>\n<p><strong>Historische Rolle des Proletariats<\/strong><\/p>\n<p>Im Zentrum steht f\u00fcr Marx und Engels dabei von Beginn an das Verst\u00e4ndnis der historischen Rolle des Proletariats. Das ist der Springpunkt, um den sich die Marx\u2019sche theoretische Arbeit, sein politisches Wirken, sein Gesamtwerk drehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marx stellt die ArbeiterInnenklasse keine blo\u00df sozial-statistische Kategorie dar, die sich beispielsweise durch geringes Einkommen, eingeschr\u00e4nkten Zugang zu kulturellen Ressourcen, strukturelle Benachteiligung usw. auszeichnet. Vielmehr kann die ArbeiterInnenklasse nur im Verh\u00e4ltnis zum Kapital, ja zur Gesamtheit der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, ihrer Totalit\u00e4t verstanden werden. Das Proletariat ist keine Ansammlung von Individuen mit gleichen Eigenschaften \u2013 es muss vielmehr im Verh\u00e4ltnis zur KapitalistInnenklasse verstanden werden, im Rahmen eines Widerspruchsverh\u00e4ltnisses.<\/p>\n<p>Daher muss die ArbeiterInnenklasse selbst auch immer in ihrem Werden, ihrer Ver\u00e4nderung verstanden werden \u2013 nicht nur in dem Sinne, dass sich ihre Zusammensetzung, ihre Struktur usw. infolge der Kapitalzusammensetzung st\u00e4ndig \u00e4ndern, umw\u00e4lzen, sondern vor allem auch darin, dass das Proletariat nur im Kampf, in seiner Organisierung, und indem diese mit der marxistischen Theorie verbunden wird, zu einer Klasse f\u00fcr sich werden kann. Gewerkschaften stellen dabei elementare Organisationsformen dar. Entscheidend ist aber f\u00fcr Marx die Konstituierung der Klasse zur politischen Partei, zu einem Zusammenschluss der bewusstesten Teile der Klasse, ihrer Avantgarde auf Grundlage eines gemeinsamen Programms zum Sturz des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Schon in den Fr\u00fchschriften und im Kommunistischen Manifest arbeiten Marx und Engels heraus:\u00a0<em>\u201eVon allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegen\u00fcberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolution\u00e4re Klasse. Die \u00fcbrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der gro\u00dfen Industrie, das Proletariat ist ihr ureigenstes Produkt.\u201c<\/em>\u00a0(Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 472)<\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Die kapitalistische Produktionsweise bringt ihren eigenen \u201eTotengr\u00e4ber\u201c hervor, jene Klasse, die sowohl die F\u00e4higkeit besitzt, diese Verh\u00e4ltnisse umzust\u00fcrzen, wie sie sich \u2013 im Unterschied zu fr\u00fcheren unterdr\u00fcckten Klassen \u2013 nur befreien kann, indem sie als kollektiv produktionsmittellose Klasse die Produktivkr\u00e4fte unter gesellschaftliche, planm\u00e4\u00dfige Leitung stellt. Dazu m\u00fcssen die \u201eEnteigner\u201c, also das \u201eKapital\u201c, enteignet werden.<\/p>\n<p>Die theoretische Arbeit von Marx z. B. im\u00a0<em>\u201eKapital\u201c<\/em>\u00a0dient zur Fundierung, zum Verst\u00e4ndlichmachen und zur Begr\u00fcndung der revolution\u00e4ren Rolle des Proletariats. Die Abschnitte, die sich z. B. auf den Kampf um den 10-Stunden-Tag beziehen und erst recht jene, die die Notwendigkeit der politischen Macht\u00fcbernahme des Proletariats hervorheben, sind keine \u201eunwissenschaftlichen\u201c Zus\u00e4tze zum\u00a0<em>\u201eKapital\u201c<\/em>, sondern vielmehr die entscheidenden Schlussfolgerungen aus der Kritik der politischen \u00d6konomie. So legt Marx im\u00a0<em>\u201eKapital\u201d<\/em>\u00a0z. B. den Sinn wie auch die Schranken \u00f6konomischer K\u00e4mpfe dar, indem er nach der Entwicklung der Wertform, der Verwandlung von Geld in Kapital zeigt, dass im Kapitalbegriff auch der Klassenantagonismus, der Kampf um die Verteilung des Mehrwerts schon eingeschlossen ist. Er erkl\u00e4rt, warum der Wert der Ware Arbeitskraft als Arbeitslohn erscheinen und im Lohnfetisch das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise verschleiert werden muss.<\/p>\n<p>Auch wenn\u00a0<em>\u201eDas Kapital\u201c<\/em>\u00a0selbst unvollendet blieb, so entwickelt es doch die inneren Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Produktionsweise, die Zuspitzung ihres inneren Widerspruchs und die L\u00f6sung, zu der er dr\u00e4ngt:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgebl\u00fcht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unvertr\u00e4glich werden mit ihrer kapitalistischen H\u00fclle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums hat geschlagen. Die Expropriateure werden expropriiert.\u201c<\/em>\u00a0(Das Kapital, Band 1, S. 791)<\/p>\n<p>Die umfassende wissenschaftliche Analyse, die Marx im \u201eKapital\u201c vorlegt, w\u00e4re ohne Kritik der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomen, ohne die Analyse und Verallgemeinerung der entstehenden ArbeiterInnenbewegung und ihrer K\u00e4mpfe und ohne die dialektische Methode unm\u00f6glich gewesen. Marx mixt diese jedoch nicht wie die \u201emoderne\u201c b\u00fcrgerliche Universit\u00e4t eklektisch, sondern schafft eine neue Methode. Deren entscheidendes Wahrheitskriterium liegt nicht im akademischen \u201eDiskurs\u201c, sondern in der Praxis, genauer in der revolution\u00e4ren Praxis der ArbeiterInnenklasse.<\/p>\n<p><strong>Staat und Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Was vom\u00a0<em>\u201eKapital\u201c<\/em>\u00a0gesagt werden kann, trifft auch auf alle anderen Aspekte des marxschen Werkes zu. Es geht nicht darum, nur einen Teil der Gesellschaft zu erkl\u00e4ren, sondern die Gesamtheit ihrer Verh\u00e4ltnisse. Auch wenn etliches nur bruchst\u00fcckhaft bleibt, so ist Marx wie Engels (und allen gro\u00dfen MarxistInnen) gemein, s\u00e4mtliche wichtigen gesellschaftlichen Probleme und Auseinandersetzungen als Teil des Klassenkampfes zu verstehen. Das zeigt sich unter anderem bei der Behandlung der nationalen Frage, der Frauenunterdr\u00fcckung, des Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnisses, der Kriegsfrage und des Verh\u00e4ltnisses von Reform und Revolution.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marx muss die ArbeiterInnenklasse die politische Macht ergreifen, um \u00fcberhaupt die Gesellschaft bewusst umgestalten zu k\u00f6nnen. Aus seiner Kapitalanalyse ergibt sich zwingend, dass das Proletariat im Rahmen der bestehenden Gesellschaft keine neue Produktionsweise aufbauen kann, weil es gerade durch sein Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln charakterisiert ist. Es muss schon deshalb die KapitalistInnenklasse enteignen und die wichtigsten gesellschaftlichen Ressourcen in einer Hand, dem Staat zentralisieren.<\/p>\n<p>In der Analyse der Revolution von 1848 (z. B. in Marx,\u00a0<em>\u201eDer achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte\u201c<\/em>\u00a0oder Engels,\u00a0<em>\u201eRevolution und Konterrevolution in Deutschland\u201c)<\/em>\u00a0wird deutlich, dass die ArbeiterInnenklasse den bestehenden b\u00fcrgerlichen Staatsapparat nicht einfach \u00fcbernehmen kann, sondern dass dieser vielmehr im Zuge des Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat als Herrschaftsinstrument perfektioniert wird:<\/p>\n<p><em>\u201eDie parlamentarische Republik endlich sah sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den Repressivma\u00dfregeln die Mittel und die Zentralisation der Regierungsgewalt zu verst\u00e4rken. Alle Umw\u00e4lzungen vervollkommneten diese Maschine statt sie zu brechen.\u201c<\/em>\u00a0(Marx, Der achtzehnte Brumaire, MEW 8, S. 197)<\/p>\n<p>Marx dazu in einem Brief an Kugelmann am 17. April 1871:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn Du das letzte Kapitel meines \u201aAchtzehnten Brumaire\u2018 nachsiehst, wirst Du finden, dass ich als n\u00e4chsten Versuch der franz\u00f6sischen Revolution ausspreche, nicht die b\u00fcrokratisch-milit\u00e4rische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu \u00fcbertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent.\u201c<\/em>\u00a0(MEW 33, S. 205)<\/p>\n<p>Die politische Form dieser Herrschaft, der Diktatur des Proletariats, ist schlie\u00dflich in der Kommune, in den R\u00e4ten gefunden.<\/p>\n<p><em>\u201eDas ist also die Kommune \u2013 die politische Form der sozialen Emanzipation, der Befreiung der Arbeit von der Usurpation (der Sklaverei) der Monopolisten der Arbeitsmittel, die von den Arbeitern selbst geschaffen oder Gaben der Natur sind. So wie die Staatsmaschine und der Parlamentarismus nicht das wirkliche Leben der herrschenden Klassen, sondern nur die organisierten allgemeinen Organe ihrer Herrschaft, die politischen Garantien, Formen und Ausdrucksweisen der alten Ordnung der Dinge sind, so ist die Kommune nicht die soziale Bewegung der Arbeiterklasse und folglich nicht die Bewegung einer allgemeinen Erneuerung der Menschheit, sondern ihr organisiertes Mittel der Aktion. Die Kommune beseitigt nicht den Klassenkampf, durch den die arbeitenden Klassen die Abschaffung aller Klassen und folglich aller [Klassenherrschaft] erreichen wollen (\u2026), aber sie schafft das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser Klassenkampf seine verschiedenen Phasen auf rationellste und humanste Weise durchlaufen kann.\u201c<\/em>(Marx, Erster Entwurf zum \u201aB\u00fcrgerkrieg in Frankreich\u2018, MEW 17, S. 545 f.)<\/p>\n<p>Die Kommune war also wesentlich eine<em>\u00a0\u201eRegierung der Arbeiterklasse\u201c<\/em>\u00a0(Marx). Diese erf\u00fcllt aber nur ihre eigentliche geschichtliche Funktion, wenn sie auch wirklich im historischen Interesse der Klasse agiert \u2013 ansonsten verkommt auch diese Form zum \u201eBetrug\u201c (\u00e4hnlich wie es die R\u00e4te in Russland gewesen w\u00e4ren, wenn die Bolschewiki nicht die Mehrheit erobert und sie zum Aufstand im Oktober gef\u00fchrt h\u00e4tten).<\/p>\n<p>Marx entdeckte daher nicht nur die historische Bedeutung der Kommune \u2013 seine Einsch\u00e4tzung stand auch im krassen politischen Gegensatz zur Einsch\u00e4tzung der AnarchistInnen. Er solidarisierte sich nicht nur mit den Revolution\u00e4rInnen der Kommune, er unterzog auch deren Schw\u00e4chen und Halbheiten einer scharfen Kritik.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass diese Aspekte des Marx\u2019schen Werkes, die revolution\u00e4re Kulmination seines Denkens und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen, nicht nur in der offen b\u00fcrgerlichen Kritik bek\u00e4mpft werden, sondern auch immer schon Kritikpunkte des Revisionismus waren.<\/p>\n<p><strong>Revolutionsstrategie<\/strong><\/p>\n<p>Marx\u2018 und Engels\u2018 Kampf f\u00fcr eine proletarische Partei und Internationale durchzieht ihr gesamtes Lebenswerk. Dabei stand f\u00fcr sie \u2013 ohne sektiererisch zu werden \u2013 immer programmatische Klarheit in Verbindung mit prinzipienfester Vereinigung.<\/p>\n<p>Im\u00a0<em>\u201eBund der Kommunisten\u201c<\/em>\u00a0hatten Marx und Engels die voluntaristischen und utopischen Positionen der Anh\u00e4ngerInnen Weitlings und andere entschieden bek\u00e4mpft und dem Bund in Form des\u00a0<em>\u201eKommunistischen Manifests\u201c<\/em>\u00a0eine wissenschaftliche programmatische Grundlage verschafft.<\/p>\n<p>Das Eingreifen von Marx und Engels bei der Entstehung der Ersten Internationale kann \u2013 wie Dawid B. Rjazanow richtig herausarbeitet \u2013 als eine fr\u00fche Form der ArbeiterInnenparteitaktik betrachtet werden. Marx und Engels war \u2013 wie die Inauguraladresse von 1864 zeigt \u2013 durchaus bewusst, dass sich nicht nur \u201emarxistische\u201c Elemente in der Internationale versammeln w\u00fcrden, sondern auch die VertreterInnen von Massengewerkschaften oder die Anh\u00e4ngerInnen Proudhons als st\u00e4rkstem ideologischen Gegengewicht.<\/p>\n<p>Aber Marx und Engel betrachteten eine solche gemeinsame Partei nicht als Ziel, sondern als \u00dcbergang zu einer fortschreitenden Kl\u00e4rung, die sie auch in Schriften, Polemiken wie\u00a0<em>\u201eLohn, Preis, Profit\u201c<\/em>, den Entschlie\u00dfungen der Kongresse der Internationale usw. forcierten. Die Einsch\u00e4tzung und die Folgen der Kommune markierten einen Wendepunkt, der zugleich auch einen Fortschritt darstellt hinsichtlich des Bruchs mit den AnarchistInnen. Die Polemiken aus dieser Zeit \u2013 insbesondere zum Londoner Kongress 1871 und zum Haager Kongress 1872 \u2013 stellen bis heute einen enormen Fundus der Kritik an schein-revolution\u00e4rem Linksradikalismus sowie des eigentlich kleinb\u00fcrgerlich-doktrin\u00e4ren Charakters dieser Politik dar.<\/p>\n<p>Bis heute kritisiert eine ganze Reihe ReformistInnen und Vers\u00f6hnlerInnen Marx daf\u00fcr, gegen\u00fcber den AnarchistInnen und SyndikalistInnen zu \u201edogmatisch\u201c und hart gewesen zu sein. Sie unterstellen, dass die Spaltung der Internationale, der Bruch mit den AnarchistInnen so h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ging es um Grundfragen revolution\u00e4rer Politik. Marx\u2018 Einsch\u00e4tzung der Kommune als Kampfinstrument der Klasse bedeutet auch, dass er von ihr entschiedene Ma\u00dfnahmen gegen die Konterrevolution erwartete.<\/p>\n<p>In diesem Kontext muss auch Marx\u2018 Kritik an den KommunardInnen verstanden werden, die es vers\u00e4umt h\u00e4tten, die Bank von Frankreich zu enteignen und gegen die in Versailles konzentrierte Konterrevolution zu marschieren.<\/p>\n<p>Marx wirft dem Zentralkomitee der Nationalgardisten aber auch vor, zu fr\u00fch der gew\u00e4hlten Kommune die F\u00fchrung \u00fcberlassen zu haben und diese somit in die H\u00e4nde \u201ezuf\u00e4lliger\u201c und politisch verwirrter Elemente zu legen, statt der eigenen politischen Verantwortung nachzukommen.<\/p>\n<p>Kautsky, der schon die Unterst\u00fctzung des \u201eTerrors\u201c gegen die Konterrevolution in der Rheinischen Zeitung als eine \u201eJugends\u00fcnde\u201c von Marx hinstellte, fand das in seiner, eigentlich gegen die Bolschewiki gerichteten Polemik\u00a0<em>\u201eTerrorismus und Kommunismus\u201c<\/em>\u00a0\u201eunverst\u00e4ndlich\u201c.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ist das nur unverst\u00e4ndlich f\u00fcr Menschen, die abstrakte \u201edemokratische\u201c Verfahren, Dogmen \u00fcber die Erfordernisse einer Revolution, also des revolution\u00e4ren Sieges und seiner Verteidigung stellen. Es illustriert sehr gut den Unterschied zwischen einem konsequenten Revolution\u00e4r wie Marx und einem Zentristen, der zwischen Reform und Revolution schwankt. Dieser mag zwar auch die \u201eRevolution\u201c wollen und die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c \u2013 aber nur solange sie nicht \u201eschmutzig\u201c wird, nicht gezwungen ist, diktatorische Schritte umzusetzen, die demokratischen oder anderen \u201ePrinzipien\u201c widersprechen, weil solcherart die Gefahr entst\u00fcnde, dass die Revolution selbst zur autorit\u00e4ren Herrschaft \u00fcber das Proletariat verkomme. Diese Gefahr als solche kann nat\u00fcrlich niemand leugnen. Aber umgekehrt gehen Revolutionen unvermeidlich mit solchen Gefahren einher, wo die Erringung oder Verteidigung der Herrschaft der ArbeiterInnenklasse despotische, diktatorische Ma\u00dfnahmen gegen die (ehemals herrschenden) Unterdr\u00fcckerInnen und ihre Parteig\u00e4ngerInnen erfordern.<\/p>\n<p>Der Ausweg aus diesem Problem liegt nicht darin, es durch Prinzipien oder Dogmen \u201ewegzudenken\u201c, sondern sich diesem zu stellen. Die mit solchen Ma\u00dfnahmen zweifellos verbundenen Gefahren k\u00f6nnen nur durch entschlossenes revolution\u00e4res Handeln und eine korrekte Strategie der Ausweitung der Revolution, deren Internationalisierung \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Die Grundfrage, die nach der Niederlage der Pariser Kommune letztlich zum Scheitern der Ersten Internationale f\u00fchrte, war nicht, ob die Internationale \u201eoffener\u201c oder \u201eenger\u201c, mehr oder minder \u201eautorit\u00e4r\u201c sein sollte. Marx und Engels zogen aus der Kommune nicht nur bez\u00fcglich der Staatsfrage zentrale Schlussfolgerungen, sondern betonten auch die zentrale Bedeutung der Schaffung einer politischen ArbeiterInnenpartei, die alle Aspekte des Klassenkampfes systematisch f\u00fchren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Hier stie\u00dfen sie aber sowohl auf den Widerstand von Gewerkschaften und SyndikalistInnen, die im \u00f6konomischen Kampf den eigentlichen Klassenkampf erblickten, wie auch der AnarchistInnen, die sich gegen politische Aktionen, den Kampf um politische Teilforderungen aussprachen. Beide wollten von der Eroberung der politischen Macht und der Errichtung der Diktatur des Proletariats nichts wissen \u2013 die einen, weil sie die blutige Repression und den B\u00fcrgerkrieg f\u00fcrchteten, die anderen, weil sie von der sofortigen Abschaffung des Staates und aller Autorit\u00e4t tr\u00e4umten.<\/p>\n<p><em>\u201eAber die Antiautoritarier fordern, da\u00df der autorit\u00e4re politische Staat mit einem Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, da\u00df der erste Akt der sozialen Revolution die Abschaffung der Autorit\u00e4t sei. Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewi\u00df das autorit\u00e4rste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bev\u00f6lkerung dem anderen seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autorit\u00e4rsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partie mu\u00df, wenn sie nicht umsonst gek\u00e4mpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktion\u00e4ren einfl\u00f6\u00dfen.\u201c<\/em>(Engels, Von der Autorit\u00e4t, MEW 18, S. 308)<\/p>\n<p>Zweifellos wurde der Bruch mit AnarchistInnen und SyndikalistInnen auch dadurch forciert, dass Marx und Engels eine weitere, mit der Revolutionsstrategie untrennbar verbundene Frage in den Vordergrund r\u00fcckten \u2013 die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolution\u00e4ren ArbeiterInnenpartei. So beschloss der Londoner Kongress der Ersten Internationale auf ihren Antrag mehrheitlich,\u00a0<em>\u201eda\u00df die Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei unerl\u00e4sslich ist f\u00fcr den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endziels \u2013 Abschaffung der Klassen\u201c<\/em>\u00a0(Marx\/Engels, Beschl\u00fcsse der Londoner Delegiertenkonferenz der IAA, MEW 17, S. 422)<\/p>\n<p>Dem Auseinanderbrechen der Ersten Internationale lagen also grundlegende politische Differenzen zugrunde. Der Bruch war nicht nur unvermeidlich, sondern auch ein historischer Fortschritt zur Kl\u00e4rung proletarischer Strategie und Taktik.<\/p>\n<p><strong>Von Kautsky zur Luxemburg-Stiftung<\/strong><\/p>\n<p>Genau diese Tatsache versuchen seit Jahrzehnten \u201elinke\u201c KritikerInnen des revolution\u00e4ren Marxismus zu verschleiern. Die ReformistInnen der Luxemburg-Stiftung treten in die Fu\u00dfstapfen von Kautsky und anderen, wenn es um die Frage der revolution\u00e4ren Politik und Strategie geht.<\/p>\n<p>In einem Sonderheft mit dem Titel\u00a0<em>\u201eMarxte noch mal?!\u201c<\/em>\u00a0(LuXemburg 2-3\/2017) soll nicht nur Marx gew\u00fcrdigt werden, sondern auch die Politik der Linkspartei. Das ist freilich ohne eine Kritik an angeblichen Fehlern von Marx und \u201edes Marxismus\u201c nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich. Schlie\u00dflich ist ihre \u201eTransformationsstrategie\u201c parlamentarisch, friedlich und auf eine lange Phase von \u201eVerschiebungen\u201c der gesellschaftlichen Hegemonie ausgelegt. Der Begriff der \u201eR\u00e4te\u201c ist, sofern er vorkommt, jedes revolution\u00e4ren Gehalts beraubt.<\/p>\n<p>Marx wird daher einerseits zum Gebrauchtwarenladen, aus dem sich einzelne TheoretikerInnen der Partei bedienen, um letztlich die Realpolitik der Linkspartei theoretisch zu unterf\u00fcttern und ihr obendrein einen \u201emarxistischen\u201c Anspruch zu geben. Schlie\u00dflich will auch sie den Toten ausschlachten, der sich nicht mehr wehren kann.<\/p>\n<p>Zum anderen werden z. B. von Bini Adamczak angebliche Schw\u00e4chen beim \u201etraditionellen Marxismus\u201c beklagt:\u00a0<em>\u201eDer Umsturz erhielt ein gro\u00dfes Gewicht gegen\u00fcber der Umw\u00e4lzung, die Insurrektion gegen\u00fcber der Transformation.\u201c<\/em>\u00a0(S. 133) Statt dessen will sie die Entwicklung des Widerspruchs von Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen\u00a0<em>\u201ein dem Sinne von Produktions- und Verkehrsverh\u00e4ltnissen\u201c<\/em>\u00a0verstanden wissen,\u00a0<em>\u201edie sich parallel zu den dominanten entwickeln.\u201c<\/em>\u00a0(S. 131) Vorw\u00e4rts also zum Fr\u00fchsozialismus!<\/p>\n<p>Autoren wie Michael Brie wiederum versuchen, Marx und seine Taktik beim Aufbau der Ersten Internationale als \u201eModell\u201c f\u00fcr den Aufbau einer \u201evermittelnden Partei\u201c, also einer Partei verschiedenster ideologischer Schattierungen, zu pr\u00e4sentieren. Der Bruch der Internationale erscheint als Betriebsunfall der Geschichte, den nicht zuletzt Marx wegen seiner Unnachgiebigkeit zu verantworten h\u00e4tte. Klar: Wer eine Partei wie DIE LINKE zusammenhalten will, die Opposition spielt und Koalitionspartnerin in einer b\u00fcrgerlichen Regierung sein will, kann Unnachgiebigkeit und Prinzipienfestigkeit nicht gebrauchen. Marx\u2018 und Engels\u2018 Rolle in der Ersten Internationale wird deshalb zu der von Moderatoren zwischen AnarchistInnen, GewerkschafterInnen und KommunistInnen umgedeutet, zurechtgestutzt.<\/p>\n<p>Diese \u201eAnerkennung\u201c \u2013 und Entstellung \u2013 von Marx stellt einen gef\u00e4hrlichen theoretischen Angriff auf den revolution\u00e4ren Gehalt seines Werkes dar. Die b\u00fcrgerliche und akademische \u201eW\u00fcrdigung\u201c verfolgt den Zweck, seinem Werk die Kanten abzuschleifen und so den Klassenstandpunkt des Proletariats mit dem der Bourgeoisie zu vers\u00f6hnen. Der Zweck der Marx-Interpretation der Luxemburg-Stiftung besteht letztlich in der Rechtfertigung reformistischer Politik, also einer Politik des Ausgleichs zwischen Klassen, nicht der Aufhebung des Klassengegensatzes.<\/p>\n<p>F\u00fcr Revolution\u00e4rInnen besteht die Aktualit\u00e4t des Marx\u2019schen Werkes in seiner Zwecksetzung, die Bewegungsgesetze des Kapitalismus und die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution darzulegen, die ArbeiterInnenklasse theoretisch und programmatisch f\u00fcr ihre historische Aufgabe zu r\u00fcsten,\u00a0<em>\u201ealle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes und ein ver\u00e4chtliches Wesen ist.\u201d<\/em>\u00a0(Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, 1843-44 MEW 1, S. 385)<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/05\/02\/200-jahre-marx-kein-toter-hund\/\"><em>Neue Internationale 228&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. 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