{"id":3480,"date":"2018-05-04T08:12:37","date_gmt":"2018-05-04T06:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3480"},"modified":"2018-05-04T08:12:37","modified_gmt":"2018-05-04T06:12:37","slug":"dokudrama-karl-marx-der-deutsche-prophet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3480","title":{"rendered":"Dokudrama \u201eKarl Marx \u2013 der deutsche Prophet\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz.\u00a0<\/em>Das eineinhalbst\u00fcndige Dokudrama \u201eKarl Marx \u2013 der deutsche Prophet\u201c, das am 28. April auf Arte und am 2. Mai zur besten Sendezeit im ZDF lief, ist ein Gegenentwurf zu Raoul Pecks<!--more--> Spielfilm \u201eDer junge Karl Marx\u201c, den wir ebenfalls auf der WSWS\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/03\/09\/marx-m09.html\"><strong>besprochen<\/strong><\/a>\u00a0haben.<\/p>\n<p>Stellt Peck den jungen Marx, seine Ablehnung von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung, seine revolution\u00e4re Energie, seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Friedrich Engels und die epochale Bedeutung seines Werk ins Zentrum seines Films, nimmt die Arte\/ZDF-Produktion ihren Ausgangpunkt beim alten Marx, dessen letztes Lebensjahr von einer schweren Lungenerkrankung und zwei Schicksalsschl\u00e4gen, dem Tod seiner Frau und seiner \u00e4ltesten Tochter, gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Die Rahmenhandlung beginnt mit einem Kuraufenthalt von Marx in Algiers und endet mit seinem Tod. Dazwischen finden sich R\u00fcckblenden auf wichtige Ereignisse seines Lebens sowie kurze Zitate aus seinen Schriften, die teilweise interessant, aber derart kurz und aus dem Zusammenhang gerissen sind, dass sie eher g\u00e4ngige Vorurteile bedienen, als zum Verst\u00e4ndnis vom Marx\u2018 Werk beitragen. Auch angebliche Marx-Experten kommen zu Wort, die Details aus seinem Leben kennen, aber Marx\u2018 Werk weder gr\u00fcndlich studiert noch verstanden haben.<\/p>\n<p>Dargestellt wird der alte Marx vom bekannten Schauspieler Mario Adorf, der Marx bewundert und diese Rolle seit langem spielen wollte. Adorf bem\u00fcht sich, Marx mit viel menschlicher W\u00e4rme zu pr\u00e4sentieren. Doch nicht nur der gro\u00dfe Altersunterschied \u2013 Marx starb mit 64, Adorf ist 87 \u2013, die stets gerunzelte Stirn, die sorgenvolle Miene und die sanfte, in rheinischem Akzent leiernde Stimme zeichnen ein verzerrtes Bild des Revolution\u00e4rs, vor allem das Drehbuch (Peter Hartl) und die Regie (Christian Twente) sorgen daf\u00fcr, dass der Begr\u00fcnder des wissenschaftlichen Sozialismus in v\u00f6llig falschem Licht erscheint.<\/p>\n<p>Marx\u2018 monumentales Lebenswerk verschwindet hinter der kranken Person. Er erscheint als verzagter, politisch isolierter Greis, der sich mit Selbstvorw\u00fcrfen und Zweifeln qu\u00e4lt. Das ist historisch falsch. Tats\u00e4chlich blieb Marx bis zum Ende seines Lebens seinen revolution\u00e4ren Grunds\u00e4tzen treu. Er konnte in seinen letzten Lebensjahren erleben, wie die Ideen, die er und Engels unter gro\u00dfen Entbehrungen ausgearbeitet hatten, die Massen ergriffen und zur materiellen Kraft wurden.<\/p>\n<p>In Deutschland und Frankreich entwickelten sich unter dem Einfluss des Marxismus m\u00e4chtige sozialdemokratische Massenparteien, mit deren F\u00fchrern Marx und Engels in engem brieflichen und pers\u00f6nlichen Kontakt standen. Auch in den USA und im r\u00fcckst\u00e4ndigen Russland, wo die Arbeiterklasse 34 Jahre sp\u00e4ter unter marxistischer F\u00fchrung als erstes die Macht erobern sollte, entstanden unter dem direkten Einfluss von Marx und Engels die Keime zuk\u00fcnftiger Arbeiterparteien.<\/p>\n<p>Es ist bekannt, dass Marx die Entwicklung dieser Parteien \u00e4u\u00dferst kritisch begleitete, immer bem\u00fcht, sie von b\u00fcrgerlichen und opportunistischen Einfl\u00fcssen abzugrenzen. Aber das \u00e4ndert nichts daran, dass sich die SPD unter dem Banner des Marxismus zur m\u00e4chtigsten sozialdemokratischen Massenpartei der Welt entwickelte. Marx und Engels standen mit ihren F\u00fchrern August Bebel und Wilhelm Liebknecht in st\u00e4ndigem Gedankenaustausch.<\/p>\n<p>All das sowie der Inhalt von Marx\u2018 theoretischen und politischen Konzeptionen werden in dem Film weitgehend ausgeblendet. Stattdessen konzentrieren sich lange Passagen auf die bittersten Momente in Marx\u2018 Leben \u2013 den Tod des Sohnes Edgar im Alter von acht Jahren in der bitteren Not der Londoner Emigration, die hartn\u00e4ckige Krankheit, den Tod der Tochter Jenny in Frankreich \u2013 und sch\u00fcren unterschwellige Vorurteile gegen Marx\u2018 pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t.<\/p>\n<p>Zu diesem Zweck wird Marx\u2018 j\u00fcngste Tochter Eleanor missbraucht, deren Stimme das Geschehen aus dem Off kommentiert. So bemerkt Eleanor, nachdem sie ihrem Vater die Nachricht vom Tod Jennys \u00fcberbracht hat: \u201eVier seiner geliebten Kinder und seine Frau f\u00fcrs Leben waren ihm in den Tod vorausgegangen, wie ein Sinnbild f\u00fcr das Scheitern nach so viel Drangsal in seinem Leben.\u201c<\/p>\n<p>Gegen Ende des Films h\u00e4lt Engels eine bewegende Rede an Marx\u2019 Grab. Er w\u00fcrdigt ihn als Revolution\u00e4r, den Regierungen und Bourgeois hassten und verleumdeten und den \u201eMillionen revolution\u00e4rer Arbeiter von den sibirischen Bergwerken \u00fcber ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin verehrten, liebten und betrauerten\u201c. Eleanors Stimme kommentiert h\u00e4misch: \u201eDer gute treue Engels m\u00fchte sich redlich, seinem Freund bereits am Grab das Monument eines bedeutenden Weltgeistes zu errichten.\u201c<\/p>\n<p>In Wahrheit z\u00e4hlte Eleanor zu den engsten Genossinnen von Marx. Sie unterst\u00fctzte ihren Vater zu seinen Lebzeiten bei der internationalen Korrespondenz und spielte nach seinem Tod eine f\u00fchrende Rolle in der englischen Arbeiterbewegung und bei der Verwaltung von Marx\u2018 Nachlass.<\/p>\n<p>Peter Arens und Stefan Brauburger, die als Leiter der f\u00fcr Geschichte zust\u00e4ndigen ZDF-Redaktionen f\u00fcr den Film verantwortlich sind, machen in einem Beitrag auf der Website des ZDF deutlich, dass dieser Versuch, Marx pers\u00f6nlich zu diskreditieren, auf einem bewussten Konzept beruht.<\/p>\n<p>Es \u201elag uns be\u00adsonders daran, den ber\u00fchmten Denker in seiner Zerrissenheit und Widerspr\u00fcchlichkeit zu zeigen\u201c, schreiben sie. \u201eEinerseits ist der \u201aJubilar\u2018 der noch immer bestaunte Deuter des Welt- und Wirtschaftsgeschehens \u2013 weit \u00fcber seine Epoche hin\u00adaus. Andererseits hatte er als Zeitgenosse f\u00fcr das praktische Leben nur wenig Sinn und Geschick. Da ist zum einen der hinge\u00adbungsvolle treusorgende Familienvater, zum anderen der v\u00f6llig auf sein Werk fixierte weltferne Egomane.\u201c Der Haush\u00e4lterin habe Marx einen verborgen gehaltenen Sohn beschert. \u201eEr erhob die Stimme f\u00fcr das \u201ageknechtete Proletariat\u2018, wusste aber selbst einen gutb\u00fcrgerlichen Lebenswandel durchaus zu sch\u00e4tzen und zeigte sich im Umgang mit Geld wenig besonnen.\u201c<\/p>\n<p>Den Fernsehverantwortlichen war klar, dass man Marx angesichts der tiefen Krise des globalen Kapitalismus, der historisch beispiellosen sozialen Ungleichheit und der wachsenden Kriegsgefahr nicht mehr mit plumpen antikommunistischen Vorurteilen beikommen kann. Niemand habe \u201esoziale Konflikte in ihrem histo\u00adrischen Prozess so umfassend analysiert, den Kapitalismus in seiner Schw\u00e4che so treffend entlarvt, seine Krisenanf\u00e4lligkeit und die Gefahr der Verelendung ganzer Schichten oder Weltregionen aufgezeigt\u201c, schreiben sie. Im \u201eHin\u00adblick auf die Globalisierung oder die internationalen Finanz- und Wirtschaftskrisen unserer Tage\u201c erscheine manche Marx\u2018sche Analyse geradezu vision\u00e4r. \u201eDie Stimmen mehren sich, nach denen der Kapitalismus wom\u00f6glich doch nicht das letzte Wort der Geschichte sei.\u201c<\/p>\n<p>Sie bem\u00fchen sich daher, den \u201emenschlichen\u201c Marx vom unvers\u00f6hnlichen K\u00e4mpfer, den \u201ePropheten\u201c vom Revolution\u00e4r, die Sozialkritik, die im Rahmen der bestehenden Ordnung akzeptabel und sogar n\u00fctzlich ist, von ihren revolution\u00e4ren Schlussfolgerungen abzutrennen.<\/p>\n<p>\u201eManche Inkonsequenz oder L\u00fccke in der Marx\u2018schen Weltsicht lie\u00df Raum f\u00fcr vielf\u00e4ltige, zum Teil gegens\u00e4tzliche Interpretatio\u00adnen\u201c, schreiben Arens und Brauburger. \u201eHumanistisch motivierte Sozialreformer\u201c h\u00e4tten sich ebenso auf ihn berufen, \u201ewie menschenverachtende Tyrannen. Sozialdemokraten, die f\u00fcr eine freiheitliche Republik stritten, ebenso wie gewaltbereite Re\u00advolution\u00e4re, die eine kommunistische Diktatur verfochten.\u201c Das \u201eManifest\u201c habe das R\u00fcstzeug f\u00fcr sozialdemokratisch orientierte Parteien, \u201eaber auch das ideologische Fundament totalit\u00e4\u00adrer Regime\u201c geboten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben die \u201esozialdemokratisch orientierten Parteien\u201c Marx bis zur Unkenntlichkeit verf\u00e4lscht und sich in Krisen- und Kriegszeiten stets auf die Seite der Konterrevolution gestellt. Dasselbe gilt f\u00fcr die \u201etotalit\u00e4\u00adren Regime\u201c Stalins und Mao Tsetungs, die die Macht im Arbeiterstaat im Interesse einer privilegierten B\u00fcrokratie usurpierten.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, dass die letzten Szenen des Arte\/ZDF-Films den Regimen von Stalin und Mao Tsetung gewidmet sind. Lenin, der F\u00fchrer der Oktoberrevolution, wird in eine Reihe mit diesen Diktatoren gestellt. Leo Trotzki, der engste Verb\u00fcndete Lenins, sozialistische Gegner Stalins und f\u00fchrende Marxist des zwanzigsten Jahrhunderts, wird dagegen nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ist Marx&#8216; tiefe \u201eMenschlichkeit\u201c, die von zahlreichen Zeitzeugen, darunter Heinrich Heine, bezeugt wird und die auch im ZDF-Film immer wieder durchscheint, untrennbar mit seiner Entschlossenheit verbunden, \u201ealle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist\u201c, die er im Alter von 25 Jahren formulierte. Seither widmete er sein gesamtes Lebenswerk der Aufgabe, die historische Notwendigkeit der sozialistischen Revolution nachzuweisen und die internationale Arbeiterklasse politisch und theoretisch auf diese Aufgabe vorzubereiten.<\/p>\n<p>Das macht den Marxismus, der heute von der trotzkistischen Weltbewegung \u2026 200 Jahre nach Marx\u2018 Geburt derart aktuell.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/05\/04\/marx-m04.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz.\u00a0Das eineinhalbst\u00fcndige Dokudrama \u201eKarl Marx \u2013 der deutsche Prophet\u201c, das am 28. April auf Arte und am 2. 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