{"id":3483,"date":"2018-05-04T10:04:08","date_gmt":"2018-05-04T08:04:08","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3483"},"modified":"2018-05-04T10:04:08","modified_gmt":"2018-05-04T08:04:08","slug":"die-lohnabhaengigen-der-mem-industrie-von-der-krise-gebeutelt-trotz-gav","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3483","title":{"rendered":"Die Lohnabh\u00e4ngigen der MEM-Industrie: Von der Krise gebeutelt trotz GAV"},"content":{"rendered":"<p><em>Caspar Oertli.<\/em> <strong>Die Verhandlungen um den drittgr\u00f6ssten Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Schweiz haben begonnen. Werden die IndustriearbeiterInnen sich ihre Opfer seit dem &#8222;Frankenschock&#8220;<!--more--> von 2015 zur\u00fcckk\u00e4mpfen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM) liefert ein Comeback. In den letzten Monaten ver\u00f6ffentlichte der Sektor eine Rekordzahl nach der anderen. Die Ums\u00e4tze erh\u00f6hten sich 2017 um knapp 10% . Im letzten Quartal von 2017 machten die Auftragseing\u00e4nge einen Sprung von knapp 30% (im Vergleich zum Vorjahresquartal). Das klingt ph\u00e4nomenal, ist es aber nicht so ganz.<\/p>\n<p><strong>Aufholjagd im Sprint<\/strong><\/p>\n<p>Erkl\u00e4rt wird der Aufschwung mit dem konjunkturellen Wachstumszyklus weltweit. Fast zwei Drittel der MEM-Exporte gehen in die EU, 15% in die USA. Die Exporte in beide Regionen sind gestiegen. Die aktuelle Abschw\u00e4chung des CHF hilft den hiesigen Exporten. Dazu kommt, dass sich die Warenpreise erholen. Gerade die Maschinenindustrie konnte ihre Preise wieder erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Verbesserung bedeutet noch nicht Erholung. Auch wenn sich die Exportzahlen gegen\u00fcber der Periode vor dem Frankenschock erholt haben, befinden sie sich immer noch etwa 15% unter dem Niveau von 2008 (also vor dem Einsetzen der weltweiten Krise). Im gleichen Zeitraum sind 30\u2019000 Stellen, d.h. rund 8%, liquidiert worden.<\/p>\n<p>Ab dem Ausbruch der Krise hatte ein rauer Wind geweht in der MEM-Branche. Die Erstarkung des Schweizer Frankens schlug in der ganzen Branche auf die Profitmarge. Die MEM-Patrons griffen wiederholt zu allen m\u00f6glichen Massnahmen, um Marge und Marktanteil zu behalten: Kurzarbeit, Lohndruck, Arbeitszeiterh\u00f6hungen, Preissenkungen etc. Gerade die Arbeitszeit wurde fl\u00e4chendeckend erh\u00f6ht. Innerhalb des Jahres 2015 stieg die durchschnittliche Wochenarbeitszeit des Sektors um 17 Minuten, laut Unia seit 2013 sogar um eine halbe Stunde \u2013 bei gleichbleibendem Lohn. Die Patrons machen keine Anstalten, diese Massnahmen zur\u00fcckzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Die Regeln des GAV<\/strong><\/p>\n<p>Der MEM-GAV regelt die vertraglichen Beziehungen zwischen den Patrons und den ArbeiterInnen genauer als andere Vertr\u00e4ge, aber er ist nicht f\u00fcr alle Betriebe \u201aallgemeinverbindlich\u2018. Und er enth\u00e4lt auch den \u00abKrisenartikel\u00bb 57.4, welcher den Chefs erlaubt, in Krisensituationen von den \u00abBestimmungen abzuweichen\u00bb. Trotz Krise hatte man daran auch in den Neuverhandlungen 2013 nichts Grunds\u00e4tzliches ver\u00e4ndert. Dies erlaubte die Arbeitszeiterh\u00f6hungen von 2015 \u2013 trotz laufendem Vertrag.<\/p>\n<p>In der letzten Neuverhandlung erhielten die Industriellen die M\u00f6glichkeit, die Arbeitszeit \u00fcber das Jahr verteilt noch weiter zu flexibilisieren. Daf\u00fcr setzten die Gewerkschaften zum ersten Mal Mindestl\u00f6hne durch. Der tiefste betr\u00e4gt jedoch CHF 3\u2019500 (auf zw\u00f6lf Monate). Dieses Niveau entt\u00e4uscht, gerade weil er 500 Franken unter dem Vorschlag der gleichzeitig laufendenden Mindestlohnkampagne lag.<\/p>\n<p>Generell zeigt sich f\u00fcr die Angestellten des Sektors ein tr\u00fcbes Bild: Der Nominallohn stagniert seit der Jahrtausendwende. Seit 2001 hat er gerade mal um 0.5% zugenommen.<\/p>\n<p><strong>Verhandlungsstart<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuellen Neuverhandlungen des GAV haben am 21. Februar begonnen. Vorgesehen sind f\u00fcnf Verhandlungsrunden. F\u00fcr die Unia, die wichtigste ArbeiterInnenvertretung der Branche, w\u00e4re dies die M\u00f6glichkeit, die verlorenen Bedingungen zur\u00fcck zu erk\u00e4mpfen. Doch die Unia stellt sich dieses Ziel nicht explizit. Zwar sind die Streichung des Art. 57 und der bessere K\u00fcndigungsschutz f\u00fcr Gewerkschaftsdelegierte Teil des Forderungskatalogs. Die Hauptforderung ist jedoch die Ausweitung der Mindestl\u00f6hne auf weitere Hierarchiestufen.<\/p>\n<p><strong>Gemeinsamer Kampf<\/strong><\/p>\n<p>In der Produktion der Parf\u00fcmfabrik \u201cFirmenich\u201d in Genf ist fast jeder zweite Vertrag tempor\u00e4r! Teilweise noch nach \u00fcber zehn Jahren im Betrieb. 2015 erk\u00e4mpften sich die Tempor\u00e4rangestellten gemeinsam ein Zusatzprotokoll zum Tempor\u00e4r-GAV. Dieses garantiert bessere Jobsicherheit und Abgangsentsch\u00e4digung. Das beweist: Auch die Tempor\u00e4ren k\u00f6nnen und m\u00fcssen in die Gewerkschaften integriert werden!<\/p>\n<p><strong>Wer k\u00e4mpft?<\/strong><\/p>\n<p>Ob die Unia wirkliche Verbesserungen erringen kann, h\u00e4ngt in erster Linie von ihrer Verankerung ab. Doch die Mitgliederzahlen nehmen seit Jahren ab. Dazu kommt, dass die Gewerkschaft bei den Tempor\u00e4ren fast nicht verankert ist. Sie unterstehen nicht einmal dem MEM-GAV. Die Tempor\u00e4rarbeit hat sich verallgemeinert. \u00dcber 13% der KollegInnen in der Branche sind Tempor\u00e4rangestellte! Die Organisation dieser prek\u00e4ren Kollegen muss unbedingt zur Priorit\u00e4t werden. Denn siegreich k\u00e4mpfen kann man nur gemeinsam!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/allgemein-de\/mem-industrie-von-der-krise-gebeutelt-trotz-gav\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Caspar Oertli. Die Verhandlungen um den drittgr\u00f6ssten Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Schweiz haben begonnen. 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