{"id":3491,"date":"2018-05-07T08:15:09","date_gmt":"2018-05-07T06:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3491"},"modified":"2018-05-07T08:16:10","modified_gmt":"2018-05-07T06:16:10","slug":"deutungskampf-um-1968-es-geht-um-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3491","title":{"rendered":"Deutungskampf um 1968: Es geht um die Revolution!"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eUnter den Talaren \u2013 Muff von 1000 Jahren\u201c. Das Transparent mit diesem Slogan ist eines der Symbole der Bewegung von 1968. Anl\u00e4sslich des 50. Jahrestages der Aktion erinnert<!--more--> der ehemalige Aktivist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Volkhard Mosler, an das Hauptziel von damals: den Sturz des Kapitalismus.<\/strong><\/p>\n<p><i>Volkhard Mosler. <\/i>Das Transparent \u00a0\u201eUnter den Talaren \u2013 Muff von 1000 Jahren\u201c wurde von den Studenten und Vorsitzenden des\u00a0<i>Allgemeinen Studierendenausschuss<\/i>\u00a0(AStA) Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer am 9. November 1967 in der Universit\u00e4t Hamburg bei der Rektorats\u00fcbergabe in der \u00d6ffentlichkeit enth\u00fcllt. Ein Foto von diesem Ereignis wurde seitdem vielfach abgedruckt. Der Text des Transparents wird heute als eine der Kernparolen der 68er-Bewegung interpretiert.<\/p>\n<p><b>Ein Slogan unter vielen<\/b><\/p>\n<p>Ich habe das Hamburger Transparent erst viel sp\u00e4ter wahrgenommen. Die Aktion war zu diesem Zeitpunkt eine unter vielen, keineswegs so wichtig, wie sie in den Medien dargestellt wird. Ein guter Spruch, eine gute Aktion, aber keine Aktion von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung. Ich mag das Bild als Symbol der ersten Phase der Bewegung, n\u00e4mlich der Phase des Kampfes um Mitbestimmung und gegen reaktion\u00e4re Professoren aus der Nazizeit. Doch ging es uns damals um viel mehr.<\/p>\n<p>Wir wollten den Kapitalismus durch revolution\u00e4re Aktion st\u00fcrzen. Rudi Dutschke war vor allem deshalb so verhasst, weil er vor Massenversammlungen von Studierenden und Jugendlichen die Notwendigkeit und Legitimit\u00e4t revolution\u00e4rer Umw\u00e4lzung offen propagierte. Die Auseinandersetzung um 1968 ist deswegen auch eine politische Auseinandersetzung um die Legitimit\u00e4t von Rebellion und Revolution. Dieser Deutungskampf begleitet den 50. Jahrestag von 1968.<\/p>\n<p><b>Deutungskampf um 1968<\/b><\/p>\n<p>Wenn ich heute den Vorsitzenden der AfD, J\u00f6rg Meuthen, h\u00f6re, der dem versifften \u201eversifften links-rot-gr\u00fcnen 68er Deutschland\u201c den Kampf ansagt, f\u00fchle ich mich an die damalige Zeit erinnert. Denn diese konservativ-reaktion\u00e4re oder auch konterrevolution\u00e4re Lesart von 1968 war im Fr\u00fchjahr 1968, auf dem H\u00f6hepunkt der Revolte, die bestimmende.<\/p>\n<p>Es war die Zeit, als der Berliner Senat unter F\u00fchrung rechter Sozialdemokraten, die Universit\u00e4tsleitungen, die Polizei und die Springer-Presse zusammen die Berliner Bev\u00f6lkerung gegen die st\u00e4rker werdende Bewegung aufhetzten: \u201eJagt die Krawall-Radikalen zum Tempel hinaus\u201c (Berliner Morgenpost), \u201edie Geduld der Stadt ist am Ende\u201c (Regierender B\u00fcrgermeister von Berlin) und \u201eWer Terror produziert, muss H\u00e4rte in Kauf nehmen\u201c (B.Z.) sind nur die Spitze des Eisberges.<\/p>\n<p><b>Mord an Rudi Dutschke<\/b><\/p>\n<p>In der so erzeugten Pogrom-Stimmung kam es zum Mordversuch an Rudi Dutschke, dem damals popul\u00e4rsten Sprecher der Rebellion, nur f\u00fcnf Monate nach der Transparentaktion vom 9. November 1967, am Karfreitag 1968.<\/p>\n<p>Ich hatte als einer von f\u00fcnf Frankfurter Delegierten an der SDS-Delegiertenkonferenz im September 1967 teilgenommen. Auf der Versammlung wurde eine Kampagne \u201eEnteignet Springer\u201c beschlossen. Ich war skeptisch bis ablehnend. Die Kampagne wurde ein halbes Jahr sp\u00e4ter wieder beerdigt, weil sie nicht abgehoben hatte. Aber durch das Attentat auf Dutschke einige Monate sp\u00e4ter erwies sie sich als ungeplante Vorbereitung der bundesweiten Springer-Blockade nach dem Attentat, den mehrt\u00e4gigen Behinderungen und Verhinderungen der Auslieferung der BILD-Zeitung, die an der Spitze der Hetzkampagne gegen Dutschke gestanden hatte.<\/p>\n<p>Nach dem Attentat waren wir schockiert. Parallelen zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts 1919 waren nicht zu \u00fcbersehen. Meuthen und die AfD h\u00e4tten sich 1968 in guter Gesellschaft gewusst. So wie der Attent\u00e4ter von Rudi Dutschke, der NPD-Sympathisant Josef Bachmann, sich damals in guter Gesellschaft der Springer-Presse w\u00e4hnen konnte, die kurz vor Bachmanns Attentat die Bev\u00f6lkerung zur \u201eErgreifung\u201c der R\u00e4delsf\u00fchrer aufgerufen hatte. Bachmann auch Ausschnitte aus der\u00a0<i>Deutschen National-Zeitung<\/i>\u00a0bei sich, darunter die Titelzeile \u201eStoppt den roten Rudi jetzt\u201c und Zeitungsfotos von Dutschke.<\/p>\n<p><b>Die liberal-b\u00fcrgerliche Lesart<\/b><\/p>\n<p>Mit den Jahren verblasste die konservativ-reaktion\u00e4re Wut auf die roten 68er. Meuthens heutigem Kampfaufruf haftet daher etwas Anachronistisches an. An die Stelle der Wut trat als vorherrschende Lesart eine liberal-b\u00fcrgerliche. Sie lebt von den zahlreichen 68ern, wirklichen und eingebildeten, die sich von ihren \u201eJugends\u00fcnden\u201c distanzieren, aber den lockeren Lebensstil, ein Nebenprodukt der Rebellion, nicht missen wollen.<\/p>\n<p>Der reuig heimgekehrte verlorene Sohn war schon immer eine Lieblingsgestalt der herrschenden Eliten und so sind die in den Gr\u00fcnen und der Sozialdemokratie vern\u00fcnftig gewordenen fr\u00fcheren Rebellinnen und Rebellen mit Minister- und Staatssekret\u00e4rsposten oder auch als Gewerkschaftsf\u00fchrer reichlich entlohnt worden. Die meisten haben den Weg akademischer Karrieren gew\u00e4hlt und sind so zu Amt und W\u00fcrden gekommen. Andere verkaufen ihre reuige R\u00fcckkehr in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft als Zeitzeugen ihrer eigenen Irrt\u00fcmer und sind heute als Ankl\u00e4ger gegen revolution\u00e4re Ideen gern gesehen und gut honoriert, wie G\u00f6tz Aly, Peter Horvath und Wolfgang Kraushaar. Ihre Klageschriften reichen vom Vorwurf des Antisemitismus, des Antiamerikanismus, des Nationalismus und der N\u00e4he zur Tradition des deutschen Faschismus bis hin zur Stasih\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p><b>Schw\u00e4chen der Bewegung<\/b><\/p>\n<p>Die 68er-Bewegung in Deutschland hat viele ideologische Schw\u00e4chen gehabt, die ihren Zerfall beschleunigten. Aber die hier aufgez\u00e4hlten Untugenden geh\u00f6ren nicht dazu. Auch der Vorwurf gegen Dutschke und andere, sie seien die geistigen V\u00e4ter der RAF gewesen, sind nicht gerechtfertigt. F\u00fcr mich ist klar: Die Angriffe auf die 68er-Bewegung haben eine andere Ursache.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde, die zur Rebellion gef\u00fchrt hatten, der Kampf gegen die Gefahr einer R\u00fcckkehr des Faschismus, eingeleitet durch Notstandsgesetz und Entdemokratisierungsprozesse des b\u00fcrgerlichen Staates, imperialistische Kriege und Aufr\u00fcstung, Armut und Unterdr\u00fcckung der Dritten Welt, bestehen nicht nur weiter, die Widerspr\u00fcche haben sich versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Neue Widerspr\u00fcche wie die sich abzeichnende Klimakatastrophe, Aufbau neuer atomarer Drohpotentiale und neue R\u00fcstungswettl\u00e4ufe, Dauerkriege in Mittleren Osten und Teilen Afrikas sind untr\u00fcgliche Anzeichen f\u00fcr eine bedrohliche Zuspitzung des zentralen Widerspruchs von Produktivkr\u00e4ften und kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnissen. Jene, die heute die 68er-Bewegung angreifen, wollen die Legitimit\u00e4t revolution\u00e4rer Kapitalismuskritik heute besch\u00e4digen.<\/p>\n<p><b>Kapitalismuskritik ist aktuell<\/b><\/p>\n<p>Darum wird es Zeit, dass all jene 68er sich zu Wort melden, die die Notwendigkeit der Beerdigung des Kapitalismus mittels revolution\u00e4rer und internationaler Klassenk\u00e4mpfe weiter verfolgen. All jene, die der liberalen Verharmlosung der 68er-Bewegung in eine Demokratiebewegung wider Willen widersprechen. Einer von denen, die das tun, ist Karl Dietrich Wolff, 1967\/8 SDS-Bundesvorsitzender. Ich habe \u201eKD\u201c, so nannten wir ihn, wohl weil das Karl Dietrich allzu altbacken klang, auf der Delegiertenkonferenz 1967 mit gew\u00e4hlt, zusammen mit seinem j\u00fcngeren Bruder Frank als zweitem Bundesvorsitzenden.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, dass KD \u2013 er hatte damals schon Kontakte zu den Black Panthers \u2013 mich damit beauftragte, einen Deserteur der US-Armee, einen \u201eGI\u201c zu betreuen, von denen damals viele mit Unterst\u00fctzung des SDS nach Schweden gebracht wurden.<\/p>\n<p>In einem Interview aus dem k\u00fcrzlich erschienenen Buch\u00a0<i>Das Jahr der Revolte<\/i>,\u00a0<i>Frankfurt 1968<\/i>\u00a0von Claus J\u00fcrgen G\u00f6pfert und Bernd Messinger spricht Wolff der Partei der Gr\u00fcnen ab, die legitimen Erben der 68er-Bewegung zu sein. Sie seien schon in \u201egewisser Weise\u201c Erben der 68er geworden. Doch dieses politische Erbe h\u00e4lt er f\u00fcr unverdient: \u201eDer eine erbt was, der andere wird enterbt.\u201c Er h\u00e4lt sie f\u00fcr eine \u201eb\u00fcrgerliche Entartung der alten revolution\u00e4ren Ideale\u201c, so zitieren ihn G\u00f6pfert und Messinger. Er sei damals ebenfalls gefragt worden, ob er f\u00fcr die Gr\u00fcnen als Landtagsabgeordneter kandidieren wolle. \u201eHabt ihr einen Knall?\u201c habe er geantwortet.<\/p>\n<p><b>Umsturz der Verh\u00e4ltnisse<\/b><\/p>\n<p>Er h\u00e4lt am Ziel des Umsturzes der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse fest, die wir uns auf die Fahnen geheftet hatten. Und er setzt darauf, \u201edass es eine neue Bewegung zum Umsturz der herrschenden kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse\u201c geben k\u00f6nnte. Alle paar Jahrzehnte sei es so weit. \u201eDie n\u00e4chste Revolte wird kommen.\u201c Recht hat er. Sorgen wir daf\u00fcr, dass es diesmal besser ausgeht. Auch indem wir aus den realen Schw\u00e4chen der 68er-Bewegung lernen. Aber das ist ein Kapitel oder eher Buch f\u00fcr sich.<\/p>\n<p><i>Quelle: <\/i><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/deutungskampf-um-1968-es-geht-um-die-revolution\/\"><i>linkswende.org&#8230;<\/i><\/a><i> vom 7. Mai 018 <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnter den Talaren \u2013 Muff von 1000 Jahren\u201c. Das Transparent mit diesem Slogan ist eines der Symbole der Bewegung von 1968. Anl\u00e4sslich des 50. 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