{"id":3497,"date":"2018-05-08T18:51:59","date_gmt":"2018-05-08T16:51:59","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3497"},"modified":"2018-05-08T18:51:59","modified_gmt":"2018-05-08T16:51:59","slug":"erfahrungen-aus-der-unterstuetzung-des-arbeitskampfs-bei-amazon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3497","title":{"rendered":"Erfahrungen aus der Unterst\u00fctzung des Arbeitskampfs bei Amazon"},"content":{"rendered":"<p><em>Mitglieder des Streiksolib\u00fcndnis Leipzig. <\/em>Die Debatte um eine Neue Klassenpolitik unternimmt den Versuch, linke Politik wieder auf soziale Interessen r\u00fcckzubinden, dabei aber nicht in alte Muster einer<!--more--> nationalstaatlich limitierten und wei\u00df-m\u00e4nnlich dominierten Vorstellung von Klasse zur\u00fcckzufallen. Im Streiksolib\u00fcndnis begleiten wir seit vier Jahren den Arbeitskampf bei Amazon. Dabei bemerken wir, dass viele prinzipiell richtige Antworten aus dieser strategischen Debatte eine gewisse Fallh\u00f6he in sich bergen, weil sich uns Fragen nach \u00bbdem\u00ab sozialen Interesse einer Klassenfraktion (den Amazon-Arbeiter_innen), dessen Verbindung mit K\u00e4mpfen gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus und der \u00dcberwindung nationalstaatlicher Limitierung auf einer kleinteiligen Ebene ganz anders stellen.<\/p>\n<p><strong>Widerspr\u00fcchliche Interessen und Klassenakteure<\/strong><\/p>\n<p>Im Arbeitskampf der Besch\u00e4ftigten k\u00f6nnen wir ganz unterschiedliche soziale Interessen erkennen, deren Durchsetzung verschiedene Mittel erfordern und die deshalb eine strategische Wahl verlangen: das Interesse nach einem gewerkschaftlich durchsetzbaren Tarifvertrag mit Regelung von Lohn und Arbeitszeiten und das Interesse nach Arbeitsbedingungen, die mit dem Verschlei\u00df der Besch\u00e4ftigten Schluss machen. Vordergr\u00fcndig sehen wir seit f\u00fcnf Jahren den Kampf um den Tarifvertrag im Einzelhandel, der das Jahresgesamtgehalt der Besch\u00e4ftigten um 2.000 Euro erh\u00f6hen und ihnen zwei Urlaubstage mehr verschaffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir sehen die Vorz\u00fcge eines Einzelhandel-Tarifvertrags durchaus, aber auch das entstehende Motivationsproblem. Der von ver.di angestrebte Tarifvertrag ist die Messlatte des Erfolgs, was auf die Gewerkschaft einen enormen Druck aufbaut. Amazon dagegen hat anscheinend die Ressourcen, den Konflikt auszusitzen. Leidtragende sind vor allem die Streikenden: Das Management und nicht streikende Besch\u00e4ftigte setzen sie permanent unter Druck &#8211; und das alles f\u00fcr ein von ver.di gestecktes Ziel, das derzeit kaum zu erreichen ist.<\/p>\n<p>Es gibt aber noch andere Konfliktquellen im Fulfillment Center <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, vor allem um die dem\u00fctigenden Arbeitsbedingungen. Das zeigt sich schon daran, dass viele Streikende einfach deshalb am Streik teilnehmen, weil sie keine Lust haben zu arbeiten &#8211; obwohl das Streikgeld viel niedriger ist als ihr Lohn. Es gibt Erfahrungen von k\u00f6rperlichen Langzeitsch\u00e4den und psychischem Stress durch \u00dcberwachung am Arbeitsplatz, \u00fcber die Christian Kr\u00e4hling in ak 631 ausf\u00fchrlich berichtet hat. Gleichzeitig weisen ausgedehnte Toiletteng\u00e4nge, konfrontative Gespr\u00e4che mit Manager_innen und Sabotage von Computern auf Ans\u00e4tze f\u00fcr Widerstand gegen diese Arbeitsbedingungen hin.<\/p>\n<p>In diesen subversiven Praktiken dr\u00fcckt sich der Kampf gegen Bevormundung und verweigerte Mitbestimmung aus &#8211; das \u00fcbersteigt die \u00bbbeschr\u00e4nkte\u00ab Perspektive auf Lohn- und Arbeitszeitforderungen, die im Kampf um den Tarifvertrag eingeschrieben sind. Allerdings tauchen in der Logik von ver.di diese Erfahrungen wenig auf. Das ist nur folgerichtig, denn die Gewerkschaften sind prinzipiell in Fragen der Arbeitsbedingungen nicht aushandlungsberechtigt. Zwar fordert ver.di mittlerweile einen \u00bbGesundheitstarifvertrag\u00ab. Es ist aber fraglich, ob das eine realistische Perspektive ist, denn im deutschen Modell ist es \u00fcblich, die Verkaufsbedingungen der Arbeitskraft, nicht aber Themen wie Gesundheit zu regeln.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wer eigentlich der Akteur ist, der die sozialen Forderungen der Amazon-Arbeiter_innen artikulieren soll. Die Amazon-Belegschaft in Leipzig ist eine heterogene Gruppe, die grob der Struktur einer ostdeutschen Gro\u00dfstadt entspricht. In der Teilnahme an Arbeitskampfaktionen spiegelt sich das nicht unbedingt wider. Zwar arbeiten einige Migrant_innen im Leipziger Amazon-Standort &#8211; die gr\u00f6\u00dfte Gruppe sind Pol_innen und Russ_innen, zu Weihnachten auch viele Studierende aus Indien und Pakistan -, sie sind aber bei den Streiks nur wenig wahrzunehmen. Ebenso streiken die Studierenden, die als Saisonkr\u00e4fte angestellt sind, kaum. Wenn \u00fcberhaupt Leute aus dieser Gruppe am Streik teilnehmen, dann solche, die ohnehin nicht wiederkommen wollen oder politisch der linken Szene angeh\u00f6ren. Es streiken vor allem Menschen mit unbefristeten Arbeitsvertr\u00e4gen. Die Streikenden sind meist ohne Migrationshintergrund, die Geschlechter sind einigerma\u00dfen ausgeglichen vertreten, das Alter der meisten d\u00fcrfte zwischen 35 und 55 liegen.<\/p>\n<p>Wenn wir als Linke von Klassensubjekten reden, denken wir meist an die organisierte Einheit der Besch\u00e4ftigtenbasis, wohingegen gewerkschaftliche Vertretungen eher als passivierende Akteure vorgestellt werden. Wir k\u00f6nnen diese Vorstellung nicht best\u00e4tigten. Denn einerseits gibt es in der Gewerkschaft und der Vertrauensleutestruktur gerade durch die \u00d6ffnung von ver.di in Richtung Organizing Orte, an denen Besch\u00e4ftige die Chance haben, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Andererseits f\u00fchrt dies aber bei denen nicht automatisch zur Selbsterm\u00e4chtigung in der Konfliktorganisierung. Vereinzelt kommt es zwar auch zu Frust \u00fcber die fehlende Autonomie der Streikplanung innerhalb der Belegschaft. Damit dieser aber zu artikuliertem Widerstand und Selbsterm\u00e4chtigung wird, fehlt eindeutig die Initiative der Basis, den Arbeitskampf autonomer zu steuern. Einstweilen bleiben deshalb auch wir als linkes Solib\u00fcndnis auf die Sekret\u00e4re der ver.di und einzelne aktive Vertrauensleute angewiesen.<\/p>\n<p>An anderen Amazon-Standorten wie in Bad Hersfeld scheint sich hingegen ein Vertrauen zwischen der betrieblichen Basis und den Gewerkschaftssekret\u00e4r_innen eingestellt zu haben, was eine gr\u00f6\u00dfere Verschiebung der Verantwortlichkeit in Richtung Belegschaft zur Folge hatte. Deutlich wird dies an der autonomen Streiktagregelung, die in Bad Hersfeld erreicht wurde. In Leipzig bleibt dies hingegen bisher ein schwelender Konflikt, der sich aber nicht auf die Unterscheidung zwischen bevormundenden Sekret\u00e4ren und konfliktwilliger Belegschaft reduzieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Pragmatischer Internationalismus?<\/strong><\/p>\n<p>Trotz unserer \u00dcberzeugung, dass die K\u00e4mpfe bei Amazon den nationalen Rahmen verlassen m\u00fcssen, sind wir in unserer bisherigen Praxis mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Diese ergeben sich vor allem aus der Schwierigkeit, einen praktischen Handlungsrahmen im internationalen Kontext herzustellen. Als Streiksolib\u00fcndnis arbeiten wir mit den Basisgewerkschaften IP in Poznan und Solidaires in Orleans zusammen sowie mit Vertrauensleuten und Solidarit\u00e4tsnetzwerken aus anderen Amazon-Standorten in Deutschland. Weiterhin gibt es einen Austausch nach Italien, Spanien, Gro\u00dfbritannien und in die USA. An diesen transnationalen Treffen nehmen auch &#8211; wenige &#8211; Amazon-Vertrauensleute aus Leipzig teil. Der Gro\u00dfteil der transnationalen Vernetzungsarbeit liegt aber beim Streiksolib\u00fcndnis. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die gewerkschaftlichen, arbeitsrechtlichen und tarifpolitischen Situationen in diesen L\u00e4ndern sind sehr unterschiedlich. Lohnforderungen sind kaum vergleichbar, die Erfahrungen der Dem\u00fctigung im Arbeitsprozess k\u00f6nnten aber einen gemeinsamen Horizont von Besch\u00e4ftigten weltweit bilden. Dieser ist unserer Meinung nach notwendig als Basis eines praktischen Handlungsrahmens, den es jenseits internationalistischer \u00dcberzeugungen braucht, um die nationale Limitierung von Arbeitsk\u00e4mpfen zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Deswegen fanden zwischen Leipzig und Poznan bereits gemeinsame Dienst-nach-Vorschrift-Aktionen statt, in denen die Gesundheits- und Sicherheitsvorgaben penibel eingehalten wurden. So wurde auf die Unvereinbarkeit ertr\u00e4glicher Arbeit mit den Leistungsvorgaben des Managements hingewiesen. Die \u00bbSlow-Down\u00ab-Aktion war auch der Versuch, internationale Kampfformen zu finden. Denn das Streikrecht in Polen ist sehr rigide und macht gemeinsame Arbeitsniederlegungen undenkbar. Dass es sich nach wie vor schwierig gestaltet, einen praktischen Handlungsrahmen f\u00fcr einen transnationalen Kampf zu finden, sehen wir als Hauptgrund daf\u00fcr, dass es bei den Streikenden eine viel st\u00e4rkere Bindung an die lokale Gewerkschaft gibt. Das Durchsetzen von Forderungen im nationalen Rahmen wird einfach als realistischer eingesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Der Kampf im nationalen Rahmen st\u00f6\u00dft jedoch immer st\u00e4rker an Grenzen. Das resultiert vor allem aus dem Widerspruch zwischen der internationalen Wertsch\u00f6pfung Amazons und dem von ver.di auf nationaler Ebene ausgetragenen Arbeitskampf. Wenn in deutschen Amazon-Zentren gestreikt wird, kann der Ausfall von den polnischen Standorten aufgefangen werden. Wir meinen, dass der Aufbau einer internationalen Vernetzung eine Perspektive bieten kann. Dazu sind aber weitere Erfahrungen n\u00f6tig, wie wir effektiv und nicht nur rhetorisch K\u00e4mpfe gemeinsam f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Klassenpolitik und andere Widerspr\u00fcche<\/strong><\/p>\n<p>Die Forderung, eine linke Klassenpolitik m\u00fcsse antirassistische und feministische Fragen integrieren, stellt sich in der Praxis f\u00fcr uns oft als Widerspruch dar. Auch wenn unter den Streikenden in Leipzig eher linke Haltungen vorherrschen, waren wir schon mit sexistischen, rassistischen oder verschw\u00f6rungstheoretischen Aussagen konfrontiert. Einerseits waren wir manchmal so unsicher, dass wir es nicht geschafft haben, angemessen zu reagieren. Andererseits kann es auch aus taktischen Gr\u00fcnden sinnvoll sein, Konzessionen zu machen. Beim Aktionstag Make Amazon Pay organisierten wir eine \u00f6ffentliche Mobilisierung zum Streik, bei der ein Besch\u00e4ftigter von einem linken Aktivisten wegen eines Freiwild-Pullis angegangen wurde. Ob es in solchen Situationen sinnvoll ist, zu schweigen oder den Konflikt zu suchen, bleibt mindestens eine offene Frage. In Anbetracht der Tatsache, dass das Vertrauensverh\u00e4ltnis in der Streiksoliarbeit auf wackeligen Beinen steht, weil wir \u00bbvon au\u00dfen\u00ab kommen und ein Gro\u00dfteil der Besch\u00e4ftigten gar nicht wei\u00df, wer wir sind, scheint es aber manchmal sinnvoller, nur mit Besch\u00e4ftigten \u00fcber solche Fragen zu diskutieren, mit denen es bereits ein Vertrauensverh\u00e4ltnis gibt.<\/p>\n<p>Wie wir erlebt haben, schlie\u00dft es sich auch nicht aus, einerseits transnational gegen Amazon zu denken und sich mit den Kolleg_innen aus Polen zu solidarisieren, andererseits rassistisch gegen Fl\u00fcchtlinge aus muslimischen L\u00e4ndern zu sein. Aus der Transnationalisierung von Arbeitsk\u00e4mpfen entstehen nicht automatisch antirassistische Haltungen. Damit bleibt es zun\u00e4chst ein objektives Problem, wie man mit rechten Haltungen in der Streikbewegung umgeht: Thematisiert man sie und riskiert die Spaltung, oder aber \u00bbh\u00e4lt man die Politik aus dem Arbeitskampf heraus\u00ab, wie es die Vertrauensleute vertreten?<\/p>\n<p>Ebenso wie die Suche nach einem neuen Klassensubjekt und dem Versuch, nationalstaatliche Limitierungen zu \u00fcberwinden, kann es Aufgabe einer in den j\u00fcngsten Debatten geschulten linken Unterst\u00fctzungsarbeit sein, Identit\u00e4ts- und Klassenpolitik zusammenzubringen. Die pragmatische Perspektive eines Streiks, der zu gewinnen ist, macht hierbei aber viele strategische Entscheidungen n\u00f6tig, die auch im Widerspruch zu den Vorstellungen einer neuen Klassenpolitik stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das\u00a0<strong>Streiksolib\u00fcndnis Leipzig<\/strong>\u00a0besteht aus Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen und einer Care-Arbeiterin. Von diesen arbeitet niemand bei Amazon. Der Artikel wurden von einigen Mitgliedern verfasst und gibt nicht die Position des ganzen B\u00fcndnisses wieder.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak637\/14.htm\"><em>ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 637&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. Mai 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Fulfillment Center (FC) ist die offizielle Bezeichnung f\u00fcr die hiesigen Amazon-Logistiklager. In Europa besteht das Amazon-System bisher fast nur aus solchen Fulfillment-Centers. In den USA ist das System ausdifferenzierter, weil Amazon hier auch schon die Lieferung \u00fcbernimmt und dementsprechende Versandzentren hat. In Deutschland beginnt diese Entwicklung mit dem Innenstadtverteilzentrum in Berlin gerade erst.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> In Brieselang und Bad Hersfeld gibt es eine regelm\u00e4\u00dfigere und auch intensivere Beteiligung von Vertrauensleuten und einem Betriebsrat an den Treffen. Die Vertrauensleute der verschiedenen Standorte haben dar\u00fcber hinaus auch unabh\u00e4ngig von uns Vernetzungstreffen, aber auf einer institutionellen Ebene bei ver.di.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitglieder des Streiksolib\u00fcndnis Leipzig. 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