{"id":3516,"date":"2018-05-12T08:20:22","date_gmt":"2018-05-12T06:20:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3516"},"modified":"2018-05-12T08:20:22","modified_gmt":"2018-05-12T06:20:22","slug":"aufschwung-des-klassenkampfs-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3516","title":{"rendered":"Aufschwung des Klassenkampfs in den USA"},"content":{"rendered":"<p><em>Jerry White.\u00a0<\/em>Seit Beginn dieses Jahres gab es in den USA bereits mehr Streiks als im ganzen Jahr 2017 zusammengenommen. Lehrer und andere Teile der Arbeiterklasse haben begonnen, sich<!--more--> aus den Fesseln der Gewerkschaften zu befreien und sich zur Wehr zu setzen.<\/p>\n<p>2017 gab es nur sieben Arbeitsniederlegungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern. Dies war die zweitniedrigste Zahl seit 1947 und die niedrigste seit dem Jahr 2009, in dem es f\u00fcnf solcher gr\u00f6\u00dferer Streiks gab. Seit Beginn dieses Jahres jedoch gab es bereits mindestens zehn gro\u00dfe Arbeitsk\u00e4mpfe, und viele weitere bahnen sich an.<\/p>\n<p><em>CBS News<\/em>\u00a0berichtete am 8. Mai: \u201e2018 breitet sich eine Welle von Arbeitsk\u00e4mpfen aus. Lehrer verlassen ihre Klassenzimmer, in Kalifornien streikt das Krankenhauspersonal&#8230; In den ersten drei Monaten des Jahres 2018 hat sich die Streikbereitschaft deutlich erh\u00f6ht, und auch im zweiten Quartal d\u00fcrfte sie nicht nachlassen. Arbeiter streiken u.a. f\u00fcr bessere Bezahlung und Zusatzleistungen, die Lehrkr\u00e4fte teils auch wegen fehlender Mittel f\u00fcr Ausstattung und Unterrichtsmaterialien.\u201c<\/p>\n<p>Seit Beginn des Jahres gab es folgende Arbeitsk\u00e4mpfe:<\/p>\n<ul>\n<li>ein neunt\u00e4giger Streik von 33.000 Lehrern und Schulbesch\u00e4ftigten in West Virginia Ende Februar und Anfang M\u00e4rz<\/li>\n<li>ein eint\u00e4giger Lehrerstreik am 19. M\u00e4rz im US-Territorium Puerto Rico<\/li>\n<li>ein zw\u00f6lft\u00e4giger Streik von 2.700 graduierten Mitarbeitern und Lehrassistenten der Universit\u00e4t von Illinois-Urbana-Champaign im Februar und M\u00e4rz<\/li>\n<li>ein dreiw\u00f6chiger Streik von 1.400 Besch\u00e4ftigten des Telekommunikationsunternehmens Frontier in Virginia und West Virginia<\/li>\n<li>ein eint\u00e4giger Streik von 4.000 Lehrern in Jersey City (New Jersey) am 17. M\u00e4rz<\/li>\n<li>ein neunt\u00e4giger Ausstand von 30.000 Lehrern in Oklahoma im April<\/li>\n<li>ein einw\u00f6chiger Streik von 3.000 Lehr- und Forschungsassistenten an der Columbia-Universit\u00e4t im April und Mai<\/li>\n<li>ein Streik von 60.000 Lehrern in Arizona vom 26. April bis zum 3. Mai<\/li>\n<li>ein dreit\u00e4giger Streik von 53.000 Kantinenbesch\u00e4ftigten, Platzwarten, Hausmeistern und Pflegekr\u00e4ften an Instituten und \u00c4rztezentren der Universit\u00e4t von Kalifornien<\/li>\n<li>eine noch andauernde Aussperrung von 1.400 Besch\u00e4ftigten von Charter Communications in New York City<\/li>\n<\/ul>\n<p>In Pueblo (Colorado) streiken momentan etwa 900 Lehrer. Letzten Monat hatten sich Tausende an geschlossenen Krankschreibungen f\u00fcr h\u00f6here Geh\u00e4lter und eine Heraufsetzung des Bildungsetats beteiligt. Anfang des Jahres hatten in Seattle und Pasadena (Kalifornien) die Schulbusfahrer gestreikt, au\u00dferdem 350 Besch\u00e4ftigte der Loyola-Universit\u00e4t in Chicago. Dazu kamen Arbeitsniederlegungen von 600 Besch\u00e4ftigten des Luft- und Raumfahrtkonzerns United Launch Alliance in Alabama, Kalifornien und Florida, sowie von Stromnetzelektrikern in New Hampshire.<\/p>\n<p>Die bisherigen K\u00e4mpfe sind erst der Anfang. In den n\u00e4chsten Wochen sind Lehrerproteste in North- und South Carolina geplant, an der Universit\u00e4t von Washington steht ein Streik an; au\u00dferdem stimmen 50.000 Besch\u00e4ftigte von Casinos und Gastst\u00e4tten \u00fcber Arbeitsniederlegungen ab. Wenn im September die Schulen in Texas wieder \u00f6ffnen, k\u00f6nnte es zu einem Streik der Lehrkr\u00e4fte in Dallas kommen.<\/p>\n<p>In der Belegschaft von United Parcel Service (UPS) gibt es gro\u00dfen Widerstand gegen ein Tarifabkommen f\u00fcr 280.000 Besch\u00e4ftigte, das die Gewerkschaft Teamsters durchsetzen will, wenn der aktuelle Tarifvertrag am 31. Juli ausl\u00e4uft. Laut Medienberichten verhandeln die Teamsters und UPS \u00fcber ein Zwei-Klassen-Lohnsystem, das es dem Unternehmen erlauben w\u00fcrde, f\u00fcr die Zustellung an Wochenenden und Sonntagen schlechter bezahlte Arbeiter einzustellen, um mit dem US Post Office um Lieferungen f\u00fcr Amazon konkurrieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den 1970ern hatten die Teamsters akzeptiert, dass UPS in seinen Logistikzentren unterbezahlte Teilzeitarbeitskr\u00e4fte besch\u00e4ftigt. Jetzt will UPS die Stellung des \u201eHybrid-Fahrers\u201c schaffen, deren Einstiegs-Stundenlohn nur 15 Dollar betragen soll. Damit will es vermeiden, \u00dcberstundenzuschl\u00e4ge f\u00fcr die Arbeit am Wochenende bezahlen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Am 20. September l\u00e4uft au\u00dferdem ein Tarifvertrag f\u00fcr 200.000 Besch\u00e4ftigte des US Postal Service aus. Es brodelt auch unter den Hunderttausende von Amazon-Arbeitern, die keiner Gewerkschaft angeh\u00f6ren und f\u00fcr niedrige L\u00f6hne unter Sweatshop-Bedingungen schuften m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In der Autobranche entwickelt sich eine Rebellion gegen die United Auto Workers (UAW), obwohl der Tarifvertrag f\u00fcr 140.000 Besch\u00e4ftigte von General Motors, Ford und Fiat Chrysler erst in einem Jahr ausl\u00e4uft. Anfang des Monats legten die Arbeiter im Flat-Rock-Autowerk au\u00dferhalb von Detroit die Arbeit nieder, als das Management die Produktion wiederaufnehmen wollte, nachdem einem Arbeiter bei einem Unfall die Beine zerquetscht wurden.<\/p>\n<p>Die UAW wird momentan von einem Korruptionsskandal ersch\u00fcttert, nachdem herausgekommen ist, dass Gewerkschaftsf\u00fchrer Bestechungsgelder in Millionenh\u00f6he f\u00fcr unternehmensfreundliche Tarifvertr\u00e4ge erhalten haben. Durch diese Vertr\u00e4ge wurden die Anfangsgeh\u00e4lter f\u00fcr neu eingestellte Arbeiter halbiert, die t\u00e4gliche Arbeitszeit erh\u00f6ht und der Einsatz von Teilzeitarbeitern ausgeweitet, die zwar Mitgliedsbeitr\u00e4ge zahlen, aber keine Rechte haben.<\/p>\n<p>Im Zeitraum von 2007 bis 2016 gab es so wenige gro\u00dfe Arbeitsniederlegungen wie noch nie, seit das amerikanische Amt f\u00fcr Arbeitsstatistiken 1947 mit der Erhebung von Daten begann: im Durchschnitt nur 14 pro Jahr. Von 1977-1986 waren es durchschnittlich 145, von 1967-1976 durchschnittlich 332, und von 1947-1956 durchschnittlich 344.<\/p>\n<p>Die Unterdr\u00fcckung des Klassenkampfs durch die Gewerkschaften erm\u00f6glichte es der herrschenden Elite Amerikas, nach dem Finanzcrash von 2008 die Klassenverh\u00e4ltnisse umzugestalten. Dank der Unterst\u00fctzung der Gewerkschaften konnten die Unternehmen durch eine unabl\u00e4ssige Senkung der L\u00f6hne und Verschiebung der Kosten f\u00fcr Krankenversicherung und Rente auf den R\u00fccken der Arbeiter ihre Profitabilit\u00e4t wiederherstellen. Durch die nahezu kostenlosen Kredite an Finanzspekulanten wurde die Aktienblase wieder aufgeblasen. Die Geldpolitik der \u201equantitativen Lockerung\u201c der Obama-Regierung beruhte auf der Eind\u00e4mmung der \u201eInflation\u201c, d.h. steigender L\u00f6hne.<\/p>\n<p>Die historische Umverteilung des Reichtums von unten nach oben, die unter Obama stattfand, ging unter Trump weiter. Er hat die K\u00f6rperschaftssteuern gesenkt und versucht, alle Regulierungen f\u00fcr das Gro\u00dfkapital zu beseitigen, u.a. Gesundheits- und Sicherheitsauflagen und Umweltschutzgesetze. Derzeit plant die Regierung die Aufhebung von Vorschriften, die es verbieten, minderj\u00e4hrige Arbeiter f\u00fcr gef\u00e4hrliche T\u00e4tigkeiten einzustellen.<\/p>\n<p>Die amerikanischen Konzerne haben Berichten zufolge Kassabest\u00e4nde von insgesamt \u00fcber 2 Billionen Dollar gehortet und verschwenden Rekordsummen f\u00fcr Dividenden und Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe im Interesse ihrer reichsten Investoren. Gleichzeitig sind die L\u00f6hne trotz der angeblichen \u201eVollbesch\u00e4ftigung\u201c in den USA (die offizielle Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit 1969) laut dem j\u00fcngsten Arbeitsmarktbericht im Vergleich zum Vorjahr um nur 2,6 Prozent gestiegen und liegen damit nur knapp \u00fcber der offiziellen Inflationsrate von 2,1 Prozent.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften haben versucht, Streiks zu verhindern. Wo dies nicht m\u00f6glich war, haben sie sie isoliert, die Streikenden ausgelaugt und die Streiks dann beendet, bevor sie sich ausbreiten konnten. In West Virginia, Oklahoma und Arizona haben Lehrergewerkschaften Deals abgeschlossen, mit denen die Forderungen der Lehrer \u00fcbergangen wurden. Geringe Gehaltserh\u00f6hungen werden durch K\u00fcrzungen bei anderen wichtigen Leistungen und regressive Steuern finanziert, von denen die Arbeiter am meisten getroffen werden.<\/p>\n<p>Die prokapitalistischen Gewerkschaften, ihre beg\u00fcterten Vorsitzenden und ihre Verb\u00fcndeten aus der Demokratischen Partei bef\u00fcrchten, dass die einzelnen K\u00e4mpfe in verschiedenen Branchen in einer breiteren Bewegung der Arbeiterklasse zusammenflie\u00dfen k\u00f6nnten. F\u00fcr die diskreditierten und korrupten Gewerkschaften wird es immer schwieriger, den Widerstand gegen ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Staat und den Arbeitgebern zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die Streiks, vor allem diejenigen der Lehrer, wurden gr\u00f6\u00dftenteils von den einfachen Besch\u00e4ftigten \u00fcber soziale Medien initiiert, gegen den Widerstand der Gewerkschaften. Diese Entwicklung versetzte das wirtschaftliche und politische Establishment in Angst und Schrecken. Die Demokraten reagieren auf diese Gefahr von unten, indem sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um die diskreditierten Gewerkschaften zu st\u00e4rken und ihre Kontrolle \u00fcber die Arbeiter wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Senator Bernie Sanders und eine Gruppe von demokratischen Senatoren, u.a. Elizabeth Warren, Kirsten Gillibrand und Sherrod Brown, legten am Mittwoch den Workplace Democracy Act vor. Dieses Gesetz soll die finanzielle und institutionelle Stellung der Gewerkschaften st\u00e4rken. Zu diesem Zweck soll die Bildung von Gewerkschaften in einem Betrieb durch einfache Mehrheitsentscheidung der Belegschaft (\u201eCard Check\u201c) erleichtert werden. Zudem sollen die \u201eRight to work\u201c-Gesetze aufgehoben werden, unter denen neu eingestellte Arbeiter in gewerkschaftlich organisierten Betrieben den ansonsten zwingenden Beitritt zur Gewerkschaft und die Zahlung von Mitgliedsbeitr\u00e4gen ablehnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sanders erkl\u00e4rte: \u201eMan k\u00f6nnte argumentieren, dass gerade jetzt die Gewerkschaftsbewegung trotz ihrer Schw\u00e4che die letzte Verteidigungslinie gegen die Pl\u00e4ne der Konzerne ist, die nicht nur Steuersenkungen f\u00fcr Milliard\u00e4re anstreben, sondern auch Social Security, Medicare und Medicaid privatisieren wollen.\u201c<\/p>\n<p>Es stimmt, dass die Gewerkschaften die \u201eletzte Verteidigungslinie\u201c der Demokratischen Partei und des kapitalistischen Systems sind. Statt die unabl\u00e4ssigen Angriffe auf den Lebensstandard und wichtige gesellschaftliche Errungenschaften wie das \u00f6ffentliche Bildungswesen zu bek\u00e4mpfen, traten die Gewerkschaften als Partner des Gro\u00dfkapitals auf.<\/p>\n<p>Die wachsende Streikwelle ist nur das erste Stadium einer machtvollen Wiederkehr des Klassenkampfs in den USA und weltweit. Um die bevorstehenden Schlachten zu schlagen, brauchen die Arbeiter neue Formen der Organisation: Basis- und Betriebskomitees, die unabh\u00e4ngig von den nationalistischen und prokapitalistischen Gewerkschaften sind. Alle Einzelk\u00e4mpfe m\u00fcssen in einem Generalstreik zusammenlaufen, um f\u00fcr die sozialen Rechte der Arbeiterklasse zu k\u00e4mpfen: das Recht auf einen gut bezahlten und sicheren Arbeitsplatz, voll finanzierte Krankenversicherung und Renten sowie eine deutliche Erh\u00f6hung der Mittel f\u00fcr das \u00f6ffentliche Bildungswesen und andere unverzichtbare Einrichtungen.<\/p>\n<p>Das Wiederaufleben des Klassenkampfes muss Teil einer politischen Bewegung der Arbeiterklasse in den USA und der ganzen Welt werden, die sich gegen das kapitalistische System und seinen Staat richtet. Die dringend n\u00f6tigen Sozialreformen k\u00f6nnen nur durchgesetzt werden, wenn die Verm\u00f6gen der kapitalistischen Oligarchie enteignet werden und die Diktatur der Banken und Konzerne frontal angegriffen wird. Zu diesem Zweck muss die Arbeiterklasse die politische Macht in die eigenen H\u00e4nde nehmen und den Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/05\/12\/stri-m12.html\"><em>wsws.org\/de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12.Mai 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerry White.\u00a0Seit Beginn dieses Jahres gab es in den USA bereits mehr Streiks als im ganzen Jahr 2017 zusammengenommen. 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