{"id":3533,"date":"2018-05-15T16:22:52","date_gmt":"2018-05-15T14:22:52","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3533"},"modified":"2018-05-15T16:22:52","modified_gmt":"2018-05-15T14:22:52","slug":"frankreich-mai-68-alles-war-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3533","title":{"rendered":"Frankreich, Mai 68: Alles war m\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p><em>J\u00fcrgen Roth. <\/em>Alte Schwarzwei\u00dffilme zeigen Steine schleudernde Pariser StudentInnen inmitten von Tr\u00e4nengaswolken. Medien schwelgen von einem Studentenaufstand, der wie<!--more--> aus dem Nichts kam und f\u00fcr antiautorit\u00e4re Politik stand. Kommentare konstatieren deprimiert, dass die Barrikadenk\u00e4mpferInnen vom b\u00fcrgerlichen Establishment aufgesogen wurden, heute sind sie ChefjournalistInnen, Fernsehpromis oder sogar MinisterInnen.<\/p>\n<p>Das Wesentliche ber\u00fchren solche Reminiszenzen nicht: die StudentInnenrevolte war der Initialz\u00fcnder heftiger Aktionen der Lohnabh\u00e4ngigen, die zu einem Generalstreik von \u00fcber 10 Millionen ArbeiterInnen f\u00fchrten. Pr\u00e4sident De Gaulles floh nach Deutschland. Alles war m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Bewegung aus dem Nichts?<\/strong><\/p>\n<p>Seit 1960 hatte sich die Studentenzahl verdreifacht, eine Folge der technologischen Erfordernisse des langen Nachkriegsbooms. Vorlesungss\u00e4le, Studentenheime, Kantinen waren hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt. Hinzu kamen kleinliche Vorschriften, insbesondere bez\u00fcglich der Sexualit\u00e4t (Geschlechtertrennung in den Heimen). Ministerpr\u00e4sident Pompidou entwarf eine Bildungsreform, um \u201efaule\u201d Studierende loszuwerden \u2013 durch Entwertung der Abschl\u00fcsse, wenn sie nicht in der Regelstudienzeit erfolgten.<\/p>\n<p>Die Explosion der Studierendenzahl ging einher mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 450.000 Anfang 1968. Der lange Wirtschaftsboom der 1950er und 60er ging zu Ende. Die Zukunftsperspektiven der Jugend war d\u00fcster, die Gegenwart trist. Wahlrecht gab es erst ab 21. Die Regierung kontrollierte langweilige und konformistische Medien. Die Jugend f\u00fchlte sich just zu einem Zeitpunkt davon abgesto\u00dfen, als Britannien und die USA einen Ausbruch \u201efreier Jugendkultur\u201d erlebten, w\u00e4hrend Frankreich durch den autorit\u00e4ren und asketischen Stil des Halbbonaparten De Gaulle und seiner V. Republik gepr\u00e4gt war \u2013 \u00e4hnlich der miefigen Atmosph\u00e4re der \u00c4ra Adenauer.<\/p>\n<p>Der wichtigste Faktor f\u00fcr die Jugendpolitisierung war der Vietnamkrieg. In Paris fanden w\u00f6chentlich Solidarit\u00e4tsdemonstrationen statt.<\/p>\n<p>So wie die Studentenbewegung offensichtliche Wurzeln hatte, war auch der Generalstreik im Mai\/Juni kein spontanes Ereignis. Seit Fr\u00fchjahr 1967 gab es Streiks, Betriebsbesetzungen und Konflikte mit der Polizei durch eine Arbeiterklasse, deren Lebensstandard im Vergleich zu anderen EWG-L\u00e4ndern niedrig war: niedrigste L\u00f6hne, h\u00f6chste Steuern und l\u00e4ngste Arbeitswoche (bis zu 52 Stunden). Mit dem Ende des Booms erlie\u00df die Regierung Dekrete, die das Sozialversicherungswesen angriffen und die Arbeitslosigkeit zunehmen lie\u00df.<\/p>\n<p>Die Antwort der Gewerkschaften waren leicht kontrollierbare Kampagnen. Am 13. Dezember 1967 nahmen Millionen ArbeiterInnen an einem Aktionstag gegen Einschnitte in Sozialversicherungs- und Gesundheitswesen teil. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen kanalisierten deren Kampfwillen, indem sie eine weitere Demonstration erst f\u00fcr den Mai anberaumten.<\/p>\n<p>Ein letztes Anzeichen f\u00fcr die kommenden Ereignisse war der sinkende Einfluss der Kommunistischen Partei (KPF), besonders in der Jugend. Unter Sch\u00fclerInnen war er praktisch Null. Einer Generation, welche die Freuden der \u201esexuellen Revolution\u201d auskosten wollte, boten die StalinistInnen zwei nach Geschlechtern getrennte (!) Jugendorganisationen an.<\/p>\n<p><strong>Ausbruch studentischen Unmuts<\/strong><\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Bourgeoisie ignorierte die Gefahr. Pompidou meinte: \u201eHeute ist es schwer zu rebellieren, weil es nichts gibt, gegen das man rebellieren k\u00f6nnte.\u201d Auch die radikale Linke untersch\u00e4tzte, wie explosiv die Situation war. Ernest Mandel, F\u00fchrer des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale (VS), konstatierte bez\u00fcglich Frankreich und Britannien: \u201eEs gibt keine vorrevolution\u00e4re Situation in diesen L\u00e4ndern.\u201d<\/p>\n<p>In Nanterre, dem Zentrum der StudentInnenunruhen, f\u00fchrten die JCR (Jeunesse communiste r\u00e9volutionnaire = revolution\u00e4r-kommunistische Jugend) und andere \u201elinksextreme\u201d Tendenzen Kampagnen gegen die Universit\u00e4tsreform, gegen den Vietnamkrieg und f\u00fcr freie politische Bet\u00e4tigung an den Unis. Offiziell war die JCR zwar nicht die Jugendorganisation des \u201eVereinigten Sekretariats der Vierten Internationale\u201c (VS), aber sie wurde von einer Geheimfraktion des VS in der Kommunistischen Partei gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im Dezember 1967 streikten 10.000 StudentInnen. Es gab K\u00e4mpfe mit der Polizei. In Reaktion auf Verhaftungen gr\u00fcndete sich die \u201eBewegung des 22. M\u00e4rz\u201d. Sie richtete sich gegen die repressiven Verh\u00e4ltnisse an den Unis und organisierte Diskussionszirkel. Ein f\u00fcr den 3. Mai angesetzter antiimperialistischer Aktionstag wurde von FaschistInnen bedroht. Daraufhin wurde die Alma Mater bis Ende Juni geschlossen \u2013 dem Zeitpunkt der Abschlusspr\u00fcfungen. Das motivierte die Bewegung zu einer Protestveranstaltung an der Pariser Sorbonne.<\/p>\n<p>Die Spannung war auf dem Siedepunkt: \u00fcberall Aufstandspolizei (CRS), faschistische \u00dcberf\u00e4lle, StudentInnen, die den Zugang der Uni kontrollierten. Die Uni-Beh\u00f6rde drohte mit R\u00e4umung. Ohne eine Reaktion abzuwarten, kn\u00fcppelten die Bullen los. Es begann eine Stra\u00dfenschlacht, bei der die StudentInnen Pflastersteine warfen. Trotzdem besetzte die CRS unter Einsatz von Tr\u00e4nengas die Uni. Am 6. Mai gab es Solidarit\u00e4tsaktionen der DozentInnen und der Studentengewerkschaft UNEF. Vor Betrieben wurden Flugbl\u00e4tter verteilt. Am 6. Mai marschierten 30.000 StudentInnen und Arbeiterjugendliche durch Paris. Es folgten t\u00e4gliche Demos mit bis zu 60.000 Beteiligten.<\/p>\n<p>Am 8. Mai versuchte die KP, die vorher die Demonstrierenden als \u201ekleinb\u00fcrgerliche Unruhestifter\u201d denunziert hatte, sich an die Spitze zu setzen. Die Studierenden lehnten das jedoch ab.<\/p>\n<p>Provoziert durch die Weigerung des Erziehungsministeriums, die Sorbonne und Nanterre wieder zu \u00f6ffnen, versuchten am 10. Mai 30.000 StudentInnen, das Quartier Latin zu erobern. Eine heftige Stra\u00dfenschlacht begann, immer mehr Jugendliche str\u00f6mten ins Viertel, die Polizei geriet in die Defensive. Nach dieser \u201eNacht der Barrikaden\u201d, in der die StudentInnen Pflastersteine, B\u00e4ume und brennende Autos als Waffen einsetzten, kippte angesichts der Brutalit\u00e4t des Staates die b\u00fcrgerliche \u00f6ffentliche Meinung zugunsten der Protestierenden.<\/p>\n<p><strong>Alles vorbei?<\/strong><\/p>\n<p>Pompidou kehrte hastig von einem Staatsbesuch zur\u00fcck. Als \u201everantwortungsvollem\u201d b\u00fcrgerlichen Politiker reichte ihm ein Blick, um zwecks Deeskalation die \u00d6ffnung der Universit\u00e4ten und die R\u00fccknahme der \u201eBildungsreform\u201d zu verk\u00fcnden. Am 13. Mai fand daraufhin eine Siegesdemonstration mit bis zu einer Million TeilnehmerInnen statt.<\/p>\n<p>Regierung und reformistische Gewerkschaftsf\u00fchrung w\u00e4hnten die Gefahr vor\u00fcber. Aber sie hatten die Rechnung ohne die ArbeiterInnen gemacht!<\/p>\n<p>Am 14. Mai besetzten FlugzeugbauerInnen in Nantes \u201eihre\u201d Fabrik, sperrten die Chefs ein und riefen die anderen Lohnabh\u00e4ngigen der Stadt zur Solidarit\u00e4t auf, ermuntert vom Erfolg der Studierenden. Entscheidend war der Streikbeginn bei Renault-Billancourt am 16. Mai. Dieses Werk verk\u00f6rperte wie kein anderes das industrielle Herz der franz\u00f6sischen ArbeiterInnenklasse. Sie galt als die Bastion der PCF und ihrer Gewerkschaft CGT. Die Bewegung dort wurde gegen die \u00f6rtliche Gewerkschaftsf\u00fchrung von JungarbeiterInnen entfacht.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Tage, ohne Aufruf durch die Gewerkschaftsf\u00fchrungen standen 2\/3 (!) der 15 Millionen franz\u00f6sischen ArbeiterInnen im Generalstreik, teilweise \u00fcber einen Monat lang! Ihre Forderungen reichten von Lohnerh\u00f6hungen \u00fcber die Entfernung autorit\u00e4rer ManagerInnen bis zur Beendigung der Angriffe auf die Sozialversicherung. Nicht bestreikte Firmen wie Peugeot waren paralysiert. Zechen, Werften, Transportwesen waren geschlossen im Ausstand. In der Medienindustrie k\u00e4mpften die Streikenden f\u00fcr ArbeiterInnenkontrolle. Selbst TaxifahrerInnen, K\u00fcnstlerInnen, Fu\u00dfballerInnen machten spontan mit. Die Bewegung wurde zum gr\u00f6\u00dften und l\u00e4ngsten Generalstreik in der Geschichte Europas! Sie warf objektiv die Frage auf: Wer, welche Klasse regiert Frankreich?<\/p>\n<p>Mit dem Wachstum des Generalstreiks wurden die bis dahin unt\u00e4tigen reformistischen Arbeiterf\u00fchrungen aktiv \u2013 gegen den Streik und f\u00fcr die bedr\u00e4ngte herrschende Klasse! Nachdem die Zeitung der PCF, L\u2019Humanit\u00e9, die Barrikadenk\u00e4mpferInnen des 10. Mai als \u201eProvokateurInnen\u201d und \u201eAbschaum\u201d bezeichnet hatte, versuchte sie alles, den Einfluss der \u201elinksextremen\u201d Gruppen auf die ArbeiterInnenschaft gering zu halten. Nach der Betriebsbesetzung von Billancourt verschloss die CGT die Fabriktore vor den DemonstrantInnen. Sie \u201ewarnte\u201d die ArbeiterInnen vor Leuten \u201evon au\u00dferhalb der ArbeiterInnenbewegung, die der herrschenden Klasse dienen\u201d!<\/p>\n<p>Wo es Besetzungen gab, schickten die Gewerkschaften die ArbeiterInnen nach Hause, um zu verhindern, dass sich diese Ans\u00e4tze von Klassenunabh\u00e4ngigkeit in Keimzellen von ArbeiterInnenkontrolle und R\u00e4ten verwandelten. Wo Streikkomitees existierten, bestanden sie meist aus \u00f6rtlichen Gewerkschaftsf\u00fchrerInnen. Sie versuchten alles, um die ArbeiterInnenbewegung von den StudentInnen abzuschotten: am 24. Mai fanden getrennte, Gro\u00dfdemonstrationen in Paris statt \u2013 eine von der CGT ausgerufen, die andere von der UNEF! In der Provinz vermischten sich beide Bewegungen st\u00e4rker, bedrohten die Macht der B\u00fcrokratie und offenbarten das Potential f\u00fcr einen geeinten Sto\u00df gegen die Regierung.<\/p>\n<p>Durch den Druck der Ereignisse trat Pompidou in einen Verhandlungsmarathon mit den Gewerkschaftsf\u00fchrerInnen ein. Eine Lohnerh\u00f6hung um 7%, Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns, Stornierung mancher Angriffe auf die Sozialversicherungen \u2013 das waren die \u201etarifvertraglichen\u201d Brosamen, die die offizielle ArbeiterInnenf\u00fchrung vom Tisch der Kapitalistenregierung zum Ausverkauf ihrer Mitgliedschaft mit nach Hause nehmen durfte.<\/p>\n<p>Die Basis indessen buhte ihre reformistischen AufseherInnen gnadenlos aus, als sie ihr diesen \u201cDeal\u201d schmackhaft zu machen versuchten! Die ArbeiterInnenklasse akzeptierte das Abkommen nicht \u2013 zum Entsetzen ihrer F\u00fchrungen. Die Streikenden hatten nicht f\u00fcr solche k\u00fcmmerlichen Ergebnisse gestreikt! Sie dr\u00e4ngten auf fundamentale, politische Verbesserungen!<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Volksregierung?<\/strong><\/p>\n<p>Unter der Parole \u201cF\u00fcr eine Volksregierung\u201d marschierten am 29. Mai 600.000. Es roch wie 1936 nach einer Volksfront, einem Regierungsb\u00fcndnis aus Organisationen von ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie zur Abwendung eines Sturzes des Kapitalismus. De Gaulle floh nach Deutschland. Ministerien verbrannten ihre Archive. Als De Gaulle zur\u00fcckkehrte, erkl\u00e4rte er \u201egro\u00dfherzig\u201d den Verzicht auf den Einsatz der Armee gegen den Generalstreik! Statt dessen rief er Neuwahlen aus. Die StalinistInnen waren erleichtert. Die Wahlen und die sich andeutende Volksfront w\u00e4ren ein gutes Ventil, um den Druck aus der Bewegung zu nehmen.<\/p>\n<p>Unter den Streikenden gab es erheblichen Widerstand gegen diesen Vorschlag. Aber ohne ein anderes Ziel, ohne weiterf\u00fchrende Kampfperspektive, gingen sie \u2013 ungeschlagen \u2013 wieder zur Arbeit!<\/p>\n<p>Die stalinistischen Abw\u00fcrger der ansteigenden revolution\u00e4ren Welle erlitten eine vernichtende Wahlniederlage und verloren mehr als die H\u00e4lfte ihrer Sitze (34 von 73). Die GaullistInnen dagegen gewannen zu ihrem eigenen Erstaunen 55%. Allerdings hatten Jugendliche unter 21 Jahren kein Wahlrecht und 300.000 im Wahlrechtsalter waren nicht wahlberechtigt, weil die Regierung die Wahllisten nicht aktualisierte. Die PCF war die einzige zur Wahl stehende (b\u00fcrgerliche) Arbeiterpartei. Die linksreformistische PSU und der Rest der in der IV. Republik gescheiterten Sozialdemokratie (SFIO) hatten keinen Massenanhang. Die PCF hatte gerade den Generalstreik ausverkauft und verraten und eine weitergehende, revolution\u00e4re Perspektive verhindert. Daraus zogen JungarbeiterInnen und StudentInnen den falschen, wenn auch subjektiv verst\u00e4ndlichen Schluss, dass \u201cnur Idioten w\u00e4hlen gehen\u201d.<\/p>\n<p><strong>Revolution\u00e4re Situation<\/strong><\/p>\n<p>Im Mai 68 gab es eine revolution\u00e4re Situation. Einige Fabriken waren besetzt und es existierten dort Organe einer Doppelherrschaft. Die meisten Firmen hatten aber kein Streikkomitee bzw. es war nicht von den ArbeiterInnen direkt gew\u00e4hlt. Von gesellschaftlicher Verallgemeinerung der Doppelmachtans\u00e4tze war noch weniger zu sp\u00fcren. Ausnahmen wie Nantes best\u00e4tigen die Regel.<\/p>\n<p>Die Aktionskomitees der extremen Linken umfassten zwar Studierende und ArbeiterInnen. Aber diese Einheitsfrontorgane waren eher Diskussionsforen als handelnde (Macht)Organe und existierten nur in einem Viertel der bestreikten Betriebe.<\/p>\n<p>Aber allein schon durch Ausma\u00df und L\u00e4nge des Generalstreiks war die Machtfrage gestellt \u2013 auch, wenn auch der bewaffnete Aufstand und die proletarische Machtergreifung nicht auf die Tagesordnung kamen.<\/p>\n<p>In der zweiten Maih\u00e4lfte bestand die unmittelbare Tagesaufgabe in der Wahl und Verallgemeinerung demokratisch gew\u00e4hlter Streikkomitees sowie Aktionsr\u00e4ten aller Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten. So h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen, die politische Initiative wieder an De Gaulle zu verlieren.<\/p>\n<p>Die StudentInnen und die \u201cradikale\u201d Linke hatten keine klare strategische Antwort auf die Position der b\u00fcrgerlichen Arbeiterparteien \u2013 vor allem der KP \u2013 und der Gewerkschaftsverb\u00e4nde, insbesondere verf\u00fcgten sie \u00fcber keine Taktik, wie und um welche Forderungen die K\u00e4mpfe weiter getrieben und den ReformistInnen die Machtpositionen in den Gewerkschaften entrissen werden konnten. Hier zeigte sich \u00fcberdeutlich, dass es keine organisatorische und programmatische Kontinuit\u00e4t des revolution\u00e4ren Marxismus mehr existierte.<\/p>\n<p>Doch die B\u00fcrokratInnen hingegen hatten eine Antwort auf die Machtfrage: die Bourgeoisie sollte weiter im Sattel bleiben! Auch die StalinistInnen hassten die Revolution. Sie waren nicht nur mit der V. Republik \u201ezufrieden\u201d. Sie standen wegen seines verbalen Antiamerikanismus hinter De Gaulle, weil dieser der Diplomatie der UdSSR im Kalten Krieg gerade recht kam.<\/p>\n<p>Um in jenen Wochen die Kluft zwischen den W\u00fcnschen nach unmittelbaren Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, nach mehr Demokratie einerseits und dem Verlangen nach einer anderen Klassenmacht andererseits zu schlie\u00dfen, h\u00e4tten revolution\u00e4re MarxistInnen f\u00fcr die St\u00e4rkung der Arbeiterkontrollbewegung in den Betrieben eintreten, eine ArbeiterInnenregierung fordern und die Weigerung der reformistischen (Ver-)F\u00fchrerInnen, um die Macht zu k\u00e4mpfen, aufdecken m\u00fcssen, um so deren Kommandohoheit \u00fcber die Klasse zu beenden. Auch Forderungen nach einer massiven Kampagne f\u00fcr Gewerkschaftseintritte, gekoppelt mit der Kontrolle \u00fcber Lohnh\u00f6he und Arbeitszeit von unten statt durch die B\u00fcrokratie, nach Verteidigung der Besetzungen gegen die CRS h\u00e4tten eine bedeutende Rolle spielen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine Verbreiterung der Massenbewegung \u00fcber die Industriearbeiterschaft hinaus war keine unwesentliche Sache angesichts des betr\u00e4chtlichen Bev\u00f6lkerungsanteils auf dem Land und der Neutralisierung der bewaffneten Staatsorgane. Ans\u00e4tze dazu gab es. Einige Bauernorganisationen erkl\u00e4rten sich solidarisch mit den K\u00e4mpfenden. Das 15. Infanterieregiment rief zur Bildung von Soldatenkomitees auf und erkl\u00e4rte, nicht auf Streikende zu schie\u00dfen. Mitte Mai drohte selbst die Gewerkschaft der normalen Polizei \u2013 nicht der CRS \u2013 mit Streik.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich h\u00e4tte nicht nur der R\u00fccktritt De Gaulles gefordert werden m\u00fcssen, sondern die Zerschlagung der V. Republik. Statt f\u00fcr Parlamentswahlen h\u00e4tten KommunistInnen f\u00fcr die Verallgemeinerung der Streikkomitees und der Organisationen der Arbeiterkontrolle agitiert. Deren demokratische Zentralisierung auf nationaler Ebene \u2013 Grundlage einer ArbeiterInnenregierung \u2013 war zur Tagesaufgabe geworden. Die Situation im Mai\/Juni 1968 besa\u00df alle Voraussetzungen zur Entwicklung einer Doppelmacht \u2013 ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te contra b\u00fcrgerliche Staatsmacht.<\/p>\n<p>Trotz des tragischen Finales pr\u00e4gte der Mai 1968 den franz\u00f6sischen Klassenkampf zutiefst. De Gaulle verlor seinen Mythos der Unbesiegbarkeit und zog sich aufs Altenteil zur\u00fcck. Sein \u201estarker Staat\u201d wurde von Pompidou teilweise reformiert.<\/p>\n<p><strong>Auswirkungen<\/strong><\/p>\n<p>Die PCF begann ihren bis heute ununterbrochenen Niedergang, auf dessen R\u00fccken sich f\u00fcr mehr als drei Jahrzehnte die erledigt geglaubte Sozialdemokratie wieder erheben konnte (PSF, Mitterand). Zu ihrer Linken kam es zur St\u00e4rkung bzw. Gr\u00fcndung zentristischer Gruppen mit erheblichem Einfluss. Anders als in Deutschland konnten die drei sich auf den Trotzkismus berufenden Gruppierungen (LCR, LO, PO) bei Wahlen bis zu 11% der Stimmen auf sich vereinigen!<\/p>\n<p>Im Unterschied zum franz\u00f6sischen Mai 1968 erleben wir heute eine Mischung aus einer sich versch\u00e4rfenden kapitalistischen Krise, Zerfall und Marginalisierung der reformistischen Parteien, den Aufstieg des Populismus und autorit\u00e4rer Herrschaftsformen \u2013 nicht nur auf Seiten der extremen Rechten, sondern auch in Gestalt des Regimes Macron.<\/p>\n<p>Doch die ArbeiterInnenbewegung befindet sich in einer tiefen politischen Krise, trotz der Kampfbereitschaft und -f\u00e4higkeit von wichtigen Sektoren wie dem der EisenbahnerInnern. Die reformistische Linke versinkt verdienterma\u00dfen in Agonie oder passt sich \u2013 wie M\u00e9lenchon \u2013 dem franz\u00f6sischen Nationalismus und Populismus an. Die \u201eradikale Linke\u201c, einschlie\u00dflich der aus dem Trotzkismus stammenden Organisationen wie \u201eLutte Ouvri\u00e8re\u201c (LO) oder \u201eNouveau Parti anticapitaliste\u201c (NPA), erweist sich jedoch als unf\u00e4hig, einen Ausweg zu weisen. Die Ursache daf\u00fcr liegt letztlich auf politischer, programmatische Ebene \u2013 das Versagen, ein revolution\u00e4res Aktionsprogramm als Antwort auf die Krise zu entwickeln und auf dieser Grundlage alle jene zu vereinen, die nach eine revolution\u00e4ren Alternative suchen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/05\/14\/frankreich-mai-68-alles-war-moeglich\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Roth. Alte Schwarzwei\u00dffilme zeigen Steine schleudernde Pariser StudentInnen inmitten von Tr\u00e4nengaswolken. 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