{"id":3535,"date":"2018-05-15T16:28:13","date_gmt":"2018-05-15T14:28:13","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3535"},"modified":"2018-05-15T16:28:13","modified_gmt":"2018-05-15T14:28:13","slug":"schueler-von-68-neue-bewegung-an-den-schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3535","title":{"rendered":"Sch\u00fcler von &#8217;68: Neue Bewegung an den Schulen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach dem 1. Mai 1968 entstanden neue Gruppen an etwa 80 Schulen in West-Berlin. Michael Pr\u00fctz, damals 15, war in einer solchen Gruppe am Gymnasium zum Grauen Kloster aktiv. Er erinnert sich<!--more--> an die erste Protestaktion gegen den Direktor \u2013 die erste direkte Konfrontation mit den Autorit\u00e4ten.<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/schueler-von-68-wir-fieberten-dem-1-mai-entgegen\/\"><strong>1. Mai 1968<\/strong><\/a>\u00a0breitete sich die au\u00dferparlamentarische Opposition auf alle Lebensbereiche in West-Berlin aus. Stadtteilgruppen und Betriebsgruppen wurden gegr\u00fcndet, und an den Oberschulen \u2013 vor allem an den Gymnasien, aber auch an den Haupt- und Realschulen \u2013 bildeten sich sogenannte Schulkollektive. Mitte 1968 existierten bereits etwa 80 solcher Kollektive. Wir diskutierten die gro\u00dfen politischen Themen wie den Vietnam-Krieg ebenso wie die \u201ekleinen\u201c, konkreten Themen unserer schulischen Ausbildung: Sch\u00fcler*innenmitverwaltung, alternative Lehrinhalte, und die Herausgabe unabh\u00e4ngiger, unzensierter Sch\u00fcler*innenzeitungen.<\/p>\n<p>An meiner Schule, dem Gymnasium zum Grauen Kloster, hatten sich etwa 30 der insgesamt 400 Sch\u00fcler*innen fest organisiert. Unsere erste Aktion war gegen die Heuchelei unserer Schulleitung (als Stellvertreter der politischen Machthaber*innen) im Biafra-Krieg gerichtet. Biafra, eine Provinz Nigerias, die sich von der Zentralregierung abgespalten hatte, war durch den B\u00fcrger*innenkrieg einer Hungerblockade ausgesetzt, der zwischen 1967 und 1970 mindestens eine Million Menschen zum Opfer fielen. \u00dcberall gab es Spendenaufrufe f\u00fcr die \u201earmen schwarzen Kinder\u201c \u2013 ohne jemals zu thematisieren, wie die imperialistischen Gro\u00dfm\u00e4chte in diesen Krieg involviert waren: Gro\u00dfbritannien unterst\u00fctzte die nigerianische Zentralregierung, Frankreich unterst\u00fctzte die Abtr\u00fcnnigen.<\/p>\n<p>Anfang Mai erhielten unsere Eltern ein Rundschreiben unseres Direktors, in dem er sie mit christlicher N\u00e4chstenliebe bat, uns Kindern Spendengelder mitzugeben, die dann in der w\u00f6chentlichen Andacht am Mittwochmorgen eingesammelt werden sollten. In der Nacht vor dieser Andacht stiegen ein paar von uns in die Schule ein und pflasterten die W\u00e4nde im Flur, der zur Aula f\u00fchrte, mit klebenden, triefenden Schmalzstullen. Wir verabredeten au\u00dferdem, dass wir, sobald der Direktor das Wort ergreifen und zur Spende aufrufen sollte, geschlossen die Aula verlassen w\u00fcrden. Dies war das erste Mal, dass wir die direkte Konfrontation mit den Autorit\u00e4ten suchten, und dementsprechend gro\u00df war die Aufregung.<\/p>\n<p>Die Andacht begann, der Direktor ergriff das Wort, und mein Freund Helmut stand auf und rief laut: \u201eHalten Sie den Mund, wir gehen jetzt!\u201c Augenblicklich standen ungef\u00e4hr 40 der 400 versammelten Sch\u00fcler*innen auf und marschierten geschlossen aus der Aula.<\/p>\n<p>Im Nachspiel zu dieser Aktion wurden unsere Eltern vorgeladen und von der Schulleitung mit unseren Taten konfrontiert. Meine Eltern hatten zu diesem Zeitpunkt ob meiner politischen Aktionen schon resigniert aufgegeben \u2013 Helmuts Eltern h\u00f6rten sich die Sachlage an, teilten Helmut mit, dass sie nun keinen Sohn mehr h\u00e4tten, und legten sich aus Protest drei Tage ins Bett.<\/p>\n<p>Ansonsten besch\u00e4ftigten wir uns in der Sch\u00fcler*innengruppe mit der Kritik des bestehenden Unterrichts und vor allem mit der Herausgabe einer w\u00f6chentlichen Zeitung, die jeden Sonntag von uns im Republikanischen Club abgezogen und zusammengeheftet wurde. Da wir die Zeitung der offiziellen Schulzensur entzogen, mussten wir sie vor dem Schulgeb\u00e4ude verkaufen. 300 verkaufte Zeitungen brachten uns w\u00f6chentlich 30 Mark \u2013 Geld, das wir f\u00fcr die Finanzierung weiterer Aktionen benutzten, z.B. die Organisation eines Streiks f\u00fcr einen entlassenen Referendar oder den sp\u00e4teren zentralen Berliner Schulstreik.<\/p>\n<p>Der Schulalltag wurde immer repressiver: unangek\u00fcndigte Klassenarbeiten, Vorladungen ins Direktoriumszimmer, Briefe an die Eltern. Wir hatten allerdings auch einen Verb\u00fcndeten: den Berliner Bischof der evangelischen Kirche. Bischof Scharf, ein liberaler Geistlicher, lud unser Sch\u00fclerkollektiv regelm\u00e4\u00dfig ein, um mit aller Vorsicht zu besprechen, wie wir mit der reaktion\u00e4ren Leitung des Gymnasiums umgehen k\u00f6nnten. Wir verlangten die sofortige Entlassung des Direktors \u2013 dem konnte Bischof Scharf zwar nicht entsprechen, er st\u00e4rkte allerdings die Rechte der Sch\u00fcler*innenmitverwaltung, und ging auf unsere Unterrichtsvorschl\u00e4ge ein, die dann auch umgesetzt wurden.<\/p>\n<p>Anderthalb Jahre sp\u00e4ter wurde der Direktor dann doch entlassen. Unsere Treffen mit Bischof Scharf sehe ich im Nachhinein als Paradebeispiel f\u00fcr erfolgreiche B\u00fcndnispolitik und den Willen, an einem Strang ziehen zu wollen, auch wenn man vielleicht nicht hundertprozentig einer Meinung ist.<\/p>\n<p>Die Einheit unseres Schulkollektivs, wie aller anderen Sch\u00fcler*innengruppen auch, hielt exakt bis zum August 1968, als die Staaten des Warschauer Pakt die Tschechoslowakei \u00fcberfielen. Ein kleiner Teil unserer Gruppe \u2013 die, die sp\u00e4ter in der SED organisiert sein w\u00fcrden \u2013 unterst\u00fctzte dies, der gr\u00f6\u00dfere Teil lehnte die Invasion ab.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/schueler-von-68-neue-bewegung-an-den-schulen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem 1. Mai 1968 entstanden neue Gruppen an etwa 80 Schulen in West-Berlin. Michael Pr\u00fctz, damals 15, war in einer solchen Gruppe am Gymnasium zum Grauen Kloster aktiv. 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