{"id":3537,"date":"2018-05-15T19:41:54","date_gmt":"2018-05-15T17:41:54","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3537"},"modified":"2018-05-15T19:41:54","modified_gmt":"2018-05-15T17:41:54","slug":"die-unternehmer-auf-angriff-im-baugewerbe-und-die-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3537","title":{"rendered":"Die Unternehmer auf Angriff im Baugewerbe \u2013 und die Gewerkschaften?"},"content":{"rendered":"<p><em>Anthea Nauer. <\/em><strong>Der Kampf im Bauhauptgewerbe beginnt: Die Neuverhandlung des Landesmantelvertrags (LMV) ist er\u00f6ffnet. W\u00e4hrend die BauarbeiterInnen ihren langersehnten Zahltag fordern,<!--more--> setzen die Unternehmer zum Frontalangriff an.<\/strong><\/p>\n<p>Die Interessen bei der Neuverhandlung des LMVs sind offen entgegengesetzt. Auf der einen Seite wehren sich die BauarbeiterInnen gegen immer h\u00e4rtere Arbeitsbedingungen und fordern eine Lohnerh\u00f6hung, auf der anderen Seite will der Baumeisterverband die Z\u00fcgel straffen: Platz f\u00fcr Zugest\u00e4ndnisse an die rund 100\u2019000 Angestellten best\u00fcnde keiner, im Gegenteil! Dies obschon die Branche zuletzt floriert, die Kassen klingeln.<\/p>\n<p><strong>Stagnierende L\u00f6hne trotz Bau-Boom<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Umsatz im Bauhauptgewerbe in den letzten zehn Jahren um fast 30 Prozent w\u00e4chst, steigen die Reall\u00f6hne um gerade mal acht Prozent, seit zwei Jahren sinken sie gar. Vor allem die grossen Bauunternehmen steigern ihre Gewinne w\u00e4hrend dieser Zeit massiv. So macht Branchenprimus Implenia 2017 neun Millionen Franken mehr Gewinn als 2007 und streicht in dieser Zeit \u00fcber 1.5 Milliarden Gewinn ein.<\/p>\n<p>Seit vier Jahren fordern die BauarbeiterInnen deshalb eine Lohnerh\u00f6hung \u2013 stets erfolglos. \u201cDie Baubranche boomt. Das ist nicht zuletzt das Verdienst der hart arbeitenden Bauleute. Immer weniger Bauarbeiter leisten immer mehr. Nun m\u00fcssen sie endlich anst\u00e4ndig am Erfolg beteiligt werden\u201d, schreibt die Unia. Sie beharrt auf den neulich an der Bauarbeiter-Konferenz beschlossenen Forderungen: Keine Erh\u00f6hung der Arbeitszeiten, weiterhin die Rente mit 60 und die n\u00e4chsten zwei Jahre jeweils 150 Franken mehr Monatlsohn.<\/p>\n<p><strong>Von Lohnk\u00fcrzungen bis zur 50-Stunden-Woche<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Unia also in erster Linie auf Verteidigung des bereits Erreichten setzt, zeigt sich der Baumeisterverband kompromisslos. Er will weiterhin von der harten Arbeit der unter steigendem Zeitdruck schuftenden BauarbeiterInnen profitieren und fordert: die 50-Stunden-Woche, tiefere Einstiegsl\u00f6hne, Lohnk\u00fcrzungen f\u00fcr \u00c4ltere und Abbau des K\u00fcndigungsschutzes bei Krankheit und Unfall.<\/p>\n<p>Der Erhaltung der Arbeitspl\u00e4tze wegen bleibe kein Spielraum f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen, so die Patrons. Die Unternehmen seien auf eine m\u00f6glichst flexibel einsetzbare Arbeitskr\u00e4fte angewiesen, da Bauherren ihre Auftr\u00e4ge immer kurzfristiger vergeben. So wollen sie bei der Verhandlung eine \u201emoderne Regelung\u201d der Arbeitszeiten erreichen, was \u00fcbersetzt unter anderem die Verdr\u00e4ngung von Festangestellten durch Tempor\u00e4rarbeitende bedeutet. Die Angriffspl\u00e4ne legen nahe, dass die Zukunftsaussichten in der Baubranche alles andere als stabil sind.<\/p>\n<p><strong>Das hinkende Zugpferd \u2013 der Wohnungsbau<\/strong><\/p>\n<p>Hinter der massiv erh\u00f6hten Baut\u00e4tigkeit der letzten Jahre steckt eine zentrale Triebfeder: der tiefe Leitzins. Dieser veranlasst bei krisenbedingtem Ausbleiben profitabler Investitionen in den Produktionsapparat zu spekulativen Investitionen in der Baubranche. Allen voran im\u00a0Mietwohnungs- und teilweise auch im Gewerbebau baut man in den letzten Jahren deutlich \u00fcber die Nachfrage hinaus, was zu einer Blasenbildung auf dem Immobilienmarkt f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Leerst\u00e4nde haben nun den h\u00f6chsten Wert seit fast 20 Jahren erreicht \u2013 die Investoren werden folglich vorsichtiger: Die Auftragseing\u00e4nge im Wohnungsbau des letzten Quartals liegen bereits deutlich unter dem Vorjahresniveau. Auf Pump weiterbauen, f\u00fchrt irgendwann zum Crash. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter muss der Leitzins angehoben und der Druck hinter dem Immobilienboom somit ged\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Auch die warnenden konjunkturellen Einbr\u00fcche, wie sie die Baubranche nach acht Jahren stetigen Wachstums 2012 und 2015 erlebte, bereiten vor allem den Kleinunternehmern Sorgen. Diese k\u00e4mpfen zus\u00e4tzlich mit dem Preisdruck, der von den Grossfirmen ausge\u00fcbt wird ums \u00dcberleben. Sie werden in den Verhandlungen alles daransetzen, ihre Profite auf Kosten der BauarbeiterInnen sichern zu k\u00f6nnen \u2013 und dienen den Grossen dabei als Strohm\u00e4nner.<\/p>\n<p><strong>Keine Einigung ohne Lohnerh\u00f6hung<\/strong><\/p>\n<p>Ein z\u00e4hes Ringen steht bevor: In keinem anderen Sektor sind so viele Arbeitnehmende Mitglied einer Gewerkschaft wie im Bau. Der hohe Organisationsgrad hat den BauarbeiterInnen schon zu hart gef\u00fchrten und damit gewonnenen K\u00e4mpfen verholfen. Auch letzten Oktober begeben sich wieder 5\u2019500 unter ihnen auf die Strasse; fordern mehr Lohn und wollen die 2002 hart errungene Fr\u00fchpensionierung verteidigen. Genau diese ist den Baumeistern n\u00e4mlich nach wie vor ein Dorn im Auge. So soll das Rentenalter 60 zwar beibehalten werden, dem Baumeisterpr\u00e4sidenten schweben aber L\u00f6sungen wie zum Beispiel 30 Prozent weniger Rente pro Monat vor, was im Schnitt gerade mal noch 3\u2019000 Franken bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Kontinuit\u00e4t!<\/strong><\/p>\n<p>Die momentane Aktivit\u00e4t der Gewerkschaftssekret\u00e4rInnen auf den Baustellen ist wichtig und notwendig, um mit der Mobilisierung der \u00a0BauarbeiterInnen den Druck von unten aufzubauen und sich so durchsetzen zu k\u00f6nnen. Die Verankerung der Unia bei den \u00e4lteren ArbeiterInnen ist viel st\u00e4rker \u2013 langfristig ist sie also nicht gesichert. So liegen die gesammelten Erfahrungen gewonnener K\u00e4mpfe also oft bereits eine Generation zur\u00fcck und viele der GewerkschafterInnen, die beispielsweise 2002 im Kampf f\u00fcr die Fr\u00fchpensionierung dabei waren, stehen nun kurz vor der Pension oder sind schon pensioniert. Ob die Unia es schafft, gegen die Offensive der Baumeister standzuhalten, h\u00e4ngt also davon ab, ob es gelingt, eine neue, k\u00e4mpferische Generation zu gewinnen.<\/p>\n<p>Um l\u00e4ngerfristig die Arbeiterschaft zu organisieren, muss von der Unia die Bildung von Gruppen aus den BauarbeiterInnen auf ihren Baustellen angestrebt werden. Eine k\u00e4mpferische Tradition kann sich nur entwickeln, wenn die Gewerkschaftsbasis sich bewusst ist, dass sie sich nur selbst gegen die Baumeister durchsetzen kann. Diese Tradition ist n\u00f6tig, um die Arbeiterschaft f\u00fcr kommende Angriffe zu r\u00fcsten, gest\u00e4rkt aus der diesj\u00e4hrigen Neuaushandlung des LMV hervorzugehen und beim n\u00e4chsten Mal nicht wieder von null starten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Unia unter Zugzwang<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Unia steht mehr auf dem Spiel als nur die aktuellen Vertragsinhalte. Sie bezieht viel Geld \u00fcber den GAV-Vollzug (die Kontrolle, dass der Vertrag eingehalten wird). Ein vertragsloser Zustand im Baugewerbe w\u00e4re f\u00fcr die Gewerkschaft verheerend. Das Ausbleiben des Geldes, das sie f\u00fcr den Vollzug des LMVs bekommt, k\u00f6nnte bald einen grossen Stellenabbau bei den Gewerkschaftssekret\u00e4rInnen bedeuten.<\/p>\n<p>Um einen Abschluss zu erreichen bevor der Vertrag ausl\u00e4uft, m\u00fcssen die Bauleute entschlossen f\u00fcr ihre Forderungen einstehen. Die Teilnehmenden an der Demo im Oktober 2017 und die Delegierten an den Unia-Konferenzen zeigen sich k\u00e4mpferisch.<\/p>\n<p>So wollen die Delegierten keine Einigung ohne Lohnerh\u00f6hung akzeptieren und sie stimmten dieser Tage auf den Baustellen \u00fcber Streik ab \u2013 f\u00fcr den Fall, dass die Baumeister von ihrem harten Kurs nicht abweichen.<\/p>\n<p>Solange der aktuelle Vertrag noch l\u00e4uft, ist die Unia an den Arbeitsfrieden gebunden und wird sich daran halten. Dies bedeutet wohl, dass ein Streik nur in Form von Protesttagen stattfindet \u2013 den Arbeitenden die Tage, an denen sie die Arbeit niederlegen, also als Ferien oder Minusstunden verbucht werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr den 23. Juni ist eine Grossdemo in Z\u00fcrich angesagt. Diese muss genutzt werden, um die Mobilisierung der BauarbeiterInnen so stark wie m\u00f6glich auszuweiten und sich f\u00fcr die weiteren Protest- und Streikaktionen im Herbst zu wappnen.<\/p>\n<p>Wir rufen dazu auf, die BauarbeiterInnen solidarisch in ihrem Kampf zu unterst\u00fctzen. Beteilige dich an den Aktionen! Der LMV ist mehr als nur ein Branchen-GAV. Er ist immer ein Gradmesser f\u00fcr den Klassenkampf in der Schweiz.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Verbesserung des LMV!<\/strong><\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine k\u00e4mpferische Gewerkschaft mit militanter Basis!<\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/gewerkschaften\/hitzige-lage-auf-dem-bau-der-lmv-als-gradmesser-des-klassenkampfes\/#more-8107\">derfunke.ch&#8230;<\/a> vom 15. Mai 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anthea Nauer. 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