{"id":3548,"date":"2018-05-17T08:17:58","date_gmt":"2018-05-17T06:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3548"},"modified":"2018-05-17T08:17:58","modified_gmt":"2018-05-17T06:17:58","slug":"widerstand-in-afrin-gegen-ein-feindliches-system","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3548","title":{"rendered":"Widerstand in Afrin gegen ein feindliches System"},"content":{"rendered":"<p><em>Hubert Maulhofer: <\/em><strong>Die mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr Afrin ist gesunken, obwohl es aktuell massive Fluchtbewegungen gibt. Wie bewertest du die aktuelle Lage in Afrin, Rojava und Kurdistan?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Erdal Firaz: <\/em>Unsere Genossen in Afrin haben uns in diesen Monaten des militanten Widerstands nochmal klar vor Augen gef\u00fchrt, in was f\u00fcr einer Welt wir leben. Afrin wurde offiziell von der Armee des faschistischen t\u00fcrkischen Regimes und ihren islamistischen Verb\u00fcndeten angegriffen. Doch die mehrere Monate andauernde Kriegsrealit\u00e4t hat gezeigt, dass dieser Angriff von einem System entschieden, geplant, best\u00e4tigt und unterst\u00fctzt wurde. Die Besatzung und der Krieg ist nicht nur eine Sache der T\u00fcrkei, des Irans, Iraks oder Syriens. Er st\u00fctzt sich auf das kapitalistisch-patriarchale System. Diese Realit\u00e4t wurde durch den Widerstand in Afrin nochmals verdeutlicht.<\/p>\n<p><strong>Kannst du das bitte etwas genauer ausf\u00fchren? Was hat sich in Afrin kristallisiert?<\/strong><\/p>\n<p>Die kurdische Freiheitsbewegung hat sich selbst innerhalb der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse im Mittleren Osten als dritten Weg definiert, der sich weder auf die Seite der regionalen Diktaturen bzw. Regime, noch auf die der imperialistischen M\u00e4chte stellt. Der Widerstand in Afrin und die damit aufgetretenen Fragezeichen in den K\u00f6pfen vieler Menschen verdeutlichen den Bedarf nach einer erneuten Erl\u00e4uterung dieser Perspektive. Man spricht von drei Linien im Sinne von drei politisch-milit\u00e4rischen Kr\u00e4ften. Den sogenannten Dritten Weltkrieg f\u00fchren haupts\u00e4chlich zwei Kr\u00e4fte. Auf der einen Seite die globalen Akteure und auf der anderen Seite der nationalstaatliche Status-Quo. Die kurdische Bewegung stellt sich auf keine der beiden Seiten, sondern bezeichnet sich als dritte Linie. Es gibt keine strategische N\u00e4he oder Beziehung zu den beiden Seiten. Es gibt mit jeder dieser Kr\u00e4fte taktische Beziehungen, Widerspr\u00fcche und K\u00e4mpfe. Das ist die Perspektive, jedoch muss man sehen, dass dies eine politische Analyse ist, keine ideologische. Damit geht die Gefahr einher, die ideologische Betrachtungsweise in den Hintergrund zu stellen und nur das Politische zu sehen. Es gibt zum Teil das Verst\u00e4ndnis, dass die zwei Kr\u00e4fte untereinander solche Differenzen haben wie die kurdische Bewegung mit ihnen. Im ideologischen Sinne gibt es n\u00e4mlich keine drei Linien, sondern zwei. Es gibt den Kampf zwischen der Kapitalistischen und Demokratischen Moderne. Es ist im Kern ein Kampf der Systeme. Die PKK beschreibt dies folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Gegenw\u00e4rtig gibt es einen Widerspruch der globalen Kapitalkr\u00e4fte mit dem Status-Quo der Nationalstaaten. Doch dies ist ein politisch-milit\u00e4rischer Kampf. Es ist keine ideologische Polarisierung. Es ist ein politisch-milit\u00e4rischer Bruch innerhalb des Systems der kapitalistischen Moderne selbst, also ein Kampf um die eigenen Interessen. Diese Kr\u00e4fte geraten miteinander in eine Konfrontation und f\u00fchren einen Kampf und Streit um Interessen. Doch es ist nicht mehr als ein Streit um wirtschaftlich-politische Interessen. Wenn der ideologische Kampf auf die Agenda kommt, agieren sie als ein System. [\u2026] In diesem Sinne ist es falsch den politisch-milit\u00e4rischen Bruch und die Polarisierung als ideologisch zu betrachten. Die genannte Polarisierung kann auch zu den h\u00e4rtesten Interessensk\u00e4mpfen f\u00fchren. Doch wir haben in Rojava gesehen, dass sie im Falle einer kontr\u00e4ren ideologischen Entwicklung ihre politisch-milit\u00e4rischen Widerspr\u00fcche beiseiteschieben und eine Einheit werden k\u00f6nnen. [\u2026]\u00a0Wir h\u00e4tten verstehen m\u00fcssen, was der Einzug der Freiheitskr\u00e4fte in Rakka, der IS-Hauptstadt bedeutete; was dieser Schlag gegen den IS f\u00fcr Folgen haben w\u00fcrde und was f\u00fcr Konterangriffen er den Weg bereiten w\u00fcrde. Der gro\u00dfe Erfolg der Freiheitsrevolution Rojavas durch den Sieg \u00fcber den IS hat die Kr\u00e4fte, die sich im Weltkrieg untereinander bek\u00e4mpfen, ver\u00e4ngstigt. [\u2026] Unvereinbar sind nicht politische Gegens\u00e4tze, sondern ideologische\u201c.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du die aktuellen Beziehungen der imperialistischen Staaten, die in Syrien agieren, zueinander beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Besatzung Afrins durch die T\u00fcrkei mit der Unterst\u00fctzung durch die globale und regionale Reaktion wurde ein weiterer Schritt in der neuen politisch-milit\u00e4rischen Phase eingeleitet, die mit der Niederlage des IS in Rakka begann. Die Besatzung ist kein Ende, sondern ein neuer Schritt. Der Dritte Weltkrieg wird sich in der Region ausweiten und vertiefen. Er wird in Syrien fortdauern und sich auf den Irak und die T\u00fcrkei ausdehnen. Die globalen M\u00e4chte haben kein L\u00f6sungsprojekt f\u00fcr die Probleme der Region. Dasselbe gilt auch f\u00fcr die regionalen Kr\u00e4fte, die gegenw\u00e4rtig nichts anderes tun, als den Status-Quo zu bewahren.<\/p>\n<p>Mit der Kriegssituation in Afrin und Rojava sind global und regional einige neue Beziehungen entstanden. In diesem Kontext ist vor allem das B\u00fcndnis Russlands, Irans und der T\u00fcrkei zu nennen. Es wird von einigen Kreisen als strategisches B\u00fcndnis bewertet. Doch historisch-zivilisatorisch betrachtet scheint eine strategische Einheit in den politischen Beziehungen zwischen Russland und T\u00fcrkei, und dem Iran und der T\u00fcrkei sehr unwahrscheinlich. Dagegen sehen wir die Bem\u00fchungen der USA und Europas, eine neue Politik zu entwickeln, auch wenn die gesamte internationale Staatengemeinschaft bei den Angriffen und der Besatzung Afrins eine einheitliche Position vertreten hat und immer noch vertritt. Es gibt in letzter Zeit immer wieder Erkl\u00e4rungen, dass die USA sich aus Syrien zur\u00fcckziehen werde. Manche interpretieren dies so, als ob die USA Russland, Iran und der T\u00fcrkei die Vorherrschaft in der Region \u00fcberlassen werde. Das ist nicht richtig und auch nicht m\u00f6glich. Die USA haben mit ihrer Politik im Mittleren Osten alle Probleme auf sich geladen und befinden sich in einer Sackgasse. Deshalb m\u00f6chten sie insbesondere Europa noch mehr \u201eVerantwortung\u201c aufladen und die europ\u00e4ischen Staaten in die Geschehnisse involvieren.<\/p>\n<p><strong>Wie beschreibst du die aktuelle Strategie der T\u00fcrkei?<\/strong><\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Staat richtet sich als Hauptkraft des kurdischen Genozids entsprechend der neuen Phase politisch und milit\u00e4risch neu aus. Um auf den Beinen zu bleiben, verfolgt er eine neue Angriffspolitik. Die Phase, in der sich die T\u00fcrkei mit ihrem Krieg auf ihr eigenes Territorium beschr\u00e4nkt, ist vor\u00fcber. Legitimieren tut sie dies mit dem \u201eKampf gegen Terrorismus\u201c. Ihre Angriffe werden andauern, solange ihre Kraft ausreicht. Die T\u00fcrkei wird wie der Iran den Krieg nach au\u00dfen tragen und versuchen von der T\u00fcrkei fernhalten. Sie versuchen, die kurdische Freiheitsbewegung nach au\u00dfen zu dr\u00e4ngen und mit Fronten au\u00dferhalb der T\u00fcrkei zu besch\u00e4ftigen. Das war schon w\u00e4hrend der Friedensgespr\u00e4che in der T\u00fcrkei das Ziel. Damals versuchte man \u00d6calan dazu zu zwingen, die Guerilla zum vollst\u00e4ndigen Abzug aus der T\u00fcrkei zu bewegen. W\u00e4re dies erreicht worden, k\u00f6nnte die T\u00fcrkei heute ihre aktuelle Strategie leicht umsetzten.<\/p>\n<p><strong>Wie geht die kurdische Freiheitsbewegung mit dieser Art von Angriffen um?<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg, der mit Afrin begann, war nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Die PKK hat trotz der versch\u00e4rften milit\u00e4rischen Angriffe vom 21. bis 24. Juni in den Bergen Kurdistans ihre Sitzung des Zentralkomitees abgehalten und in diesem Zusammenhang eine schriftliche Erkl\u00e4rung ver\u00f6ffentlicht. In der umfassenden Erkl\u00e4rung wird unterstrichen, dass der neuen Phase von Seiten der Freiheitsbewegung mit einem revolution\u00e4ren Volkskrieg begegnet wird. Niemand solle erwarten, dass die AKP und MHP mit einer anderen Widerstandsform aufzuhalten seien. Der Faschismus werde mit dem Widerstand des Volkskriegs, mit revolution\u00e4rer Gewalt beantwortet und so zerschlagen werden. W\u00e4hrend die T\u00fcrkei versuche den Krieg aus der T\u00fcrkei heraus zu halten, werde die Guerilla den Krieg in das Land tragen. Was tun? F\u00fcr mich gelten die Zeilen von Che, aus seinem Aufruf ein, zwei, drei, viele Vietnams zu schaffen: \u201eDie Solidarit\u00e4t der fortschrittlichen M\u00e4chte der Welt mit dem vietnamesischen Volk \u00e4hnelt der bitteren Ironie, die der Beifall des P\u00f6bels f\u00fcr die Gladiatoren im r\u00f6mischen Zirkus bedeutete. Es geht nicht darum, den Opfern der Aggression Erfolg zu w\u00fcnschen, sondern an ihrem Schicksal teilzunehmen, sie bis zum Tode oder bis zum Sieg zu begleiten.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/05\/der-faschismus-wird-mit-revolutionaerer-gewalt-zerschlagen-werden\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hubert Maulhofer: Die mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr Afrin ist gesunken, obwohl es aktuell massive Fluchtbewegungen gibt. 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