{"id":3555,"date":"2018-05-17T09:30:28","date_gmt":"2018-05-17T07:30:28","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3555"},"modified":"2018-05-17T09:30:28","modified_gmt":"2018-05-17T07:30:28","slug":"paris-mai-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3555","title":{"rendered":"Paris, Mai 2018"},"content":{"rendered":"<p><em>Raphael Albisser.<\/em> <strong>In ganz Frankreich mobilisieren StudentInnen gegen die Politik von Pr\u00e4sident Emmanuel Macron. Sie suchen dabei die Vereinigung mit anderen sozialen Bewegungen \u2013 Erinnerungen<!--more--> an den legend\u00e4ren Mai 1968 sind fast allgegenw\u00e4rtig.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abCoucou, da sind wir wieder\u00bb, steht auf dem Transparent, das ein paar Dutzend Protestierende vor sich hertragen, als sie aus der Bahnhofsunterf\u00fchrung str\u00f6men. \u00abKeine Pr\u00fcfungen, keine Selektion!\u00bb, klingt es verzerrt aus einem Megafon, und immer lauter stimmt die wachsende Menschentraube vor der Maison des Examens in die Parolen mit ein. Es ist kurz vor 8 Uhr an diesem Freitagmorgen, dem 11. Mai; die Handvoll JournalistInnen, die eine gute Stunde hier herumgestanden haben, wirken erleichtert. Die angek\u00fcndigte Blockade des riesigen Pr\u00fcfungsgeb\u00e4udes, f\u00fcr die sie fr\u00fchmorgens nach Arcueil im S\u00fcden von Paris gefahren sind, findet also doch statt. Einige Polizisten bauen sich in einer Reihe auf, um den Eingang freizuhalten. Schon bald h\u00e4ngt beissendes Tr\u00e4nengas in der Luft.<\/p>\n<p>Viele sind genau darauf vorbereitet, sie haben Atemschutzmasken und Schwimmbrillen dabei, r\u00fchren rasch Phosphatl\u00f6sungen zum Auswaschen der Augen an. Es ist nicht ihre erste Konfrontation mit der Staatsmacht. Seit Ende M\u00e4rz halten aufm\u00fcpfige StudentInnen Unis, Sicherheitsapparate und PolitikerInnen auf Trab. Zeitweise waren \u00fcber dreissig universit\u00e4re Einrichtungen in ganz Frankreich von Unruhen und Besetzungen betroffen. Der Protest entflammte wegen eines neuen Einschreibeverfahrens, das von der Regierung von Pr\u00e4sident Emmanuel Macron beschlossen wurde. Es sieht f\u00fcr die Universit\u00e4ten ein neues Auswahlprozedere vor: KandidatInnen sollen k\u00fcnftig auf der Basis von Bewerbungsdossiers ausgew\u00e4hlt werden. So werde der Zugang zu den Unis f\u00fcr junge StudentInnen erschwert und einer sozialen Selektion T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet, lautet die Hauptkritik.<\/p>\n<p>Als besonders standfest hat sich der Protest der StudentInnen an der Universit\u00e4t Paris-Nanterre im Westen von Paris erwiesen. Anders als die meisten anderen Bildungseinrichtungen ist deren Campus noch immer besetzt. Sie sind es auch, die zur heutigen Blockade aufgerufen haben: weil die Direktion ihrer Uni versucht habe, ihren Streik zu brechen, indem sie kurzfristig Pr\u00fcfungstermine hierhin verlegte.<\/p>\n<p>Der Protest der StudentInnen von Nanterre ist aber in einen weiter reichenden politischen Diskurs eingebettet. Das ist auch heute in Arcueil sichtbar, wo mehrmals die \u00abInternationale\u00bb angestimmt und die Polizei lautstark als \u00abMiliz des Kapitals\u00bb beschimpft wird. Dieser gelingt es bald, einen Keil in die Menschenmenge auf der schmalen Strasse zwischen Bahngleisen und Pr\u00fcfungsgeb\u00e4ude zu treiben. Etwa tausend Leute stehen mittlerweile in der strahlenden Morgensonne, aber nicht alle sind gekommen, um zu blockieren: Viele schauen immer wieder ihre Pr\u00fcfungsunterlagen durch, warten nerv\u00f6s auf Einlass. Doch die Blockade wirkt: Nur wenige pr\u00fcfungswillige Studierende gelangen durch den Eingang hinter den hohen Gitterzaun, begleitet von Buhrufen aus den Reihen der BlockiererInnen. Andere skandieren: \u00abSchliesst euch uns an!\u00bb<\/p>\n<p>Nach etwa zweieinhalb Stunden des Stillstands tritt ein Mann im Anzug vor die Menge: Alle f\u00fcr heute und morgen angesagten Pr\u00fcfungen seien abgesagt, verk\u00fcndet er. Lauter Jubel bricht aus.<\/p>\n<p><strong>Mit Witz und Charme<\/strong><\/p>\n<p>Vor genau f\u00fcnfzig Jahren, am 11. Mai 1968, hatte Paris gerade die geschichtstr\u00e4chtige \u00abNacht der Barrikaden\u00bb hinter sich. Wenige Tage sp\u00e4ter startete der landesweite Generalstreik, der das Land innert k\u00fcrzester Zeit an den Rand einer Revolution brachte. Die Parallelen sind schnell gezogen: Schon damals waren es StudentInnen der Universit\u00e4t Nanterre, die den landesweiten Widerstand eines Grossteils der arbeitenden Bev\u00f6lkerung gegen das gaullistische Frankreich massgeblich mitpr\u00e4gten.<\/p>\n<p>Und auch heute tr\u00e4umen nicht wenige der protestierenden StudentInnen von einem Generalstreik, der Frankreich lahmlegen und Macron zwingen w\u00fcrde, von seinen neoliberalen Reformpl\u00e4nen in zahlreichen Sektoren des Service public abzukommen. \u00abMacron bekriegt uns, genau wie seine Polizei\u00bb, heisst es etwa in einem Lied mit fr\u00f6hlicher Melodie, \u00ababer wir sind entschlossen, das Land zu blockieren!\u00bb Eine kleine Gruppe von Postgewerkschaftern ist auch da. \u00abDie Post mit den Studenten!\u00bb, ruft einer von ihnen und erntet Applaus. Mehrmals erklingt lautes Tuten, als im anliegenden Bahnhof Z\u00fcge einfahren. Ein Zeichen der Solidarit\u00e4t vonseiten der \u00abcheminots\u00bb, die sich gerade in einem mehrmonatigen Streik befinden.<\/p>\n<p>Schon lange taucht der Mai 68 auch in den vielen Slogans auf, mit denen sich die heutige Protestbewegung in der \u00d6ffentlichkeit bemerkbar macht\u00a0\u2013 in einer unverkennbaren Mischung aus kindlichem Witz und trotziger Militanz. Die Bezugnahme ist aber bestenfalls ambivalent. \u00abDie Revolution wird nicht im Museum stattfinden\u00bb, behauptet vielsagend ein Graffito in der Innenstadt. \u00abHeute sehen wir eine modische, bourgeoise Neubesetzung des Mai 68\u00bb, sagt Catherine, eine achtzehnj\u00e4hrige Geschichtsstudentin. Dieselben Leute, die nun das F\u00fcnfzig-Jahr-Jubil\u00e4um der 68er-Bewegung zelebrierten, w\u00fcrden akzeptieren, dass im heutigen Frankreich zahllose Menschen im konstanten Prekariat lebten. Sie betont, dass vor f\u00fcnfzig Jahren zwar der Grundstein f\u00fcr wichtige gesellschaftliche Fortschritte gelegt worden sei, etwa punkto sexuelle Befreiung und bei den Frauenrechten. \u00abAber es ist eine totale Heuchelei\u00bb, sagt sie: \u00abDie finden den Mai 68 nur gut, weil er f\u00fcnfzig Jahre her ist.\u00bb<\/p>\n<p>Als Symbol f\u00fcr das zwiesp\u00e4ltige Verh\u00e4ltnis zum Mai 68 muss vor allem der heute 73-j\u00e4hrige Daniel Cohn-Bendit herhalten. Das prominente Aush\u00e4ngeschild der damaligen StudentInnenbewegung pflegt mittlerweile freundschaftliche Beziehungen zu den m\u00e4chtigsten franz\u00f6sischen PolitikerInnen. \u00abHeute Morgen wurde eine Doku \u00fcber ihn ausgestrahlt\u00bb, sagt die 26-j\u00e4hrige Lehrerin Margaux, die selbst in Nanterre studiert hat und nun gekommen ist, um die Protestierenden zu unterst\u00fctzen: \u00abSieben Minuten davon waren ein Interview mit Emmanuel Macron, der Cohn-Bendit sehr nahesteht.\u00bb Unter Gel\u00e4chter stimmt die Menge in einen spontan gedichteten Schlachtruf ein: \u00abWir machen weiter wie im Mai 68, um nicht zu enden wie Daniel Cohn-Bendit!\u00bb<\/p>\n<p>Auch heute wollen die anwesenden Medienleute so etwas wie eine Leaderfigur ausgemacht haben: Victor Mendez, einen jungen Soziologiestudenten der Universit\u00e4t Paris-Nanterre, der kaum das Megafon aus der Hand gibt. Um ihn scharen sich die Kamerateams lokaler Fernsehstationen. Bekannt geworden ist er vor ein paar Wochen vor allem durch ein gelungenes Pressefoto, das ihn nach einer Polizeiaktion in Handschellen zeigt. Zwar ist Mendez einer der wenigen, die sich gegen\u00fcber den Medien mit vollem Namen \u00e4ussern. Der Rolle des Wortf\u00fchrers scheint er sich aber nicht hingeben zu wollen; in den Interviews wirkt er abgelenkt, sein Charisma l\u00e4sst er fast willentlich verfliegen. \u00abDie anstehende Reform hat zum Ziel, junge Menschen aus der Arbeiterklasse von den Universit\u00e4ten fernzuhalten\u00bb, sagt er knapp, \u00abdas ist inakzeptabel.\u00bb Sein Telefon klingelt, Mendez wendet sich ab. Irgendwo gibt es ein Problem mit ZivilpolizistInnen.<\/p>\n<p><strong>Gegen die neoliberale Logik<\/strong><\/p>\n<p>Victor Mendez ist Aktivist der StudentInnengewerkschaft Unef. Und er geh\u00f6rt dem Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA) an, der innerhalb der Bewegung eine wichtige Antriebskraft darstellt. Viele Mitglieder der Kleinpartei, die 2009 auf Basis der damals aufgel\u00f6sten Revolution\u00e4r-Kommunistischen Liga gegr\u00fcndet wurde, treten mit ihrer Rhetorik lautstark hervor. Erkl\u00e4rtes Ziel des NPA ist eine viel beschworene \u00abKonvergenz der K\u00e4mpfe\u00bb: Soziale Bewegungen, Gewerkschaften, Kommunisten und Anarchistinnen sollen einen Schulterschluss vollziehen\u00a0\u2013 militante und pazifistische Str\u00f6mungen gleichermassen. Zwar nicht im Sinne einer Fusion, aber zumindest mittels einer gemeinsamen Praxis.<\/p>\n<p>Glaubt man den Protestierenden, findet die angestrebte Ann\u00e4herung der sozialen K\u00e4mpfe derzeit gleich auf mehreren Ebenen statt. Angefangen bei den Fakult\u00e4ten, die sich zusammenschliessen, um sich \u00fcber ortspezifische Anliegen zu informieren. An der Universit\u00e4t Paris\u00a08 in Saint-Denis etwa, im Norden von Paris, k\u00e4mpfen die StudentInnen seit langem f\u00fcr eine \u00d6ffnung ihrer Fakult\u00e4t f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und Sans-Papiers. \u00abDurch den gemeinsamen Kampf gegen die Reform konnten wir auch andere Fakult\u00e4ten f\u00fcr migrantische Themen sensibilisieren\u00bb, sagt Linissa, eine neunzehnj\u00e4hrige Studentin von Paris\u00a08. \u00abHeute haben wir f\u00fcr die Studenten von Nanterre bei der Pr\u00fcfungsblockade mitgeholfen, und schon bald werden sie dasselbe f\u00fcr uns tun\u00bb, ist sie sich sicher.<\/p>\n<p>Aber auch die Ann\u00e4herung der StudentInnen an aktuelle Arbeitsk\u00e4mpfe soll heute weiter forciert werden: Mehrere Dutzend von ihnen fahren nach der erfolgreichen Blockade gemeinsam in Richtung Innenstadt, zum Denfert-Rochereau-Platz. Dort haben sich vor kurzem die Angestellten der Katakomben von Paris, einer beliebten Tourismusattraktion, wegen ihrer schlechten Arbeitsbedingungen in den Streik begeben. Vor dem Eingang werden die StudentInnen herzlich begr\u00fcsst, und in einer improvisierten Kundgebung beschw\u00f6ren die RednerInnen den gemeinsamen Kampf gegen Privatisierungen und Wettbewerb im Service public.<\/p>\n<p>\u00abF\u00fcr mich ist das Klassenkampf\u00bb, sagt der achtzehnj\u00e4hrige Psychologiestudent L\u00e9o am Rand der Kundgebung. Er selbst k\u00e4mpfe dagegen, dass das Gesetz des Kapitals an seiner Uni Einzug halte. \u00abUnd die neoliberale Logik schreitet in vielen Bereichen des \u00f6ffentlichen Dienstes voran: beim Transport, an den Schulen, in den Spit\u00e4lern.\u00bb Diese Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen seien keine leeren Worte, sagt Marie. Die 28-J\u00e4hrige arbeitet unter prek\u00e4ren Bedingungen als Dozentin ohne Festanstellung an der Tolbiac-Fakult\u00e4t, die w\u00e4hrend fast eines Monats besetzt war, bevor sie vor etwa zwei Wochen gewaltsam ger\u00e4umt wurde. \u00abDie Studenten der Tolbiac streiken aber weiterhin, und sie bet\u00e4tigen sich seither in vielen Bereichen\u00bb, sagt sie. \u00abZum Beispiel unterst\u00fctzen sie streikende Angestellte bei der Bahn und in Spit\u00e4lern.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Geklimper im Gemeinschaftsraum<\/strong><\/p>\n<p>\u00abEs ist nun wichtig, dass wir auch unsere \u00f6ffentlichen Aktionen gemeinsam koordinieren\u00bb, sagt die Sekundarlehrerin Margaux. Derzeit w\u00fcrden alle noch an unterschiedlichen Tagen, an unterschiedlichen Orten in Erscheinung treten. Die Grossdemonstration vom 5. Mai in Paris mache ihr aber Mut: \u00abZehntausende gingen auf die Strasse, um zu zeigen, dass sie \u00fcber Politik reden wollen.\u00bb Darauf m\u00fcsse man jetzt Schritt f\u00fcr Schritt aufbauen. Auch Tiziana, 29-j\u00e4hrige Doktorandin, pflichtet ihr bei: \u00abWir brauchen Streiks. Grosse Streiks!\u00bb Als n\u00e4chste M\u00f6glichkeit biete sich der 22.\u00a0Mai an, wenn mit dem angek\u00fcndigten Streik der FluglotsInnen das n\u00e4chste Stichdatum anstehe. \u00abVielleicht schaffen wir es dann, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen\u00bb, sagt Tiziana.<\/p>\n<p>\u00abIm Moment haben wir keine Angst, ger\u00e4umt zu werden\u00bb, meint die 19-j\u00e4hrige Geschichtsstudentin Zo\u00e9, als sie einen der langen G\u00e4nge der Uni Nanterre entlangschreitet. Eigentlich ist sie von der Tolbiac, aber nach der R\u00e4umung musste sie sich den hiesigen BesetzerInnen anschliessen. \u00abAn der Nanterre ist es cool: Da kann man sich aufs Dach zur\u00fcckziehen, wenn das Geb\u00e4ude eines Nachts gest\u00fcrmt wird\u00bb, sagt sie. Das habe man zuvor schon gemacht, und man werde es wieder tun.<\/p>\n<p>Auf dem Campus ist am Nachmittag nicht viel los. Die W\u00e4nde sind mit zahllosen markigen Spr\u00fcchen verziert, doch das Geb\u00e4ude ist praktisch leer. Aus einem Gemeinschaftsraum dringt Gitarrengeklimper. Vor dem Eingang ist eine Volksk\u00fcche aufgebaut, und auf einem Transparent steht: \u00abEine offene Uni f\u00fcr alle, \u00f6ffentlich und kritisch.\u00bb Auf dem Rasen sitzt eine Gruppe junger StudentInnen im Schatten eines Baumes. So gem\u00fctlich sei es hier nicht immer, sagt Zo\u00e9. Viel hektischer gehe es zu, wenn sich Hunderte StudentInnen zu den w\u00f6chentlichen Generalversammlungen einf\u00e4nden, um \u00fcber das weitere Vorgehen zu debattieren. Dort w\u00fcrden sich dann jeweils auch VertreterInnen der Gewerkschaften einbringen, \u00abder Zusammenschluss findet wirklich statt\u00bb. Dass dies aber genau f\u00fcnfzig Jahre nach dem Mai 68 passiere, sei purer Zufall. \u00abViele sind von den st\u00e4ndigen Vergleichen genervt\u00bb, sagt Zo\u00e9. \u00abDas klingt ja, als w\u00fcrden wir etwas kopieren. Dabei haben wir echte Gr\u00fcnde, hier und heute zu k\u00e4mpfen.\u00bb<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1820\/proteste-in-frankreich\/paris-mai-2018\"><em>woz.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Mai 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raphael Albisser. In ganz Frankreich mobilisieren StudentInnen gegen die Politik von Pr\u00e4sident Emmanuel Macron. 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