{"id":3577,"date":"2018-05-22T08:18:26","date_gmt":"2018-05-22T06:18:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3577"},"modified":"2018-05-22T08:18:35","modified_gmt":"2018-05-22T06:18:35","slug":"der-tod-des-reformismus-corbyn-und-die-breite-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=3577","title":{"rendered":"Der Tod des Reformismus: Corbyn und die \u201ebreite Linke\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Chris Marsden. <\/em>Als Marx die Lehren aus der Pariser Kommune 1871 zog, erteilte er der wesentlichen Pr\u00e4misse des Reformismus eine Absage. Der erste Versuch der Arbeiterklasse, die Macht in die eigenen<!--more--> H\u00e4nde zu nehmen, endete mit der Ermordung von \u00fcber 20.000 Kommunarden.<\/p>\n<p>Marx kam zu folgendem Schluss: \u201e[D]ie Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese f\u00fcr ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.\u201c Der moderne Staat agiere als \u201e\u00f6ffentliche Gewalt zur Unterdr\u00fcckung der Arbeiterklasse\u201c und als \u201eInstrument der Klassenherrschaft\u201c. Die Arbeiterklasse m\u00fcsse den b\u00fcrgerlichen Staat st\u00fcrzen und ihre eigene Staatsmacht aufbauen, deren Aufgabe die \u201eEnteignung der Enteigner\u201c sei.<\/p>\n<p><strong>Der Tod des Reformismus: Corbyn und die \u201ebreite Linke\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte der revolution\u00e4ren sozialistischen Bewegungen ist von unerbittlicher Feindschaft gegen\u00fcber den Verfechtern des Reformismus gepr\u00e4gt. Deren Vorspiegelungen und Irrlehren m\u00fcssen unabl\u00e4ssig entlarvt werden, um ihren Einfluss auf die Arbeiterklasse zu brechen.<\/p>\n<p>1938 erkl\u00e4rte Leo Trotzki in einer Rede zur Gr\u00fcndung der Vierten Internationale: \u201eUnser Ziel ist die volle materielle und geistige Befreiung der Arbeiter und Ausgebeuteten durch die sozialistische Revolution. Niemand anders wird sie vorbereiten und niemand anders wird sie f\u00fchren, wenn nicht wir selbst.\u201c<\/p>\n<p>Er stellte die Vierte Internationale den \u201ealten Internationalen\u201c gegen\u00fcber, die er als \u201edurch und durch verrottet\u201c bezeichnete, und erkl\u00e4rte: \u201eDie gro\u00dfen Ereignisse, die \u00fcber die Menschen hinweggehen, werden von diesen \u00fcberlebten Organisationen keinen Stein auf dem anderen lassen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Prognose bewahrheitet sich jetzt.<\/p>\n<p>Die stalinistischen Parteien sind entweder Tr\u00fcmmerhaufen oder, wie in China, die neuen Organisations-Knotenpunkte der Bourgeoisie. Die sozialdemokratischen Parteien in Europa, die einst f\u00fcr einen reformistischen Weg zum Sozialismus eintraten, entwickeln sich in die gleiche Richtung. In den westeurop\u00e4ischen Staaten erzielen sie heute bei Wahlen durchschnittlich nur noch 22 Prozent.<\/p>\n<p>Die deutsche SPD, die keine zwanzig Prozent der W\u00e4hlerstimmen mehr auf sich vereinigt, ist bereits zum zweiten Mal Teil einer Gro\u00dfen Koalition mit der CDU. Nur noch f\u00fcnf weitere EU-Staaten (Malta, Portugal, Rum\u00e4nien, Schweden und die Slowakei) werden von Sozialdemokraten regiert.<\/p>\n<p>Einige Parteien, wie die franz\u00f6sische Parti Socialiste, sind auf einstellige Werte gesunken. In Griechenland wird dieses Ph\u00e4nomen als \u201ePasokifizierung\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Die an Tony Blair orientierte Denkfabrik Prospect hat erkl\u00e4rt: \u201eDie Sozialdemokratie, die jahrzehntelang die einflussreichste Kraft der europ\u00e4ischen Politik war, liegt im Sterben.\u201c<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen es wissen, denn die Partei, die sie \u201eNew Labour\u201c getauft haben, war die Vorreiterin dieses politischen Kurswechsels hin zu einer offen wirtschaftsfreundlichen Politik, zu Privatisierung, Austerit\u00e4t und Krieg, und die Folge davon war eine vernichtende Wahlniederlage.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse, vor allem die junge Generation, hat sich voller Abscheu von den alten Parteien und ihrer Politik abgewandt.<\/p>\n<p>Aber auch die Parteien der so genannten \u201ebreiten Linken\u201c, die an die Stelle dieser verhassten Organisationen traten, sind ebenfalls diskreditiert. Das beste Beispiel ist die griechische Syriza, die wegen ihres Versprechens gew\u00e4hlt wurde, den von der EU verordneten Austerit\u00e4tskurs zu beenden. Nach ihrem Wahlsieg setzte sie noch brutalere K\u00fcrzungen um als die Pasok (die deswegen eingebrochen war).<\/p>\n<p>Syriza befindet sich jetzt im offenen Konflikt mit der Arbeiterklasse. Sie haben vierzehn regionale Flugh\u00e4fen und die H\u00e4fen von Pir\u00e4us und Thessaloniki privatisiert und die Renten um 40 Prozent gek\u00fcrzt, und sie planen eine weitere K\u00fcrzung von zwanzig Prozent. Sie haben das Gesundheitswesen ausgeschlachtet, zehntausende von Arbeitspl\u00e4tzen abgebaut, Gesetze gegen Streiks erlassen, sich zur Nato bekannt und ein Milit\u00e4rb\u00fcndnis mit Israel abgeschlossen.<\/p>\n<p>Ich spreche zu euch aus einem Land, das sich diesem Trend angeblich widersetzt. Wie es hei\u00dft, soll die Wahl von Jeremy Corbyn im Jahr 2015 die Wiedergeburt der Labour Party eingel\u00e4utet haben.<\/p>\n<p>So stellen es jedenfalls die pseudolinken Gruppen in Gro\u00dfbritannien dar. Sie bezeichnen Corbyns Sieg als einen Schritt zur Neugr\u00fcndung von Labour als \u201edemokratische, sozialistische Anti-Austerit\u00e4tspartei\u201c.<\/p>\n<p>Die Ereignisse haben diese Behauptungen bereits widerlegt.<\/p>\n<p>Unsere Partei hat jeden R\u00fcckzieher dokumentiert, den Corbyn gemacht hat, und womit er sich den Diktaten des rechten Fl\u00fcgels der Labour Party und des Gro\u00dfkapitals unterworfen hat.<\/p>\n<p>Statt gegen den Austerit\u00e4tskurs zu k\u00e4mpfen, wies Corbyn die Labour-Stadtr\u00e4te an, die von den Tories geforderten K\u00fcrzungen umzusetzen. Sein Schatten-Finanzminister John McDonnell verbrachte seine Zeit damit, um die Gunst der City of London zu werben.<\/p>\n<p>Anstatt die Arbeiter gegen Militarismus und Krieg zu mobilisieren, hat Corbyn bei jedem Thema kapituliert. So hat er es den Labour-Abgeordneten freigestellt, wie sie abstimmen wollten, als es um den Krieg in Syrien und im Rahmen der Nato-Aufr\u00fcstung gegen Russland um die Erneuerung des Trident-Atomwaffenprogramms ging.<\/p>\n<p>Bei unserer Einsch\u00e4tzung von Corbyn und Labour st\u00fctzen wir uns auf das reichhaltige Erbe der marxistischen Bewegung und die darauf gr\u00fcndenden Analysen [\u2026]<\/p>\n<p>Lenin bezeichnete den Reformismus als \u201eb\u00fcrgerlichen Betrug an den Arbeitern\u201c und als eine Krankheit.<\/p>\n<p>Als sich die Sozialdemokraten im Ersten Weltkrieg hinter ihre eigenen herrschenden Klassen stellten, schrieb Lenin \u00fcber diesen monstr\u00f6sen Sieg des Opportunismus. Er bezeichnete die Opportunisten als \u201ejenen Teil der Kleinbourgeoisie und gewisser Schichten der Arbeiterklasse (\u2026) der mittels der imperialistischen Extraprofite bestochen wird und in Kettenhunde des Kapitalismus, in Verderber der Arbeiterbewegung verwandelt worden ist\u201c.<\/p>\n<p>Lenin erkl\u00e4rte, \u201eohne entschiedenen, schonungslosen Kampf auf der ganzen Linie gegen diese Parteien\u201c k\u00f6nne \u201eweder von einem Kampf gegen den Imperialismus noch von Marxismus, noch von einer sozialistischen Arbeiterbewegung die Rede sein\u201c.<\/p>\n<p>Trotzki schrieb \u00fcber die \u201eLinken\u201c in der britischen Labour Party: \u201eMan muss, koste es, was es wolle, den Arbeitern diese selbstzufriedenen Pedanten, diese schwatzenden Eklektiker, sentimentalen Karrieremacher, diese Lakaien der Bourgeoisie, die sich sogar in Livree geworfen haben, zeigen. Zeigt man sie, wie sie sind, so hei\u00dft das, sie rettungslos diskreditieren; sie diskreditieren hei\u00dft, dem historischen Fortschritt den gr\u00f6\u00dften Dienst erweisen.\u201c<\/p>\n<p>Gruppen wie die Socialist Party oder die Socialist Workers Party \u00fcbergehen stillschweigend die Erfahrungen mit der Labour Party und \u00e4hnlichen Parteien aus \u00fcber einem Jahrhundert.<\/p>\n<p>Jahrzehntelang haben weit linkere Figuren als Corbyn Fraktionen oder Parteien angef\u00fchrt, denen Millionen Menschen vertrauten, und sie setzten auch tats\u00e4chlich Ma\u00dfnahmen um, von denen die Arbeiterklasse deutlich profitierte, zum Beispiel die Gr\u00fcndung des britischen National Health Service. Allerdings scheiterten auch damals alle Versuche, sie in sozialistischem Sinne umzugestalten.<\/p>\n<p>Doch diese Zeiten sind lange vorbei.<\/p>\n<p>Die Ursache f\u00fcr die Rechtsentwicklung der Sozialdemokraten liegt nicht in ein paar schlechten Parteivorsitzenden. Wie soll das den universellen Charakter dieses Prozesses erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Es war eine notwendige Reaktion der prokapitalistischen Parteien und Politiker auf die tiefgreifenden \u00c4nderungen, die aus der globalisierten Produktion, dem Zusammenspiel von Finanzwirtschaft und Industrie und der Herrschaft transnationaler Konzerne \u00fcber die ganze Welt resultierten.<\/p>\n<p>Jedes reformistische Programm, im Rahmen des Nationalstaates mittels Klassenkollaboration soziale Zugest\u00e4ndnisse zu erreichen, war damit zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p>Um auf den globalisierten M\u00e4rkten bestehen zu k\u00f6nnen, verlangt die herrschende Klasse von den Sozialdemokraten und den Gewerkschaften, dass sie brutale K\u00fcrzungen akzeptieren und Streiks unterdr\u00fccken \u2013 und genau das tun sie seit Jahrzehnten.<\/p>\n<p>Dabei hat sich ihre Beziehung zur Arbeiterklasse grundlegend ver\u00e4ndert, und sie sind heute zu direkten Dienern der Finanzoligarchie geworden.<\/p>\n<p>Die pseudolinken Gruppen behaupten, das alles w\u00e4re jetzt anders, weil Labour von einem netten Mann mit progressiven Absichten angef\u00fchrt wird. Doch ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr Corbyn erkl\u00e4rt sich nicht aus solchen dummen Fehleinsch\u00e4tzungen, sondern aus politischen Erw\u00e4gungen, deren Ursprung in klaren sozialen Interessen liegen.<\/p>\n<p>Sie repr\u00e4sentieren eine kleinb\u00fcrgerliche Schicht, die die Revolution als Gefahr f\u00fcr ihre betr\u00e4chtlichen Privilegien betrachtet. Viele von ihnen sind Berater der Labour-B\u00fcrokratie oder f\u00fchrende Funktion\u00e4re im Gewerkschaftsapparat.<\/p>\n<p>Fast 150 Jahre, nachdem Marx \u00fcber die Pariser Kommune schrieb, wollen diese pseudolinken Gruppen nicht den Staat \u201ein Besitz nehmen\u201c sondern von Jeremy Corbyn, um auf dessen R\u00fccken an die Schalthebel der Macht zu gelangen.<\/p>\n<p>Das ist auch die Politik ihrer Gesinnungsgenossen von Syriza in Griechenland, des Linksblocks in Portugal, der Linkspartei in Deutschland und von Podemos in Spanien.<\/p>\n<p>Sollte Corbyn an die Macht kommen, so w\u00fcrde er das Gleiche tun wie Syriza. Er w\u00fcrde gegen sein politisches Mandat versto\u00dfen und den Austerit\u00e4ts- und Kriegskurs fortsetzen, den die tiefe Krise des britischen und des Weltimperialismus erfordert.<\/p>\n<p>Die Perspektive der [\u2026] Weiterf\u00fchrung der revolution\u00e4r-marxistischen Tradition basiert nicht auf kurzlebigen Illusionen in Figuren wie Corbyn, Alexis Tsipras oder Pablo Iglesias, sondern auf der Realit\u00e4t der bestehenden sozialen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Eine R\u00fcckkehr zur reformistischen Vergangenheit der Labour Party ist unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit der eskalierenden Klassenk\u00e4mpfe, nicht des Klassenkompromisses, einer Zeit von Blut und Eisen. Sie kann nur durch die sozialistische Weltrevolution \u00fcberwunden werden. An seinem 200. Geburtstag geh\u00f6rt die Zukunft Karl Marx und der gro\u00dfen revolution\u00e4ren Tradition, die Lenin und Trotzki verteidigt haben [\u2026].<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/05\/22\/cmmd-m22.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Mai 2018 mit einigen kleinen \u00c4nderungen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chris Marsden. Als Marx die Lehren aus der Pariser Kommune 1871 zog, erteilte er der wesentlichen Pr\u00e4misse des Reformismus eine Absage. 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