{"id":358,"date":"2014-09-20T12:22:06","date_gmt":"2014-09-20T10:22:06","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=358"},"modified":"2015-01-10T12:24:40","modified_gmt":"2015-01-10T10:24:40","slug":"zum-aufstieg-von-rechtsnationalismus-und-neoliberalismus-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=358","title":{"rendered":"Zum Aufstieg von Rechtsnationalismus und Neoliberalismus in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ergebnisse der Volksbefragungen vom 28. November 2010 widerspiegeln die politische Realit\u00e4t in der Schweiz recht gut. Sie sind das Resultat einer \u00fcber 70-j\u00e4hrigen Klassenkollaboration der F\u00fchrungen der SPS und der\u00a0 Gewerkschaften. Diese hat sich<!--more--> ab den 90er Jahren vertieft und die politische Durchsetzung des Neoliberalismus erst erm\u00f6glicht. Was ist los in der Schweiz? Was sind die Aufgaben einer Linken, die eine Alternative \u00a0aufbauen will?<\/strong><\/p>\n<p>WILLI EBERLE<\/p>\n<p>Am 28. November wurde in der Schweiz \u00fcber zwei nationale\u00a0 Volksinitiativen abgestimmt: Erstens \u00fcber die von der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) lancierte\u00a0 \u00ab Initiative f\u00fcr die Ausschaffung krimineller Ausl\u00e4nder\u00bb. Diese sogenannte Ausschaffungsinitiative \u00a0wurde von 52.9 % der Stimmenden angenommen. Der damit inhaltlich in etwa identische Gegenvorschlag der Regierung und des Parlamentes wurde verworfen.\u00a0 Zweitens wurde die von der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) lancierte \u00abSteuergerechtigkeitsinitiative\u00bb mit 58.5 % der Stimmen abgelehnt. Zu bemerken ist, dass die ausl\u00e4ndische Wohnbev\u00f6lkerung von ca. 2 Mio (etwa \u00bc der Wohnbev\u00f6lkerung) Personen nicht stimmberechtigt ist.<\/p>\n<p>Die Ausschaffungsinitiative und der Gegenentwurf sahen gleich eine doppelte Bestrafung f\u00fcr straff\u00e4llige Ausl\u00e4nderInnen vor, was eine schwere Verletzung selbst der b\u00fcrgerlichen Grundwerte darstellt, wie sie seit \u00fcber 150 Jahren auch in der Verfassung der Schweiz als Gleichheit vor dem Gesetz festgehalten wird. Pikant an dieser Abstimmung ist, dass der Gegenentwurf nur dank der Unterst\u00fctzung der SPS \u00fcberhaupt zur Abstimmung gekommen ist und so verunm\u00f6glicht hat, eine Gegenposition zur Ausschaffungsinitiative aufzubauen. Die Justizministerin, die nun mit der Umsetzung dieses Beschlusses beauftragt ist, ist Mitglied der SPS. Sie setzt nach eigener Aussage \u00aballes daran, diese Initiative nun effizient umzusetzen\u00bb (NZZ, 29. November 2010).<\/p>\n<p>Die Steuergerechtigkeitsinitiative wandte sich gegen die seit den 90er Jahren verst\u00e4rkte Politik des sogenannten Steuerwettbewerbs, womit durch \u00c4nderungen des Steuersystems die Reichen zur Wohnsitznahme in einzelnen Gemeinden und Kantonen umworben werden.<\/p>\n<p><b>1. Die Schweiz \u2013 Mehr denn je ein Paradies f\u00fcr KapitalistInnen<\/b><\/p>\n<p>0.1 Promille der Weltbev\u00f6lkerung leben in der Schweiz, gleichzeitig versammelt die Schweiz 1.1 % der weltweiten Privatverm\u00f6gen. Von den etwa tausend Milliard\u00e4rInnen auf der Welt leben 10 % in der Schweiz. Die Schweiz ist das Land mit der h\u00f6chsten Dichte an Firmensitzen von multinationalen Konzernen und entsprechend vielen SpitzenmanagerInnen. Die Schweiz ist der gr\u00f6sste Offshore-Finanzplatz der Welt. Sie steht, nach Namibia und Simbabwe, an dritter Stelle der weltweiten Ungleichheitsskala.<\/p>\n<p>Die Schweiz kennt keinen nennenswerten K\u00fcndigungsschutz. Sie rangiert bei der Streikdichte weit hinter anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es allenfalls noch einen grossr\u00e4umigen Arbeitskonflikt: 2001\/2002 bei der Erk\u00e4mpfung einer Senkung des Rentenalters im Baugewerbe. Nur f\u00fcr ein knappes Viertel der Lohnabh\u00e4ngigen gilt ein Gesamtarbeitsvertrag, in dem \u00fcberhaupt minimale Bedingungen bez\u00fcglich der L\u00f6hne festgeschrieben sind.<\/p>\n<p>Die Schweiz rangiert denn auch in der Rangliste der L\u00e4nder mit den besten Rahmenbedingungen f\u00fcr InvestorInnen seit Jahrzehnten immer unter den ersten zehn Spitzenpl\u00e4tzen, oft auf Platz eins. Wichtig sind dabei politische Stabilit\u00e4t, sehr tiefe Streikquote, stabile W\u00e4hrung, g\u00fcnstige Steuerbedingungen f\u00fcr Unternehmen, ein flexibler Arbeitsmarkt u.s.w. Die industrielle Produktion ist seit der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts mit \u00fcber 50 % stark auf den Export ausgerichtet und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, dem Beginn des Zeitalters des Imperialismus, ein weltweit f\u00fchrender Finanzplatz.<\/p>\n<p>Seit der Zeit des Ersten Weltkrieges hat die Schweizer Bourgeoisie, mit vollem Einverst\u00e4ndnis der F\u00fchrungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, ein ausgefeiltes, klassenabh\u00e4ngiges Rechtssystem f\u00fcr die Immigration entwickelt. Erstens f\u00fcr die reichen Ausl\u00e4nderInnen und die ausl\u00e4ndischen Spitzenmanager, die dank ihrer grossen Verm\u00f6gen von der Arbeit der Anderen leben k\u00f6nnen. Sie werden mit Sonderbewilligungen und Steuerprivilegien gepflegt. Zweitens f\u00fcr die grosse Menge der lohnabh\u00e4ngigen MigrantInnen, deren Zulassung und rechtliche Stellung durch die Bed\u00fcrfnisse des Arbeitsmarktes, d.h. der UnternehmerInnen, diktiert werden. Drittens f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge, die kaum \u00fcber Rechte verf\u00fcgen. Zu ihnen z\u00e4hlen die gegen 200\u2018000 Sans-papiers, die unter \u00e4usserst prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen ihr Leben fristen m\u00fcssen. Der Anteil der lohnabh\u00e4ngigen ImmigrantInnen lag seit den fr\u00fchen 50er Jahren stets \u00fcber 20 %.<\/p>\n<p><em>\u00a0Tabelle: Volkswirtschaftliche Kennwerte: Verteilung von unten nach oben<\/em><\/p>\n<table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>\u00a0<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\"><b>Um 1990<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\"><b>Um 2000<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\"><b>Um 2010<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Verm\u00f6gen der 300 Reichsten<sup>+<\/sup><\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">86 Mrd Fr<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&#8211;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">449 Mrd Fr<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Anteil des reichsten Prozents am Verm\u00f6gen<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&#8211;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">35 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">59 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Anteil der \u00e4msten 90 % am Verm\u00f6gen<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&#8211;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">29 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">17 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Anteil der Lohnabh\u00e4ngigen am Verm\u00f6gen<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">13.4 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">5.7 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">3.8 %<sup>*<\/sup><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Produktivit\u00e4t<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">100<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">125<sup>*<\/sup><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">150<sup>*<\/sup><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Reall\u00f6hne<sup>++<\/sup><\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">100<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">99<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">97<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Arbeitslosigkeit<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&lt; 1 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">2 %<sup>**<\/sup><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">4 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Teilzeitarbeitarbeitsverh\u00e4ltnisse<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&lt; 10 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&#8211;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">25 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">Unbekannt<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&#8211;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">10 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Working poor<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">unbekannt<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">5 %<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&gt; 5 %<sup>*<\/sup><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"272\"><b>Abh\u00e4ngige von Sozialhilfe<\/b><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">110\u2018000<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">&#8211;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"114\">220\u2018000<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><i>Die Werte in dieser Tabelle sind aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und kompiliert worden, vor allem aber aus den Datenbanken des Bundesamtes f\u00fcr Statistik und aus Boschetti.<\/i><\/p>\n<p><i>Die Jahreszahlen der Kolonnen bezeichnen Zeitbereiche von 2 bis 4 Jahren, da das vorliegende Datenmaterial gelegentlich nicht genau auf die bezeichneten Jahre abgestimmt ist. Es geht in dieser Tabelle in erster Linie um das Aufzeigen von Gr\u00f6ssenordnungen und Trends, so dass diese allf\u00e4lligen Ungenauigkeiten an den Aussagen nichts \u00e4ndern.<\/i><\/p>\n<p><i><sup>*<\/sup><\/i><i>Diese Werte sind aufgrund von vorliegenden Daten interpoliert bzw. gesch\u00e4tzt.<\/i><\/p>\n<p><b><i><sup>++<\/sup><\/i><\/b><i> <\/i><i>Die offiziell ausgewiesenen Reall\u00f6hne m\u00fcssen noch um die Effekte der 1995 eingef\u00fchrten Mehrwertsteuer (-2%) und vor allem der Kopfpr\u00e4mien bei den Krankenkassen (&lt;- 4%) \u00a0korrigiert werden.<\/i><\/p>\n<p><i><sup>+<\/sup><\/i><i> Siehe U. M\u00e4der et \u00e0l<\/i><\/p>\n<p><i><sup>**<\/sup> <\/i><i>In der Krise der 90er Jahre liegt der Wert w\u00e4hrend etwa 6 Jahren \u00fcber 4%.<\/i><\/p>\n<p><b>2. Die politische Wende der 90er Jahre<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der tiefen Krise von 1974\/76 wurde der Abbau von ca. 10 % der Arbeitspl\u00e4tze vor allem durch die Ausweisung von ca. 270\u2018000 lohnabh\u00e4ngigen Ausl\u00e4nderInnen samt ihren Familien bew\u00e4ltigt. Dieser Weg war in der Krise der 80er Jahre und vor allem zu Beginn der 90er Jahre verschlossen. Denn die betroffene ausl\u00e4ndische lohnabh\u00e4ngige Bev\u00f6lkerung lebte zur grossen Mehrheit mit einer Niederlassungsbewilligung, so dass deren Ausweisung bei Arbeitslosigkeit nicht mehr m\u00f6glich war. Die Krise der fr\u00fchen 90er Jahre erzeugte somit schnell eine bislang nicht gekannte Zahl von Arbeitslosen und eine hohe staatliche Verschuldung. Vor allem drohte die Schweizer Wirtschaft ihre traditionell starke Position im sich versch\u00e4rfenden internationalen Konkurrenzkampf zu verlieren.<\/p>\n<p>Die Vorgaben f\u00fcr eine klare neoliberale Wende wurden ab 1991 in verschiedenen programmatischen Schriften \u2013 sogenannten Weissb\u00fcchern &#8211; von f\u00fchrenden Wirtschaftsverb\u00e4nden, b\u00fcrgerlichen PolitikerInnen und \u00d6konomInnen unmissverst\u00e4ndlich formuliert: Abbau des Sozialstaates, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Steuererleichterungen f\u00fcr UnternehmerInnen und InvestorInnen, Privatisierung des \u00f6ffentlichen Sektors, Marktliberalisierungen.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen hatten bereits \u2013 gegen starken inneren Widerstand &#8211; w\u00e4hrend der Krise der 70er Jahre den Unternehmern ihre Unterst\u00fctzung bei der Restrukturierung der Schweizer Industrie zugesichert. Dies f\u00fchrte zu einer radikalen Restrukturierung der gesamten Industrie, ohne dass die Gewerkschaftsf\u00fchrungen dagegen Widerstand entwickelt h\u00e4tten. Ferner wurde ein staatliches Abbauprogramm eingeleitet, das vor allem die Lohnabh\u00e4ngigen traf: Einstellungsstopp in den \u00f6ffentlichen Verwaltungen und ein Sparprogramm, wo allein in den Sozialversicherungen bis Anfang der 80er Jahre \u00fcber 5 Mia Fr gek\u00fcrzt wurden.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften traten v\u00f6llig unvorbereitet in die neue Phase des Kapitalismus, die ab der Mitte der 70er Jahre wirtschaftliche Stagnation, anhaltende \u00dcberakkumulation und die Verst\u00e4rkung der Konkurrenz auf dem Weltmarkt brachte. Ihre fortgef\u00fchrte Zusammenarbeit mit den UnternehmerInnen und ihrem Staat\u00a0 in der Bew\u00e4ltigung der Krise f\u00fchrte gerade in der SPS zu einer sozialliberalen Ausrichtung auf die neuen Mittelschichten. Diese aus den Anfangszeiten der Arbeiterbewegung stammenden Organisationen dadurch nicht in der Lage, im Verlaufe der Krise der 90er Jahre dem marktradikalen Neoliberalismus Widerstand zu leisten.<\/p>\n<p>Und auch die traditionellen b\u00fcrgerlichen Parteien, die FdP und die CVP, die \u00fcber die vergangenen 150 bzw. 120 Jahre die Politik in diesem Lande bestimmt hatten, waren zu Beginn der 90er Jahre geschw\u00e4cht. Einerseits durch Skandale, andererseits konnten sie bei den VerlierInnen der neoliberalen Reformen nicht Fuss fassen. Es brauchte ein neues politisches Element, um den Angriff auf die Arbeits- und Lebensbedingungen politisch in eine neue Phase zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><b>3. Die SVP erntet die Fr\u00fcchte des Sozialliberalismus<\/b><\/p>\n<p>Die SVP ist seit den nationalen Wahlen von 2003 die w\u00e4hlerst\u00e4rkste Partei, w\u00e4hrend die anderen b\u00fcrgerlichen Parteien und insbesondere die SPS in den 80er Jahren und nach 2000 einen unaufhaltsamen Abstieg erfahren haben. Die SPS war seit dem Ende der 1920er Jahre bis 1979 die w\u00e4hlerst\u00e4rkste Partei, w\u00e4hrend die SVP in den Jahrzehnten vor 1990 bei nationalen Wahlen immer um die 10 % schwankte, bevor ihr Aufstieg einsetzte und sie in den letzten nationalen Wahlen von 2007 gegen 30% erreichte. Einflussreiche Unternehmer und Rechtsintellektuelle hatten in den 80er Jahre ihre F\u00fchrung \u00fcbernommen. Sie sammelten immer mehr radikalisierte, neoliberale und rechtsnationale Segmente aus den Mittelschichten, die die traditionelle, aber schrumpfende Klientel dieser Partei aus dem traditionellen Kleingewerbe und der Bauernschaft zu ersetzen begannen. Der W\u00e4hleranteil der SVP unter den einfachen Milieus, dem traditionellen Proletariat, betr\u00e4gt heute \u00fcber 40%, bei einem W\u00e4hlerInnenanteil von gegen 30%. Von den knapp 20 % SPS-W\u00e4hlerInnen geh\u00f6ren nur mehr etwa 12 % dem proletarischen Milieu an.<\/p>\n<p>Das neoliberale Programm bedeutet, nach etwa 35 Jahren des Aufbaus des Sozialstaates, entschlossen an dessen Zerschlagung zu gehen. Dies bedeutet, einen unmittelbaren Angriff auf die Arbeits- und Lebensbedingungen gerade der unteren und mittleren Bev\u00f6lkerungssegmente durchzusetzen. Die SVP, die dieses Programm konsequent vertritt und sich durch eine forcierte nationalistisch-chauvinistische Profilierung eine Massenbasis aufbauen konnte, wird diese Kombination zwar nicht unendlich lange fortsetzen k\u00f6nnen. Sie entwickelte bereits in den 80er Jahren vor allem im Kanton Z\u00fcrich einen Diskurs, der den Abbau durch eine systematische Untergrabung des universalistischen Charakters von Sozialversicherungen und Gesetzen legitimieren soll. Ihr Mandat w\u00fcrde jedoch sofort die Massenbasis verlieren, sobald gegen die neoliberalen Angriffe massenwirksame, kollektive Formen des Widerstandes entwickelt werden k\u00f6nnten. Und gerade dies wird von der Regierungslinken und den F\u00fchrungen der Gewerkschaften seit Jahrzehnten unterlassen<\/p>\n<p>Die SPS und die Gewerkschaften haben im Laufe der vergangenen 20 Jahren eine Reihe von Gelegenheiten vertan, die Krisen des Unternehmerparadieses Schweiz zugunsten der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zu nutzen. Die SPS ist sp\u00e4testens seit 20 Jahren eine sozialliberale Partei. Die Auseinandersetzungen um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg in den 90er Jahren, das Debakel um die Swissair von 2001\/2002, die Durchsetzung der Personenfreiz\u00fcgigkeit im Rahmen der Bilateralen Vertr\u00e4ge mit der EU (2004), die UBS-Rettung von 2008 (dabei wurden unter Umgehung aller demokratischen Regeln etwa 15 % des BIP an Steuergeldern aufgewendet) und der UBS Staatsvertrag mit den USA von 2010 waren Momente, in denen das Machtkartell der Schweiz in eine tiefe Krise geriet. Es waren Momente, in denen zumindest einige wesentliche Zugest\u00e4ndnisse zugunsten der Lohnabh\u00e4ngigen h\u00e4tten abgetrotzt werden k\u00f6nnen. Dazu aber h\u00e4tte die enge Zusammenarbeit mit diesem Machtkartell aufgegeben und eine breite Mobilisierung gegen die Abbauprogramme aufgebaut werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><b>4. Perspektiven jenseits der Klassenzusammenarbeit<\/b><\/p>\n<p>Dass es nicht dazu gekommen ist \u00a0zeigt nur, dass die Strategie der Klassenzusammenarbeit, wie sie von den Gewerkschaften und der SPS in den zwanziger und vor allem in den dreissiger Jahren formuliert und intern durchgesetzt wurde, keine fortschrittliche Rolle mehr spielen kann. Sie hat diese Rolle bereits fr\u00fcher verloren, haben doch Regierungsmitglieder der SPS beim Umbau des Steuersystems, bei der Privatisierung und Liberalisierung des \u00f6ffentlichen Sektors, beim Abbau der Sozialversicherungen vor allem ab den 90er Jahren eine f\u00fchrende Rolle gespielt.<\/p>\n<p>Die auf \u00a0Klassenzusammenarbeit ausgerichteten F\u00fchrungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie sind, zusammen mit den KapitalistInnen und derem Personal in den Regierungen, f\u00fcr die sich vertiefende \u00f6konomische, soziale und \u00f6kologische Krise und den seit 2 Jahrzehnten anhaltenden Rechtsrutsch verantwortlich.<\/p>\n<p>Die aktuellen K\u00e4mpfe in ganz Europa gegen die brutalen Sparvorhaben gehen \u00fcber den jeweiligen Anlass der Proteste hinaus: Die Bev\u00f6lkerung rebelliert zunehmend gegen die Selbstherrlichkeit der Politik und die Unverfrorenheit, mit der sie im Solde des grossen Geldes steht. Und im Unternehmerparadies Schweiz hat die lohnabh\u00e4ngige Mehrheit wenig zu lachen. Die Lohnabh\u00e4ngigen k\u00f6nnen ihre gemeinsamen Interessen nur verteidigen, wenn sie beginnen, die Herrschaft der Kapitalisten gemeinsam herausfordern.<\/p>\n<p>Wir wollen diese Selbstorganisierung von unten f\u00f6rdern. Die Antikapitalistische Linke \/ Gauche anticapitaliste \/ Sinistra anticapitalista ist in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen aktiv und hat \u00a0bei Streiks und bei politischen Kampagnen wie \u00ab2x Nein\u00bb am 28. November eine aktive Rolle gespielt. K\u00e4mpfen wir gemeinsam gegen dieses Ausbeutungssystem, machen wir den Weg frei f\u00fcr eine wirklich demokratische und egalit\u00e4re Gesellschaft.<b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>Referenzen:<\/b><\/p>\n<p>Boschetti, Pietro: La conqu\u00eate du pouvoir. Essai sur la mont\u00e9e de l\u2019UDC. Lausanne, 2007<\/p>\n<p>Bundesamt f\u00fcr Statistik (<a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\">www.bfs.admin.ch<\/a>)<\/p>\n<p>M\u00e4der, Ueli; Aratnam Jey Ganga; Schilliger, Sarah: Wie die Reichen denken und lenken. Z\u00fcrich 2010<\/p>\n<p>Erschienen in <em><a href=\"http:\/\/www.inprekorr.de\/ipk470.htm\">Inprekorr Nr. 1\/2011 (Januar\/Februar 2011)<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ergebnisse der Volksbefragungen vom 28. November 2010 widerspiegeln die politische Realit\u00e4t in der Schweiz recht gut. Sie sind das Resultat einer \u00fcber 70-j\u00e4hrigen Klassenkollaboration der F\u00fchrungen der SPS und der\u00a0 Gewerkschaften. 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